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Theorie und Praxis evangelischer Erwachsenenbildung

Theorie und Praxis evangelischer Erwachsenenbildung    

Ein Beitrag zur Evangelischen Erwachsenenbildung in Österreich im Kontext der Erziehungs- bzw. Bildungswissenschaften und Politischen Bildung im "Jahr der Bildung 2015"/Evangelische Kirche in Österreich    

Günther Dichatschek

Inhaltsverzeichnis dieser Seite
Theorie und Praxis evangelischer Erwachsenenbildung   
Ein Beitrag zur Evangelischen Erwachsenenbildung in Österreich im Kontext der Erziehungs- bzw. Bildungswissenschaften und Politischen Bildung im "Jahr der Bildung 2015"/Evangelische Kirche in Österreich   
Vorbemerkung   
1 Einleitende Bemerkungen   
2 Grundsätzliche Überlegungen zur EEB   
2.1 Evangelische Erwachsenenbildung heute   
2.2 Gesellschaftliche Rahmenbedingungen   
2.3 Ziele und Zielkonflikte   
3 Reflexion   
3.1 Aufgabenstellungen   
3.2 Aus- und Fortbildung   
3.3 Konzeptionelle Orientierungsversuche   
Internethinweise   
IT-Autorenbeiträge   
Literaturverzeichnis   

Vorbemerkung    

Einrichtungen der Evangelischen Erwachsenenbildung/EEB müssen in einer sich ständig ändernden Gesellschaft bestehen können.

  • Dies gilt ebenso für die Erwachsenenbildung in Betrieben, Verwaltungen, dem Öffentlichen Dienst und anderer sozialen Gruppierungen wie Gewerkschaft, Parteien und Kirchen.
  • Für die Erwachsenenbildung liegt in der Unterstützung von Institutionen und Organisationen im Profit- und Non-Profit-Bereich ein interessantes und aktuelles Aufgabengebiet.
  • Erforderlich ist jedenfalls ist eine Steigerung des allgemeinen und speziellen pädagogischen Wissens.
Daniel Goeudeverts Aussage, Ausbildung ohne Bildung führt zu Wissen ohne Gewissen, unterstreicht den Wert des Erkenntnisstandes der Erziehungs- bzw. Bildungswissenschaften in diesem Bereich.

Ausgangspunkt der folgenden Überlegungen ist

  • Die Absolvierung des universitären Studiums und der beiden Universitätslehrgänge,
  • das Engagement des Autors in der Erwachsenenpädagogik/Erwachsenenbildung an Salzburger Volkshochschulen und universitärer Lehre mit Hochschuldidaktik,
  • die Absolvierung der Weiterbildungsakademie Österreich/Diplome und
  • die langjährige Mitarbeit im Bildungsmanagement der Evangelischen Erwachsenenbildung/ Bildungskommission der EKiÖ und Evangelischen Bildungswerk in Tirol.
1 Einleitende Bemerkungen    

Erwachsenenbildung/EB stellt Theorie und Praxis vor besondere und auch andere Herausforderungen.

  • Die Beziehung zwischen Lehrenden und Lernenden ist eine Beziehung zwischen Mündigen. Es gibt keine Erziehung, die Klientel sind Teilnehmende.
  • Es geht um Bildung, Qualifikationen und um den Erwerb von Kompetenzen.
  • Die Organisation der EB ist pluralistisch, es geht um das Bestehen am Bildungsmarkt. Den gesetzlichen Rahmen regelt der Staat.
  • In rechtlicher Hinsicht ist Kirche mit ihrem Angebot der EB ein Anbieter unter vielen, es gibt Konkurrenz auf dem Bildungsmarkt.
  • Für die Evangelische Kirche – eine auf Mündigkeit aller Gläubigen aufbauende reformatorische Kirche - ergeben sich zudem drei besondere Aufgabenstellungen.
    • Theologie fordert Mission.
    • Erziehungs- bzw. Bildungswissenschaft fordert Mündigkeit und
    • der Bildungsmarkt fordert Konkurrenz.
In dem interdisziplinären Fachbereich von Theologie, Erziehungswissenschaft und Betriebswirtschaft geht es um

  • die Herausforderung der jeweiligen Situation(Situationsanalyse),
  • die Darstellung veränderter gesellschaftlicher Rahmenbedingungen(Gesellschaftsanalyse) und
  • den sich ändernden Wirtschaftsrahmen(Wirtschaftsanalyse) sowie
  • um Ziele und Zielkonflikte im angesprochenen Verhältnis der drei Fachbereiche(Lernzielanalyse).
Gefordert ist demnach

  • eine theoretische Abklärung der klassischen und modernen Theorien der Organisation und der Veränderungen auf ihre Brauchbarkeit hin,
  • die Besonderheit einer kirchlichen Organisation - man denke etwa an die EEB in Tirol - mit ihren spezifischen Merkmalen und
  • Ergebnisse, die zu pragmatischen Entwicklungsperspektiven führen.
Ein wichtiges Ergebnis ist die Erfahrung, dass EEB in Zukunft höherer Bedeutung beizumessen sein wird. „Vielleicht liegt die Zukunft der Volkskirche unter Bedingungen der Globalisierung, der Transkulturalität, der Transreligiosität und damit zugleich im Zeitalter lebenslangen Lernens und lebenslanger Bildung gerade in neuen öffentlichen Schnittstellen zwischen Kirche und Gesellschaft?“(SCHRÖER 2004, 10).

Mit und in dieser Thematik sind ohne Zweifel äußerst komplexe Fragen gestellt.

2 Grundsätzliche Überlegungen zur EEB    

Die folgenden Überlegungen beziehen sich auf eine jahrzehntelange Tätigkeit als Berufspädagoge an der Universität Wien, mehrjährige Mitarbeit in der Bildungskommission der Synodalausschüsse der Evangelischen Kirche A. und H.B. und einer Mitwirkung in der Leitung bzw. des Vorstandes eines Evangelischen Bildungswerks.

Die angenommene Veränderung der EEB wird in drei Bereichen behandelt.

  • EEB heute
  • Veränderungen gesellschaftlicher Rahmenbedingungen und
  • Ziele und Zielkonflikte EEB
2.1 Evangelische Erwachsenenbildung heute    

EEB ist neben den Volkshochschulen, der EB der Gewerkschaft und des Katholischen Bildungswerks sowie anderer großer Bildungsträger der Sozialpartner – Ländliches Fortbildungsinstitut/LFI, Wirtschaftsförderungsinstitut/WIFI und Berufsförderungsinstitut/bfi – ein Bestandteil des "quartären Bildungssektors".

In Österreich betrifft dies Evangelische Bildungswerke, das Bildungswerk der Evangelischen Frauenarbeit, die Evangelischen Hochschulgemeinden, die Militärseelsorge und Evangelische Akademien. Im Zentrum des Interesses geht es um die Mitwirkung von Kirchen in der öffentlichen Erwachsenenbildung.

Eine Bildung Erwachsener in der Kirche hat lange Tradition. Man denke etwa an

  • das „Erwachsenenkatechumenat“ der frühen Christen zur Vorbereitung auf die Erwachsenentaufe,
  • die alltagsbezogene Bildungsfunktion der Klöster im Mittelalter,
  • die pietistische Bewegung zur Aufhebung der Unterschiede zwischen Laien und theologischer Gelehrsamkeit durch Bildung und
  • die Bemühungen zur „Inneren Mission“ des Proletariats in den Wichernschen Anstalten im 19. Jahrhundert.
In der allgemeinen Volksbildungsbewegung beteiligten sich zwei Strömungen in der Evangelischen Kirche Deutschland/EKD.

  • Der „Kulturprotestantismus“ mit seinen Bemühungen zur Überwindung der Kluft zwischen kirchlichen Positionen und aktueller geistiger Strömungen und
  • die Vertreter des religiösen Sozialismus. Diese waren in den 20er Jahren jene, "[...]die das reformpädagogische Anliegen einer ‚freien’, sich in ‚Arbeitsgemeinschaften’ realisierenden Erwachsenenbildung aufgriffen“(EKD 1997, 31).
Zu den wesentlichen Aufgabenstellungen kirchlicher EB zählten in Deutschland die Gründung christlicher Heim-Volkshochschulen mit gemeinsamem Lernen und Arbeiten und die Verschiedenartigkeit evangelischen Vereinslebens.

Nach dem Zweiten Weltkrieg war die Gründung Evangelischer Akademien als "[...]Orte des theologischen weltoffenen Gesprächs, als Drehscheibe zwischen ‚Kirche und Welt’, als ‚dritter Ort’ ein wesentlicher Beitrag für eine Aktivierung der EEB nach der NS-Zeit“(EKD 1997, 33). Die Bildungsreform der sechziger Jahre und des Trägerpluralismus schuf die Voraussetzung für heutige institutionelle und pädagogische Bemühungen und Angebote.

Der gemeinsame inhaltliche Auftrag zeigt sich in Österreich auf nationaler Ebene in den Institutionen der Evangelischen Bildungswerke und Evangelischen Akademien.

Die Evangelische Kirche in Österreich A. und H.B.(EKiÖ) betrachtet institutionell die EEB aus gesamtkirchlicher Perspektive in Form der "Bildungskommission der Synodalausschüsse der EKiÖ A. und H.B."(vgl. dazu die 50. KUNDMACHUNGEN DES EVANGELISCHEN OBERKIRCHENRATES A. UND H.B., Zl. 2630/97 vom 24. März 1997: Kommission für Bildungsarbeit/Arbeitsauftrag der Bildungskommission). Zudem gibt es die "Arbeitsgemeinschaft Evangelischer Bildungswerke/AEBW" mit Sitz an der Evangelischen Akademie Wien.

Geht man von den Stellungnahmen der Institutionen der EEB aus, ergibt sich ein dreifaches Profil.

  • Kirche nimmt in Form EEB einen Teil ihrer gesamtgesellschaftlichen Bildungsverantwortung wahr, als Träger in öffentlichen Bildungsangeboten.
  • Zum reformatorischen Gedankengut gehört es, den Bezug zur Öffentlichkeit herzustellen, weil eine Stärkung individueller Verantwortungsmöglichkeiten auf politische Erfordernisse zukünftiger gesellschaftlicher Entwicklungen zur Teilnahme an den Erfordernissen des alltäglichen Gesellschaftslebens – bereits bei Luther – einen zentralen Aspekt darstellt(vgl. AHLHEIM 1985, 38: "Gott will’s nicht haben, dass geborene Könige, Fürsten, Herren und Adel sollen allein regieren und Herren sein. Er will auch seine Bettler dabei haben[...].Sein Handwerk ist, aus Bettlern Herren machen, gleich wie er aus nichts alle Dinge macht.").
  • Neben dem öffentlichen Bildungsauftrag ist Lebensweltorientierung wesentlich. „Glaube“ und „Leben“ sind die beiden Zentralbegriffe. Glaubensaussagen – vor allem biblisch fundiert – und Lebensprobleme bzw. Herausforderungen unserer Zeit stehen im Mittelpunkt. Eine Bewegung vom Evangelium zum Leben und Bewegung vom Leben zum Evangelium soll ineinander greifen.
Seit den siebziger Jahren gibt es zwei fundamentale gesellschaftliche Neuerungen gesellschaftlicher Bildungsmitverantwortung,

  • eine weltanschauliche Offenheit und
  • eine Orientierung an der Lebenswelt der Teilnehmenden.
Aspekte beruflicher Bildung wurden in die Bildungspläne aufgenommen(Änderungen am Arbeitsmarkt, Nachfrage an Qualifikationen und dem Weiterbildungsangebot). EEB unter Einbeziehung von Qualifikationslernen und Weiterbildung mit theologischem, politischen und lebensweltorientierten Bildungsaspekten wurde in der Folge gleichwertiges Qualifikations- und Identitätslernen(Berufsbildung > Persönlichkeitsbildung >> Schlüsselqualifikationen; vgl. DICHATSCHEK/PIRRINGER-GROLL 2004, 49-57).

In der theologischen Profilierung der EEB geht man von den Alltagsbedürfnissen der TeilnehmerInnen aus. Im Vordergrund stehen weniger die Vermittlung von Glaubensinhalten oder die Auseinandersetzung mit der Bibel, vielmehr geht es um ethische Orientierung.

Leitbegriff der EEB ist die gesellschaftliche Verständigung.

Nach ANHELM(1988) findet EEB in

  • Gemeinden,
  • Gesellschaft und
  • "neuen Laienbewegungen" statt. NIPKOW(1991) sieht hier eine Veränderung des Verständnisses von EB, sie „[...]vollzieht sich hier in Initiativen und Gruppen und damit in weit weniger durchorganisierter und institutionalisierter Form“(NIPKOW 1991, 76). Dies verlange eine Durchlässigkeit kirchlicher und gesellschaftlicher Bildungsinstitutionen gegenüber einer flexiblen und vernetzten Umwelt.
Demnach benötigt EEB

  • Professionalisierungsprozesse und Weiterbildungsmaßnahmen der MitarbeiterInnen(vgl. EVANGELISCHE ARBEITSSTELLE FERNSTUDIUM FÜR KIRCHLICHE DIENSTE/FERNSTUDIUM EKD „Grundkurs Erwachsenenbildung“ 1998/2001; LENZ 2005, 45-48 und 51-57; SEIVERTH 2002, 475-488; JÜTTING 1992; von Interesse ist in diesem Zusammenhang das Fehlen EEB bei LENZ 2005, 31 und GRUBER-LENZ 2016, 52-53).
  • Profitbildung des Programmangebots und
  • Verbesserung der Ressourcennutzung mit Qualitätssicherung durch Kooperationen in Form von Erfahrungsaustausch, gemeinsamem Marketing und gegenseitiger Beratung in Verwaltung und Programmplanung.
2.2 Gesellschaftliche Rahmenbedingungen    

Zu den zentralen Veränderungen unserer demokratischen Gesellschaft gehört die Transformation der Arbeitsgesellschaft.

  • Die Bedeutung immaterieller Arbeit wächst. Freiwilligkeit/Ehrenamtlichkeit gewinnt an Bedeutung und ist im kirchlichen Bereich, bei aller Schwäche der Organisation und Stärke der Bedeutung und Vielfalt von Kompetenzen, nicht wegzudenken.
  • Die subjektiven Interessen der Arbeitenden gewinnen an Bedeutung.
  • Die Arbeitsverhältnisse werden zunehmend dereguliert, damit die Arbeitskräfte flexibler eingesetzt werden(können).
  • Die klassische Form der Berufstätigkeit löst sich auf, die Bedeutung beruflicher Orientierung i.w.S. nimmt damit ab. SCHMIDT(2000, 59) fasst diese Entwicklung mit der Formel zusammen vom Produkt zum Projekt, von der Erledigung zum Erfolg und vom Schweiß zum Adrenalin.
Die bisherigen Formen von Arbeit – fixer Arbeitsplatz, Arbeitszeitregelungen, Sozialansprüche, Tariflöhne – verändern sich zu anderen Formen – Telearbeit, mobiler Arbeitsplatz, virtuelle Büros – und damit zu einer verschärften Ökonomisierung mit einer Reihe von wirtschaftlichen und sozialen Unsicherheiten.

Es ist davon auszugehen, dass künftige ArbeitnehmerInnen voraussichtlich mehrere Arbeitstätigkeiten in mehreren Berufen auszuüben haben(Berufsausbildung > Startberuf > Folgeberufe >> ggf. Umschulungen bzw. Weiterbildungsmaßnahmen mit geänderten Arbeits- und Berufsbedingungen). Arbeitsunterbrechungen – bei Frauen im hohen Ausmaß bereits lange schon eine gesellschaftliche Realität – werden keine Ausnahmen sein.

Dies hat auf Bildungseinrichtungen Konsequenzen.

  • Zunächst wird ihre Rolle aufgewertet, weil Bildungsmaßnahmen künftig verstärkt notwendig sein werden(„lebensbegleitendes Lernen“/EU - Lissabon 2001). Dieses Lernen soll, so die EU-Forderung, für unterschiedliche Arbeitsmöglichkeiten fit halten, also in verlängerter erwerbsarbeitszeitfreier Zeit auf neue Beschäftigungsfelder vorbereiten.
  • Bildung wird als Dienstleistung auf einem "Bildungsmarkt" verstanden. Ökonomische, inhaltliche und methodische Konkurrenz ist vorhanden.
  • Gefragt und gefordert ist – durch Pluralisierung der Arbeitsformen und Berufsbilder, Individualisierung von Arbeitsbedingungen und geringe Halbwertzeiten berufsspezifischen Wissens – eine berufliche Grundbildung(vgl. den IT-Autorenbeitrag http://www.netzwerkgegengewalt.org > Index: Ökonomische Grundbildung in der Erwachsenenbildung, Vorberufliche Bildung in Österreich).
  • Bildungseinrichtungen verändern sich durch neue Arbeitsmodelle, flexible Arbeits- und Lernformen.
Für die Kirche bedeutet dies

  • einen Rückgang im Kirchenbeitragsaufkommen,
  • veränderte Wünsche ihrer Mitglieder bei Leistungen und Angeboten der Kirche,
  • unverbindlichere Formen in der Mitarbeit von Freiwilligen/"Ehrenamtlichen" und
  • einen hohen Säkularisierungsgrad > vom kirchlichen Duopol(protestantisch – katholisch) zu multireligiöser Landschaft. Insgesamt wandert die Religiosität der Bevölkerung aus den Kirchen ab. Sie führt ein „vagabundierendes Eigenleben“(HUBER 1998; vgl. SCHRÖER 2004, 24).
In einer multikonfessionellen und multireligiösen Situation hat sich Kirche in ihrer missionarischen Aufgabe/Bedeutung neu zu positionieren. Nicht zu vergessen sind mögliche Organisationsprobleme/-krisen – besonders in der Diaspora - und unterschätzte Anpassungsnotwendigkeiten an die Situation der EU(vgl. HUBER 1998, 223).

Das Organisationsprinzip der Kirche ist ein flächendeckendes, das in der parochialen Gemeindeorganisation ihren Ausdruck findet. Zusätzlich gibt es funktionale Einrichtungen und Dienste/Werke. Die Kirchenleitung verbindet Elemente personaler geistlicher Leitung, behördlicher Zuständigkeiten und synodaler Repräsentation. Flächendeckende Versorgung ist schwer finanzierbar, die Parochien sehen sich großer Herausforderungen gegenüber(man denke an die vermehrte Gründung von Gemeindeverbänden). Reformbedarf wird zunehmend beim Verhältnis von gemeindlichen und übergemeindlichen Aufgaben festgestellt. Erschwerend ist der hohe bürokratische Aufwand von betroffenen Gremien, der Entscheidungsprozesse verlangsamt.

Für kirchliche Bildungseinrichtungen gilt verstärkte Aufmerksamkeit auf ökonomische Notwendigkeiten.

  • Einsetzung der vorhandenen Mittel,
  • geringer Personalstand mit Freiwilligen in Führungs- und Gemeindearbeit,
  • moderne Personalentwicklung und
  • zeitgemäße Antworten auf eine Orientierungskrise als "kulturelle Diakonie“(vgl. HUBER 1998, 295).
Neben diesen Kennzeichen und Notwendigkeiten stellt sich das Problem der Qualitätssicherung. Anzustreben ist im Hinblick auf die Unterschiedlichkeit der Anbieter in der EB eine Zertifizierungsmöglichkeit.

Problembedarf besteht in

  • den Kompetenzanforderungen,
  • den Tätigkeitsprofilen der EB,
  • den verschiedenen Beschäftigungsverhältnissen und
  • unklaren Qualifikationsvoraussetzungen beim Personal.
2.3 Ziele und Zielkonflikte    

Aus dem historisch-gesellschaftlich-theologischen Zusammenhang ergibt sich eine besondere Begründung für EEB. Haben Schulen eine selbstverständliche gesellschaftliche Legitimation, ist in der EEB die Zielsetzung theologisch und pädagogisch. Betriebwirtschaftliche Überlegungen spielen seit der zunehmenden Ökonomisierung in den neunziger Jahren eine Rolle.

Der Jubiläumsband zum vierzigjährigen Bestehen der „Deutschen Evangelischen Arbeitsgemeinschaft für Erwachsenenbildung“ spricht daher auch Aspekte wie Professionalisierungsstrategien, Organisationsentwicklung und Bildungsmarketing an (SEIVERTH 2002, 11-20). Nicht zu übersehen ist die Aufgabe EEB in der Politischen Bildung(vgl. SEIVERTH 2002, 389-474; BEER-CREMER-MASSING 1999; vgl. den IT-Autorenbeitrag http://www.netzwerkgegengewalt.org > Index: Lehrgang Politische Bildung in der Erwachsenenbildung).

Theologische Ziele gehören zum Selbstverständnis EEB. Die Theorie der EEB wird als "[...]innerhalb der Praktischen Theologie(als einen)Teil einer übergreifenden Theorie kirchlicher Bildungsverantwortung, die die Handlungsfelder in Kirche und Gesellschaft umfasst, sich nach leitenden theologischen und pädagogischen Kriterien kohärent und einheitlich unbeschadet innerer Differenzierung begründet, Glaubensinterpretationen und Bildungskriterien grundsätzlich aufeinander bezieht und als wissenschaftliche Theorie hermeneutisch-kritisch einer immer schon theoretischen Praxis aufklärend und handlungsorientiert[...]" beschrieben(NIPKOW 1991, 80).

Entsprechend unterscheidet sich EEB von anderen kirchlichen Praxisformen wie der Wortverkündigung, Seelsorge, Mission und Liturgie.

Trotz der Weite des inhaltlichen Angebots und ihrer Breite – Individuum, Gesellschaft und Kirche – gibt es einen Kernauftrag: EEB ist theologische EB. Basis ist die theologisch orientierte christliche Elementarbildung, die bei zunehmender Entkirchlichung der Bevölkerung und einem mitunter unklaren protestantischen Glaubensverständnis eine dringende Notwendigkeit geworden ist.

Somit sind Konzepte für neue Zugangsmöglichkeiten notwendig geworden. Zunehmend gibt es differenzierte Erwartungen an Religion und Kirche. Jedenfalls nimmt der „traditionelle Kirchenchrist“ ab. Hier wird anzusetzen sein. Unterschieden wird bei den Kirchenmitglieder in „Humanisten“(Pflege des kulturellen Erbes), „Alltagschristen“(Übereinstimmung von Wort und Tat), „Anspruchsvollen“(Individualität der Glaubensvorstellung und Gottesbildes) und „Jugendlichen“(Lust und Spontaneität – Distanz und Kritik).

Drei pragmatische Konsequenzen sind zu ziehen(vgl. SCHRÖER 2004, 39).

  • EEB versteht sich als Zugang für Kirchendistanzierte. Bildung findet außerhalb tradierter Formen der Arbeit der Kerngemeinde statt.
  • Andere Methoden und Konzepte bilden eine Herausforderung.
  • Theologische Themen sind dem Lernmilieu der Teilnehmenden entsprechend aufzuarbeiten.
3 Reflexion    

Vergleicht man Institutionen der EEB, erkennt man die Veränderungen der Organisation durch kirchlich-theologische, pädagogische und betriebswirtschaftliche Perspektiven.

3.1 Aufgabenstellungen    

Planung, Effektivität, inhaltliche Profilierung, öffentlicher Bildungsauftrag, orientierende Funktion der Angebote und eine vermittelnde Funktion an der Nahtstelle Kirche-Gesellschaft sind wesentliche Aufgabenstellungen.

Die Gestaltung des Lernunterstützungssystems, die Professionalisierung der Mitarbeitenden und die Weiterentwicklung der Organisation sind weitere Aufgaben, wobei die aktuelle Ökonomisierung hemmend auf innovative Bemühungen in EEB wirkt.

Der interdisziplinäre Ansatz geht von einer bildungswissenschaftlichen Perspektive aus. Dies zeigt sich darin, dass Lern- und Bildungsprozesse die Einzelbiographie betreffen, weshalb Erwachsenenbildung gefordert ist.

EEB betrifft die vier Gesellschaftsbereiche Kirche, Bildungswesen, Bildungsmarkt und Öffentlichkeit/Gesellschaft. EEB berücksichtigt alle vier Felder, entsprechend sind die Anforderungen an eine solche EB groß. Im Falle des „Evangelischen Bildungswerks in Tirol“ sind Personalmangel – verbunden mit Freiwilligkeit in der Leitungs- und Mitarbeiterebene - und beschränkte Budgetmittel sowie die langjährige Inaktivität in der EEB eine besondere Herausforderung.

Faktoren eines organisatorischen Wandels in der EEB sind die drei Säulen Personal - Verwaltung - Programm, getragen von Theologie - Planung -Betriebswirtschaft - Erziehungswissenschaft/EB - Raumkonzeption.

Kirche – Bildungsmarkt - Öffentlichkeit/Gesellschaft - Bildungswesen ergeben das Profil der Einrichtung „EEB“.

Für die EEB stellt die Europäisierung und Internationalisierung mit der angestrebten Harmonisierung der Bildungssysteme eine zusätzliche Herausforderung dar(vgl. https://ec.europa.eu/epale/de/resource-centre/content/netzwerk-gegen-gewalt [30.10.2015]).

  • Es geht um die Anerkennung von Bildungsabschlüssen.
  • EU-Bildungsprogramme fordern neue Bildungselemente in Europa ein.
  • Für das EEB gelten solche Europainitiativen besonders. Ebenso gilt dies auch für internationale ökumenische Aktivitäten, können sie doch auf dieser Ebene praktiziert werden und Motivation für weitere Bemühungen ergeben. Damit kann auch EEB die Zukunft von Kirche stärken.
3.2 Aus- und Fortbildung    

Den theorieorientierten Konzeptionen, auf die hier hingewiesen wurde, fehlt derzeit der Zusammenhang zur Aus- und Fortbildung in der EEB.

  • Einmal ist EEB an keiner Universität oder Fachhochschule im deutschsprachigen Raum ein eigenständiger Studiengang oder besitzt ein Fachgebiet einer Professur. Es darf daher nicht überraschen, dass bislang kaum ein Diskurs über Richtungsentscheidungen, Organisationsentwicklung und Kurskorrekturen geführt wurde(vgl. SCHRÖDER 2012, 503).
  • Die vorhandenen Möglichkeiten einer Aus- und Fortbildung werden zu wenig bis kaum genutzt(vgl. GRUBER-LENZ 2016, 94-97).
    • Weiterbildungsakademie Österreich/wba mit Zertifizierung/Diplomen,
    • Universitätslehrgang Erwachsenenbildung - Weiterbildung/Universität Klagenfurt bzw. Bundesinstitut für Erwachsenenbildung/ Strobl a. WS,
    • Fachstudium Erwachsenenbildung-Weiterbildung an den Universitäten Graz und Klagenfurt,
    • Universitätslehrgänge in Spezialgebieten der Erwachsenenbildung etwa in Politischer Bildung, Interkultureller Kompetenz, Friedenspädagogik, Bildungsmanagement und Organisationsentwicklung; Kursangebote am Bundesinstitut für Erwachsenenbildung/ Strobl a. WS.,
    • Masterlehrgang "Andragogik/Erwachsenenbildung"(PH Vorarlberg),
    • Universitätslehrgänge "Bildungs- und Berufsberatung", "Professional Teaching and Training" und ""eEducation-eLearning & Social Media Learning"(Donau-Universität Krems),
    • Masterlehrgang "Educational Leadership"(Donau-Universität Krems)
    • Universitätslehrgang "Library and Information Studies" an den Universitäten Wien, Graz Innsbruck und Salzburg in Kooperation mit der Österreichischen Nationalbibliothek,
    • Universitätslehrgang "Executive Master in Training and Development"(University of Salzburg Business School).
  • Eine Nutzung der Erkenntnisse der Personalentwicklung erscheint zunehmend notwendig zu sein("social workplace learning"/Beitrag zur Innovation und Wettbewerbsfähigkeit).
3.3 Konzeptionelle Orientierungsversuche    

Konzeptionelle Orientierungsversuche gibt es. Sie auszubauen erscheint sinnvoll und notwendig zu sein.

  • Weniger Orientierung an staatlichen Förderungen, dafür mehr Inhaltselemente EEB(vgl. Option für Benachteiligte, globale Überlebensfragen, religiös-spirituelle Bildung, Glaubenskurse).
  • EEB mit Schwerpunkten aus der Biografie und Lebenswirklichkeit von Erwachsenen(vgl. Stichwort "Projektkirche").
  • Bildung als Lebensbegleitung und Erneuerung(vgl. Unterstützung von kritischen Lebensereignissen, Unterbrechungen von Routinen, Gender).
  • Die institutionelle Zersplitterung angesichts der breit gestreuten Konzepte und Zielgruppen bedarf einer Verschränkung mit anderen Einrichtungen und vermehrter Kooperationsmodelle.

Eine differentielle Erwachsenenbildung unter religionspädagogischer Zielsetzung mit gegenwärtigem Bedarf, Erwachsene in ihrer Bildung zu fördern, ist in ihrer Sozialisationswirkung nicht zu unterschätzen.

Man denke an Themenfelder wie Politische Bildung mit ihrer Breitenwirkung, Interkulturalität/Migration, Friedenspädagogik/Globales Lernen, Medienerziehung/Medienkunde, Vorberufliche Bildung/Berufsorientierung, ökonomische Grundlagen und in der Diasporasituation an Erwachsenenbildung im ländlichen Raum.

Internethinweise    

http://www.ebw-tirol.info

http://www.sichtbar-evangelisch.at

http://www.evang.at/akademie

http://www.wba.or.at

IT-Autorenbeiträge    

Die Beiträge ergänzen den Themenbereich.


http://www.netzwerkgegengewalt.org > Index:

Erwachsenenbildung

Erwachsenenbildung im ländlichen Raum

Lehrgang Politische Bildung in der Erwachsenenbildung

Ökonomische Grundlagen in der Erwachsenenbildung

Lernkulturen der Allgemeinen Erwachsenenbildung

- - -

Interkulturelle Kompetenz

Migration in Österreich, Teil 1 und 2

Globales Lernen

- - -

Vorberufliche Bildung in Österreich

Personalentwicklung

Politische Bildung

Religionspädagogik

Gender

Literaturverzeichnis    

Angeführt sind jene Titel, die für den Beitrag verwendet und/oder direkt zitiert werden.


Anhelm F.-E.(1988): Diskursives und konziliares Lernen. Politische Grenzerfahrungen, Volkskirche und Evangelische Akademien, Frankfurt/M.

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Beuth K.-Lattinger M.(2015): Erwachsenenbildung, in: Schiefermair K.-Krobath Th.(Hrsg.): Leben.Lernen.Glauben. Evangelischer Bildungsbericht 2015, Wien, 114-120

Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur/bm:bwk(Hrsg.)(2004): Bildungsentwicklung in Österreich 2000 - 2003, Wien, 59-61

Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur, Abtl. V/8(2004): OECD-Länderprüfung über Erwachsenenbildung I und II , Wien

Dichatschek G.(2005): Theorie und Praxis evangelischer Erwachsenenbildung, in: AMT und GEMEINDE H. 7/8 2005, 126-130

Dichatschek G.(2012/2013): Ehrenamtlichkeit in der Erwachsenenbildung, in: Amt und Gemeinde, Heft 4, 2012/2013, 688-692

Dichatschek G./Pirringer-Groll D.(2004): Aspekte von Schlüsselqualifikationen – Ein Beitrag zur Wirtschaftskunde, in: GW UNTERRICHT Nr. 93/2004, 49-57

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Der Beitrag wird laufend aktualisiert.


Zum Autor

Lehrbeauftragter am Institut für Bildungswissenschaft der Universität Wien/Berufspädagogik bzw. Aus- und Weiterbildung/Vorberufliche Bildung (1990/1991-2010/2011), Lehrbeauftragter am Institut für Geschichte der Universität Salzburg/Lehramt - Didaktik der Politischen Geschichte(ab 2015/2016)

Mitglied der Bildungskommission der Synodalausschüsse der Evangelischen Kirche A. und H.B. (2000-2012), stv. Vorsitzender des Evangelischen Bildungswerks in Tirol/ EBiT (2004-2009), dzt. Bildungsbeirat im EBiT; Lehrender an den VHSn Zell-See/"Freude an Bildung"-Politische Bildung, Ökonomische Grundlagen(ab 2011), Stadt Salzburg/"Macht der Medien"(2016)und Saalfelden/Politische Bildung(2016)

Absolvent des Instituts für Erziehungswissenschaft/ Universität Innsbruck/Doktorat(1985), des 1. Lehrganges Ökumene der Kardinal König-Akademie Wien/Zertifizierung(2007), des 10. Universitätslehrganges Politische Bildung/ Universität Salzburg-Klagenfurt/Master(2008), des 7. Universitätslehrganges Interkulturelle Kompetenz/ Universität Salzburg/Diplom(2012), der Weiterbildungsakademie Österreich/wba I und II(2010), der Personalentwicklung der Universität Wien/Zertifizierungen(2010)und des 4. Internen Lehrganges für Hochschulentwicklung/ Universität Salzburg/Zertifizierung(2016)


MAIL dichatschek (AT) kitz.net

 
© die jeweiligen Autoren zuletzt geändert am 16. Juli 2017