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Jugendliche

Jugendbildung    

Aspekte einer Soziokulturellen Theoriediskussion    

Günther Dichatschek

Inhaltsverzeichnis dieser Seite
Jugendbildung   
Aspekte einer Soziokulturellen Theoriediskussion   
Vorbemerkung   
1 Jugendalter   
1.1 Einführung   
1.2 Körperliche Entwicklung   
1.3 Pubertät   
1.4 Körperliche Leistungsfähigkeit   
1.5 Körperliche und psychische Entwicklung   
1.6 Kognitive Entwicklung im Jugendalter   
1.7 Intelligenzentwicklung im Jugendalter   
1.8 Schulleistungen   
1.9 Emotionale und soziale Entwicklung   
1.10 Konfliktbewältigung   
1.11 Probleme der Selbstfindung   
1.12 Probleme der Berufswahl   
Literaturhinweise Jugendalter   
2 SINUS - Jugendstudie 2024 – „Wie ticken Jugendliche?“   
2.1 Einführung   
2.2 Regrounding   
2.3 Diversität   
2.4 Diskriminierung   
2.5 Distanz zu politischen Themen   
2.6 Fake News und Social Media - Konsum   
2.7 Sport und Bewegung   
2.8 Folgerungen - Zusammenfassung   
Literaturhinweis Jugendstudie   
3 Junge MigrantenInnen in Österreich   
Einleitung   
1 Migration   
2 Probleme und Chancen jugendlicher Migranten bei der Lehrstellenwahl   
3 Probleme junger Migranten/ innen in Ausbildungsbetrieben   
4 Interviews an Wiener Berufsschulen   
5 Beratung als Chance für jugendliche Migranten/ innen   
6 Folgerungen und Ausblick   
Literaturhinweise Migranten/ innen Lehrstellenwahl   
Zum Autor   

Vorbemerkung    

Die Studie ist begründet im persönlichen Interesse, Basiskenntnisse in dem breiten Themenfeld der Erziehungs- bzw. Bildungswissenschaft anzusprechen und zu erweitern.

Jedem Studierenden ist es gegenwärtig, dass nach Beendigung der Ausbildungsphase im Zuge beruflicher Routine und möglicher Spezialisierung die Vergesslichkeitsrate steigt und Kenntnisse in der Fortbildung aufgefrischt gehören. Für eine Phase der Weiterbildung sollen sie einsetzbar und ausbaufähig sein.

Ausgegangen wird von der Trias

  • Ausbildung/ AB begründet Basiskenntnisse (Jugendalter),
  • Fortbildung/ FB aktualisiert den Kenntnisstand (SINUS - Jugendstudie) und
  • Weiterbildung/ WB erweitert und spezialisiert das Wissen (Junge Migranten/ innen in Österreich) .
In der Handlungsorientierung ergeben sich die Phasen des Berufseinstiegs/ AB, einer Erweiterung des Berufsfeldes/ FB und letztlich der Höherqualifizierung und Spezialisierung/ WB.

Die Studie folgt diesem Schema, Teil 1 geht von Basiskenntnissen aus. Teil 2 aktualisiert den Kenntnisstand, Teil 3 erweitert und spezialisiert die Thematik.

1 Jugendalter    

1.1 Einführung    

Das Jugendalter beginnt ungefähr mit zwölf Jahren und endet ungefähr mit 17 Jahren. Die Altersgrenzen sind keineswegs genau. Sie dienen einer allgemeinen Orientierung, gesetzlich ist man mit 16 wahlberechtigt in Österreich (vgl. im Folgenden WEISS 1978, 94 - 120).

Wie beim Übergang von der Kindheit in eine ältere Entwicklungsstufe wird ein Einschnitt angenommen. Untersuchungen nehmen an, dass die Entwicklung allmählich verläuft.

1.2 Körperliche Entwicklung    

Um 11 bis 12 Jahre beschleunigt sich das Wachstum. Große interindividuelle Streuungen ergeben unzuverlässige Angaben. Ein "puberaler Wachstumsschub" bezieht sich auf alle Teiles des Körpers, besonders bei den Gliedmaßen. Es kann vorübergehend zu ungeschickten Bewegungen kommen.

1.3 Pubertät    

In einer bestimmten Abfolge entwickeln sich die primären und sekundären Geschlechtsmerkmale, wobei die Mädchen einen Vorsprung von rund zwei Jahren aufweisen. Es handelt sich um eine Entwicklung, die durch Umwelt und Erziehung wenig beeinflussbar ist.

Umwelteinflüsse hängen lediglich mit der Ernährung zusammen. Nachkriegskinder wiesen eine deutliche Verlangsamung der Pubertät auf, die Entwicklungsrückstände wurden aber später bei ausreichender Ernährung aufgeholt. Je kleiner die Familiengröße ist, umso günstiger sind die Entwicklungsbedingungen. Kärntner Untersuchungen zeigten auch Entwicklungsverlangsamungen bei Bergbauernfamilien durch frühe und übermäßige Anstrengungen von körperlicher Arbeit. Die Annahme einer früheren Pubertät in sozialen Unterschichten ist nicht haltbar, vielmehr Jugendliche aus höheren sozialen Schichten haben einen Vorsprung von einigen Monaten (vgl. WEISS 1978, 97).

Die größte Bedeutung für die Pubertät hat die Hypophyse (Hirnanhangdrüse) mit der Steuerung des Wachstums und Anregung der Schilddrüse (Stoffwechsel), der Nebennierenrinde (Wachstumsschub) und den Keimdrüsen (Gestaltung des Körpers).

Um 1900 waren Männer und Frauen erst in der Mitte des dritten Lebensjahrzehnts völlig ausgewachsen. Heute wird die Körpergröße zumeist im Jugendalter erreicht. Für eine Entwicklungsbeschleunigung wird eine multifaktorielle Theorie angenommen. Neben stärkerer Vitaminzufuhr, Reizüberflutung, besserer Babyernährung und hygienischer Verhältnissen ist eine gesteigerte Aktivierung des Hormonsystems anzunehmen (vgl. WEISS 1978, 98).

1.4 Körperliche Leistungsfähigkeit    

Männliche Jugendliche zeigen einen bemerkbaren Zuwachs an Körperkraft, bei Mädchen teilweise ein Absinken. Vermutet werden psychische Faktoren wie der weibliche Geschlechtsstereotyp unserer Gesellschaft, Mädchen haben ein geringes Interesse an körperlicher Leistung. Dagegen vollbringen Frauen in anderen Geschlechtsstereotypen, etwa im Sport und Handwerksberufen, erstaunliche körperliche Leistungen.

1.5 Körperliche und psychische Entwicklung    

Eine wichtige Rolle für das Selbstwertgefühl spielt im Jugendalter die äußere Erscheinung (vgl. WEISS 1978, 99). Für den Körperbau gelten unterschiedliche Geschlechtsstereotype in unserer Gesellschaft (vgl. Kleinwüchsigkeit bei männlichen und überdurchschnittliche Körpergröße bei weiblichen Jugendlichen gelten als Benachteiligung, Fettleibigkeit gilt bei beiden Geschlechtern unzulänglich). Körperliche Merkmale werden vor intellektuellen Fähigkeiten und sozialen Verhaltensweisen genannt.

Entwicklungsverzögerungen sind oft mit geringerem Ansehen verbunden und führen zu einem negativen Selbstkonzept. Allgemein gelten als ungünstige Auswirkungen auf ein Selbstkonzept, wenn sich Jugendliche als Ausnahmen gegenüber Gleichaltrigen sehen.

Gegensätzliche Ansichten gibt es über einen Zusammenhang körperlicher und psychischer Entwicklung. Die ältere Entwicklungspsychologie nimmt an, eine beschleunigte körperliche Entwicklung wirke störend. Neuere Untersuchungen zeigen eine Verbindung, sicher haben weitere Faktoren wie die soziale Schichtzugehörigkeit und die daraus verbundenen Erziehungsstile mit besseren Bedingungen für die psychische Entwicklung (vgl. WEISS 1978, 100-101).

1.6 Kognitive Entwicklung im Jugendalter    

Die Wahrnehmung nähert sich einer Höchstleistung in der Sehschärfe, im Erkennen der Farbunterschiede, der Helligkeit und des Gehörs.

Das Zusammenwirken der gesamten kognitiven Entwicklung entwickelt sich zu abstrakter und weniger anschaulicher Vorstellungen. Die Gedächtnisleistungen für theoretische Probleme steigen. Verbales Lernen gewinnt an Bedeutung. Individuelle Unterschiede nach intellektuellen Fähigkeiten, sozialer Herkunft und Erziehungsstil können groß sein. Sinnvolle Inhalt werden besser behalten. Wesentlich ist die Motivation für die Gedächtnisleistung und ein Lernen (vgl. WEISS 1978, 102).

Zunehmend entwickelt sich ein abstraktes Denken. Es handelt sich um einen Wechselwirkungsprozess aller kognitiven Bereiche wie Wahrnehmungen, Gedächtnis, Denken und Sprache. Die Begriffsbildung erfolgt weitgehend durch Oberbegriffe in einem Entwicklungsprozess, nicht durch anschauliche Grundlage und stufenmäßig (vgl. WEISS 1978, 103).

1.7 Intelligenzentwicklung im Jugendalter    

Die Intelligenzentwicklung nährt sich einem Zusammenwirken von Wahrnehmung und Bewegung (Psychomotorik). Der Leistungsanstieg erfolgt sowohl im Jugendalter, aber geringer am Anfang des Erwachsenenalters. Die Intelligenzstruktur differenziert sich mit fortschreitendem Alter stärker, unterschiedlich angenommen wird der abnehmende Einfluss der allgemeinen Intelligenz (Intelligenzdifferenzierung).

Der Schulbesuch wirkt im Jugendalter nicht mehr ausgleichend durch die Aufgliederung des Schulsystems in der Sekundarstufe, die Unterschiede werden vergrößert.

  • Gerade im sprachlichen Bereich ist die kognitive Entwicklung deutlich. Das abstrakte Denken ermöglicht schwierigere Satzstrukturen, vermehrte Ausdrucksfähigkeit und die Fremdsprachenkenntnisse eine bessere Kenntnis der Muttersprache.
  • Der Zusammenhang mit der Entwicklung im emotionalen Bereich ermöglicht eine Vernetzung mit Gefühlen anderer. Diese Erweiterung ergibt neben einer Vertiefung von Erlebnismöglichkeiten auch Einflüsse auf die sprachliche Entwicklung (vgl. WEISS 1978, 103-104).
1.8 Schulleistungen    

In der "Vorpubertät" lassen die Schulleistungen häufig stark nach. Nachteile für die fortlaufende Schullaufbahn und mögliche vorberufliche Entwicklung können entstehen, wenn Lehrende wenig Verständnis aufbringen und Heranwachsenden es nicht vermögen zu helfen. Eine Erschütterung des Selbstvertrauens sollte unbedingt vermieten werden( vgl. die Bedeutung einer Bildungsberatung). Der Rückgang der Schulleistungen ist auch geschlechterspezifisch (vgl. WEISS 1978, 105; Knaben die "Arbeitshaltung" und Mädchen "Inaktivität").

Lernkrisen sind häufig nur überwindbar, wenn intellektuelle Reserven oder familiäre Unterstützung und Hilfe vorhanden sind.

Denkbar wäre auch, dass die Lernkrisen auch durch eine ungenügend Anpassung der Schule an die veränderten Interessen der Jugendlichen entstehen.

Jugendliche müssen/ sollen die schnelle Veränderung ihrer körperlichen und psychischen Eigenschaften in einer Zeitspanne schaffen, in der auch die soziale Anpassung besonders in schulischen Bildungsbereichen und in der Folge in (vor) beruflichen Qualifizierungen verlangt wird (vgl. HURRELMANN 2012, 99).

1.9 Emotionale und soziale Entwicklung    

Der Übergang zum Erwachsenenstatus im Jugendalter ist durch Rollenunsicherheit und Statusungewissheit gekennzeichnet. In Primitivkulturen gibt es diese beiden Phänomene nicht. Die Lebenserhaltung werden hier in der späten Kindheit erlernt. Die Kinder werden in die Lebenswelt der Erwachsenen auch mit dem Wertesystem einbezogen. Mittels der Initialriten mit der Aufnahme in die Erwachsenenwelt wird die Aufnahme ergänzt und vertieft. Mit der Gründung einer eigenen Familie bestehen keine Probleme einer Ablösung von der Familie. Mit der Zunahme der Kultur wächst der Zeitraum der geschlechtlichen Reife und wirtschaftlichen Selbständigkeit.

Es entsteht eine "Zwischensituation", die durch die Rollen- und Statusungewissheit gekennzeichnet ist, Entwicklungsbeschleunigungen in der späten Kindheit und längere Ausbildungszeiten verzögern den Eintritt in die Erwachsenenwelt (vgl. WEISS 1978, 106; HURRELMANN 2012, 102 - 104).

Über Freundschaftsbeziehungen zwischen Jugendlichen kommt es zur Bildung langjährigen Freundschaftsbeziehungen (Schul- und Studienfreundschaften), auch zu "Cliquen" (kleinere Gruppen) und "Banden" (mehrere Cliquen) mit der Organisation von größeren Veranstaltungen (vgl. NICKEL 1976, 425; WEISS 1978, 106). Die Entwicklung entsteht allgemein in Stadien (vgl. Typenbildung nach US - Verhältnissen).

  • Isolierte Cliquen nach Geschlechtern getrennt,
  • Interaktion zwischen Cliquen und erste Ansätze zur Bandenbildung,
  • Entstehung nach Geschlechtern getrennte Cliquen in Interaktion auf Bandenebene und
  • Desintegration der Bande durch Paarbildungen innerhalb der Gruppen.
Offenbar sind die Pubertätsprobleme soziokulturell bedingt. In unserer Gesellschaft haben die Probleme zugenommen. Faktoren dieser Entwicklung bilden

  • das Streben nach Selbständigkeit,
  • die Ablösung von der Autorität der Eltern und Lehrenden als Problem der Geschlechterrolle,
  • die Partnerwahl und
  • die Berufswahl mit der Verschiebung der berufstätigen Jugendlichen in das berufsbildende Schulwesen durch die Entwicklung nach dem Zweiten Weltkrieg mit dem Ausbau der berufsbildenden Pflichtschulen/ Berufsschulen, Fachschulen und höheren Lehranstalten (vgl. WEISS 1978, 107).
Selbstdarstellungen von Jugendlichen waren eine methodische Hilfe in den Anfängen der Jugendforschung/ -psychologie, allerdings wenig objektiv, zuverlässig und repräsentativ. Lotte SCHENK - DANZINGER (1969, 192-193) dokumentiert nach DIESTERWEG das Leben der Kinder im 19. Jahrhundert.

Der Zweite Weltkrieg hatte das Vertrauen in Ideen, Werte und Normen erschüttert und mit der Nachkriegssituation eine realistische Situation erzwungen. In den sechziger Jahren kam es zur "realistischen Wende". Für beide Situationen gilt für das Jugendalter die Bezeichnung " Die skeptische Generation" 1968 von Helmut SCHELSKY.

Auch wenn dieses Phänomen heute sich gemildert haben sollte, trifft es vermutlich noch zu (vgl. WEISS 1978, 110). Erscheinungen mit einer gewissen Gegenbewegung berühren kaum die Masse wie etwa "Gammler", "Blumenkinder" und politische Gruppierungen an Universitäten. Als Ausnahme gilt aktuell die von Greta Thunberg installierte Klimaprotestbewegung "Friday for Future" unter Jugendlichen. "Wer sind wir? Wir sind Schüler*innen, Lehrlinge, Studierende und (junge) Menschen aus verschiedenen Teilen Österreichs, die nicht mehr zusehen wollen, wie ihre Zukunft verspielt wird. Wir sind eine politische Druckbewegung, die Entscheidungsträger*innen auf allen Ebenen dazu auffordert, das Pariser Klimaabkommen einzuhalten. Wir organisieren uns dezentral in Regionalgruppen, vernetzen uns aber österreichweit und international."

IT - Hinweis

https://fridaysforfuture.at/ (7.7.2024)

1.10 Konfliktbewältigung    

Gruppenbildungen und Leitbilder können als Mittel zur Konfliktbewältigung bei Gleichaltrigen angesehen werden. Jugendliche versuchen neben einem einem engen Anschluss an Gruppen und in einer Nachahmung von Leitbildern Konflikte zu bewältigen. Ein Wechsel von Leitbildern findet mit dem zunehmendem Alter statt. Zunächst sind es Eltern, meistens Sportler bei männlichen Jugendlichen, später folgen Persönlichkeiten aus der Geschichte, Schauspieler/innen bei weiblichen Jugendlichen oder aus der aktuellen Politik Idole (etwa Martin Luther King, Kennedy oder Mahathma Ghandi) (vgl. CALMBACH - FLAIG - GABER - GENSHEIMER - MÖLLER - SLAWINSKI - SCHLEER - WISNIEWSKI 2024, 144 - 147).

Nach Ingrid TURSKY (1972) ergeben sich schichtenspezifische Unterschiede in der Wahl von Leitbildern.

Eine gefährliche Form einer Flucht vor der Realität ist ein Drogenkonsum im Jugendalter (vgl. WEISS 1978, 111). Der Kontakt mit Drogen erfolgt früh, die Jugendlichen kommen aus gespannten Familienverhältnissen, hatten ungünstige Schulverhältnisse und versuchten zur Überwindung eigener Mängel und Auseinandersetzung mit der Umwelt den Konsum.

1.11 Probleme der Selbstfindung    

Als wesentliches Problem von Jugendlichen, von der Umwelt kommend, stellen sich die Fragen Wer bin ich? Wie möchte ich sein? Für wen hält man mich? Selbstfindung bedeutet die kommende Eingliederung in die Erwachsenenwelt mit einer Neuorientierung in fast allen wichtigen Lebensbereichen (vgl. in der Folge WEISS 1978, 112 - 114; HURRELMANN 2012, 99 - 102).

  • Zugleich erfolgt ein kritisches Nachdenken über sich selbst, über die Beziehungen zu anderen Menschen.
  • Die intellektuelle Weiterentwicklung führt zur Selbstreflexion, abhängig vom Intelligenzniveau, der Schulbildung und Sozialschicht.
  • Daraus entsteht eine Lebensplanung. Berufliche Tüchtigkeit und Freizeitgestaltung erreichen einen hohen Wert.
  • Es zeigt sich ein hoher Realitätsbezug, weniger Gefühlsüberschwang und mehr Versachlichung.
Die Ablösung von der Familie bedarf einer Neuordnung des "Generationenverhältnisses". Konflikte ergeben sich, wenn sich Gleichgültigkeit und zu große Selbständigkeit einstellen.

Wesentlich ist der emotionale Bezug zu den Eltern, der Freundeskreis folgt in der Regel mit Abstand und die Geschwister.

1.12 Probleme der Berufswahl    

Die Berufswahl ist bei Jugendlichen in der Statusunsicherheit deswegen von Bedeutung, weil

  • durch wirtschaftliche Unabhängigkeit,
  • Ablösung vom Elternhaus,
  • Gründung einer eigenen Familie,
  • die Aufnahme in die Erwachsenenwelt erfolgt.
Zu beachten sind die einzelnen Abfolgen in der Entwicklung einer Berufsfindung (vgl. SACKMANN 2007, 129 - 137)

  • vorberufliche Bildung als schulische Verbindliche Übung "Berufsorientierung" (Österreich),
  • Berufspraktischer Tag (Österreich)
  • Bildungs- bzw. Berufsberatung,
  • Erkundungen - Praktika,
  • Ausbildung und
  • berufliche Etablierung mit Startberuf.
Literaturhinweise Jugendalter    

Teil 1 - Klassiker

Ausubel D. F. (1968/ 1971): Psychologie des Unterrichts - Das Jugendalter, Weinheim - München

Baacke D. (1976): Die 13- bis 18 - jährigen, München

Bergius R. (1959): Entwicklung in Stufenfolge, in: Handbuch der Psychologie, Bd.3, Göttingen, 104-195

Bühler Ch. (1967): Das Seelenleben des Jugendlichen, Stuttgart

Busemann A.( 1965): Kindheit und Reifezeit, Frankfurt/ M.

Hetzer H. (1970): Kund und Jugendlicher in der Entwicklung, Hannover

Mead M. (1959): Geschlecht und Temperament in primitiven Gesellschaften, Reinbek b. Hamburg

Nickel (1972/ 1975): Entwicklungspsychologie des Kindes- und Jugendalters, Bd. I und II, Bern

Schelsky H. (1968): Die skeptische Generation, Düsseldorf

Schenk - Danzinger L. (1972): Entwicklungspsychologie, Wien

Tursky I.(1972): Zukunftserwartungen fünfzehnjähriger Jugendlicher in Beziehung zu den soziokulturellen Lebensbedingungen, Wien


Teil 2 - Basisliteratur

Brüggemann T. - Rahn S. (Hrsg.) (2013): Berufsorientierung. Ein Lehr- und Arbeitsbuch, Münster - New York - München - Berlin

Busse S. (2010): Bildungsorientierungen Jugendlicher in Familie und Schule. Die Bedeutung der Sekundarschule als Bildungsort, Wiesbaden

Calmbach M./ Flaig B./ Gaber R./ Gensheimer T./ Möller - Slawinski H./ Schleer Chr./ Wisniewski N. (2024): SINUS - Jugendstudie 2024, Lebenswelten von Jugendlichen im Alter von 14 bis 17 Jahren in Deutschland, Bundeszentrale für politische Bildung, Schriftenreihe Bd. 11133, Bonn

Fend H. (2000): Entwicklungspsychologie des Jugendalters, Opladen

Hurrelmann Kl. (2012): Sozialisation, Weinheim - Basel

Hurrelmann Kl. - Quenzel G. (2012): Lebensphase Jugend, Weinheim

Renkl A. (2008): Lehrbuch Pädagogische Psychologie, Bern

Sackmann R. (2007): Lebenslaufanalyse und Biografieforschung. Eine Einführung, Wiesbaden

Shell Deutschland (Hrsg.) (2010): Jugend 2010. Konzeption und Koordination: Albert M. - Hurrelmann Kl. - Quenzel G. - Infratest Sozialforschung, Frankfurt/ M.

Silbereisen R.- Hasselhorn M. (Hrsg.) (2008): Psychologie des Jugendalters, Göttingen

Weiss R. (1978): Grundfragen der Entwicklungspsychologie. Kurzfassung einer Vorlesung, die im Wintersemester 1978/ 1979 an der Universität Innsbruck gehalten wurde, Innsbruck

2 SINUS - Jugendstudie 2024 – „Wie ticken Jugendliche?“    

2.1 Einführung    

Die qualitative Jugendstudie „Wie ticken Jugendliche?“ untersucht alle vier Jahre auf Basis von mehrstündigen Einzelexplorationen die Lebenswelten der 14- bis 17-Jährigen und berichtet über die aktuelle Verfassung der jungen Generation in den unterschiedlichen Lebenswelten.

Die Vielzahl von Krisen und Problemen wie Kriege, Energieknappheit, Inflation oder Klimawandel, die sich mitunter überlagern und verstärken, stimmt die Jugendlichen in ihrem Allgemeinbefinden ernster und besorgter denn je. Die Sorge um Umwelt und Klima, die schon in der Vorgängerstudie 2020 als virulent beschrieben wurde, wächst in der jungen Generation weiter an.

Auch die Verunsicherung durch die schwer einzuschätzende Migrationsdynamik und die dadurch angestoßene Zunahme von Rassismus und Diskriminierung ist unter den Teenagern beträchtlich. Und nicht zuletzt ist für viele Jugendliche der Übergang in das Berufs- und Erwachsenenleben aufgrund der unkalkulierbaren gesellschaftlichen Entwicklungen angstbesetzt.

Die Teenager haben ihren Optimismus und ihre Alltagszufriedenheit dennoch nicht verloren. Wie die aktuelle Studie zeigt, ist der für die junge Generation typische Optimismus noch nicht verloren gegangen. Viele bewahren sich eine (zweck) optimistische Grundhaltung und schauen für sich persönlich positiv in die Zukunft. Viele der befragten Jugendlichen haben „Copingstrategien“ entwickelt und wirken insgesamt resilient.

Fast niemand ist unzufrieden mit dem eigenen Alltag – aber nur wenige sind enthusiastisch. Eine Rolle spielt dabei, dass die Befragten „seit sie denken können“ mit vielfältigen Krisen leben. Entsprechend wird ihr Optimismus nicht eingeschränkt durch die Sehnsucht nach einer Vergangenheit, die es so für sie nie gab. Vielen geht es nach eigener Auskunft gut, weil ihre Grundbedürfnisse gedeckt sind und sie sich sozial gut ein-gebunden fühlen. Die Weltsicht der jungen Generation entspricht keineswegs dem Klischee der verwöhnten Jugend, sondern ist von Realismus und Bodenhaftung geprägt. Das zeigen auch die angestrebten Lebensentwürfe.

2.2 Regrounding    

Die „bürgerliche Normalbiografie“ ist immer noch Leitmotiv vieler Teenager. An der Sehnsucht nach Zugehörigkeit, Halt und Geborgenheit und der hohen Wertschätzung von Familie hat sich nichts geändert. Dieses als „Regrounding“ bekannte Phänomen ist nach wie vor ein starker Trend.

Der Aspekt des Bewahrenden und Nachhaltigen ist für viele Jugendliche sogar noch wichtiger geworden. Auch der Rückgang des einstmals jugendprägenden Hedonismus und der damit einhergehende Bedeutungsverlust jugendsubkultureller Stilisierungen hält an. Das zeigt sich auch im Streben nach der „Normalbiografie“ und in der Renaissance klassischer Tugenden. Was viele wollen, ist einen Platz in der Mitte der Gesellschaft zu finden. Und wovon viele träumen, sind eine glückliche und feste Partnerschaft oder Ehe, Kinder, Haustiere, ein eigenes Haus oder eine Wohnung, ein guter Job und genug Geld für ein sorgenfreies Leben (vgl. CALMBACH/ FLAIG/ GABER/ GENSHEIMER/ MÖLLER - SLAWINSKI/ SCHLEER/ WISNIEWSKI 2024, 42-55, 126).

2.3 Diversität    

Die Akzeptanz von Diversität nimmt zu. Die Jugendlichen sind „aware“, aber nicht „woke“. Im Wertespektrum der jungen Generation sind neben Sicherheit und Geborgenheit (Familie, Freunde, Treue) besonders soziale Werte wie Altruismus und Toleranz stark ausgeprägt.

Auffällig ist, dass zunehmend deutlicher nicht nur die Toleranz in Bezug auf unterschiedliche Kulturen als Selbstverständlichkeit betont wird, sondern auch die Akzeptanz pluralisierter Lebensformen und Rollenbilder. Neu gegenüber den Vorgängerstudien ist, dass die Jugendlichen besonders stark für die Gender - Gerechtigkeit sensibilisiert sind. Die meisten Befragten zeigen sich demonstrativ offen dafür, wenn (vor allem junge) Menschen ihr Geschlecht non - binär definieren. Zudem sind sich die Jugendlichen fortdauernder Geschlechterstereotype und Rollenerwartungen bewusst (vgl. CALMBACH/ FLAIG/ GABER/ GENSHEIMER/ MÖLLER - SLAWINSKI/ SCHLEER/ WISNIEWSKI 2024, 137 - 143, 221).

2.4 Diskriminierung    

Die Sensibilität für Diskriminierung ist groß. Die aktuellen politischen Krisen (wie Krieg oder Inflation) werden von den Jugendlichen registriert, emotional stärker treiben sie allerdings Probleme wie Klimawandel und Diskriminierung um. Gerade Diskriminierung gehört für viele zum Alltag, insbesondere in der Schule. Unabhängig von Schultyp und Herkunft haben die meisten Jugendlichen Diskriminierung schon selbst erlebt oder im unmittelbaren Umfeld beobachtet. Die Institution Schule vermag dem Problem oftmals nicht beizukommen. Die Jugendlichen sind sehr sensibel für strukturelle Ungleichheiten. Sie beobachten und kritisieren offene oder verdeckte Diskriminierung. Demokratische Bildung und Praxis scheint in den Schulen eine untergeordnete Rolle zu spielen. Viele Jugendliche sehen Schule nicht als Ort, wo sie Mitbestimmung lernen und wirklich gehört werden (vgl. CALMBACH/ FLAIG/ GABERR/ GENSHEIMER/ MÖLLER -SLAWINSKI/ SCHLEER/ WISNIEWSKI 2024, 190 - 204) .

Nicht wenige der Befragten sprechen spontan die Ungleichheit der Bildungschancen an: Sie nehmen wahr, dass vor allem die soziale Lage über den Bildungserfolg mitentscheidet und sehen besonders migrantische Familien im Nachteil.

Das politische Interesse und Engagement der Jugendlichen ist limitiert. Die Jugendlichen haben ein Bewusstsein für soziale Ungleichheit, zeigen aber kein gesteigertes Interesse an diesem Thema. Dasselbe trifft auf das Thema Politik generell zu. Eine gestiegene Politisierung der Jugendlichen im Vergleich zur letzten Erhebung 2020 ist nicht festzustellen. Eher hat Politik – trotz der allgegenwärtigen Krisen – einen geringen Stellenwert in ihrem Leben (vgl. CALMBACH/ FLAIG/ GABER/ GENSHEIMER/ MÖLLER - SLAWINSKI/ SCHLEER/ WISNIEWSKI 2024, 155 - 176).

Das Bewusstsein für politische Themen wird vor allem durch deren mediale Präsenz beeinflusst, aber selten fühlt man sich persönlich betroffen (Ausnahme: Klimakrise, Diskriminierung). Krisen aktivieren einen Teil der Jugendlichen, wenn auch nur kurzfristig (z.B. Gespräche mit Vertrauten, Info - Recherchen) und führen kaum zu langfristigem politischem Engagement. Der andere Teil der Jugendlichen tendiert zur Verdrängung, weil er sich kognitiv oder emotional überfordert fühlt.

2.5 Distanz zu politischen Themen    

Hauptgründe für die Distanz zu politischen Themen und Beteiligungsformen sind die gefühlte Einflusslosigkeit und die als gering empfundene persönliche Kompetenz. Die Mehrheit der Jugendlichen befürwortet das Wahlrecht ab 16 Jahren. Einige fühlen sich aber nicht ausreichend dafür vorbereitet. Jugendliche wollen gehört und ernstgenommen werden, aber nicht alle wollen mitgestalten (vgl. CALMBACH/ FLAIG/ GABER/ GENSHEIMER/ MÖLLER - SLAWINSKI/ SCHLEER/ WISNIEWSKI 2024, 190 - 204).

Die Mehrzahl der Jugendlichen, quer durch alle Lebenswelten, möchte mitreden und Gehör finden – ob in der Familie, im (Sport) Verein, in der Jugendgruppe oder der religiösen Gemeinschaft. Was aber Mitbestimmung und Mitgestaltung angeht, sind die Einschätzungen kontrovers und, insbesondere hinsichtlich der angenommenen Erfolgschancen, stark lebensweltlich geprägt. Barriere Nr. 1, an der Mitsprache und Mitgestaltung der jungen Generation oft scheitern, sind „die Erwachsenen“, von denen sich viele Jugendliche nicht ernstgenommen und respektiert fühlen (vgl. CALMBACH/ FLAIG/ GABER/ GENSHEIMER/ MÖLLER - SLAWINSKI/ SCHLEER/ WISNIEWSKI 2024, 273 - 300).

2.6 Fake News und Social Media - Konsum    

Ein Leben ohne Social Media (insbesondere Tik Tok, Instagram und You Tube) ist für die meisten Jugendlichen nur schwer vorstellbar. Soziale Medien werden zum Zeitvertreib, zur Inspiration für Lifestyle - Themen und zum Socializing genutzt – aber auch als Tool, um Themen und Dinge, die Sinn im Leben geben, (besser) kennenzulernen und zu verfolgen ( vgl. CALMBACH/ FLAIG/ GABER/ GENSHEIMER/ MÖLLER - SLAWINSKI/ SCHLEER/ WISNIEWSKI 2024, 177 - 189).

  • Soziale Medien sind für die meisten Teenager die bei weitem wichtigste Informationsquelle. Dies gilt auch für politische Nachrichten, die meist zufällig – sozusagen als „Beifang“ – rezipiert werden. Vorteile der Informationsaufbereitung in den sozialen Medien sind aus Sicht der Jugendlichen ihre Aktualität, ihre gute Verständlichkeit (Prägnanz) und ihr Unterhaltungswert. Dagegen stehen die Nachteile zweifelhafter Glaubwürdigkeit und die verbreiteten Fake News.
  • Die Gefahr, Falschinformationen, Übertreibungen und manipuliertem Content ausgesetzt zu sein oder sich in Filterblasen zu bewegen, ist den befragten Jugendlichen bewusst. Die meisten gehen davon aus, Fake News zu erkennen, vor allem mittels „gesundem Menschenverstand“. Sind Jugendliche mit Fake News konfrontiert, werden diese meist ignoriert. Aktive Recherchen zur Glaubwürdigkeit oder Richtigkeit von Beiträgen, Nachrichten oder Meldungen kommen eher selten vor.
  • Die Auswirkungen des Social Media - Konsums auf das eigene Befinden und die (psychische) Gesundheit sehen viele der befragten Jugendlichen durchaus kritisch. Viele haben das Gefühl, zu viel Zeit in den sozialen Medien zu verbringen, was ihnen - wie sie glauben - nicht guttut, „verplemperte Lebenszeit“, Reizüberflutung, Suchtverhalten und Stress auch durch den Vergleich geschönter Darstellungen im Internet mit der eigenen (körperlichen und sozialen) Realität.
  • Auch wenn vieles in den sozialen Medien nicht hinterfragt bzw. unkritisch konsumiert wird, zeigt sich in der jugendlichen Zielgruppe ein wachsendes Unbehagen. Viele (v.a. bildungsnahe) Jugendliche versuchen inzwischen, ihre Social Media - Nutzung zu begrenzen bzw. aktiv zu steuern, Handy ausschalten, bestimmte Apps löschen, problematische Aspekte mit Nahestehenden besprechen.
Trotz des Informatikunterrichts in der Schule bleibt die Digitalisierung von Schulen uneinheitlich und wird von vielen Jugendlichen als unzureichend empfunden. Jugendliche wünschen sich oft mehr Engagement von Lehrkräften, wenn es um die Integration digitaler Elemente im Unterricht geht. Oftmals haben sie das Gefühl, die Lehrkräfte seien gegenüber digitalen Möglichkeiten nicht genug aufgeschlossen.

2.7 Sport und Bewegung    

Auch Sport und Bewegung dienen Jugendlichen, um dem Alltagsstress entgegenzuwirken und Probleme zu vergessen. Auf die Nachfrage, welche Rolle Sport und Bewegung für das eigene Wohlbefinden spielt, berichten die meisten – unabhängig von Geschlecht, Bildung und Lebenswelt – von einem „guten Gefühl“, das sich sowohl während als auch nach dem Sport einstellt. Zudem steht das Motiv der Vergemeinschaftung im Mittelpunkt, Sport- und Bewegungsstätten sind für Jugendliche wichtige Orte der Begegnung und des Zusammenkommens. Viele beklagen, dass es ihnen an öffentlichen Bewegungsorten fehlt (vgl. CALMBACH/ FLAIG/ GABER/ GENSHEIMER/ MÖLLER - SLAWINSKI/ SCHLEER/ WISNIEWSKI 2024, 273 - 290).

2.8 Folgerungen - Zusammenfassung    

Seit 2008 untersucht die SINUS - Studie "Wie ticken Jugendliche?" alle vier Jahre die Verfassung der jungen Generation. Interviews, fotografische Dokumentationen des Wohnumfeldes und Selbstzeugnisse der Jugendlichen liefern einen Einblick in die Lebenswelten der 14- bis 17- jährigen. Besonders ist die Erforschung der soziokulturellen Vielfalt, die aktuell Jugend kennzeichnet.

Die Leitfragen sind Wie leben und erleben Jugendliche den Alltag? An welchen Werten orientieren sie sich? Welche Lebensentwürfe und Lebensstile verfolgen sie? Wie optimistisch blicken sie in die Zukunft? Alle vier Jahr werden neue Themen behandelt.

2024 war es der Umgang mit politischen Krisen, soziale Ungleichheit und Diskriminierung, Engagement und Beteiligung, Lernort Schule, Social Media, Fake News, Sinnsuche und Mental Health, Geschlechtsidentität und Rollenerwartungen, Sport und Bewegung.

Jugendstudien können Indikatoren eines gesellschaftlichen Wandels sein. Die Bedeutung der Studie für die Politische Bildung ist das politische Potenzial für Maßnahmen, Programme und praktische Umsetzung im Alltag. Die Studie lädt ein zur Reflexion.

Literaturhinweis Jugendstudie    

Calmbach M./ Flaig B./ Gaber R./ Gensheimer T./ Möller - Slawinski H./ Schleer Chr./ Wisniewski N. (2024): SINUS - Jugendstudie 2024. Lebenswelten von Jugendlichen im Alter von 14 bi 17 Jahren in Deutschland, Bundeszentrale für politische Bildung, Schriftenreihe Bd. Nr. 11133, Bonn

IT - Hinweis

Interner Link: Wie ticken Jugendliche? SINUS - Jugendstudie 2024

http://www.bpb.de/549285 (26.6.2024)

3 Junge MigrantenInnen in Österreich    

Einleitung    

Der folgende Studie in der "Lehrveranstaltung Vorberufliche Bildung VO - SE"/ Universität Wien (2004/ 2005) des Autors beschäftigt sich mit möglichen Problemen jugendlicher Migranten/ innen aus der Türkei und dem ehemaligen Jugoslawien im Jahr 2004, die bei der Lehrstellenwahl und -suche sowie in der Dualen Ausbildung/ Lehre zum Tragen kommen (Stand: 2004).

Schwierigkeiten bei Jugendlichen mit Migrationshintergrund werden aus rechtlicher und kultureller Perspektive beleuchtet. Ebenso sind sprachliche Barrieren und die Diskrepanz von Berufswunsch und realen Chancen Inhalt des Beitrages.

23 qualitiative Interviews dokumentieren persönliche Erfahrungen betroffener Jugendlicher. Chancen werden aufgezeigt, um mögliche Defizite auszugleichen und so eine Gleichstellung mit österreichischen Jugendlichen anzustreben. Bedeutung in Zeiten des Lehrstellenmangels gewinnt eine verbesserte Beratung. Zu diesem Zweck werden vier in Wien ansässige Beratungseinrichtungen vorgestellt, die einen Einblick in die Arbeit mit jugendlichen Migranten/ innen bieten.

Folgerungen und ein Ausblick in diesen Problembereich runden die Studie ab.

1 Migration    

Österreich ist zum Einwanderungs-, Asyl- und Zielland kurzfristiger Arbeitsmigranten geworden. Einwanderer kommen aus verschiedenen Krisengebieten oder sind politische Flüchtlinge. Asylbewerber wollen im Land bleiben und teilweise am einheimischen Arbeitsmarkt partizipieren. Ausländische StaatsbürgerInnen kommen auch aus Gründen der Familienzusammenführung nach Österreich, um hier Fuß zu fassen.

Aus soziologischer Sicht beschreibt der Begriff Migration die Bewegung von Individuen oder Gruppen im geografischen oder sozialen Raum, die mit einem Wechsel des Wohnsitzes verbunden ist (vgl. DUDEN 2001, 632). Neben der persönlichen Ebene kommt es hier auch zu Veränderungen im gesellschaftlichen Bereich (vgl. TRAPICHLER 1995, 5). Der Wechsel der Gesellschaftsgruppen bringt auch eine Entfremdung von der Herkunftskultur mit sich. Aus diesem Grund befinden sich Heranwachsende in einer Zwischenposition, bei der eine Anpassung an die Kultur des Einwanderungslandes noch nicht gegeben ist. Erfolgt die Migration in frühester Kindheit unter dem Einfluss der Familie und von Personen, die die Sozialisation im Aufenthaltsland des Kindes stark beeinflussen, befinden sich junge Einwanderer in einer bikulturellen Lebenssituation (vgl. GAAR 1991, 13).

Tab. 1: Übersicht über die Entwicklung der Arbeitsmigration in Österreich - 1964 bis 1990

1964Anwerbe- und Kontingentierungspolitik aus der Türkei
1966Anwerbe- und Kontingentierungspolitik aus Jugoslawien (Serbien und Montenegro, Kroatien, Bosnien - Herzegowina, Mazedonien und Slowenien
1974220 000 ausländische Arbeitskräfte/ vorläufiger Höchststand
1976Ausländerbeschäftigungsgesetz
1989/1990Einreise- und Einzugsregelungen auf Grund der hohen Zahl legaler Zuwanderungen (besonders YU und TU)

Tab. 2: Kategorisierung ausländischer Arbeitskräfte

Soziologische Kategorisierung

Erste GenerationElterngeneration/ Erwachsene mit Geburtsort im Ausland und nicht - österreichischer Staatsbürgerschaft - dauerhafte Niederlassung
Zweite GenerationNachkommen der Einwanderer, die in Österreich geboren wurden oder im schulpflichtigen Alter eingewandert sind - dauerhafte Niederlassung
"in - between" - GenerationGruppe, die als Kinder oder Heranwachsende während der Schul- oder Ausbildungszeit nach Österreich kamen - dauerhafte Niederlassung
Dritte GenerationKinder der älteren Jahrgänge der Zweiten Generation - tw. Geburt in Österreich - dauerhafte Niederlassung

Rechtliche Kategorisierung

Nach der Volkszählung 2001 werden als Kriterien der Geburtsort, die Muttersprache und Staatsbürgerschaft herangezogen. Sozialstaatliche Maßnahmen und politische Mitbestimmung sind in Österreich an die Staatsbürgerschaft geknüpft und werden daher restriktiver als etwa in Frankreich oder Deutschland gehandhabt (vgl. HERZOG - PUNZENBERGER 2003, 6).

Der Wiener Raum hat in Österreich den höchsten Anteil an Migranten/ innen. Die TeilnehmerInnen an den Interviews besuchen in Wien die Berufsschule bzw. sind in einer Institution tätig, wie im Großraum Wien angesiedelt ist.

Die demografische Entwicklung der letzten Jahrzehnte zeigt deutlich an, dass Migranten/ innen zu einem festen Bestandteil der österreichischen Wohnbevölkerung in Wien geworden sind. Die letzte Volkszählung (VZ) 2001 zeigt 1,550.123 Personen mit Hauptwohnsitz in Wien an. Darunter befanden sich 248.264 ausländische Staatsangehörige, das sind 16 Prozent (vgl. WIENER INTEGRATIONSFONDS 2003, 6).

Tab. 3: Ausländische Wohnbevölkerung in Wien VZ 2001

Serbien und Montenegro68.796
Türkei39.119
Bosnien - Herzegowina21.638
Kroatien16.214

Quelle: WIENER INTEGRATIONSFONDS 2003, 7

Betrachtet man die räumliche Verteilung der ausländischen Wohnbevölkerung in Wien nach Bezirken, leben mit 24.820 Personen in Favoriten die meisten ausländischen Staatsbürger/ innen, gefolgt von Leopoldstadt mit 22.492 und Ottakring mit 20.508 ausländischen Staatsangehörigen, wobei in sieben Wiener Bezirken der Anteil ausländischer Staatsangehöriger bei mehr als 20 Prozent liegt. Spitzenreiter ist Rudolfsheim - Fünfhaus mit 29,2 Prozent (vgl. WIENER INTEGRATIONSFONDS 2003, 11).

Waren vor allem zu Beginn der Arbeitsmigration Männer im erwerbsfähigen Alter aus dem früheren Jugoslawien und der Türkei daran beteiligt, stieg in den letzten Jahren kontinuierlich der Frauenanteil. Bei der VZ 2001 waren rund 47 Prozent zu verzeichnen, der Männeranteil betrug rund 53 Prozent. Deutliche Unterschiede gibt es bei den Frauen zwischen den einzelnen Migrantengruppen: Türkei 42,8 Prozent, früheres Jugoslawien 47,5 Prozent, Slowakei 59,2 Prozent und Tschechei 59,9 Prozent (vgl. WIENER INTEGRATIONSFONDS 2003, 10).

Mehr als 40 Prozent der Ausländer sind jünger als 30 Jahre gegenüber rund 30 Prozent der inländischen Bevölkerung. Dies ist deswegen wichtig, weil sich deutlich abzeichnet, dass in in den Jahren 1990 bis 2001 der prozentuelle Anteil ausländischer Jugendlicher an der ausländischen Wohnbevölkerung in Wien größer ist als der Anteil inländischer Jugendlicher derselben Altersgruppe, gemessen an der inländischen Wohnbevölkerung.

Tab. 4: Altersstruktur der in- und ausländischen Wohnbevölkerung von 1990-2001

Jahr16- bis 19jährige AusländerInnenProzent16- bis 19jährige InländerInnenProzent
199052.8563,912.4296,0
199850.1933,811.3724,0
199950.5423,811.2323,9
200050.3763,811.3693,9
200150.3133,911.0084,4

Quelle: WIENER INTEGRATIONSFONDS 2003, 40

Ausländische Schüler an Wiener Pflichtschulen stellen als Adressaten für eine Lehre eine wichtige Gruppe dar. Rund 70 Prozent der zehn- bis vierzehnjährigen Migranten besuchen eine Hauptschule in Wien, das sind im Schuljahr 2001/02 rund 14.390 SchülerInnen (vgl. bm:bwk: SchülerInnen mit anderer Erstsprache als Deutsch. Statistische Übersicht Schuljahre 1995/96 - 2001/02 - Informationsblätter des Referates für interkulturelles Lernen Nr. 2/2003, 14). Fehlende Sprachkenntnis der Eltern verhindert einmal eine schulische Förderung und somit den Zugang zur AHS, zum anderen tendieren Migrantenfamilien zur Befürchtung, ihre Kinder könnten dem schulischen Druck der AHS - Unterstufe nicht gewachsen sein (vgl. LEHNERT - SCANFERLA 2001, 19).

Tab. 5: Anteil der ausländischen Schüler/ innen an allen Schülern

SchuljahrHSAHS - UnterstufePTS
1997/9830,1%9,6%30,3%
1999/0030,9%9,5%30,1%
2001/0229,1%9,2%33,2%

Quelle: WIENER INTEGRATIONSFONDS 2003, 47

2 Probleme und Chancen jugendlicher Migranten bei der Lehrstellenwahl    

Es ist davon auszugehen, dass eine fehlende österreichische Staatsbürgerschaft, unzureichende Deutschkenntnisse und ein unzureichendes Abschlusszeugnis der Pflichtschule (HS und/ oder PTS) in Konkurrenz zu Pflichtschulabgängern mit besseren Voraussetzungen das Finden eines entsprechenden Ausbildungsplatzes durch entsprechendes Auswahlverhalten der Betriebe erschweren.

Im Jahre 2003 besitzt ein Viertel der Lehrstellensuchenden in Wien eine nicht - österreichische Staatsbürgerschaft. Den größten Teil der Suchenden stellt das ehemalige Jugoslawien, gefolgt von der Türkei. Insgesamt vertritt die Zielgruppe 75 Prozent aller ausländischen Lehrstellensuchenden in Wien(vgl. MEISTER - MEIER 2004, 77-81).

Heranwachsende ausländischer Herkunft sind beim Zugang zum Arbeitsmarkt von Problemen betroffen, die sie als Ausländer erfahren und allgemein als Jugendliche betreffen. Es müssen also Hürden mit differenten Ausmaßen überwunden werden(Rechtslage, Qualifikation und Arbeitsmarktsituation). Jugendliche Migranten Innen können einerseits von den Bestimmungen des Fremdenrechtsgesetzes, das ihren Aufenthalt regelt, betroffen sein und anderseits vom Ausländerbeschäftigungsrecht, das den Zugang zum legalen Arbeitsmarkt festlegt. Problematisch ist die mangelhafte gegenseitige Abstimmung der beiden Rechtsbereiche aufeinander (vgl. BERGMANN u.a.(2002): Geteilte (Aus-)Bildung und geteilter Arbeitsmarkt in Fakten und Daten, Bd. II der Studie "Berufsorientierung und -einstieg von Mädchen in einen geteilten Arbeitsmarkt", Wien, 111).

Jugendliche MigrantenInnen müssen sich in konträren Kultursystemen zurechtfinden und mit ihnen auseinandersetzen. Orientierungs- und Identitätsfindung Jugendlicher mit Migrationshintergrund ist daher mit bestimmten Schwierigkeiten verbunden. Das Hin- und Hergerissensein einer Heranwachsenden beschreibt die folgende Aussage eines türkischsprachigen Mädchens: "Morgens stand ich als Türkin auf und machte mich für die Schule fertig. Unterwegs zur Schule war ich neutral und wägte ab, was bei dem einen gut und schlecht war, und verglich das mit dem anderen. In der Schule war ich deutsch. Sobald ich zu Hause war, musste ich wieder mein türkisches Gesicht aufsetzen, sonst kam ich mit den Leuten nicht klar. Mein wahres Ich war eher in dem deutschen Gesicht, weil ich damit ehrlicher war als mit dem türkischen. Das türkische Gesicht war voller Lügen oder eher Verschwiegenheit. Ich konnte nicht zu Hause alles sagen, was ich dachte oder wollte"(AUERNHEIMER 1988, 125).

"Im Migrationsland bildet sich eine Form der Familie, die sich als Übergang zum Typus der modernen Familie beschreiben lässt. Sie befindet sich in einem extremen Spannungsfeld zwischen alten und neuen Werten"(VIEHBÖCK/ BRATIC 1994, 88-89). Bei Angehörigen aus dem ehemaligen Jugoslawien ist von einer größeren Flexibilität auszugehen, weil Familien auf dem Balkan jahrhundertelang unter dem Einfluss verschiedener Kulturen und Religionen standen.

Da heranwachsende Migranten/ innen meist zwei unterschiedlichen Kulturen und damit Wertsystemen begegnen, können innerfamiliäre Spannungen entstehen, besonders bei Eltern mit traditionell orientierter Erziehungsform. Die ist bei Familien aus der Türkei mitunter deutlich erkennbar. Neben der Religion spielt die Herkunft eine entscheidende Rolle.

Vorwiegend Familien aus dem ländlichen Raum sind eng an traditionelle Vorstellungen gebunden, im Besonderen werden Mädchen aus Angst vor Entfremdung vor der Familie traditionsbewusster erzogen als dies in der Türkei gewesen wäre. Prinzipien einer solchen Erziehung sind absoluter Gehorsam gegenüber dem Vater, Beachtung der Rangfolge nach Geschlechtszugehörigkeit mit Dominanz des Mannes und Verteidigung der Familienehre(vgl. TANRIVERDI 1996, 26).

Weder die Aufenthaltsdauer noch die die Staatsbürgerschaft oder die Muttersprache geben verlässliche Hinweise auf einen Förderbedarf und stellen somit keine Kriterien dar, die Sprachkompetenz festzustellen(vgl. BEIWL u.a. 1995, 74). Das "Programme for International Student Assessment/ PISA" beinhaltet aus den Jahren 2000 und 2003 Erhebungen zur Schüler/ innenkompetenz im Lesen, in Mathematik und Naturwissenschaften. Hauptaugenmerk wird auf Schüler/ innen gelegt, deren Muttersprache nicht der Testsprache Deutsch entspricht. Bei den 4.745 Schüler Innen in 213 Schulen in Österreich zeigt sich, dass die Unterschiede zwischen Schüler Innen mit deutscher und nicht - deutscher Muttersprache sehr groß sind: nicht - deutsche Muttersprache beinhaltet überproportional die Zugehörigkeit zu unteren Leistungsklassen/ -gruppen und schlechte Leser schneiden tendenziell auch in Mathematik und den Naturwissenschaften schlechter ab.

Sprachliche Grundkompetenz mit verbundener Lesekompetenz stellt somit die Basis für einen Schulerfolg dar. PISA 2000 schließt daraus bei Leseleistungen, dass (1) große Unterschiede bei Leseleistungen zwischen Schülern, die zu Hause die Testsprache sprechen und jenen, die eine andere Sprache sprechen, beobachtet werden und (2) eine soziale Schlechterstellung der Familien mit Migrantenhintergrund sich auf die gemessene Leseleistung auswirkt.

Durchgängig zeigt es sich, "[...]dass für die Alltagskommunikation und fachsprachliche Unterweisung im Betrieb meist ausreichende Sprachkompetenz zum Verständnis fachsprachlicher Inhalte(in der Berufsschule) nicht ausreicht"(VIEHBÖCK/ BRATIC 1994, 62).

Nach FISCHER muss in der Bildungspolitik ein großzügigeres Angebot von Maßnahmen gesetzt werden, die die sprachliche und kulturelle Integration heranwachsender Migranten Innen unterstützen. Der Förderung der Zweisprachigkeit durch geeignete, den entsprechenden Verhältnissen angepasste, pädagogische Maßnahmen in Kindergarten und allgemein bildender Pflichtschule sowie den weiterführenden Schulen soll mehr Gewichtung zukommen (FISCHER 2002, 16).

Das Berufsspektrum jugendlicher Migranten/ innen ist stärker auf wenige Lehrberufe beschränkt als das österreichischer Heranwachsender. Junge Migranten/ innen entscheiden zunehmend für Berufe mit ungünstigen Arbeitszeiten, geringen Verdienstmöglichkeiten, geringen Aufstiegschancen, zumeist geringeren Übernahmechancen und höherem Arbeitsplatzrisiko. Zu beobachten ist auch die Berufswahl bei Lehrberufen unten den zehn häufigsten, wobei auch eine Rückkehrorientierung mit einer Ausübbarkeit im Heimatland mitunter festzustellen ist. Vor allem bei türkische Heranwachsenden stellt sich auch die Option, einen eigenen Betrieb eröffnen zu können (vgl. MAYER 1994, 91; BEAUFTRAGTE DER DEUTSCHEN BUNDESREGIERUNG FÜR DIE BELANGE DER AUSLÄNDER 1999, 23).

Die Wissensbasis und praktische Erfahrungen im Umgang mit der Berufsorientierung und ihren methodisch - didaktischen Maßnahmen ist auch hier in vielen Fällen gering (vgl. DICHATSCHEK 1991, 24-27 und 1998, 75). Eine weitere Rolle spielen auch fehlende Differenzierungen der Berufe und ihrer Ausübbarkeit sowie der eingeschränkte Zugang zu Informationen über Qualifizierungsmaßnahmen (vgl. BOOS - NÜNNING 1993, 214).

3 Probleme junger Migranten/ innen in Ausbildungsbetrieben    

Betriebliche Überlegungen können durchaus bei der Aufnahme heranwachsender MigrantenInnen eine Rolle spielen. Neben schulischen Qualifikationen zählen auch soziale Hintergrundmerkmale - Lebensstil, äußere Erscheinung, Sprachverhalten, Herkunftsmilieu, Arbeitsdisziplin, Zielstrebigkeit, Integrationsbereitschaft und Loyalität - zu den Auswahlkriterien der Ausbildungsbetriebe (vgl. KÖNIG 1991, 67).

Mögliche Gründe für eine Verweigerung - besonders bei türkischen Heranwachsenden - können zu schwere Eingangstests für Deutschkenntnisse, mangelnde Kundenakzeptanz, schlechte Erfahrungen durch hohe Abbruchsquoten, unzureichende Abschlusszeugnisse und die Furcht von Ausbildnern vor fachlichen Problemen bei Migranten Innen sein (vgl. NIEKE/ BOOS - NÜNNING 1991, 57).

Ethnische Diskriminierung als Benachteiligung bzw. Zurücksetzung aufgrund von Zugehörigkeit zu einer sprachlichen und kulturellen Volksgruppe kann nach einer Studie der Universität Bremen (1997) nicht nur bei Anwerbern mit mangelhaften Abschlusszeugnissen stattfinden, sondern genauso bei jenen, die gute schulische Voraussetzungen mitbringen (vgl. BOOS - NÜNNING 1999, 27).

Kulturspezifische Schwierigkeiten werden mitunter auch angeführt: Urlaubsüberziehung wegen der langen Reise aus dem Heimatland, Verweigerung von Tätigkeiten, Nichtakzeptanz von Arbeitszeiten (besonders bei Mädchen/ jungen Frauen), Überforderung weiblicher Lehrlinge im Elternhaus durch häusliche Mithilfe, Erwartung höherer Fehlzeiten und mangelnde Einordnungsbereitschaft. "Es gibt oft Aufträge, wo die Arbeitgeber deutlich vermerken, 'keine Ausländer'(...). Das wird von der Arbeitgeberseite häufig bestritten und auch von Seiten des Arbeitsamtes dezent verschwiegen, aber es besteht eine ganz massive Abneigung dagegen, gerade in kundenorientierten Bereichen Ausländer zu beschäftigen" (vgl. NIEKE 1993b, 353-354 und 357; BOOS - NÜNNING 1999, 29). Mitunter bedenken Ausbildungsbetriebe nicht, dass ausländische MitarbeiterInnen in ihrem Betrieb durch zusätzliche Qualifikationen - etwa Zweisprachigkeit - neue Kunden anwerben können. Häufig steht der Gedanke des Verlierens von Kunden im Vordergrund (vgl. BEAUFTRAGTE DER DEUTSCHEN BUNDESREGIERUNG FÜR DIE BELANGE DER AUSLÄNDER 1999, 20).

4 Interviews an Wiener Berufsschulen    

Tab. 6: Kurzbeschreibung des empirischen Rahmens

Zeitraum und Dauer
Interviewte
MethodeBefragungsort
18.3-1.4.04
Berufsschüler
30 Minuten
qualitatives InterviewBS für Informationstechnik
BS für Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik
BS für Frisur, Maske und Perücke
BS für Bank-, Industrie- und Speditionskaufleute

Gesprächsleitfaden

Personenbeschreibung
familiäre und kulturelle Hintergründe
Lehre - Traumberuf
Einflussfaktoren bei der Berufswahl
Arbeitsmarkt/ Erfahrungen - Einschätzungen
Problembereiche/ Barrieren
Sprache
Beratungschancen

Fasst man die Ergebnisse der qualitativen Interviews/Einzelinterviews zusammen, so konnte die Haupthypothese "Jugendliche Migranten Innen haben bei ihrer Lehrstellenwahl und -suche bzw. während der Ausbildung im Dualen System Barrieren zu überwinden" nur teilweise bestätigt werden. Neben den für alle Jugendlichen geltenden Einschränkungen - vorherrschender Lehrstellenmangel bei zunehmendem Facharbeitermangel und fehlenden Schulqualifikationen - sind sprachliche Defizite, rechtliche Zugangsprobleme und Vorurteile von Seiten der Arbeitnehmer zu nennen. Diese Hindernisse werden nur von 5 der 23 befragten SchülerInnen bestätigt. Der Großteil fühlt sich nicht benachteiligt, wobei der Grund zunächst darin liegt, dass die Betreffenden in kurzer Zeit durch Interventionen von Familienmitgliedern oder Freunden in ihre derzeitige Lehrstelle vermittelt werden konnten. Keine Bestätigung erfuhr die Annahme bezüglich möglicher Unterschiede, die in den ausgewählten Berufsschulen (BS) mit einerseits einem geringen und andererseits einem hohen Anteil an Migranten Innen auftreten könnte. Die geringe Zahl der Interviews dürfte hier der eigentliche Grund sein.

Die Bildungsbiografien der 23 Befragten weisen jedoch auf eine interessante Differenzierung hin. In den BS für Informationstechnik und Bank-, Industrie- und Speditionskaufleute haben vor allem in der Erstgenannten die Befragten eine berufsbildende höhere Schule besucht (HTL, TGM). In der zweiten Berufsschule kamen 3 von 5 Befragten aus einer weiterführenden Schule (HAS, HBLA für wirtschaftliche Berufe und AHS - Oberstufe). Vergleichsweise besuchten die befragten Jugendlichen der BS für Friseur, Maske und Perücke alle die PTS. In der BS für Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik waren die Zugänge unterschiedlicher (PTS, HAK, AHS - Oberstufe und HTL). Auf Grund der geringen Zahl der Befragungen darf angenommen werden, dass eine höhere Zahl an Probanden die angeführte Hypothese eindeutig bestätigen bzw. widerlegen würde.

Bemerkt werden muss, dass in der vorliegenden Arbeit ausschließlich jene Jugendlichen befragt wurden, die bereits in eine Lehrstelle vermittelt werden konnten. Von Interesse wäre daher eine zweite Studie, deren Zielgruppe Migranten Innen ohne Lehrstellen sind ("JASG - Klassen" = Klassen mit Heranwachsenden, die keine Lehrstelle finden konnten und aufgrund des Auffangnetzes der Bundesregierung die Möglichkeit haben, die theoretische Ausbildung in einem Lehrberuf zu beginnen).

5 Beratung als Chance für jugendliche Migranten/ innen    

Für eine Beratung stellt das genaue Eingehen auf individuelle Besonderheiten eine Herausforderung dar, insbesondere bei Heranwachsenden mit Migrationshintergrund(vgl. NIEKE 1993a, 30). Zielgruppenwissen und spezifisches Wissen sind wesentlich, um im Gespräch auf individuelle Wünsche und Probleme der Ratsuchenden eingehen zu können und damit eine zielführende Beratung durchzuführen(vgl. NIEKE 1993a, 30). Wenn es Ziel der Beratung ist, sich möglichst exakt auf den jeweiligen Gesprächspartner einzustellen, erfordert dies die Beteiligung der Gesamtpersönlichkeit des/-r BeratersIn?.

Bewusst oder unbewusst, die Berater Innenpersönlichkeit ist in den Prozess der gegenseitigen Wahrnehmung und Entwicklung von Vertrauen/ Misstrauen und Kenntnis der Bildungsinformationen eingebunden. Oftmals haben BeraterInnen nach eigenen Aussagen Schwierigkeiten, bei Migranten Innen das Berufsspektrum zu erweitern und ihnen somit zu größeren Chancen bei der Suche nach Ausbildungsplätzen zu verhelfen(vgl. NIEKE 1993a, 33). Insbesondere bedarf es im Berufswahlprozess bei dieser Zielgruppe auch der Thematisierung/ Beachtung der Lebensplanung und Lebensführung. Im Idealfall geht es - unter Einbeziehung der Familie - in der Hilfestellung über eine Berufsberatung hinaus ("Doppelorientierung": Berufswahl mit möglicher Rückkehr in das Heimatland oder einer Einrichtung auf hiesige Verhältnisse).

Mädchenspezifische Beratung ist oftmals mit sprachlichen Defiziten und möglichen Integrationsschwierigkeiten sowie der Annahme, dass eine Berufsausbildung für Mädchen zumeist nicht in Frage kommt, konfrontiert. In der Beratung wird Migrantinnen mitunter weniger zugetraut und ihr Selbstvertrauen kaum gestärkt. Zusätzlich gibt es das Problem bei BeraternInnen, kaum fundiertes Wissen über soziokulturelle Hintergründe und die nötige Beratungszeit zu verfügen (vgl. BERGMANN 2002, 24). Mögliche Verbesserungsvorschläge liegen im Abbau von Vorurteilen (Schule und AMS), ein spezifischer Berufsorientierungslehrgang für Mädchen und die Begleitung bei der Suche nach einer Lehrstelle unter Einbeziehung der Eltern. "Die Wertschätzung der Familie steht, kulturell bedingt, auf einer höheren Stufe als die Entfaltung der Wünsche und Ziele des Einzelnen" (MEISTER - MEIER 2004, 169).

Tab. 7: Beratung am Beispiel von 3 Institutionen/Projekten

Verein Echo

Jugend-, Kultur- und Integrationsverein
Zielgruppe: 14 - 23 Jahre
Träger: Stadt Wien
Zeitschrift "echo"

Thematisierung spezieller Bedürfnisse und Probleme - so auch die Berufswahl bei jugendlichen Migranten Innen - mit
Zusatzangeboten wie Theater, Gesang, Tanz, Diskussionen, Fotoworkshops, Mädchengruppen, Surfstationen und Kino- und Filmabenden

Amandas Matz

Entwicklung und Umsetzung spezieller Initiativen für arbeitssuchende Mädchen/ Frauen
Träger: Wiener ArbeitnehmerInnen Förderungsfonds (WAFF)- Stadt Wien, AK Wien, Wiener Wirtschaftskammer, Wiener AMS

Beratung bei der Berufs- und Ausbildungsentscheidung: Berufs- und Bildungsberatung, Informationen über Leistungen des AMS, Bewerbungstraining, Unterstützung bei Neu- und Wiedereinstieg in das Berufsleben, Coaching bei Arbeitssuche und Kennenlernen der Infrastruktur für selbstständige Arbeitssuche

Projekt Radita

Integrationshilfe auf dem Ausbildungs- und Arbeitsmarkt für Mädchen aus Migrantenfamilien, vor allem aus der Türkei und dem ehemaligen Jugoslawien
Träger: Verein Sunwork und Werkstätten & Kulturhaus (WUK) - Kooperation
mit dem Projekt Matadora

Bearbeitung verschiedener Berufshindernisse
Begleitung des Berufswahlprozesses
Unterstützung der Arbeits- und Ausbildungsplatzsuche
Kursdauer: 8 Wochen/ 30 Wochenstunden - 20 Mädchen - viermonatige Nachbetreuung bzw. Berufsbegleitung

6 Folgerungen und Ausblick    

Jugendliche Migranten/ innen haben - neben den für alle Jugendlichen geltenden Einschränkungen, wie die Lehrstellensituation bzw. schlechte Abschlusszeugnisse - zusätzliche Hürden zu überwinden. Rechtliche Beschränkungen, kulturbedingte und sprachliche Barrieren sowie die Diskrepanz zwischen Berufswunsch und realen Chancen bis hin zu Problemen mit Ausbildungsbetrieben existieren als Schwierigkeiten.

Als Verbesserungsmöglichkeiten ergeben sich aus berufspädagogischer/ vorberuflicher Sicht

  • vermehrte Handlungsmöglichkeiten zur Verbesserung des Überganges von der Schule zur Ausbildung: spezifischer Unterricht in Berufsorientierung auf der 7. und 8. Schulstufe mit entsprechenden Erkundungen, Exkursionen und Berufspraktischen Tagen sowie
  • einem spezifischen Unterricht für Migranten/ innen auf der 9. Schulstufe in der Polytechnischen Schule.
Ebenso bedarf es einer

  • Verbesserungen des Zugangs zu einer betrieblichen Ausbildung (Duale Ausbildung für Migranten/ innen) und
  • begleitender Unterstützungsmaßnahmen im Ausbildungsverlauf.
Insbesondere an der Schnittstelle beim Übergang von der Schule zum Beruf benötigt es für MigrantenInnen spezifische Förder- und Stützmaßnahmen zur positiven Integration.

Schule ist mehr als in der Vergangenheit bei der Vermittlung sozialer und kultureller Erfahrungen gefordert. Sie birgt ein großes Integrationspotential, die interkulturell - erzieherische Handlungsfähigkeit von Schule und vorberuflicher Bildung/ Erziehung zu stärken (vgl. DICHATSCHEK 1998; TÖLLE 2004, 45).

Neben der Aufklärungsarbeit für Eltern (und Schüler/ innen) sollten adäquate Beratungsangebote - auch für Ausbildungsbetriebe - zur Motivation der Ausbildung jugendlicher Migranten/ innen entwickelt werden.

Neben dieser Änderung der Beratungskonzeption und der Verstärkung vorberuflicher Maßnahmen sollte es Ziel sein, interkulturelle Bildung und Kommunikation zu einem selbstverständlichen Handlungsprinzip zu machen, das nicht nur ausländische und andere zugewanderte Schüler/ innen und Auszubildende betrifft, sondern grundsätzlich die veränderte Lebenswelt aller Kinder und Jugendlichen einbezieht (vgl. TÖLLE 2004, 45).

"Da Änderungen im Beratungskonzept und die Verstärkung pädagogischer Maßnahmen alleine nicht ausreichen, ist die Entwicklung und Durchsetzung einer Konzeption der interkulturellen Berufsausbildung notwendig, die die interkulturellen Kompetenzen als Potenzial anerkennt und für die Ausbildung nutzbar macht" (DIE BEAUFTRAGTE DER DEUTSCHEN BUNDESREGIERUNG FÜR DIE BELANGE DER AUSLÄNDER 1999, 30).

Bildungspolitisch ungelöst seit 1962 ist die Problematik des 9. Schuljahres (Polytechnischer Lehrgang > Polytechnische Schule/ PTS). Zwar gibt der Evaluationsbericht des bm:bwk "Die Polytechnische Schule" (2002) Anlass zur Hoffnung, dass diese Schulart vermehrt Akzeptanz erlangt, dennoch sind die Fragen (1) einer verbesserten Berufsorientierung der Schüler/ innen der Sekundarstufe I und (2) nach wie vor der Schülerklientel der PTS offen.

Als Schulart, die nur jene Schüler/ innen anspricht, die in keine weiterführende Schule gehen und damit die größte Gruppe künftiger Lehrlinge bilden, wirken auch die neu definierten Ziele in der 17. Novelle des Schulorganisationsgesetzes (BGBL. 30.12.1996) nur bedingt. Insbesondere fehlt in der Sekundarstufe I eine breite Berufsorientierung, damit auch die Konzeption der PTS mit einer Berufsgrundbildung wirken kann (vgl. den Lehrplan der PTS mit beruflicher Grundbildung mit den Fachbereichen Metall - Elektro - Holz - Bau, Handel - Büro, Dienstleistungen, Tourismus, schulautonom: Informationstechnik - Mechatronik - Mode und Bekleidung).

Für die Klientel der Migranten/ innen sind diese schul- und berufspädagogischen Fragen von besonderer Aktualität.

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Viehböck E. - Bratic L. (1994): Die Zweite Generation. Migrantenjugendliche im deutschsprachigen Raum, Innsbruck

Wiener Integrationsfonds (Hrsg.) (2003): Migranten/ innen in Wien 2002. Daten & Fakten & Recht, Teil II, Wien: Eigenverlag

Zum Autor    

APS - Lehramt (VS - HS - PL 1970, 1975, 1976), zertifizierter Schülerberater (1975) und Schulentwicklungsberater (1999), Mitglied der Lehramtsprüfungskommission für die APS beim Landesschulrat für Tirol (1993-2002)

Absolvent Höhere Bundeslehranstalt für alpenländische Landwirtschaft Ursprung - Klessheim/ Reifeprüfung, Maturantenlehrgang der Lehrerbildungsanstalt Innsbruck/ Reifeprüfung - Studium Erziehungswissenschaft/ Universität Innsbruck/ Doktorat (1985), 1. Lehrgang Ökumene - Kardinal König Akademie/ Wien/ Zertifizierung (2006); 10. Universitätslehrgang Politische Bildung/ Universität Salzburg - Klagenfurt/ MSc (2008), Weiterbildungsakademie Österreich/ Wien/ Diplome (2010), 6. Universitätslehrgang Interkulturelle Kompetenz/ Universität Salzburg/ Diplom (2012), 4. Interner Lehrgang Hochschuldidaktik/ Universität Salzburg/ Zertifizierung (2016) - Fernstudium Grundkurs Erwachsenenbildung/ Evangelische Arbeitsstelle Fernstudium, Comenius - Institut Münster/ Zertifizierung (2018), Fernstudium Nachhaltige Entwicklung/ Evangelische Arbeitsstelle Fernstudium, Comenius - Institut Münster/ Zertifizierung (2020)

Lehrbeauftragter Institut für Erziehungs- bzw. Bildungswissenschaft/ Universität Wien/ Berufspädagogik - Vorberufliche Bildung VO - SE (1990-2011), Fachbereich Geschichte/ Universität Salzburg/ Lehramt Geschichte - Sozialkunde - Politische Bildung - SE Didaktik der Politischen Bildung (2026-2017)

Mitglied der Bildungskommission der Evangelischen Kirche Österreich (2000-2011), stv. Leiter des Evangelischen Bildungswerks Tirol (2004 - 2009, 2017 - 2019) - Kursleiter der VHSn Salzburg Zell/ See, Saalfelden und Stadt Salzburg/ "Freude an Bildung" - Politische Bildung (2012 - 2019) und VHS Tirol/ Grundkurs Politische Bildung (2024)

MAIL dichatschek (AT) kitz.net

 
© die jeweiligen Autoren zuletzt geändert am 15. Juli 2024