Netzwerk Gegen Gewalt - Ein Offenes WikiWeb - Jeder kann sich beteiligen!

Oesterreich

Österreich    

Ein Beitrag zur Landeskunde in Politischer Bildung    

Günther Dichatschek

Inhaltsverzeichnis dieser Seite
Österreich   
Ein Beitrag zur Landeskunde in Politischer Bildung   
Vorbemerkung   
1 Politisches System   
1.1 Verfassungsgrundsätze   
1.2 Bundesebene   
1.2.1 Europäische Ebene   
1.2.2 Gesetzgebung(Legislative)   
1.2.3 Verwaltung(Exekutive)   
1.2.4 Gerichtsbarkeit(Judikative)   
1.3 Sozialpartnerschaft   
1.4 Direkte Demokratie   
1.5 Landesebene   
1.5.1 Bundesland/Länder   
1.5.2 Bezirke   
1.5.3 Gemeinden   
1.6 Kritik   
2 Politische Einstellungen   
2.1 Politik-Demokratie   
2.2 Arbeit-Arbeitsmarkt   
2.3 Familie-Partnerschaft-Geschlechtsrollen   
2.4 Religion - Säkularisierung und Pluralisierung   
2.5 Sozialer Zusammenhalt - Diversität und Solidarität   
2.6 Europa   
Reflexion   
Literaturverzeichnis   
IT-Autorenbeiträge   
Zum Autor   

Vorbemerkung    

Wenn ein Österreicher einen Beitrag zur Landeskunde in Politischer Bildung über sein eigenes Land verfasst, kann dies nur ein Versuch sein, möglichst objektiv das Land zu charakterisieren, Phänomene aufzuzeigen, Eindrücke zu beschreiben und die vorhandene Literatur der Politischen Bildung einzubinden.

Als Tourismusland gilt Österreich als Land in Mitteleuropa mit schönen unterschiedlichsten Landschaften(Seen, Bergen, Hügellandschaften, Flüssen, Nationalparks, Ebenen, Steppenlandschaften) , zwischen Bodensee und Neusiedler See, mit neun Bundesländern und einer historisch und kulturell interessanten Bundeshauptstadt Wien, Bilderdörfern, einer ausgebauten Verkehrsstruktur mit Bahn und Bus, Fest- und Sommerspielen, einem Wintersportland und zunehmend pluraler Gesellschaft.

Aus der historisch bedeutenden k. und k. Monarchie wurde eine demokratische Republik mit einer Bundesverfassung aus dem Jahre 1920/1929; ein Mitgliedsland der Vereinten Nationen, des Europarates und der Europäischen Union.

Als Lehrender und Erwachsenenbildner kennt man die Vielfalt im Lande, seine Stärken und Schwächen, unterschiedlichste Kultur- und Bildungseinrichtungen und hat Erfahrungen mit EU-Bildungsprogrammen.

Der Beitrag erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit, er ist eine persönliche Sicht eines Landes in der Mitte Europas.

Österreich ist ein Land, das Europa braucht und Europa benötigt Österreich.


Ausgangspunkt der folgenden Überlegungen sind die Absolvierung

  • des Universitätsstudiums Erziehungswissenschaft/ Universität Innsbruck,
  • der Universitätslehrgänge Politische Bildung und Interkulturelle Kompetenz/ Universität Salzburg-Klagenfurt,
  • der Weiterbildungsakademie Österreich/ Wien
  • des Fernstudiums Erwachsenenbildung/ Comenius-Institut Münster und
  • die Lehrtätigkeit als Lehrbeauftragter an der Universitäten Wien und Salzburg sowie
  • die Lehrtätigkeit an den VHSn des Landes Salzburg und im Evangelischen Bildungswerk in Tirol.
  • Die Auseinandersetzung mit der Fachliteratur bedeutet einen wesentlichen Faktor des Kenntnisstandes (vgl. RIESEBRODT 2000, PELINKA-ROSENBERG 2003, DACHS-GERLICH-GOTTWEIS-KRAMER-LAUBER-MÜLLER-TALOS 2008, PELINKA 2008, HAMANN 2009, FRANZKE 2013, VOCELKA 2013, SIEBENHAAR 2017, DICHATSCHEK 2017ab/2019, BUSSJÄGER 2018, AICHHOLZER-FRIESL-HAJDINJAK-KRITZINGER 2019).

Die Gliederung des Beitrages ergibt sich aus der Erfahrung der Lehrtätigkeit in Politischer Bildung und der Notwendigkeit eines demokratischen Verständnisses im Rahmen einer Demokratieerziehung (vgl. DICHATSCHEK 2017ab, 2019).

  • Der Beitrag umfasst das politische System und politische Einstellungen des Landes.
  • Themenbereiche sind die Verfassungsgrundsätze, Bundesebene, Sozialpartnerschaft, direkte Demokratie und Landesebene sowie die politischen Verhältnisse von Politik-Demokratie, Arbeit-Arbeitsmarkt, Familie-Partnerschaft-Geschlechterrolle, Religion-Säkularisierung-Pluralisierung, sozialer Zusammenhalt und Europa.
1 Politisches System    

Das politische System der Republik Österreich beruht auf dem Grundsätzen der/des

  • Demokratie,
  • republikanischen Staatsform,
  • Gewaltenteilung,
  • liberalen Prinzips und der
  • Zugehörigkeit zu den Vereinten Nationen(UNO), zum Europarat(ER) und der Europäischen Union(EU).
Wesentliche Rechtsgrundlagen des politischen Systems sind der Vertrag von Lissabon über die Struktur der EU und die Bundesverfassung 1920/1929.

Das EU-Mitglied "Republik Österreich" ist eine semipräsidiale parlamentarische Demokratie. Das Verhältniswahlrecht bestimmt die Größe der wahlwerbenden Parteien, die zumeist Koalitionen zu einer Regierungsbildung bilden müssen. Die staatstragenden Parteien spielen eine zentrale Rolle im politischen Leben des Landes.

Der EU-Vertrag regelt die Aufgabenverteilung zwischen den neuen Bundesländern und dem Bund durch das "Bundesverfassungsgesetz"(B-VG). Über die Einhaltung des Vertrages wacht der Europäische Gerichtshof/Luxemburg, über die Bundesverfassungsgesetze der nationale Verfassungsgerichtshof/Wien.

1.1 Verfassungsgrundsätze    

Das demokratische Prinzip beruht auf dem Grundsatz, dass alles staatliche Recht vom Volk ausgeht. Artikel 1 des B-VG legt fest, dass Österreich eine repräsentative Demokratie ist, es werde demnach alle Repräsentanten gewählt. Artikel 26 des B-VG legt freie und geheime Wahlen fest. Als wichtiges Element gilt die direkte Demokratie, die durch Volksbegehren, Volksbefragung und Volksabstimmung gewährleistet wird.

Das republikanische Prinzip betrifft die Staatsform. Seit dem, 12. November 1918 ist Österreich eine Republik, seit 1920 an der Spitze mit einem Bundespräsidenten als Staatsoberhaupt. Dieser wird alle sechs Jahre von den Wahlberechtigten gewählt(Artikel 60, Abs. 5 des B-VG).

Das bundesstaatliche Prinzip legt fest, dass das Land kein Einheitsstaat, kein Staatenbund ist(Artikel 2 B-VG). Die neun Bundesländer haben in der Bundesverfassung und den jeweiligen Landesverfassungen eigene Gesetzgebung. Die Bereiche durch Bundesrecht und Landesrecht bestimmt die Bundesverfassung(Artikel 10-15).

Das rechtsstaatliche Prinzip schützt die Bürger vor staatlicher Willkür. Der Rechtsstaat gestattet die gesamte Tätigkeit nur auf Grund von geltenden Gesetzen, gewährleistet durch Gewaltenteilung und unabhängige Gerichte. Gewaltenteilung bedeutet die Trennung von Gesetzgebung, Verwaltung und Gerichten. Kontrollrechte garantieren eine Rechtsstaatlichkeit.

Das liberale Prinzip garantiert dem Bürger durch Grund- und Freiheitsrechte persönliche Freiheit. Kodifiziert ist das Prinzip durch die im Verfassungsrang stehende "Europäische Menschenrechtskonvention"(EMRK) und das Staatsgrundgesetz 1867.

1.2 Bundesebene    

Im Folgenden werden die europäische Ebene, die Gesetzgebung, Verwaltung und Gerichtsbarkeit angesprochen. Im Selbstverständnis einer Demokratie gelten diese Ebenen zentral für eine Gewaltenteilung im Staat(vgl. PELINKA-ROSENBERGER 2003, PELINKA 2008, 431-461).

1.2.1 Europäische Ebene    

Außenminister Dr. Alois Mock suchte um Beitritt in die damalige EWG am 17. Juni 1989 an.

  • Am 12. Juni 1994 erfolge die Volksabstimmung mit der Annahme von 66,58 Prozent.
  • Am 24. Juni wurde der Beitrittsvertrag unterzeichnet. Am 1. Jänner 1995 erfolgte der Beitritt.
  • Im Jahre 2000 wurde Österreich für die Regierungsbeteiligung der FPÖ mit Sanktionen belegt. Dies könnte mit ein Grund für eine EU-Skepsis der Bevölkerung sein.
  • 1999 trat Österreich der Eurozone bei, 2002 wurde der Euro als Bargeld eingeführt.
Kompetenzen vor allem in der Wirtschaft und Landwirtschaft, im Verkehr, Umweltschutz, der Energiepolitik und im Konsumentenschutz wurde an die EU abgegeben.

  • Europarecht hat Vorrang vor nationalen Rechtsverordnungen.
  • EU-Verordnungen sind unmittelbar anwendbar, EU-Richtlinien bedürfen bedürfen erst einer rechtlichen Umsetzung im nationalen Bereich.
Mit dem Vertrag von Lissabon stellte Österreich 19 Abgeordnete im EU-Parlament, seit 2014 sind es 18 Sitze. Je 12 Mitglieder werden in den Wirtschafts- und Sozialausschuss sowie in den Ausschuss der Regionen entsendet. Nominiert ist ein Mitglied in der Europäischen Kommission(2019 Johannes Hahn als Kommissar für Europäische Nachbarschaftspolitik und Erweiterungsverhandlungen.

1.2.2 Gesetzgebung(Legislative)    

Die gesamtstaatliche Gesetzgebung wird im Parlament(National- und Bundesrat) wahrgenommen. Beschlossen werden der Haushalt des Bundes und alle Bundesgesetze. Eine wichtige Aufgabe des Parlaments ist die Kontrolle der Bundesregierung.

Das Parlament ist kein echtes Zweikammersystem, da die Mitglieder des Bundesrates von den Landtagen entsendet werden, nur die Abgeordneten zum Nationalrat sind über Parteilisten vom Volk gewählt. Der Bundesrat ist keine gleichwertige Kammer und kann in den wenigsten Fällen ein Veto einlegen. Beide Kammern zusammen bilden die Bundesversammlung, welche bei die Angelobung des Bundespräsidenten vornehmen, bei der Absetzung des Bundespräsidenten eine Volksabstimmung ansetzen können und einen Krieg erklären können.

Der Nationalrat bildet die Abgeordnetenkammer der Republik Österreich, 183 Abgeordnete gehören ihm an, seit 2007 werden die Abgeordneten alle fünf Jahre gewählt. Mitglieder des Nationalrates haben ein freies Mandat, sind demnach juristisch von ihrer Partei oder Interessensgruppen unabhängig. Zur Erhaltung der Klubdisziplin genügt zumeist die Drohung, bei der nächsten Wahl nicht mehr aufgestellt zu werden. Das Präsidium des Nationalrates besteht aus drei Präsidenten, die neben der Sitzungsführung auch bei längerer Verhinderung des Bundespräsidenten die Vertretung des Staatsoberhaupts haben. Der Nationalrat spricht der Regierung das Vertrauen bzw. Misstrauen aus, der Bundespräsident hat entsprechend die Bestellung bzw. Abberufung durchzuführen.

Bundesgesetze werden im Parlament beschlossen, vorbereitet werden sie in den einzelnen Ausschüssen. Die Zustimmung des Bundesrates ist jedenfalls notwendig. Kein Einspruchsrecht besitzt der Bundesrat bei der Haushaltsgesetzgebung, den Finanzgesetzen und bei Gesetzen, die nur den Nationalrat betreffen, wie etwa seine Auflösung oder die Geschäftsordnung. Als zweite Kammer und Vertretung der Bundesländer auf Bundesebene(Länderkammer)werden die Mitglieder von den Landtagen entsandt. Ihre Anzahl wird nach jeder Volkszählung vom Bundespräsidenten festgelegt, dzt. sind es 61 Mitglieder(Stand 2019). Die Mitglieder sind den Landtagen nicht verantwortlich, sie besitzen ebenfalls ein freies Mandat. Der Bundesrat kann nur Gesetze aufschieben, nicht verhindern. Der Nationalrat kann eine Aufschiebung durch einen Beharrungsbeschluss verhindern, Ausnahmen sind Gesetze mit Kompetenzen der Bundesländer oder Gesetze, die nur den Bundesrat betreffen.

Gesetzesinitiativen können vom Nationalrat(Initiativantrag), von der Bundesregierung(Regierungsvorlage) oder vom Bundesrat kommen(Artikel 41 Abs. 1 B-VG). Volksbegehren mit mehr als 100 000 Unterschriften oder je einem Sechstel der Stimmberechtigten dreier Bundesländer sind dem Nationalrat vorzulegen(Artikel 41 A bs. 2 B-VG). In drei Lesungen muss jeder Gesetzesentwurf im Nationalrat behandelt erden. Dazwischen finden Beratungen in den Ausschüssen statt. Nach der dritten Lesung findet eine Abstimmung statt(einfache Mehrheit, qualifizierte Mehrheit für Verfassungsgesetze/zwei Drittel der abgegebenen Stimmen).

Beschließt der Nationalrat ein Gesetz, muss der Beschluss unverzüglich dem Bundesrat übermittelt werden. Innerhalb von acht Wochen kann ein Einspruch(suspensives Veto) erhoben werden. In der Regel hat das Veto aufschiebenden Charakter. Ohne Einspruch oder mit Beharrungsbeschluss im Nationalrat gefasst, wird das Gesetz dem Bundespräsidenten zur Beurkundung übermittelt. Das verfassungsgemäße Zustandekommen des Gesetzes ist in der Folge zu beurkunden, umstritten ist die inhaltliche Prüfung bzw. ob diesem formalen Akt es sich nur um die Einhaltung der gesetzlichen Vorschriften handelt. Findet die Beurkundung statt, wird das Gesetz vom Bundeskanzler gegengezeichnet und in der Folge im Bundesgesetzblatt der Republik Österreich veröffentlicht(Kundmachung). Sofern im Gesetz keine anderen Fristen festgelegt sind, tritt das Gesetz einen Tag nach der Veröffentlichung in Kraft.

Die Bundesversammlung als Organ des Nationalrates und Bundesrates hat mehrere Funktionen, die vor allem den Bundespräsidenten betreffen(vgl. Angelobung, Volksabstimmung zur Absetzung des Bundespräsidenten, behördliche Verfolgung des Bundespräsidenten[Aufhebung der Immunität]). Kriegserklärungen fallen in den Aufgabenbereich.

1.2.3 Verwaltung(Exekutive)    

Die Verwaltung beinhaltet alle Behörden des Bundes und der Bundesländer, sofern es Bundesgesetze betrifft(mittelbare Bundesverwaltung), die Bundesregierung, die Sicherheitskräfte(Bundespolizei, Justizwache, Bundesheer) und den Bundespräsidenten.

Aufgabe ist die Vollziehung der Gesetze und Verordnungen der Bundesregierung. Die konkrete Auslegung der Gesetze wird in der Regel durch Erlässe des jeweiligen Bundesministers festgelegt.

Gegen Verwaltungsakte können die Bürger je nach Materie bei Landesverwaltungsgerichten bzw. Bundesverwaltungsgerichten oder dem Bundesfinanzgericht Beschwerde einlegen, gegen dessen Entscheidung sich an den Verwaltungsgerichtshof wenden. Verletzung von Grundrechten werden beim Verfassungsgerichtshof eingeklagt.

Der Bundespräsident ernennt den Bundeskanzler, auf dessen Vorschlag einzelne Minister oder ohne Vorschlag entlässt er die gesamte Bundesregierung. Ebenso löst er auf Antrag der Bundesregierung den Nationalrat, beurkundet Gesetze, hat den Oberbefehl des Bundesheeres, ernennt Spitzenbeamte/Offiziere des Bundes und vertritt die Republik nach außen. Die meisten Akte erfolgen auf Vorschlag der Bundesregierung, ohne Begründung kann er einen Vorschlag ablehnen. Er wird für sechs Jahre vom Bundesvolk gewählt, eine Wiederwahl ist einmal möglich. Abgesetzt werden kann er durch ein Verfahren vor dem Verfassungsgerichtshof oder durch eine von der Bundesversammlung angeordnete Volksabstimmung.

Die Bundesregierung führt die Verwaltung des Bundes durch. Als Kollegialorgan übt sie die Tätigkeiten aus, die gesetzlich nicht den einzelnen Bundesministern übertragen werden. Die Bundesregierung besteht aus dem Bundeskanzler, Vizekanzler und den Bundesministern. Staatssekretäre sind dem jeweiligen Minister untergeordnet und besitzen im Ministerrat kein Stimmrecht. Ernannt wird die Regierung auf Vorschlag des Bundeskanzlers vom Bundespräsidenten. Will die Regierung Bestand haben, müssen die Mehrheitsverhältnisse im Parlament beachtet werden.

Der Bundeskanzler führt den Vorsitz im Ministerrat. Er besitzt keine Richtlinenkompetenz. Er schlägt den Bundespräsidenten eine Abberufung eines Ministers vor, damit ist er in der politischen Realität stärker als ein Bundesminister. Zudem ist er zumeist Vorsitzender/Obmann der stärksten Parlamentspartei und besitzt entsprechend politisches Gewicht.

Die Bundesminister werden auf Vorschlag des Bundeskanzlers vom Bundespräsidenten ernannt. Jeder Minister ist nach dem Bundesministeriengesetz für seinen Bereich zuständig. Nach einem Misstrauensvotum im Parlament hat der Bundespräsident einen Minister zu entlassen.

1.2.4 Gerichtsbarkeit(Judikative)    

Die ordentliche Gerichtsbarkeit wird vom Bund wahrgenommen. Damit sind Gerichte Bundesgerichte, Bezirksgerichte, Landesgerichte und Oberlandesgerichte sind lokale Einrichtungen des Bundes.

  • Gerichtshöfe des öffentlichen Rechts - Verwaltungs- und Verfassungsrecht - wurden bis 2013 vom Bund geführt.
  • Ab 2014 wurde die Verwaltungsgerichtsbarkeit um eine aus elf Gerichten bestehende Unterinstanz ergänzt, also in dem jeweiligen Bundesland eingerichteten Landesverwaltungsgericht, das Bundesverwaltungsgericht bzw. Bundesfinanzgericht.
An den Landesgerichten für Strafsachen sind Staatsanwaltschaften, die dem Justizminister gegenüber weisungsgebunden sind, eingerichtet. Richter sind unabhängig, unabsetzbar und unversetzbar(vgl. Artikel 87, 88 Abs. 2 B-VG).

In Österreich kann gegen Akte der ordentlichen Gerichtsbarkeit keine Verfassungsbeschwerde erhoben werden, allerdings seit 1993 eine Grundrechtsbeschwerde an den Obersten Gerichtshof als oberste Instanz in Zivil- und Strafsachen.

Alle Gerichte können beim Verfassungsgerichtshof Gesetzes- oder Verordnungsprüfungsverfahren veranlassen, wenn sie Bedenken gegen die Verfassungsgemäßigkeit der Vorschriften haben.

1.3 Sozialpartnerschaft    

Im Folgenden wir die Sozialpartnerschaft als politischer Gestaltungsfaktor in der Zweiten Republik(1945- heute) angesprochen(vgl. TALOS 2008) .


Als Besonderheit des politischen Systems bildet die Sozialpartnerschaft(SP) eine Form der Entscheidungsfindung unter Einbeziehung der Interessensverbände, also der Vertretungen der Arbeitgeber, Arbeitnehmer und Landwirtschaft. Sie dient der Konsensbildung in wirtschaftspolitischen und sozialpolitischen Bereichen. Mitglieder der SP sind der ÖGB, die Kammer für Arbeiter und Angestellte, die Wirtschaftskammer und die Präsidentenkonferenz der Landwirtschaftskammer.

Wesentliche Aufgaben der SP sind Verhandlungen über Kollektiverträge, Löhne und Stellungnahmen zur Gesetzesbegutachtung vor dem parlamentarischen Gesetzesbeschluss.

Kritik an der SP kommt von jenen politischen Parteien, die kaum oder gar nicht in den Interessensvertretungen Sitz und Stimme haben. Damit wird die SP als undemokratisch bezeichnet. Die SP selbst beruft sich auf das "Prinzip der Freiwilligkeit" und sieht die Kooperation der Interessensverbände als informell an.

1.4 Direkte Demokratie    

Die Bundesverfassung sieht drei Elemente einer direkten Demokratie vor.

  • Ein Volksbegehren ist eine Petition des Volkes/Wählerschaft für eine bestimmte gesetzliche Regelung an den Nationalrat. Bei mehr als 100 000 Unterschriften oder der Zustimmung von je einem Sechstel der Stimmberechtigten dreier Bundesländer hat das Volksbegehren im Nationalrat behandelt zu werden. Der Nationalrat muss aber keineswegs dem Volksbegehren zustimmen.
  • Eine Volksabstimmung über ein Gesetz kann jederzeit vom Nationalrat beschlossen werden. Eine Volksabstimmung ist bindend für das Parlament. Zwingend vorgesehen sind Volksabstimmungen für Gesamtänderungen der Bundesverfassung und Absetzung des Bundespräsidenten.
  • Eine Volksbefragung ist dagegen unverbindlich. Durchgeführt wird sie, wenn man die Haltung der Wählerschaft zu einer bestimmten Befragung wissen will. Keine große Rolle spielt sie, weil man durch Meinungsbefragungen schneller und leichter Haltungen ermitteln kann(vgl. die Volksbefragung zur Wehrpflicht 2013).
1.5 Landesebene    

Im Folgenden wird auf den Föderalismus und Regionalismus als politisches System auf Landesebene in Österreich eingegangen(vgl. BUSSJÄGER 2018).

1.5.1 Bundesland/Länder    

Die neun Bundesländer Vorarlberg, Tirol. Salzburg, Oberösterreich, Niederösterreich, Wien, Burgenland. Steiermark und Kärnten bilden die Gliedstaaten der Republik Österreich. Ihre legislativen und exekutiven Kompetenzen sind in der Bundesverfassung festgelegt. Kompetenzen ohne Festlegung in der Bundesverfassung werden von den Ländern autonom verwaltet, wobei die jeweilige Landesregierung die politische Steuerung und Verantwortung trägt. Die Steuerhoheit besitzt der Bund, auch jene, deren Ertrag an die Bundesländer geht.

Wichtig ist die mittelbare Bundesverwaltung. Es handelt sich jene Kompetenzen, die im Auftrag des Bundes von den Ländern vollzogen werden. Der Landeshauptmann bzw. der verantwortliche Landesrat ist dem zuständigen Bundesminister für den Gesetzesvollzug direkt verantwortlich.

Über den Bundesrat nehmen die Länder formal indirekt an der Bundesgesetzgebung teil, direkt durch Einflussnahme auf die Abgeordneten und aus den Bundesländern stammende Bundesminister.

Auf Landesebene gibt es seit 2014 Landesverwaltungsgerichte.

Die Landesgesetzgebung vollzieht sich in den Landtagen. 2013 wurde das suspensive Veto des Bundes abgeschafft. Landesverfassungsgesetze haben im Einklang mit der Bundesverfassung zu stehen. Bei Kompetenzstreitigkeiten entscheidet der Verfassungsgerichtshof, Bundesrecht hat keinesfalls Vorrecht vor Landesrecht. Die Legislaturperiode beträgt in Oberösterreich sechs, in den anderen Bundesländern fünf Jahre.

Die Landesregierung besteht aus dem Landeshauptmann(in Wien Bürgermeister und Landeshauptmann)), seinen Stellvertretern und den Landesräten. Die Landesregierung wird von Landtag als Proporz- oder Mehrheits- bzw. Minderheitsregierung gewählt. Vorsitzender der Landesregierung ist der Landeshauptmann, gewählt vom Landtag und angelobt vom Bundespräsidenten. Als Träger der unmittelbaren Bundesverwaltung ist er der Bundesregierung bzw. dem jeweiligen Bundesminister verantwortlich. Der Aufgabenbereich umfasst die Vertretung des Bundeslandes auf nationaler und internationaler Ebene, die Koordination aller Behörden(etwa bei Krisen) und der Vorsitz in der Landesregierung und ihre Angelobung. Die Landeshauptleutekonferenz als informelles Treffen der neun Landeshauptleute gilt in der politischen Realität als wesentliches politisches Mittel der Landesebene.

1.5.2 Bezirke    

Die dzt. 79 Bezirke in Österreich sind eine Verwaltungseinheit zwischen Gemeinde und Bundesland. Als Bezirksverwaltungsbehörde ist dies die Bezirkshauptmannschaft, in 15 Staturstädten der Magistrat. Die Ebene der Bezirke kennt keine gewählten Amtsträger. Der oberste Beamte als Bezirkshauptmann wird von der Landesregierung ernannt. Die Bezirksverwaltungsbehörde hat als Aufgabenbereiche u.a. die öffentliche Gesundheit(Amtsarzt), den Gewerbebereich(Gemeindebehörde), die Gemeindeaufsicht und den Sicherheitsbereich zu verwalten. In der Bundeshauptstadt Wien bestehen gewählte Bezirksvertretungen und gewählte Bezirksvorsteher. Sie sind nicht dem Magistratischen Bezirksamt vorgesetzt.

1.5.3 Gemeinden    

Gemeinden bilden die unterste Ebene der Gebietskörperschaften, sie handeln nur in der Verwaltung(Exekutive).

  • Der Aufgabenbereich wird in der Bundesverfassung und in den Landesgesetzen(Gemeindeordnung)geregelt. Zuständig sind sie etwa für die Bereiche der Pflichtschulerhaltung, Raumordnung und Bauwesen. Organe sind der Gemeinderat, der Gemeindevorstand und der Bürgermeister.
  • Der Gemeinderat ist der gewählte Vertretungskörper des Gemeindevolkes, Bürgermeister werden direkt von den Wahlberechtigten gewählt, wenn die Landesverfassung es vorschreibt(vgl. die Ausnahmen in Wien, Niederösterreich und der Steiermark, wo Bürgermeister vom Gemeinderat gewählt werden).
  • Der Gemeindevorstand besteht aus dem Bürgermeister, den Vizebürgermeistern un den geschäftsführenden Gemeinderäten. Im Gemeinden mit Stadtrecht heißt der Gemeindevorstand Stadtrat, in Städten mit eigenem Statut Stadtsenat.
  • Grundsätzlich sind alle Gemeinden rechtlich gleich, es gibt keine Unterschiede zwischen einfachen Gemeinden, Marktgemeinden und Stadtgemeinden.
Seit 2018 gibt es in Österreich 2098 Gemeinden, von diesen sind 770 Marktgemeinden und 201 Stadtgemeinden.

Staturstädte und die Bundeshauptstadt Wien haben besondere Rechte und Pflichten. Sie sind nicht nur Gemeinden, vielmehr auch Bezirksverwaltungsbehörden für ihr Gebiet. Die Verwaltungsbehörden heißen Magistrate und sind Bezirkshauptmannschaften gleichgestellt. Damit übernehmen die Bürgermeister auch die Aufgaben eine Bezirkshauptmannes. Sie werden von den Wahlberechtigten gewählt.

Die Stadt Wien ist zugleich Bundesland, der Wiener Gemeinderat ist daher zugleich Landtag, der Stadtsenat zugleich Landesregierung und der Bürgermeister Landeshauptmann.

1.6 Kritik    

Kritisch wird festgestellt, dass der Bundesrat wenig Einfluss besitzt, damit seine Sinnhaftigkeit in Frage gestellt.

Das Gegenargument lautet, dass die unteren politischen Ebenen volksnäher arbeiten.

Eine Staatsreform scheint nach dem heutigen Stand nicht umsetzbar.

Österreich befindet sich, wie auch andere Länder in der EU, in einem politischen Paradigmenwechsel, der sich deutlich in den Elementen der Parteienlandschaft, Demographie und notwendigen Gesellschaftsreformen wie etwa in einer Sozial- und Bildungsreform zeigt.

2 Politische Einstellungen    

Die folgenden Ausführungen betreffen folgerichtig Einstellungen und Werthaltungen in den Bereichen Politik-Demokratie, Arbeit-Arbeitsmarkt, Familie-Partnerschaft-Geschlechtsrollen, Religion, sozialer Zusammenhalt-Diversität und Solidarität und Europa. Grundlage bildet die "Europäische Wertestudie" (EVS), die seit 1990 erforscht, wie Österreich sich verändert(vgl. AICHHOLZER-FRIESL-HAJDINJAK-KRITZINGER 2019).

2.1 Politik-Demokratie    

Auf der Basis der empirischen Erhebungen von HAJDINJAK-GLAVANOVITS-KRITZINGER (2019, 135-173) ergeben sich die folgenden Herausforderungen und Folgerungen.

  • Die politische Form der Demokratie genießt einen breiten Rückhalt in der Bevölkerung. Alternative Regierungsformen finden wenig Anklang.
  • Ein starker Führer, Militärregierungen und Theokratien finden breite Ablehnung.
  • Die Bewertung einer Expertenregierung fällt gemischt aus. Die Zustimmung zur Technokratie bleibt über die Jahre hinweg gleich und kann als Zustimmung zu mehr Sachpolitik verstanden werden.
  • Eine breite Mehrheit stimmt zu, dass Österreich demokratisch regiert wird.
  • Hohes bzw. steigendes politische Interesse stärkt zusätzlich das demokratische System. Im Langzeitvergleich ist das Vertrauen in Institutionen für alle fast alle Einrichtungen gestiegen. Damit gibt es eine Legitimationsgrundlage.
  • Gemischt wird die Rolle der Medien gesehen. Viele Österreicher_innen attestieren den Medien eine mangelnde unvoreingenommene Berichterstattung, woraus sich ein relativ niedriges Vertrauen ableiten lässt.
  • Wichtige Bestandteile einer liberalen Demokratie werden in einer rechtlichen Gleichstellung von Frauen und Männern, der Wahl der Repräsentanten und in der Existenz der Bürgerrechte gesehen.
  • Der Großteil der Bevölkerung lehnt eine flächendeckende Überwachung etwa von E-Mails oder das Sammeln von Informationen über jede Person ohne deren Wissen ab.
  • Das politische System erhält durch Wahlen eine Legitimierung. Selbst nach der Aufhebung der Bundespräsidentenstichwahl 2016 durch den Verfassungsgerichtshof werden Wahlen als fair wahrgenommen.
Die österreichische Demokratie ist aus Bevölkerungssicht gut aufgestellt. Dennoch gilt es Entwicklungen auf den unterschiedlichen Ebenen kontinuierlich zu beobachten und zu bewerten.

2.2 Arbeit-Arbeitsmarkt    

Auf der Basis der empirischen Erhebungen von VERWIEBE-SEEWANN (2019, 36-56) ergeben sich die folgenden Herausforderungen und Folgerungen.

  • Ein gut bezahlter Beruf ist der Wunsch der Mehrheit.
  • Der Arbeitsmarkt hat sich in den letzten zwei Dekaden verändert. Mehr Frauen sind berufstätig, oftmals in Teilzeitarbeit.
  • Berufe nehmen immer häufiger atypische Fomen an, wie geringfügige und befristete Arbeitsverträge.
  • Insgesamt ist die Anzahl verfügbarer Arbeitsplätze gestiegen, vor allem im Dienstleistungsbereich in den Bereichen Gesundheit, Bildung und Handel. Ein Rückgang in der Industrie ist zu verzeichnen. Qualifizierte Arbeit wird seltener. Damit findet eine Polarisierung der Berufsstruktur statt.
  • Der Bereich der Zuwandernden/Migranten ist davon besonders betroffen.
  • Der Bereich der gut bezahlten und erfüllenden Berufe zu finden ist schwieriger geworden.
  • Dies bedeutet eine Änderung in der subjektiven Bewertung von Arbeit, bei der das Arbeitsleben eine neue Perspektive erhält. Zugenommen hat die Relevanz von Freizeit udn Familie, Ansprüche von Selbstverwirklichung und Arbeitsautonomie haben sich gebildet.
  • Arbeit ist weniger identitätsstiftend geworden, weil auch kurzfristige Jobs zunehmen. Sinnvoll und notwendig erscheint daher ein flexibles Arbeitsleben, das sich an persönlichen Rahmenbedingungen anpasst(vgl. den IT-Autorenbeitrag http://www.netzwerkgegengewalt.org > Index: Vorberufliche Bildung in Österreich).
  • Überzeugt sind immer Österreicher_innen, dass der Zugang zum Arbeitsmarkt Frauen und Zuwandernden ebenso offenstehen soll wie Männern und Einheimischen.
  • Unterschiede zwischen sozialen Gruppierungen lassen sich feststellen, etwa im Alter, Geschlecht, Bildung, Wohnort und Erwerbsstatus. Sie prägen deutlich das Zusammenleben am Arbeitsplatz.
Zusammenfassend hat ein Strukturwandel den Lebensbereich deutlich verändert, ausdifferenzierte Berufsformen nehmen ab, Arbeit verliert an Bedeutung. Die Arbeitszeit muss zunehmend mit Familien und Freizeit abgestimmt werden. Universelle Zugänge kennzeichnen den Arbeitsmarkt, etwa die Öffnung für Frauen und Zuwandernde(vgl. eine stärkere Binnenwanderung in der EU).

2.3 Familie-Partnerschaft-Geschlechtsrollen    

Auf der Basis der empirischen Erhebungen von BERGHAMMER-SCHMIDT (2019, 57-88) ergeben sich die folgenden Herausforderungen und Folgerungen.

  • Deutlich wird, dass Wertvorstellungen und Kontinuität in der Gesellschaft kennzeichnend sind. Die Wichtigkeit von Familie ist mit Abstand wichtigster Lebensbereich, nicht etwa Arbeit und Beruf sowie Freizeit.
  • Wichtig in der Erwartung an Partnerschaften ist eine Stabilität.
  • Traditionelle Werte wie Treue und Kinder sind mit Abstand wichtigste Faktoren. Kinder und Freude bringen ein glückliches Leben.
  • Stabile Faktoren sind Zeit für Freunde, Hobbies und die Teilung von Hausarbeit. Wichtig zunehmend eingeschätzt wird eine ökonomische Basis einer Partnerschaft und speziell der Ehe.
  • Leicht sank in den letzten Jahrzehnten die Attraktivität der Ehe, nur mehr wenige Bevölkerungsteile lehnen nichteheliches Zusammenleben ab. Eheliches Zusammenleben wird mit Verbindlichkeit, Sicherheit und dauerhaftem Bekenntnis zueinander in Zusammenhang gebracht. Unterschiedlich ist dieses Bekenntnis in den verschiedenen Lebensphasen.
  • In den letzten Jahrzehnten haben die Eltern-Kind-Beziehung und Kindererziehung sich von autoritärem zu partnerschaftlichem verhalten ausgerichtet. Erziehungsziele befürworten Konformität seitens der Kinder. Unverändert werden gute Manieren, Toleranz und Unabhängigkeit als wichtig angesehen(vgl. en IT-Autorenbeitrag http://www.netzwerkgegengewalt.org >Index: Erziehung).
  • Den stärksten Wandlungsprozess betreffen Einstellungen zu Geschlechterrollen. Elternrollen mit der Erwerbstätigkeit von Müttern mit Kleinkindern und Vollerwerbstätigkeit von Frauen mit Familie werden immer noch abgelehnt. Hauptsächlich Mütter sind für die Kindererziehung und Hausarbeit zuständig, Väter für die finanzielle Absicherung der Familie(vgl. die gängige Beschäftigungsarten von Müttern mit Kleinkindern in Teilzeitarbeit und Vätern in Vollzeitarbeit).
  • Es gibt Hinweise auf eine Re-Traditionalisierung, etwa die Zeitgemäßheit der Ehe oder Konformitätswerte der Kindererziehung(Gehorsam, hart arbeiten). Eine Auflösung der Familie ist nicht in Sicht.
  • Gleichgeschlechtliche Beziehungen entwickeln sich zunehmend in Lebensformen, in denen auch Kinder aufwachsen.
  • Kaum erfolgsversprechende politische Anstrengungen gibt es für eine verstärkte Einbindung der Väter in die Kindererziehung.
  • Kinderbetreuung und Familienzeiten werden an eine Vereinbarkeit von Beruf und Familie angepasst. Eine Vereinbarkeit dürfte sich durch Investitionen in Elementarbildungseinrichtungen und Ganztagsschulen verbessern. Offen bleiben sozial- und familienpolitische Initiativen wie Arbeitszeitregelungen und finanzieller Ausgleich mit Pensionsansprüchen für Kinder-und Familienbetreuung.
2.4 Religion - Säkularisierung und Pluralisierung    

Auf der Bass von empirischen Erhebungen von POLAK-SEEWANN (2019, 89-134) ergeben sich die folgenden Herausforderungen und Folgerungen.

  • Durch Migration ändert sich die sozioreligiöse Zusammensetzung der Bevölkerung. Die individuelle Religiosität verändert sich langsamer als gedacht.
  • Es gibt trotz eines hohen Niveaus des Glaubens an Gott Signale für einen schleichenden Verlust spezifischer christlicher Glaubensüberzeugungen und der Dimension des Transzendenten(vgl. Glaubensverlust an die Auferstehung oder des Weiterleben der Seele nach dem Tod). Indikator für diese Tendenz ist eine Dominanz naturwissenschaftlicher Weltdeutungen, denen die große Mehrheit zustimmt.
  • Das plurale Feld der Religionsgemeinschaften in Österreich - immerhin sind 16 Religionsgemeinschaften staatlich anerkannt - gerät in den folgenden Generationen in Bewegung und wird seine Legitimität und Rationalität zu begründen haben.
  • Dem steht gegenüber die Gruppierung jener Religiosität der Zuwandernden, deren Religiosität höher und weniger durch Transzendenzverlust gekennzeichnet ist(vgl. die Gruppe der Muslims und christlicher Fundamentalisten; RIESEBRODT 2000).
    • Empirische Ergebnisse legen nahe, dass Integration sozioreligiöse Konflikte nicht deutet. Innerhalb der Konfessionsgruppen ist die religöse Haltung höchst heterogen.
    • Konfliktlinien liegen zwischen den Generationen, bei Geschlechtern und in der Intensität zwischen Stadt und Land.
    • Verstärkt wird die Konstellation zwischen Hoch-und Niedrigreligiösen, eine demographische Dynamik, wachsende Religionsskepsis und Vorbehalte gegen den Islam. Säkularisierung wird als Bedrohung erlebt.
  • Es geht tatsächlich um eine Anpassung des Verhaltens einer angeblich christlichen Monokultur. Eine Mehrheit ist durchaus bereit, Menschen anderer Herkunft zu akzeptieren, solange diese sich an herrschende kulturelle Vorstellungen einer als homogen angenommenen Mehrheit halten.
  • Integration wird politisch und medial im Zeichen der Religion geführt macht damit Religiosität zu einem Merkmal, wobei im urbanen Raum es zu gelingen hat, mit religiös-säkularer Pluralität umzugehen.
    • Hier sind die Konfliktlinien sehr deutlich.
    • Chancen ergeben sich aus einer Dialogfähigkeit, interkulturell-religiöser Begegnungen, interkulturellem Lernen für einen Umgang in Verschiedenheit(vgl. den IT-Autorenbeitrag http://www.netzwerkgegengewalt.org > Index: Interkulturelle Kompetenz, Religion).
    • Entscheidend wird auch eine schulische und erwachsenenpädagogische Vermittlung religiöser Inhalte und Verhaltensweisen sein.
    • Die Qualität der Religionsdiskurse in Bildung, Medien und Politik sowie die Richtungsentscheidungen in den angesprochenen Religionsgemeinschaften mit ihren Angeboten werden zusätzlich entscheidend sein.
2.5 Sozialer Zusammenhalt - Diversität und Solidarität    

Auf der Basis von empirischen Erhebungen von AICHHOLZER (2019, 174-205) ergeben sich die folgenden Herausforderungen und Folgerungen.

Grundlage für eine pluralistische Gesellschaft und liberale Demokratie bilden soziales Vertrauen, Zusammenhalt und Akzeptanz anderer Lebensstile.

  • Damit sind Interkulturalität, Diversität und Formen der Integration angesprochen.
  • Im Wandel der Gesellschaft durch
    • Formen der Migration(Binnen- und Außenmigration), Globalisierung im Wirtschafts- und Mediensektor, Internationalisierung im Tourismus, weltweiten Studienprogrammen und Forschungsprojekten ergeben sich Fragestellungen, die im Kontext gesellschaftlicher und politischer Entwicklungen zu sehen sind(vgl. die IT-Autorenbeiträge http://www.netzwerkgegengewalt.org > Index: Interkulturelle Kompetenz, Migration in Österreich, Wirtschaftserziehung, Europa als Lernfeld).
    • Zu erwähnen sind auch die Finanzkrise 2008, die Flüchtlingskrise 2015 und in Österreich ein Wandel in der Innenpolitik durch eine neuartige Bundesregierung 2017.
    • Zuwanderung und Integration bleiben Dauerthemen in der öffentlichen Meinung.
Eine überwiegende Mehrheit stimmt aktuell einer Anpassung der Ausländer an den Lebensstil der Inländer zu, ebenso den Aussagen, dass eine Belastung des Sozialsystems durch Ausländer und durch Kriminalität vorhanden ist. Demnach gibt es eine Grundskepsis. Zudem wird ein Respekt vor Institutionen, Gesetzen und der deutschen Sprache eingefordert.

Die Akzeptanz der Nähe von Zuwandernden bildet ein polarisierendes Thema. Das Vertrauen zu Menschen anderer Staatsbürgerschaft, eines anderen Kulturkreises oder einer anderen Religion wird in Frage gestellt. Brisant ist der Umgang mit Muslimen verschiedener Herkunft, obwohl diese Gruppe seit 1912(Einverleibung Bosniens-Herzegowina in die Monarchie)und der "Gastarbeiter" in den sechziger Jahren Realität ist. Auffassungsunterschiede über das Ausmaß einer Solidarität ZU bestimmten Gruppen kennzeichnen die Gesellschaftsordnung.

Festzuhalten sind

  • die Heterogenität der Gruppe der Migranten_innen,
  • die Unterschiedlichkeiten der Einstellungen und Werte von Personen aus dem ehemaligen Jugoslawien und der Türkei mit dem entsprechenden Fremdbild,
  • die Unterschiedlichkeit von Christentum und Islam sowie
  • die Unterschiedlichkeiten der Großelterngeneration und der nachfolgenden Migrantengruppen(vgl. Kriegsflüchtlinge, EU-Binnenwanderungen).
Offener ist das Land gegenüber einer Diversität(Vielfalt) bei Homosexuellen und nationaler Identität(Geburtsort) geworden. Der Wunsch nach kultureller Anpassung im Kontext der Flüchtlingskrise 2015 ist bei Zuwandernden erkennbar.

Herausforderungen ergeben sich demnach im schulischen und außerschulischen Bildungsbereich in Politischer Bildung und Interkultureller Kompetenz, bei Einheimischen und Zuwandernden.

Es geht konkret um

  • Sprachkompetenz,
  • kulturell-religiöse Kompetenz,
  • Dialogkompetenz,
  • Begegnungskultur,
  • demokratische Partizipationsmodelle und
  • Alltagswissen.
2.6 Europa    

Auf der Basis von empirischen Erhebungen von HAJDINJAK-GLAVANOVITS-KRITZINGER (2019, 206-241)ergeben sich die folgenden Herausforderungen und Folgerungen.

Die Verbindung mit Europa und der EU - Österreich ist Mitglied des Europarates und der EU - ist als positiv zu bewerten. Differenziert sind die Veränderungen innerhalb der EU mit der Erweiterung um einige Mitgliedsstaaten, des Vertrages von Lissabon oder dem Brexit, der Finanzkrise, Eurokrise und Flüchtlingskrise zu sehen.

  • Gestiegen ist die positive Bewertung der EU-Mitgliedschaft seit 2016,
  • die Bewertung der Art der Demokratie in der EU und
  • das Bild der Österreicher_innen von der EU.
  • Überwiegend skeptisch sieht man die EU-Erweiterung.
  • Bezüglich des Vertrauens in die EU vertraut man der EU mehr, wenn man auch ein größeres Vertrauen in die eigene Regierung setzt.
  • Das Gefühl, Europäer_in zu sein, ist in den letzten Jahren gestiegen.
  • Ein Europäisch-Sein wird mit der europäischen Kultur verbunden(weniger über Geburt oder Abstammung). Wichtig wird zukünftig die Betonung einer gemeinsamen europäischen Kultur sein.
  • Trotz Krisen ist die Unterstützung der EU in Österreich hoch geblieben. Dies unterstreicht auch die steigende Wahlbeteiligung bei den EU-Wahlen im Mai 2019.
  • Die Akzeptanz des Europarates und sein Wirken ist in Österreich unbestritten, wird aber kaum in der Öffentlichkeit rezipiert.
Reflexion    

Der Beitrag beschäftigt sich - aus der Sicht des Autors - mit dem politischen System des Landes und den Veränderungen einer politischen Einstellung unter aktuellen Bezügen. Zu bemerken ist, dass für die Politische Bildung empirische Ergebnisse aus Befragungen über einen längeren Zeitraum von Interesse sind.

  • Für die Politische Bildung sind die angegebenen zwei Faktoren zum besseren Verständnis einer Landeskunde von Interesse.
  • Interdisziplinär haben die Bereiche der Interkulturalität, Migration, Globalisierung, Arbeits- und Berufswelt, Familienbilder/Partnerschaften und Geschlechtergerechtigkeit, Religion und Europäischen Union zunehmende Bedeutung.
  • Nicht zu übersehen in der Landeskunde Österreichs ist der vorhandene großflächige alpine Lebensraum mit seinen speziellen Anforderungen. Hier sind spezifische Aspekte von Interesse (vgl. die IT-Autorenbeiträge http://www.netzwerkgegengewalt.org > Index: Alpen, Erwachsenenbildung im ländlichen Raum).
Die Themenbereiche Digitalisierung und Mediatisierung bedeuten mehr als mediale Innovationen und technische Herausforderungen. Ihre Relevanz und Wirkung wird künftig das Bild eines Landes stark beeinflussen. Österreich steht hier, wie andere Länder, am Anfang.

Die Bewältigung der Zukunft wird auch von den Wirkungen der Bildungsbereiche abhängen. Dazu wird auf die IT-Autorenbeiträge http://www.netzwerkgegengewalt.org > Index: Bildungsreform, Schule, Erziehung, Wirtschaftserziehung, Ethik, Erwachsenenbildung(auch im ländlichen Raum) und Lehramt hingewiesen.

Literaturverzeichnis    

Angeführt sind jene Titel, die für den Beitrag verwendet und/oder direkt zitiert werden.


Aichholzer J.(2019): Diversität und Solidarität: Der Umgang mit sozialer Vielfalt und sozialer Zusammenhalt in Österreich, in: Aichholzer J.-Friesl Chr.-Hajdinjak S.-Kritzinger S.(Hrsg.): Quobadis, Österreich? Wertewandel zwischen 1990 und 2018, Wien, 174-205

Aichholzer J.-Friesl Chr.-Hajdinjak S.-Kritzinger S.(Hrsg.)(2019): Quo vadis, Österreich? Wertewandel zwischen 1990 und 2018, Wien

Berghammer C./Schmidt E.-M.(2019): Familie, Partnerschaft und Geschlechterrollen: Alles im Wandel?, in: Aichholzer J.-Friesl Chr.-Ha<jdinjak S.-Kritzinger S.(Hrsg.): Quo vadis, Österreich? Wertewandel zwischen 1990 und 2018, Wien, 57-88

Bußjäger P.(2018): Föderalismus und Regionalismus in Österreich, in: Aus Politik und Zeitgeschichte/APuZ 34-35/2018, Bundeszentrale für politische Bildung > http://www.bpb.de/apuz/274251/foederalismus-und-regionalismus-in-oesterreich?p=all (21.6.2019)

Dachs H.-Gerlich P.-Gottweis H.-Kramer H.-Lauber V.-Müller W.C.-Talos E.(Hrsg.)(2006): Politik in Österreich. Das Handbuch, Wien

Dichatschek G.(2017a): Didaktik der Politische Bildung.Theorie, Praxis und Handlungsfelder der Fachdidaktik der Politischen Bildung, Saarbrücken

Dichatschek G.(2017b): Interkulturalität. Ein Beitrag zur Theorie, Bildung und Handlungsfeldern im Kontext von Interkultureller Öffnung und Politischer Bildung, Saarbrücken

Dichatschek G.(2019): Lehre an der Hochschule. Ein Beitrag zu Dimensionen der Lehre, Lehrer(innen)bildung, Fort- bzw. Weiterbildung Lehrender und Hochschuldidaktik, Saarbrücken

Franzke S.(2013): Total alles über Österreich, Wien-Bozen

Hajdinjak S.-Glavanovits J.-Kritzinger S.(2019): Politik und Demokratie: Die Österreicherinnen und Österreicher und ihr politisches System, in: Aichholzer J.-Friesl Chr.-Hajdinjak S.-Kritzinger S.(Hrsg.): Quo vadis, Österreich? Wertewandel zwischen 1990 und 2018, Wien, 135-173

Hajdinjak S.-Glavanovits J.-Kritzinger S.(2019): Österreich und die Europäische Union: EU-Einstellungen und europäische Identität, in: Aichholzer J.-Friesl Chr.-Hajdijnak S.-Kritzinger S.(Hrsg.): Quo vadis, Österreich? Wertewandel zwischen 1990 und 2018, Wien, 206-241

Hamann Br.(2009): Österreich, München

Pelinka A.-Rosenberger S.(2003): Österreichische Politik. Grundlagen--Strukturen-Trends, Wien

Pelinka A.(2008): Gesetzgebung im politischen System Österreichs, in: Ismayr W.(Hrsg.): Gesetzgebung in Westeuropa. EU-Staaten und Europäische Union, Wiesbaden, 431-461

Polak R.-Seewann L.(2019): Religion als Distinktion: Säkularisierung und Pluralisierung als treibende Dynamiken in Österreich, in: Aichholzer J.-Friesl Chr.-Hajdinjak S.-Kritzinger S.(Hrsg.): Quo vadis, Österreich? Wertewandel zwischen 1990 und 2018, Wien, 89-134

Riesebrodt M.(2000): Die Rückkehr der Religionen. Fundamentalismus und der Kampf der Kulturen, München

Siebenhaar H.-P.(2017): Österreich. Die zerrissene Republik, Bundeszentrale für politische Bildung, Schriftenreihe Bd. 10113, Bonn

Talos E.(2008): Sozialpartnerschaft. Ein zentraler politischer Gestaltungsfaktor in der Zweiten Republik, Innsbruck-Wien-Bozen

Verwiebe R.-Seewann L.(2019): Der Wandel des Arbeitsmarktes und Einstellungen zur Arbeit in Österreich, in: Aichholzer J.-Friesl Chr.-Hajdinjak S.-Kritzinger S.(Hrsg:): Quo vadis, Österreich? Wertewandel zwischen 1990 und 2018, Wien, 36-56

Vocelka K.(2013): Multikonfessionelles Österreich. Religionen in Geschichte und Gegenwart, Wien-Graz-Klagenfurt

IT-Autorenbeiträge    

Die Autorenbeiträge dienen der Ergänzung der Thematik.


Netzwerk gegen Gewalt

http://www.netzwerkgegengewalt.org > Index:

Politische Bildung

Europa als Lernfeld

Europäische Union

Interkulturelle Kompetenz

Migration in Österreich

Religion

Vorberufliche Bildung in Österreich

Bildungsreform

Schule

Erziehung

Ethik

Erwachsenenbildung

Erwachsenenbildung im ländlichen Raum

Alpen

Zum Autor    

APS-Lehramt (VS-HS-PL/1970-1975-1976), zertifizierter Schüler- und Schulentwicklungsberater(1975,1999), Mitglied der Lehramtsprüfungskommission für die APS bzw. Lehrerbildner am Pädagogischen Institut des Landes Tirol(1993-2002)

Absolvent des Instituts für Erziehungswissenschaft/ Universität Innsbruck/Doktorat(1985), des 10. Universitätslehrganges Politische Bildung/ Universität Salzburg-Klagenfurt/MSc(2008), der Weiterbildungsakademie Österreich/Diplome(2010), des 6. Universitätslehrganges Interkulturelle Kompetenz/ Universität Salzburg/Diplom(2012), des 4. Internen Lehrganges für Hochschuldidaktik/ Universität Salzburg/Zertifizierung(2016), des Fernstudiums Erwachsenenbildung/ Evangelische Arbeitsstelle Erwachsenenbildung/ Comenius-Institut Münster/Zertifizierung(2018)

Lehrbeauftragter am Institut für Erziehungs- bzw. Bildungswissenschaft/ Universität Wien-Berufspädagogik-Vorberufliche Bildung(1990/1991-2010/2011), am Fachbereich Geschichte/ Universität Salzburg/Lehramt-Didaktik der Politischen Bildung(ab 2015/2016), am Kirchlichen Lehrgang der Superintendenz Salzburg-Tirol - Basisausbildung für Religionslehrer_innen für die APS-Pädagogische Impulse für Unterricht und Lehre, Interkulturalität(2018-2020) - Lehrender/Kursleiter an den VHSn des Landes Salzburg Zell/See, Saalfelden, Mittersill, Bischofshofen und Stadt Salzburg(ab 2012), stv. Leiter/Vorstandsmitglied im Evangelischen Bildungswerk in Tirol(2004-2009, ab 2017)

Aufnahme in die Liste der sachverständigen Personen für den Nationalen Qualifikationsrahmen/ NQR, Koordinierungstelle für den NQR/ Wien(2016)


MAIL dichatschek (AT) kitz-net

 
© die jeweiligen Autoren zuletzt geändert am 29. Juni 2019