Netzwerk Gegen Gewalt - Ein Offenes WikiWeb - Jeder kann sich beteiligen!

Indien

Grundwissen Indien/ Bharat    

Aspekte einer Regionalkunde - Dimensionen einer Entwicklung im 21. Jahrhundert im Kontext Politischer Bildung    

Günther Dichatschek

Inhaltsverzeichnis dieser Seite
Grundwissen Indien/ Bharat   
Aspekte einer Regionalkunde - Dimensionen einer Entwicklung im 21. Jahrhundert im Kontext Politischer Bildung   
Einleitung   
1 Einführung   
1.1 Geographische Lage   
1.2 Bevölkerungsreichstes Land der Erde   
2 Bevölkerung   
2.1 Ballungszentren   
2.2 Familienplanung   
3 Agrarwirtschaft   
3.1 WTO Ziele   
3.2 Krise der Landwirtschaft   
3.3 Grüne Revolution   
3.4 Landflucht   
4 Multikulturalismus   
5 Religion und Politik   
5.1 Religiöses Lagerdenken   
5.2 Teilung Pakistan-Indien 1947   
5.3 Indische Demokratie   
6 Wirtschaft und Politik   
7 Perspektiven einer aufstrebenden Großmacht   
Literaturhinweise   

Einleitung    

Das Arbeitspapier im Rahmen einer Regionalkunde bzw. Landeskunde beschäftigt sich mit Indien vom Schwellenland zur aufstrebenden Großmacht im 21. Jahrhundert im Fachgebiet der Politischen Bildung.

Gegliedert ist der Themenbereich nach inhaltlichen Schwerpunkten der Bevölkerung, der Agrarwirtschaft, dem Multikulturalismus, der Religion und Politik, der Wirtschaft und Politik sowie Perspektiven einer aufstrebenden Großmacht.

Ausgangspunkt der Überlegungen sind die Absolvierung des 10. Universitätslehrganges Politische Bildung/ Universität Salzburg, die Fachliteratur und IT-Hinweise der Bundeszentrale für politische Bildung (Deutschland).

IT-Hinweis - Quelle

Indien - Eine Einführung > https://www.bpb.de/themen/asien/indien/44581/indien-eine-einfuehrung/ (28.8.2023)

1 Einführung    

1.1 Geographische Lage    

Das Land liegt zwischen den Bergen des Himalaya und dem Kap Komorin, dem Gebiet an der Grenze zu Myanmar und der Wüste Thar mit den verschiedensten Klimaregionen. Ebenso verschieden sind die sprachlich und kulturell-religiösen Kategorien der Bevölkerung. Wert wird auf die Feststellung gelegt, dass alles zusammenhängt (vgl. indischer Slogan "Einheit in Vielfalt").

Daher lässt sich Indien weniger mit Einzelstaaten als etwa mit der EU vergleichen.

Mit rund 1,4 Milliarden Menschen und einem raschen Bevölkerungszuwachs von rund 15 Millionen pro Jahr und der Fläche von fast 3,3 Millionen km2 ist das Land relativ dicht besiedelt. Besonders dicht besiedelt sind die rasch wachsenden urbanen Ballungsräume, auch die weiten Teile des nordindischen Zweistromlandes und am Unterlauf des Ganges und Westbengalen. Wüstengebiete und die Gebirgsregionen sind extrem dünn besiedelt.

Indien will weltpolitisch mit China und den USA eine Rolle spielen. Bedenken gibt es bei einer differenzierten Sichtweise.

In den letzten Jahrzehnten kam es zu einem zunehmenden Selbstbewusstsein, man denke etwa an die Atommacht, die gelungene Mondmission, Indien als Wissensmacht und die Entwicklung zum bevölkerungsreichsten Land der Erde. Mehr als die Hälfte der Bevölkerung ist unter 30 Jahre. Damit entstand die Prognose, dass auch das Wirtschaftssystem entscheidend vorangetrieben wird.

1.2 Bevölkerungsreichstes Land der Erde    

Mit 1,429 Milliarden Einwohnern hat Indien 2023 China als bevölkerungsreichstes Land überholt.

Die Republik Indien besteht aus 28 Bundesstaaten.

Amtssprachen sind Hindi und Englisch.

Der überwiegende Teil der Inder sind Hindus (rund 80 Prozent), Muslims sind rund 14 Prozent.

Regiert wird Indien, 1947 vom UK unabhängig, seit 2014 von Premierminister Narendra Modi und einer hindu-nationalistischen Regierung.

Modi gilt als Wirtschaftsreformer. In seiner Amtszeit kam es auch zu einem Demokratieabbau und zur Zunahme religiöser Gewalt.

Quelle:

Salzburger Nachrichten, 28. August 2023, 5

2 Bevölkerung    

Seit 1901 verfünffachte sich die Bevölkerung. Das Bevölkerungswachstum lässt seit einigen Jahrzehnten nach. Jeder sechste Erdenbewohner ist heute eine Inderin oder ein Inder. Das Durchschnittsalter mit rund 15 Jahren ist vergleichsweise mit Europa niedrig. Die Lebenserwartung liegt bei rund 67 Jahren.

Die Landflucht trägt kräftig zum Wachstum der Städte bei. 2011 zählte man 16 Großstädte mit mehr als einer Million Einwohnern.

2.1 Ballungszentren    

Neue Sozialmilieus entstehen in den Ballungszentren Delhi, Hyderabad, Mumbay (Bombay) und Kolkata (Kalkutta), die aus Bevölkerungsgruppen unterschiedlichster Herkunft sich zusammensetzen. Diese setzen sich zusammen aus Familie vom Bediensteten, kleinen Angestellten, Industriearbeitern, Armen und Minderbemittelten, gut Ausgebildeten der Mittelschicht mit Konsumbedürfnissen wie in westlichen Ländern.

Die verschiedensten Schichten in der globalisierten Welt treffen zusammen mit ihren Traditionsbrüchen und dem Druck zur sozialen und religiösen Konformität. Ausgeprägt sind die Unterschiede in Familien mit verschiedener Kastenherkunft. Das System zeigt zwar Risse, aber der große Durchbruch blieb bisher aus.

2.2 Familienplanung    

Schon 1956 richtete Indien als erstes Land der Welt ein Ministerium für Familienplanung ein. Kampagnen für die Verwendung von Verhütungsmitteln versuchten das Bevölkerungswachstum (damals mehr als vier Prozent pro Jahr) zu kontrollieren. In Verruf geriet die staatliche Familienplanung unter Indira Gandi 1975-1977 mit praktizierter Zwangssterilisierung von Angehörigen der Unterschicht. Aktuell ist das jährliche Bevölkerungswachstum unter 1,4 Prozent gesunken. Die zunehmende Bildung der Bevölkerung dürfte der wichtigste Grund des Rückgangs sein.

Zudem zeigte sich auch durch die stärkere Alphabetisierung der Gesamtbevölkerung ein ausgeprägter Bildungshunger, anglophone Privatschulen wurden oft das Eintrittstor in erfolgreiche berufliche Laufbahnen. Auch der Staat verwendete Unsummen in Elitehochschulen, gleichzeitig blieben die Grundschulen auf einem niedrigen Niveau, womit ein Zwei-Klassen-System auf dem Bildungssektor blieb.

Ein großes Problem der Bevölkerungsstruktur ist der drastische Rückgang von Frauen in der Bevölkerung. Bei der Volkszählung 2011 kamen auf 1000 Männer 943 Frauen. In den reichen Bundesstaaten Panjab und Haryana gibt es Distrikte mit einem Geschlechterverhältnis von 1000 zu unter 800 bei Personen unter 15 Jahren. Diese dramatische Entwicklung ist Folge der Abtreibung von weiblichen Föten.

IT-Hinweis - Quelle

Emanzipation in Indien > https://www.bpb.de/th,men/asien/indien/182059/emanzipation-in-indien (29.8.2023)

3 Agrarwirtschaft    

Indien produziert genug Getreide, um Exporte durchzuführen. Trotzdem leiden rund eine Viertel Milliarde Menschen an Unterernährung. Die indische Landwirtschaft steckt in einer schweren Krise. Millionen Kleinbauern können von ihrer Arbeit kaum leben. Gleichzeitig werden von der Regierung und Unternehmen große landwirtschaftliche Flächen zum Zweck für Industrie-und Infrastrukturprojekte stillgelegt.

Widersprüchlich ist der Umstand, Indiens Getreidespeicher sind voll, es gibt kaum Lagerflächen für Weizen und Reis, das Land sucht nach Exportmöglichkeiten. Die Exporte haben 2012/ 2013 und 2014 Rekordwerte von 40 Millionen Tonnen erreicht.

Befremdlich und widersprüchlich ist, dass Exporte gefördert werden, wenn rund 250 Millionen Inder hungern. 2013 wurde die "National Food Security Bill" eingeführt > http://india.gov.in/national-food-security-act-2013 (29.8.2023/ Einschaltung inzwischen abgelaufen). Das Gesetz garantierte rund 830 Millionen von 1,2 Milliarden Indern monatlich den Erwerb von fünf Kilogramm Weizen, Reis oder Hirse zu gestützten Preisen.

3.1 WTO Ziele    

Indien kann genug Lebensmittel für eine wachsende Bevölkerung erzeugen. International besteht allerdings das Ziel, die indische Produktion zu drosseln und den großen Markt in Indien für billige Lebensmittelimporte zu öffnen.

2013 beim WTO - Treffen/ Welthandelstreffen in Bali haben die USA unterstützt von der EU die indischen Maßnahmen in Frag gestellt. Letztlich wurde als Übereinkunft eine "Friedensklausel" von vier Jahren akzeptiert. Kern des Problems sind die steigenden Kosten für die staatliche Lagerhaltung von Getreide und der Anstieg der Preise für Weizen und Reis, die von der Regierung den Bauern für deren Ernte bezahlt wird. Das WTO-Übereinkommen über die Agrarwirtschaft/ Landwirtschaft und Agrarökonomie darf die Summe der Subventionen (garantierter Abnahmepreis) über den bestimmten zehn Prozent der Jahresproduktion nicht übersteigen. Das heißt etwa, wenn die Ernte des Jahres 100 Millionen Euro wert ist, dürfen nur zehn Millionen an Subventionen verteilt werden. In Indien wurde diese Grenze mit 24 Prozent überschritten.

Die WTO bemängelte daher weniger die "National Food Security Bill", vielmehr das System in Indien der garantierten Preise. Indien soll gezwungen werden, die Summe der Subventionen auf zehn Prozent des Gesamtwertes der Ernte zu reduzieren. Dem Land soll gleichzeitig verboten werden, den garantierten Preis anzuheben. Das wäre das Ende der indischen Landwirtschaft. Derzeit bieten die garantierten Preise den Bauern eine gewisse Sicherheit und Schutz vor niedrigen Marktpreisen zur Erntezeit.

Indien hat 2012 Subventionen von 9,4 Milliarden US-Dollar (6,8 Milliarden Euro) in garantierten Preisen ausgeschüttet.

3.2 Krise der Landwirtschaft    

Die Bemühungen der WTO um eine Neuausrichtung der Agrarpolitik Indiens fällt in eine Zeit, in der diese sich in einer Krise befindet.

Die ökologischen Folgen einer intensiven Landwirtschaft in der "Grünen Revolution" wurden zu einem Problem für die Nachhaltigkeit, so die Fruchtbarkeit der Böden, das Fallen des Grundwasserspiegels durch hohen Wasserverbrauch und die Umweltschäden durch chemische Pestizide.

Weil die Landwirtschaft unrentabel wird, würden immer mehr Bauern die Landwirtschaft verlassen, wenn es berufliche Alternativen gäbe. Mit einem monatlichen Durchschnittseinkommen von 2115 Rupien (25 Euro) lebt die Mehrheit der Bauern in diesem Zeitraum unterhalb der offiziellen Armutsgrenze und steht als Berufsgruppe am Ende der Einkommenspyramide.

Die Volkszählung 2011 ergab, dass jeden Tag rund 2300 Bauern ihren Beruf aufgaben und in den Städten arbeiten wollten. Gerade in dieser Zeit war die Landwirtschaft in ihrer größten Krise, in der sich die Wirtschaft im Wachstum befand. Im diesem Jahrzehnt lag das Wachstum rund bei sieben Prozent.

Die Bedeutung der Krise zeigt sich, dass rund 54 Prozent der 1,2 Milliarden Inder direkt bzw. indirekt von der Landwirtschaft leben.

3.3 Grüne Revolution    

1966 startete die Grüne Revolution, als Indien noch eine "Ship-to-Mouth-Existenz" hatte. Das Land war auf internationale Lebensmittelhilfe angewiesen, die nach dem Slogan vom Schiff (Ship) in den Mund (Mouth) der Hungernden ging. Durch besondere Anstrengungen in der Folge wurde das Land zum Agrarexporteur. Während die Grüne Revolution den Lebensmittelbdarf deckte, lief sie aber an der Masse der Bauern vorbei.

Durch eine Zwei-Säulen-Strategie zur Hungervermeidung wurde die Produktion beschleunigt. Durch die Gründung der "Commission for Agricultural Costs and Prices"/ CACP wurde ein guter Abnahmepreis garantiert, wodurch ein Anreiz zu mehr Produktion geschaffen wurde. Die Ernteüberschüsse kaufte die "Food Corporation of India"/ FCI ab. Mit Hilfe eines landesweiten Netzwerkes von Geschäften wurden die Erzeugnisse zu subventionierten Preisen abgegeben.

Die Erfolge durch eine Agrarökonomie in der Grünen Revolution sind auf garantierte Abnahmepreise zurückzuführen. Das System wird inzwischen heftig kritisiert. Neoliberale Ökonomen sehen darin ein "veraltete Maßnahmen einer sozialistischen Epoche". Ihr Ziel ist die Abschaffung der staatlichen Vermarktung, die es ermöglicht Erzeugnisse auf speziellen Märkten anzubieten. Dort könne man Geschäfte mit privaten Händlern abwickeln. Wenn es keine Interessen gibt, wäre die FCI zuständig.

Die WTO verlangte in dieser Situation von Indien, die Subventionen in garantierten Abnahmepreisen auf das geringes Niveau zu beschränken. Die CACP fordert inzwischen auch ein Ende des aufgebauten Systems. Als Begründung wird gegeben, dass Bauern im freien Wettbewerb höhere Preise erzielen. Verwiesen wird auf die Tatsache, dass nur 30 Prozent der 600 Millionen Bauern Zugang zu staatlich garantierten Abnahmepreisen haben, hätten die 70 Prozent hohe Gewinne machen müssen. Dies ist allerdings nicht geschehen, nur die Krise ist dort besonders ausgeprägt, wo der freie Markt vorherrscht.

3.4 Landflucht    

Aktuell verstärkt die Regierung eine zweite Grüne Revolution mit dem anscheinenden Ziel, die Landwirtschaft stärker dem Einfluss von Konzernen zu überlassen. Dafür werden Gesetze zum Erwerb von Grund und Boden, zur Nutzung von Wasser zu Saatgut, Düngemitteln, Pestiziden und zur Lebensmittelverarbeitung an die Bedürfnisse der Industrie angepasst. Eingeführt werden soll möglichst bald ein "Contract Farming" ("Vertragslandwirtschaft").

Ausgehend von Gutachten der Weltbank und dem Internationalen Währungsfonds wurde diese Politik verfolgt. Die Weltbank hatte bereits 1996 prognostiziert, dass bis 2015 rund 400 Millionen vom Land in die Städte abwandern werden. 2008 wurde empfohlen, ein landesweites Netzwerk von Ausbildungszentren aufzubauen, in denen junge Abwanderer zu Industriearbeitern umgeschult werden sollen.

Pachten solle erleichtert werden, damit Unternehmer zu landwirtschaftliche Nutzflächen kommen können. Widerstand gibt es seit einigen Jahren gegen den Erwerb von landwirtschaftlichen Nutzflächen durch die Industrie. Betrieben wird trotzdem der Bau von Industrieparks, Immobilienprojekten und Straßenprojekten. Es fehlt eine Ermittlung, wieviel Ackerland in Zukunft genutzt werden muss, um die ausreichende Ernährungslage sicher stellen zu können.

So kommt es zu einer doppelten Krise. Es gibt eine massive Abwanderung junger Menschen in die Städte und ein Kollaps der Infrastruktur in den Ballungszentren droht. Zudem hat die Abwanderung vom Land eine Stilllegung landwirtschaftlicher Nutzflächen zur Folge. Damit kann zu einer Gefährdung der Ernährungssicherheit kommen.

Im Wahlkampf 2014 hat sich keine Partei zu möglichen Konsequenzen des Wachstumsmodells geäußert, die eine nachhaltige Agrarpolitik mit allen Folgen ignoriert.

IT-Hinweis - Quelle

Landwirtschaft in der Krise > https://www.bpb.de/themen/asien/indien/189174/landwirtschaft-in-der-krise/ (29.8.2023)

4 Multikulturalismus    

Von Interesse ist der traditionelle Multikulturalismus, auch in ganz Südasien, für Europäer.

Allein in Mumbai/ Bombay mit seinem viktorianischen "Gateway of India" von 1911 stehen Tempel neben Moschee, Kirche neben den "Türmen des Schweigen" genannten Begräbnisstätten der Parsis, ein Gurdwara der Sikhs neben dem Bahai-Tempel. Angehörige aller Religionen pilgern zu Haji Alis Grab für den Segen des Sufi-Heiligen.

Die Lehrmeister einer Religion werden von allen aufgesucht und verehrt. Muslims, Hindus und Sikhs umkreisen etwa jeden Donnerstag das Marmorgrab von dem Sufi-Heiligen Nizamuddin Auliya in Delhi.

Die Tradition ist liberal. Man kennt die Feste der Anderen, etwas von religiösen Pflichten und Geboten sowie Grundlagen des jeweilige Glaubens. Man trifft sich und beschenkt sich an Festtagen.

Die Grenzen der Toleranz sind bei Heiraten erreicht. Der Verbleib bei seiner Kaste, Gewohnheiten und Ritualen ist fixer Bestandteil und darf nicht überschritten. werden.

Multikulturalismus in Indien ist mehr ein Mosaik von verschiedenen Identitäten bzw. soziokulturell-religiösen Gemeinschaften als ein Schmelztiegel (vgl. den Unterschied zur Inter- bzw. Transkulturalität).

5 Religion und Politik    

Der Slogan "Einheit in Vielfalt" bezeichnet die Fülle der Kulturen, Religionen und Sprachen im Lande/ Subkontinent. Das moderne Indien als Staat benützt die kulturelle Ressource als Mittel des Nationalismus. in Europa erzeugt eine kulturell-religiöse Vielfalt eher Unbehagen und Ängste, Indien dagegen kann auf historische Erfahrungen zurückgreifen.

Die heutige Republik Indien ist in sprachlicher, kultureller und religiöser Hinsicht ungeheuer vielfältig. Hindus, Muslime, Christen, Juden, Sikhs, Buddhisten und Parsen (Zoroastrier) leben teilweise seit vielen Jahrhunderten zusammen. Die jeweiligen religiösen Gemeinschaften sind keineswegs monolithische Blöcke, vielfach aufgefächert.

5.1 Religiöses Lagerdenken    

In allen Religionen Indiens gibt es Fundamentalismus, der gegen eine Aufweichung von Glaubensformen durch das Miteinander auftritt. Das religiöse Lagerdenken nimmt in den letzten Jahrzehnten zu. Hindu-Fundamentalisten ähneln denen im Islam. Sie bemühen sich den Radikalismus im Islam auszumerzen.

Hindunationalistische Organisationen erklären Indien zum heiligen Land der Hindus. Politisch hat dies zur Folge in einem Aufstieg der indischen Volkspartei (Bharatiya Janata Party/ BJP) in den neunziger Jahren und einem Rückgang der Kongresspartei. Ausgegangen wird von einer hinduistischen Leitkultur. Der säkulare Staat soll sich über eine Mehrheitskultur definieren. Die Minderheiten - Muslims 14 Prozent und Christen (2,3 Prozent) - werden damit zu Gästen im eigenen Land. Damit steht die Legitimität anderer Religionen zur Frage. Eine Konversion steht in einer zunehmenden Zahl von Bundesstaaten wie Chhattisgarh, Madhya Pradesh und Gujarat unter Strafe.

In der Kolonialzeit nahmen die Briten an, dass Indien einen geringen gesellschaftlichen Zusammenhalt habe. Nur dank der ausländischen Kolonialherrschaft könne ein Bürgerkrieg zwischen den Hindus und Muslims vermieden werden.

5.2 Teilung Pakistan-Indien 1947    

Mit der staatlichen Trennung 1947 und Emigration von Muslims nach Pakistan und Hindus und Sikhs nach Indien, trotz regionaler Konfliktherde und innergesellschaftlicher Probleme, ist eine große Krise ausgeblieben.

Der Staat hat in der Folge eine bemerkenswerte Flexibilität im Umgang mit separistischen, sozialrevolutionären und politischen Konflikten entwickelt. Wirkung zeigte eine Mischung von staatlicher Gewalt, Verhandlungsgeschick und Überzeugungsarbeit. Gelungen ist eine Balance zwischen den zahlreichen Interessengruppen und damit eine Loyalität der Minderheiten zum Staatswesen.

5.3 Indische Demokratie    

Indien gelang eine politische und gesamtgesellschaftliche einzigartige Leistung.

Voraussetzung ist die indische Demokratie mit

  • der Möglichkeit einer Repräsentierung der Interessen der Bevölkerungsgruppen,
  • der Aushandlung im politischen Diskurs der Interessen und
  • dem Säkularismus als Grundprinzip des Staatswesens.
Säkularismus wird in Indien nicht als Privatisierung der Religion, vielmehr als Gegenbegriff zum "Kommunalismus" verstanden. Dieser gilt als Haltung, dem die Solidarität der eigenen kulturell-religiösen Gemeinschaft und nicht dem Ganzen der Nation gilt.

Säkularismus ist die Neutralität des Staates zu Religionen, wobei umstritten die Umsetzung im schulischen Bereich, staatlichen Zeremoniell und öffentlichen Leben ist. Viele Hindus sehen darin im Verhalten der Kongresspartei eine Bevorzugung der Minderheiten gegenüber der hinduistischen Mehrheit.

Kontrovers ist die in der Verfassung kodifizierte Förderung benachteiligter Bevölkerungsgruppen ("Kastenlosen", Dalits/ Unterdrückten, Adivasi/ Urbevölkerung; vgl. Artikel 15 der Verfassung). Immerhin werden vom Staat rund ein Viertel der Bevölkerung mit gezielten Maßnahmen unterstützt. Nach der langen Unterdrückung sollen sie zu Bildung, Wohlstand und ein eigener Stimme finden.

Verfassung der Republik Indien > https://www.verfassungen.net/in/verf49-i.htm (3.9.2023)

6 Wirtschaft und Politik    

Anfang der neunziger Jahre beginnt ein starkes Wirtschaftswachstum, das ein wichtiges Element des gesamtgesellschaftlichen Zusammenhalts Indiens bildete. Damit beginnt auch ein selbstbewusstes Auftreten auf der internationalen Ebene, wie man bei Indiens erstem Premierminister Jawaharial Nehru als einem Gründer der Blockfreien-Bewegung erkennen konnte.

Er lehnte zwar einen staatlichen Dirigismus wie in der Sowjetunion ab, bevorzugte aber eine "gemischte Ökonomie". Ein starker Staat und Fünfjahrespläne, hohe Zölle für die Einfuhr von Industrieprodukten blieben bis in die neunziger Jahre Eckpunkte der Wirtschaftspolitik. Nehrus Tochter Indira Gandhi ließ das Bankenwesen zu einem großen Teil verstaatlichen. den achtziger Jahren lieferten die staatlichen Betriebe immer mehr Verluste.

Indisches Wirtschaftssystem > https://www.bpb.de/themen/asien/indien/44512/wirtschaftssystem-und-wirtschaftliche-entwicklung-in-indien/ (4.9.2023)

Eine Zahlungsbilanzkrise 1991 erforderte eine Politik der Wirtschaftsliberalisierung, die Indien ein anhaltendes Wirtschaftswachstum von teilweise mehr als acht Prozent pro Jahr brachte (2006/2007 8,2 Prozent). Damit erlangte die Nation internationale Aufmerksamkeit im 21. Jahrhundert. Indien stieg in Asien zum Konkurrenten Chinas in Asen auf > https:///www.bpb.de/themen/asien/indien/181832/partner-und-rivalen/ (4.9.2023).

Seit den Atomtests von 1998 wurde Indien zur Atommacht und wurde politisch akzeptiert, rüstete sein Militär mit entsprechenden Trägersystemen aus.

Der Nachbarstaat Pakistan als ebenfalls Atommacht, vor allem wegen der ungeklärten Ansprüche von Jammu und Kaschmir mit Indien verfeindet. Inzwischen haben beide Staaten ein stabilen Verhältnis erreicht und erkennen, dass ein Wirtschaftswachstum wichtiger ist als machtpolitische Interessen in der Region.

Familie Nehru > https://www.bpb.de/themen/asien/indien/44456/die-indischen-kennedys/ (4.9.2023)

7 Perspektiven einer aufstrebenden Großmacht    

Trotz der Entwicklungsfortschritte Indiens hat ein großer Teil der Bevölkerung keinen Anteil an der positiven Entwicklung. Viele Bauern können nicht rentabel wirtschaften. Ein großer Teil der Bevölkerung lebt in den Slums der Städte und in Dörfern in absoluter Armut und hat keine Chance auf Bildung und sozialen Aufstieg.

Es gibt viele Faktoren, die Entwicklungsfortschritte bedrohen. Separatistische Bewegungen, Religionskonflikte und radikal inspirierte Kämpfer bedrohen die innere Sicherheit > https://www.bpb.de/themen/asien/indien/44474/naxaliten-groesste-herausforderung-fuer-die-innere-sicherheit (5.9.2023).

Bedenklich ist auch, dass von einem ökologisch nachhaltigen Wachstum kaum die Rede ist. Ressourcen wie das Land, Wasser, Bodenschätze und Luft werden sorglos verbraucht. Urbane Ballungszentren ufern aus. Das Verkehrsaufkommen hat riesige Ausmaße angenommen.

Kleine Erfolgen ergeben sich aus den bemerkenswerten Kräften einer Selbstorganisation der indischen Gesellschaft.

Für den wirtschaftlichen Wachstumskurs ist eine erfolgreiche Außenpolitik ein wesentlicher Faktor. Innenpolitisch gilt eine gesellschaftliche Balance zwischen den vielfältigen Gruppierungen im Lande zu halten und einen sozialen Ausgleich zu vergrößern.

Viele Initiativen der Zivilgesellschaft setzen sich etwa ein für eine Alphabetisierung, Aids-Opfer, Gesundheitseinrichtungen, die Stammesbevölkerung, gegen Tierversuche und Mitgiftmorde.

Sorgen bereitet die Jobkrise. Versäumt wurde der Aufbau einer arbeitsintensiven Fertigungsindustrie wie China, Japan oder Südkorea sich damit aus der Armut befreiten.

https://www.sn.at/politik/weltpolitik/indien-wird-voellig-ueberschaetzt-144311560

https://www.msn.com/de-at/nachrichten/other/indien-will-nicht-mehr-indien-heißen/ar-AA1giR6a?ocid=msedgdhp&pc=U531&cvid=4c3573deb790444bb2a156b9c4adaf83&ei=12 (6.9.2023)

Literaturhinweise    

Angeführt sind Titel, die für den Beitrag verwendet und/ oder direkt zitiert werden.

Arndt M.- Baumann M.M. (Hrsg.) (2016): Indien verstehen. Thesen, Reflexionen und Annäherungen an Religion, Gesellschaft und Politik, Wiesbaden

Bundeszentrale für politische Bildung/ Autor Heinz Werner Wessler: Indien - eine Einführung. Herausforderungen im 21. Jahrhundert > https://www.bpb.de/themen/asien/indien/44581/indien-eine-einfuehrung/ (28.8.2023)

Dreze J.- Sen A. (2014): Indien - Ein Land und seine Widersprüche, München

Müller H. (2007): Weltmacht Indien: Wie uns der rasante Aufstieg herausfordert, Frankfurt/M.

Schulz O. (2023): Neue Weltmacht Indien - Geostratege, Wirtschaftsriese, Wissenslabor, Frankfurt/M.

Mody A. (2023): India Is Broken, Stanford Press, Redwood City/ CA

zur Nedden Chr. (2023): Indien wird völlig überschätzt, in: Salzburger Nachrichten, 28. August 2023, 5

 
© die jeweiligen Autoren zuletzt geändert am 24. September 2023