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Sowjetunion

Sowjetunion    

Ein Beitrag zur reflexiven Landeskunde in der Didaktik der Politischen Bildung    

Günther Dichatschek

Inhaltsverzeichnis dieser Seite
Sowjetunion   
Ein Beitrag zur reflexiven Landeskunde in der Didaktik der Politischen Bildung   
Vorbemerkung   
DIDAKTISCHE ÜBERLEGUNGEN   
1 Einleitung   
2 Interpretation der Geschichte   
EINZELTHEMEN/AUSWAHL   
3 Russische Revolution 1917   
4 Die Macht der Bilder   
5 Orden und Medaillen   
6 Konsumgüterindustrie   
7 Datscha   
8 Kur- und Erholungswesen für Werktätige   
9 Alltag - Kommunalka, Baracken und Wohnheime   
10 Plattenbauten   
11 Dissidentenbewegung   
REFLEXION   
12 Anmerkungen   
Literaturverzeichnis   
IT-Autorenbeiträge   
Zum Autor   

Vorbemerkung    

Der Beitrag versteht sich als Versuch, reflexiv landeskundlich der Sowjetunion in der Politischen Bildung sich zu nähern und ihrer Bedeutung entsprechend beispielhafte Phänomene aufzuzeigen und in einen politischen Denk- und Handlungsprozess einzuordnen(vgl. SCHLÖGEL 2018).

Themenbereiche sind didaktische Überlegungen, die Russische Revolution, die Macht von Bildern in der historischen Epoche, Orden und Medaillen, der Konsumgüterindustrie, die Datscha, Erholungsheime für Werktätige, der Alltag, Plattenbauten, die Dissidentenbewegung und eine Reflexion.

  • Im Fall der Sowjetunion zeigt es sich, dass ein Imperium beendet wurde(vgl. HILDERMEIER 1998, ALTRICHTER 2009).
  • Ein neuer Blick eröffnet sich auf ein Land, das von Kriegen, Revolutionen und politisch, ökonomisch und kulturellen Entwicklungen gekennzeichnet wurde und über ein riesiges Territorium verfügt(vgl. INGOLD 2007, FIGES 2015).
Sich den Erfahrungen der Zäsur, einer Wende und neuer Strukturen zu nähern, soll den Blick schärfen, zumal das 20. Jahrhundert sowjetisch gekennzeichnet war(vgl. GOEHRKE 2010).

  • Man denke an zwei Weltkriege und die Begründung eines Imperiums in neuer Form.
  • Als Gegenpol zum kapitalistischen Weltmarkt, als Aufstieg zur Welt- und Atommacht von der Elbe bis zum Pazifik, als Vielvölkerreich in Europa und Asien erreicht die Sowjetunion wesentliche Bedeutung(vgl. KAPPELER 2008).
Hinzuweisen ist auf den IT-Autorenbeitrag http://www.netzwerkgegengewalt.org > Index: Internationale Politik, Pkt. 2.5


Ausgangspunkt der folgenden Überlegungen sind die

  • Absolvierung des 10. Universitätslehrganges Politische Bildung/ Universität Salzburg-Klagenfurt,
  • Absolvierung des 6, Universitätslehrganges Interkulturelle Kompetent/ Universität Salzburg,
  • Absolvierung der Weiterbildungsakademie Österreich/ Wien,
  • Absolvierung des Fernstudiums Erwachsenenbildung/ Evangelische Arbeitsstelle Erwachsenenbildung-Comenius Institut Münster,
  • Absolvierung des 4. Internen Lehrganges für Hochschuldidaktik/ Universität Salzburg und
  • der Lehrauftrag im Fachbereich Geschichte/ Universität Salzburg-Lehramt-Didaktik der Politischen Bildung.
  • Die Auseinandersetzung mit der Fachliteratur ist ein wesentlicher Bestandteil der Thematik.
DIDAKTISCHE ÜBERLEGUNGEN    

1 Einleitung    

Im Folgenden geht es nicht um neue Aspekte der Geschichte der Sowjetunion, vielmehr soll man sich neuerlich

  • der Geschichte,
  • der Lebensform des Landes,
  • der Bildungsentwicklung,
  • der Praktiken,
  • Werte und Alltagspraktiken stellen.
Lebenswelten können stabiler als politische Systeme sein. Dies zeigt sich in der Sprache, dem Baustil, der Infrastruktur, Umgangsformen, Bildungswegen, Biografien, Erinnerungen bzw. Rückbesinnungen mit Aufarbeitungsstrategien(vgl. die Erinnerungskultur des British Empire, Osmanischen Reiches, der Donaumonarchie und vergleichsweise des Sowjetimperiums).

Ein solcher Aspekt der Politischen Bildung, verstanden als Rückbesinnung und Reflexion,

  • sichtet Spuren,
  • findet Anhaltspunkte und
  • bildet Grundlagen für Analysen.
  • Grundlagen werden über eine Welt, die nicht mehr bzw. möglicherweise teilweise nur mehr besteht, gebildet.
Diese Fragmente interessieren natürlich eine Politische Bildung in Form einer reflexiven Landeskunde. Beispiele bilden

  • Texte, Schriften oder Bücher,
  • Presseprodukte, Wochenschau-Material oder Propagandafilme,
  • auch bauliche Anlagen und Denkmäler(vgl. Wohnungsbauten, Anlagen, Plätze, Mausoleumsbauten),
  • Strände an der "Roten Riviera" und
  • lebensgeschichtliche Erfahrungen.
Sozialisationsbedingungen bringen eine Verschiebung der Blickrichtung mit sich.

  • Die Sozialisation in Wohn-, Arbeits- und Bildungs- bzw. Kultureinrichtungen war russozentrisch, überwiegend ausgerichtet auf Moskau und Leningrad.
  • Minderheiten und alternative Meinungen in der Sowjetunion hatten keine Möglichkeiten einer Öffentlichkeit.
In Museen und in Bau- bzw. Denkmalanlagen wurde

  • die sowjetische Welt vergegenwärtigt, vermittelt durch Exponate bzw. Artefakte.
  • Zeit, Orte, Objekte und
  • die Historie wurden anschaulich dokumentiert.
  • Es entstand eine eigene Erinnerungskultur.
2 Interpretation der Geschichte    

Das Auflösen eines Imperiums ist mit Unsicherheiten und Instablitäten verbunden(vgl. SCHLÖGEL 2018, 47-54).

  • Die Chance besteht, bisher nicht veröffentlichte Narrative und Objekte neu zu ordnen und zu dokumentieren.
  • Geschichte und politische Vorgänge können neu bedacht und interpretiert werden.
Von Interesse sind insbesondere Ausstellungen(vgl. dazu die Ausstellung "10 Jahre Chruschtschow" in der Perestroika-Zeit mit der Betroffenheit von Ereignissen im Alltag; SCHLÖGEL 2018, 48-49).

Geschichtliche Ereignisse spielen nicht nur in der Zeit, auch in Räumen eine Rolle.

  • Man denke an Spuren in authentischen Schauplätzen.
  • In der Sowjetunion wurden Gedenktafeln zur Praxis einer Erinnerungskultur(vgl. ihre Bedeutung für verdiente Parteifunktionäre, Kriegshelden, Gelehrte, Schriftsteller, Ingenieure und Künstler).
Ebenso sind Ruinen Orte, Geschichte zu interpretieren. Ihre Bedeutung liegt in der Geschichtlichkeit der Ereignisse und Dokumentationsfähigkeit an Ort und Stelle.

In der Sowjetunion spielen Überreste und Spuren von Gewalt eine besondere Rolle.

  • Man kann von einer Memoriallandschaft des Todes und Überlebens sprechen.
  • Die Karte der sowjetischen Lagerwelt weist darauf hin.
  • Orte der Massenexekutionen und des Gulag, der Wald von Lewaschowskoje polje oder das Kresty-Gefängnis in Leningrad, Orte der Massengräber und Soldatenfriedhöfe sind beispielhafte Ge(Be-)denkorte.
  • Der Reisende wird mit einer anderen Art von Gewalt konfrontiert(vgl. die Spuren des Vernichtungskrieges im Zweiten Weltkrieg, die Stätten der Judenmorde, das Massensterben im eingeschlossenen Leningrad).
Aus der Ideologie der Sowjetunion, ein "Vaterland der Werktätigen" zu sein, wurde die Arbeiterklasse besonders in der Gesellschaft hervorgehoben.

  • Der Übergang von einem Agrarland in ein Industrieland, die Zuteilung von Wohn- und Arbeitsplatz, Schul- und Weiterbildung(Abend- und Betriebsschulen), Kulturpaläste, das System der Erholungsräume und Sanatorien gehören in das Leben der Bevölkerung.
  • Der Stellenwert der Großstädte und Industriezentren ist ein Merkmal sowjetischer Wiederaufbauleistung.
  • Zu würdigen sind die zahlreichen Werkmuseen der ehemaligen Sowjetunion.
EINZELTHEMEN/AUSWAHL    

3 Russische Revolution 1917    

Didaktische Überlegungen zur Russischen Revolution betreffen

  • Memoiren der Teilnehmer, Mitwirkenden und Betroffenen,
  • Blickwinkel der Sieger und der Davongekommenen, Geflüchteten und Untergetauchten sowie
  • Augenzeugen und Forschenden.
Versucht werden Antworten auf die Hintergründe, Ereignisse und ihre Darstellung und die Etablierung einer neuen Machtstruktur.

Es ist ein Erkenntnisprivileg, dabei gewesen zu sein.

  • Zeitzeugen jener "Zehn Tage, die die Welt erschütterten", waren noch am Leben, als die Sowjetmacht zu Ende ging.
  • Nachgeborene können auf die Erkenntnisse aus Archivarbeit, Quellenstudium, Dokumentationen, Zeitzeugenberichten und Forschungsarbeiten zur Einordnung der Ereignisse zurückgreifen(vgl. HILDERMEIER 1998, INGOLD 2007; SCHLÖGEL 2018, 59-60).
4 Die Macht der Bilder    

Vorstellungen und Annahmen von einem sozialistischen Leben setzen sich zu einem guten Teil aus Bildern zusammen. Ob es Schwarz-Weiß-, Farb- oder Filmaufnahmen waren, Bilder vermitteln damals und heute Authenzität und Gegenständlichkeit.

Dargestellt wurden Motive von Werktätigen, "Helden der Arbeit", Industrie- und Werkanlagen, landwirtschaftlichen Genossenschaften, Kultur- und Sportgrößen mit ihren Erfolgen.

Vervielfältigt wurden die Aufnahmen in Medien aller Art, in Museen und Ausstellungen, auf Plakaten und Transparenten.

Das Bild der Epoche wurde besonders gepflegt in der Monatszeitschrift "SSSR na stroike" zwischen 1930 und 1941, die in vier fremdsprachigen Ausgaben erschien. Jedes der aufwendig gestalteten Hefte war der sozialen Umwälzung der Sowjetunion gewidmet(vgl. SCHLÖGEL 2018, 97, 99).

  • Zu beachten war der Umstand, das große Teile der Bevölkerung nicht lesen und schreiben konnten.
  • Zunehmende Bedeutung bekamen visuelle Medien.
  • Die Bildsprache war auf knappe und einprägsame Texte ausgerichtet.
  • Das Neue, Revolutionäre und Sozialistische sollte dargestellt werden.
  • Gegenüberstellungen bzw. Vergleiche wurden unter dem Motto von "gestern und heute" herausgearbeitet(vgl. Holzpflug-Traktor, Sackträger-Förderband, Pferdegespann-Autokolonne; neue Eisenbahnlinien, Flugzeuge, neue Verkehrswege).
Problematisch war die Darstellung der Kluft zwischen dem Ist-Zustand und dem Anspruch sozialistischer (Fünf-Jahres-)Pläne und deren Erfolge.

5 Orden und Medaillen    

Kennzeichnend für Staatssysteme ähnlicher Struktur wie die der Sowjetunion ist eine Auszeichnungskultur mit Abzeichen, Ehrenzeichen, Anerkennungsdiplomen, Erinnerungszeichen, zivilen und militärischen Orden(vgl. SCHLÖGEL 2018, 188-195).

Dieser Auszeichnungs- und Ordenskult beginnt bei Kindern und Schülern mit Abzeichen für Verdienste (Meritensystem).

In der Folge bedienst sich das System einer Vielfalt von sichtbaren Anerkennungen in allen Gesellschaftsbereichen.

  • Zu beobachten waren etwa monumentale Zeichen für Verdienste bei "Heldenstädten"(etwa Moskau, Leningrad, Kiew, Brest und Odessa),
  • an Bahnhöfen, Betrieben und Instituten mit Plaketten der verliehenen Orden,
  • in Schaukästen Bilder von Bestarbeitern,
  • sichtbar auf der Brust getragene Orden oder Medaillen aus dem militärischen, zivilen und sportlichen Bereich.
Das Tragen eines Ordens bzw. Medaille schuf eine Atmosphäre der Anerkennung und Achtung, eine Art positiver Diskriminierung(vgl. westliche Demokratiesysteme ohne Ordens- und Auszeichnungswesen vs. einem jährlichen Ordens- und Titelverleihritus in bestimmten westlichen Demokratien und Monarchien an vorgeschlagene verdiente Persönlichkeiten).

Im sowjetischen System zeigt sich ein soziologisches Phänomen der Elitenbildung und Standesbildung , gebildet in einer Meritokratie.

1934 wurde als wichtigster Orden der "Held der Sowjetunion" und 1938 der "Held der Sozialistischen Arbeit" gestiftet.

6 Konsumgüterindustrie    

Im Folgenden geht es um Bilder vom guten Leben in der Sowjetunion(vgl. SCHLÖGEL 2018, 264-280).

1939 erschien das "Buch vom schmackhaften und guten Essen", in der Folge kam es zu acht Auflagen mit rund 3,5 Millionen Exemplaren.

  • Die Daten weisen auf Zäsuren im Leben des Landes hin(1945 Ende des Zweiten Weltkrieges, 1952 19. Parteitag der KP und Höhepunkt der antiwestlichen Kampagne, 1965, 1971, 1974, 1981 und 1985 Jahre der zaghaften Reformen mit den Anfängen der Perestroika).
  • Als politisches Kochbuch mit einem Stalin-Zitat bildet es auf 400 Seiten Ratschläge, Rezepte und Bilder zu Ernährungsproblemen.
  • 1952 gibt es den Hinweis, dass nach dem Vorrang der Schwerindustrie die Zeit für eine Konsumgüterindustrie gekommen war.
  • Abbildungen von Konserven, Fisch und Wurst, Melonen und Zitrusfrüchten, Kornfeldern und Mähdreschern weisen darauf hin, dass der Sozialismus sich um eine Steigerung des Konsums sorgte.
  • Staatlicher Kontrolle garantierte Hygiene, ein geschlossenes Kollektiv von Technikern, Chemikern, Feinschmeckern und Arbeitern.
  • Die Frau soll von Haus- und Küchenarbeiten entlastet werden, neue Produkte werden vorgestellt(vgl. Tomatensaft mit Vitaminen, Mineralwasser als Massengetränke).
  • Eine Wirtschaftsentwicklung befreit von Hunger, Elend, Unterernährung und nützt die Ressourcen der Heimat.
Es geht neben der rationalen und gesunden Ernährung um das Einüben von guten Manieren, Musterküchen, Lebensmittelkunde, Speisekarten und Bildern von einem besseren Leben.

Angesprochen wird die Gastronomie und die Weiterführung alter kulinarischer Tradition.

Mit der Aktivierung der Konsumgüterindustrie und ihrer Bedeutung für den Alltag kommt es in der Folge zu einer Wiederentdeckung russischer Traditionen, auch mit dem Beginn der Perestroika.

7 Datscha    

In sowjetischer Zeit war die Struktur dieser Kleingartensiedlungen um die Großstädte gleichmäßig verteilt(vgl. SCHLÖGEL 2018, 291-302).

  • Die Grundstücke gehörten in der Regel Kooperativen, Betrieben oder Instituten.
  • Ein Netzwerk an Wegen in den Kolonien war kennzeichnend für die Waldlandschaften.
  • Breite Zufahrtsstraßen ermöglichten eine schnelle Anreise den Datscheneigentümern.
  • Die Datscha war Versorgungsbasis für Gemüse und Blumen, Erholungsort für Stadtbewohner und Sommersitz für die Nomenklatura, Reiche und Aufsteiger, in der Folge des wachsenden Mittelstandes in der Sowjetunion.
  • Sie war auch der 0rt der russisch-sowjetischen Kultur.
Die Datschenarchitektur ist das Spiegelbild einer Holzarchitektur aller Stilrichtungen, des Neorussischen, Neugotischen, Schweizer Chalet und englischen Landhauses.

Die Datschakultur war/ist auch Lebensform.

  • Sie bildet einen Schauplatz großstädtischer Gesellschaft, Ort von Reflexion und Treffpunkt einer Gesinnung("gesellschaftliches Biotop").
  • Als Sommerhaus bildet sie eine Kontaktzone von Stadt und Land bzw. Dorf.
8 Kur- und Erholungswesen für Werktätige    

Die Kurorte mit in ihren Einrichtungen stammen aus der Zarenzeit, sofern sie nicht im Krieg zerstört wurden. Zwischen 1880 und 1913 gewann das Kur- und Erholungswesen an Bedeutung(vgl. SCHLÖGEL 2018, 307-319).

Der Bauboom setzte mit der Schaffung der Jnfrastruktur ein.

  • Diese war abhängig von dem Bau der Eisenbahnen an die Schwarzmeer-Küste und der Befriedung des Kaukasus.
  • Notwendig waren Bauten wie Bahnhöfe, Hotels, Luxusgeschäfte, die Wasser-und Stromversorgung, Berg- und Seilbahnen, Promenaden, Lese- und Trinkhallen, Casinos, Telegraphen und Einrichtungen der Konfessionen.
  • Zielgruppen waren ausgewählte Gruppen wie Wohlhabende(Aufsteiger), Wissenschaftler, Schriftsteller und der Mittelstand in Form der Funktionärsschicht und die Nomenklatura.
  • Die "Kaukasische Riviera" um Sotschi und die Krim erlangten mit ihren Einrichtungen besondere Bedeutung.
  • Als beispielhaft propagiertes Bauwerk in der gesamten Union galt das von 1931 bis 1934 erbaute Woroschilow-Sanatorium der Roten Armee in Sotschi.
In den letzten Jahrzehnten der Sowjetunion kam es zu einer Expansion des Kur- und Erholungswesens.

9 Alltag - Kommunalka, Baracken und Wohnheime    

Kommunalka ist der Begriff für eine Gemeinschafts- oder Kommunalwohnung, in der Menschen zusammenleben, die zu Nachbarn wurden, weil sie gezwungenermaßen in eine Gemeinschaftswohnung zusammengezogen waren(vgl. SCHLÖGEL 2018, 324-325).

  • Eine Zwangs- und Notgemeinschaft von fremden Menschen, auf Dauer, mitunter ein Leben lang, eine Ausnahmesituation, die zum Alltag wurde.
  • Der Ort für dieses typisch sowjetische Biotop waren zumeist Altbauwohnungen von wohlhabenden Bürgern vor der Revolution, vor allem in St. Petersburg und Moskau.
Nach der Enteignung wurden Angehörige der revolutionären Klasse einquartiert und teilten sich die Räume untereinander auf. Pro Zimmer lebten dann ganze Familien, auf engstem Raum.

  • Ende der fünfziger Jahre lebten so rund 25 Millionen Familien in Kommunalkas, Baracken oder Wohnheimen. Bis 1958 waren die Kommunalwohnungen der Typ der städtischen Wohnung.
  • 1960 lebten in Moskau rund 60 Prozent in solchen Unterkünften. 1970 waren es nach einem verstärkten Wohnbauprogramm noch 40 Prozent.
Mit dem Ende der Sowjetunion war auch das Ende dieser Unterkünfte gekommen. Das Ende der Kommunalka-Welt bedeutete den Beginn einer Privatsphäre in den Plattenbauten.

10 Plattenbauten    

Das Gesicht der Städte, das Gesicht des Landes und das Gesicht des sowjetisch beherrschten östlichen Europas hat sich durch die Plattenbausiedlungen verändert. Neben den baulichen Eigenheiten wurde auch die Lebensform der Generationen beeinflusst(vgl. SCHLÖGEL 2018, 442-449).

Der Prozess der Urbanisierung in einer agrarisch geprägten Welt erhielt nunmehr eigene Elemente.

  • Europa war bisher gekennzeichnet von der Geschichte der Hochkulturen, der Polis, der Agora, des Forums, der Marktplätze und Bürgerstädte sowie einer sich entwickelnden Kultur der Großstädte.
  • Errungenschaften waren privater Besitz, Individualität und Leben im Gemeinwesen in Vielfalt.
Der Massenwohnungsbau wurde zwar in der westlichen Welt in der Epoche der Industrialisierung begonnen, kennzeichnend wurde er für die sowjetisch beeinflusste Welt.

  • Am Ende der Sowjetunion hatte der industriell vorgefertigte Wohnungsbau einen Anteil von 75 Prozent.
  • 170 Millionen Menschen lebten in Plattenbauten.
  • Gegensätze gab es in alten und neuen Städten, etwa in Kiew mit Anlagen alter Bauwerke und Wohnlandschaften der Neubauviertel.
Schwächen der Plattenbauten waren neben dem Massenwohnbau und der Siedlungsform die geringe Raumhöhe von 2.4 Metern, dünne Wände, das kleine Bad mit Sitzbadewanne und die sechs Quadratmeter große Küche.

Vorteile waren angesichts der Wohnungsnot die kurze Zeit und die geringen Kosten eines Errichtung. Im Zeitraum von 1956 bis 1965 konnten etwa 108 Millionen Sowjetbürger eine neue Wohnung beziehen. Wichtige soziale Einrichtungen - Spielplätze, Kindergarten, Schule und Kulturzentrum - wurden im Laufe der Zeit berücksichtigt.

11 Dissidentenbewegung    

Dissidenten sind Oppositionelle in Diktaturen und totalitären Staaten. Diese betreffen den politischen, sozialen und kulturellen Bereich, ebenso den Bereich anerkannter bzw. nicht anerkannter Religionsgemeinschaften.

  • Für den sowjetischen Bereich beschreibt Roi A. MEDWEDEW in seinem Buch "Let History Judge: The Origins and Consequences of Stalinism"(1989) die Verbannung von Dissidenten im Stalinismus und die in den sechziger Jahren entstehende Gegenbewegung zu einem demokratischen Sozialismus.
  • In den siebziger Jahren sind Dissidenten vorwiegend oppositionelle Künstler und Intellektuelle(Bürgerrechtler).
  • Die Dissidentenbewegung entstand am Ende des post-stalinistischen Massenterrors. Anstoß war 1965 die Verhaftung der Schriftsteller A. Sinjawski und J. Daniel, die eine Kampagne für Bürgerrechte auslöste.
  • Zu beachten ist die Zusammenarbeit von russischen Vertretern mit westlichen Menschenrechtsaktivisten(vgl. IT-Hinweis).
  • Prominente Beispiele für Dissidenten in der Union bzw. sowjetisch dominierten Staaten waren A. Sacharow, A. Solschenizyn, M. Dilas, W. Bukowksi und V. Havel.

IT-Hinweis

http://www.geschichte-menschenrechte.de/schluesseltexte/moskauer-menschenrechtler-an-amnesty-international [30.7.2018]).


REFLEXION    

12 Anmerkungen    

Als Staat und politisches System ist die Sowjetunion

  • Geschichte und
  • Gegenstand der Historischen Politischen Bildung.
Reflexive Landeskunde vervollständigt das Bild einer vergangenen Epoche und stellt ein zusätzliches didaktisches Element dar.

Gleichzeitig ist dies eine pädagogische Herausforderung für Schule und Erwachsenen- bzw. Weiterbildung(vgl. HUFER 2016; DICHATSCHEK 2017a,b).

Das politische, soziale und kulturelle Selbstverständnis hinterlässt im heutigen Russland und den früheren Teilrepubliken der Sowjetunion seine Spuren.

Die ausgewählten Themen weisen auf spezifische Aspekte von Werten, Normen, Sitten und Rituale, Lebensgewohnheiten, Bildung und Kunst, Planungen und Bauten hin. Die politische, ökonomische, sozial-kulturelle Dimension ist zu berücksichtigen.

  • Es ist selbstverständlich, dass dies das Interesse von Politischer Bildung im Teilbereich "Landeskunde" findet.
  • Reflexives Lernen und Lehren benötigt dazu Bezugswissenschaften. Dazu gehören die
    • Politische Bildung als vernachlässigte Disziplin,
    • Politikwissenschaft,
    • Internationale Politik,
    • Didaktik der Politischen Bildung,
    • Didaktik der Erwachsenen- bzw. Weiterbildung,
    • Interkulturelle Kompetenz und
    • Fachdidaktik der Geschichte.
  • Die Auseinandersetzung mit der Fachliteratur vervollständigt die Möglichkeit einer zeitgemäßen didaktischen Aufarbeitung.
Um das heutige Russland zu verstehen, bedarf es der Kenntnis des früheren Sowjetimperiums (vgl. INGOLD 2007, KAPELLER 2008).

Literaturverzeichnis    

Angeführt sind jene Titel, die für den Beitrag verwendet und/oder direkt zitiert werden.


Altrichter H.(2009): Russland 1989. Der Untergang des sowjetischen Imperiums, München

Dichatschek G.(2017a): Didaktik der Politischen Bildung. Theorie, Praxis und Handlungsfelder der Fachdidaktik der Politischen Bildung, Saarbrücken

Dichatschek G.(2017b): Erwachsenen - Weiterbildung. Ein Beitrag zu Theorie und Praxis von Fort- bzw. Weiterbildung, Saarbrücken

Figes O.(2015): Hundert Jahre Revolution. Russland und das 20. Jahrhundert, Berlin

Goehrke C.(2010): Russland. Eine Strukturgeschichte, Paderborn-München-Zürich

Hildermeier M.(1998): Geschichte der Sowjetunion 1917-1991, Entstehung und Niedergang des ersten sozialistischen Staates, München

Hufer Kl.-P.(2016): Politische Erwachsenenbildung. Plädoyer für eine vernachlässigte Disziplin, Bundeszentrale für politische Bildung, Schriftenreihe Bd. 1787, Bonn

Ingold F.Ph.(2007): Russische Wege: Geschichte, Kultur, Weltbild, München

Kappeler A.(2008): Russland als Vielvölkerreich. Entstehung-Geschichte-Zerfall, München

Medwedew R.A.(1989): Let History Judge: The Origins and Consequences of Stalinismn, Columbia University Press

Schlögel K.(2018): Das sowjetische Jahrhundert. Archäologie einer untergegangenen Welt, Bundeszentrale für politische Bildung, Schriftenreihe 10182, Bonn

IT-Autorenbeiträge    

Die Autorenbeiträge dienen der Ergänzung der Thematik.


Netzwerk gegen Gewalt

http://www.netzwerkgegengewalt.org > Index:

Politische Bildung

Internationale Politik

Fachdidaktik Geschichte

Interkulturelle Kompetenz

Erwachsenenbildung

Globales Lernen

Zum Autor    

APS-Lehramt (VS-HS-PL), zertifizierter Schüler- und Schulentwicklungsberater(1975 bzw. 1999), Lehrbeauftragter am PI des Landes Tirol-Berufsorientierung(1990-2002), Mitglied der Lehramtsprüfungskommission für die APS beim Landesschulrat für Tirol(1993-2002)

Absolvent des Instituts für Erziehungswissenschaft/ Universität Innsbruck/Doktorat(1985), des 10. Universitätslehrganges Politische Bildung/ Universität Salzburg/MSc(2008), der Weiterbildungsakademie Österreich/Wien/Diplome(2010), des 6. Universitätslehrganges Interkulturelle Kompetenz/ Universität Salzburg/Diplom(2012), des 4. Internen Lehrganges für Hochschuldidaktik/ Universität Salzburg/Zertifizierung(2016), des Fernstudiums Erwachsenenbildung/ Evangelische Arbeitsstelle Fernstudium - Comenius Institut Münster/Zertifizierung(2018)

Lehrbeauftragter am Institut für Erziehungs- bzw. Bildungswissenschaft/ Universität Wien/Berufspädagogik-Vorberufliche Bildung(1990-2011), am Fachbereich Geschichte/ Universität Salzburg/Lehramt-Didaktik der Politischen Bildung(ab 2015/2016)

Kursleiter/Lehrender an den Salzburger VHSn Zell/See, Mittersill, Saalfelden und Stadt Salzburg(ab 2012), Mitglied der Bildungskommission der Evangelischen Kirche A. und H.B. Österreich(2000-2011), stv. Leiter des Evangelischen Bildungswerks in Tirol(2004-2009, ab 2017)

Aufnahme in die Liste der sachverständigen Personen für den Nationalen Qualifikationsrahmen/NQR - Koordinierungsstelle für den NQR/Wien(2016)


MAIL dichatschek (AT) kitz.net

 
© die jeweiligen Autoren zuletzt geändert am 29. Oktober 2018