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Aspekte Von Gewalt

Aspekte von Gewalt    

Ein Beitrag zu Theorie, Praxis und Handlungsfeldern im Kontext urgeschichtlicher, kulturhistorischer und Politischer Bildung    

Günther Dichatschek


"Es gibt keinen Weg zum Frieden.
Frieden ist der Weg."
(Mahatma Gandhi)

"Den ungerechtesten Frieden finde ich immer
noch besser als den gerechtesten Krieg."
(Cicero)


Die Vereinten Nationen(UNO) riefen mit der "Dekade für eine Kultur der Gewaltfreiheit und des Friedens für die Kinder dieser Welt" zu Gewaltfreiheit auf.

Parallel dazu hat der "Ökumenische Rat der Kirchen(ÖRK)" mit 342 Kirchen und Gemeinschaften in 120 Ländern ebenso weltweit zu einer "Dekade zur Überwindung von Gewalt/2001 - 2010" aufgerufen.


Aspekte von Gewalt   
Ein Beitrag zu Theorie, Praxis und Handlungsfeldern im Kontext urgeschichtlicher, kulturhistorischer und Politischer Bildung   
Einführung   
TEIL I - ASPEKTE URGESCHICHTLICH-BIBLISCHER BEFUNDE   
1 Kain und Abel   
2 Die Sintflut-Erzählung   
3 Der Turmbau zu Babel   
4 Zum Ursprung des Menschen und der Religion   
Teil II - KULTURHISTORISCHE UND GESELLSCHAFTLICHE BEDINGUNGEN VON GEWALT   
1 Zur Bedeutung des Raubtieres in der Kulturgeschichte   
2 Zur Jäger-Rolle   
3 Gewalt und Blutrache   
4 Eindämmmung der Rachegewalt   
5 Krieg: Formen der Tötung - Konsequenzen für Politische Bildung - Notwendigkeit von Kriegen   
6 Der "Kalte Krieg" und seine Bedeutung   
7 Zur Jugendgewalt: Selbstwertgefühl - Medien - Rechtsradikalismus   
7.1 Selbstwertgefühl   
7.2 Jugendgewalt   
7.3 Gewalt in den Medien   
7.4 Rechtsradikalismus   
7.5. Gründe und Strategien zur Vermeidung gewaltttätigen Handelns   
7.5.1 Traditionsumbrüche   
7.5.2 Zum Problem der Bestrafung   
7.6 Unterwerfung und Staatsgewalt   
8 Gewalt und Sport   
TEIL III - POLITISCHE BILDUNG - GEWALT   
1 Politische Bildung in Österreich und England   
1.1 Politische Bildung/Erziehung in Österreich   
1.2 Politische Bildung in England   
2 Demokratie und Menschenrechte   
2.1 Hochkulturen   
2.2 Griechenland   
2.3 England   
2.4 Europäische Dimension   
3 Gewaltforschung im Kontext Politischer Bildung   
4 Gewalt in Gruppen und Menschenmassen   
Reflexion   
Literaturhinweise   
IT-Autorenbeiträge   

Einführung    

Ausgangspunkt der folgenden Überlegungen ist die persönliche Auseinandersetzung mit

  • den Fachbereichen Politische Bildung und Interkulturelle Kompetenz in den jeweiligen Universitätslehrgängen,
  • die Tätigkeit als Lehrerbildner und Lehrbeauftragter sowie
  • dass Interesse, interdisziplinär sich mit der Thematik auseinanderzusetzen.
Teil I versucht, aus dem Fundament urgeschichtlicher Befunde und biblischer Tradition, prähistorisch-religiöse Aspekte anzusprechen. Beispielhaft bringt dies in der biblischen Tradition bereits die frühe Johanneische Christengemeinde zum Ausdruck, wenn sie Jesus im Verhör vor Pilatus sagen lässt, sein "Königtum", sein "Reich" sei "nicht aus dieser Welt", weil er und seine Anhänger nicht mit der Waffe in der Hand gegen seine Auslieferung gekämpft haben(Joh 18,36). "Eine Welt, in der Frieden und Gewaltfreiheit herrschen, ist eine neue und andere Welt"(BAUDLER 2001, 9; vgl. DICHATSCHEK 2002, 7).

In Teil II soll dieses Paradigma an konkreten Phänomenen und historischen Ereignissen dargestellt werden. Von der religiös motivierten Nachahmung am Beispiel des Raubtieres bis zur ebenfalls religiös motivierten Würde des Menschen ist ein langer Weg, der mit Blutrache, Kriegs- und Vernichtungswahn bis zu heutigen jugendlichen Gewalttätigkeiten, legaler Staatsgewalt und Gewaltphänomenen des Sports führt.

Teil III stellt notwendige Überlegungen zur Politischen Bildung und den Menschenrechten - mit EU-Aspekten als Vergleich zu England - an.

TEIL I - ASPEKTE URGESCHICHTLICH-BIBLISCHER BEFUNDE    

Drei Erzählstücke der biblischen Urgeschichte sollen zunächst auf die Phänomene Macht und Gewalt hin geprüft werden: Kain und Abel, die Sintflut-Erzählung und die Erzählung vom Turmbau zu Babel. Im Folgenden wird auf den Ursprung des Menschen und der Religion eingegangen.

"Die Paradieserzählung schildert die Ursünde im Kontext des unmittelbaren Verhältnisses des Menschen zur Schicksalmacht, der Brudermord erzählt sie als zwischenmenschliches Ereignis, die Sintflutgeschichte(die eine Sonderstellung einnimmt) und die Geschichte vom Turmbau zu Babel erzählen die Ursünde im politisch-gesellschaftlichen Kontext"(BAUDLER 2001, 31).

1 Kain und Abel    

Die Erzählung von Kain und Abel, die unmittelbar an die Paradieserzählung anschließt, lässt anklingen, dass die gegenseitige Entfremdung zu dem Ausgriff nach Macht führt. Dieser Aspekt wird in der Geschichte vom Brudermord weiter entfaltet.

Mythische Vorbilder werden vom Erzähler aufgegriffen. So begegnet man

(1)dem ägyptischen Mythos von Isis, Osiris und dessen Bruder Seth, der Osiris tötet,

(2) dem weniger bekannten phönizischen Mythos von Osoos und Hypsuranius, wobei Hypsuranius seinen Bruder Osoos tötet.

(3) In den ugaritischen Mythen wird der Bruderzwist zwischen Baal, den Gott der Fruchtbarkeit, und Mot, dem Gott der Dürre und Trockenheit, bzw. zwischen Baal und Jamm, dem Gott der Meeresfluten, erzählt. Die Tötung Mots und Jamms durch Baal werden mit offensichtlicher Lust an Gewalthandlungen geschildert(vgl. AISTLEITNER 1964, 22-55).

Die Geschichte Kains hat in der Urgeschichte noch eine Fortsetzung.

  • Kain wird nach Gen 4, 17-26 zum Urvater menschlicher Zivilisations- und Kulturgeschichte.
  • Die Erzählung hat einen deutlichen kulturgeschichtlichen Aspekt. Diese Geschichte ist Folge von Mord, Gewalt, zerstörter Gemeinschaft und ruheloser Existenz. "Der ungeschminkte Realismus ist aber nur eine Seite dieser Überlieferung. Die Erinnerung dieses Ursprungs verweist zugleich auf die Möglichkeit der Unterbrechung der Gewaltspirale und die in der 'Gegengeschichte' Gottes zu erschließenden Bedingungen neuer(lebensfördernder) Erfahrungen"(JOHANNSEN 1998, 94).
2 Die Sintflut-Erzählung    

Die Geschichte stellt allgemein fest, "[...]dass der Menschen Bosheit groß war auf Erden und alles Dichten und Trachten ihres Herzens nur böse war immerdar"(Gen 6,5). Das Schicksal des Menschen wird dabei erzählt, ebenso geht die Bibel auf Emotionen von Jahwe ein(6,6). Relativ breit wird die Rettung und Segnung Noahs erzählt.

Die Ausgangssituation für die Sintflut besteht in der Nichteinhaltung der ursprünglichen Lebenssituation. Die Erde ist "voller Frevel"(6,13). Absolut verboten ist, Menschenblut zu vergießen(9,5). Nur das Schicksal selbst darf über menschliches Leben entscheiden.

Die Fluterzählung steht in einem engen Zusammenhang mit den Schöpfungstexten. Beide sind wohl nur in der Spannung zueinander richtig zu interpretieren. Gedeutet wird hier in dieser Grundsituation die Welt mit ihren Lebewesen. Die Erinnerung an das Urgeschehen hat jedenfalls existentielle Bedeutung. Mit der Intention und Zusage an stabile Lebensbedingungen - "Solange die Erde steht..." - wird die Kontinuität des Lebens trotz fortdauernder Gewalt bedacht(vgl. JOHANNSEN 1998, 101).

Im Symbol des Regenbogens zeigt sich heute die Erfahrung der Gefährdung der Schöpfung durch menschliches Handeln.

  • Der Bogen galt als Zeichen des Kriegsgottes.
  • Die biblische Darstellung zeigt diesen mythologischen Hintergrund bildhaft: Gott verzichtet auf Gewalt als Lösungsmittel.
  • Eine Konsequenz wäre, es Gott nachzutun und sich in einer gewaltgesättigten Welt auf die Erfahrung eines neuen gewaltfreien Umgangs einzulassen.
3 Der Turmbau zu Babel    

Im Unterschied zur biblischen Turmbauerzählung wird in mesopotamischen Bauberichten fast immer die Errichtung eines Baues rühmend - als Zeichen der Macht und des Glücks - erzählt.

Lediglich im Gilgameschepos mischen sich auch sozialkritische Töne in die Erzählung des Baues der Mauer um Uruk(vgl. SCHMÖKEL 1989, 27).

Tempelbau, Turm und Burgmauer sind Ausdruck von Macht, Herrschaft und Regierungswillen. "Auf, bauen wir uns eine Stadt und einen Turm mit einer Spitze bis zum Himmel"(11,4). In den biblischen Erzählungen ist ein deutliches negatives Vorzeichen vor die bekannten Überlieferungen gesetzt; nicht in Form einer aggressiven Abwehr, sondern in Form der Ironie("Da fuhr der Herr hernieder, dass er sähe die Stadt und den Turm, die die Menschenkinder bauten"/11,5; vgl. auch 11,6-7).

Das Vorhaben der Menschen, eine Stadt und einen Turm zu bauen "und seine Spitze in den Himmel"(11,4) - also ein straff durchorganisiertes, einheitlich ausgerichtetes Weltreich zu errichten - bedarf der Bewahrung der Mensch(en)(-heit) vor den Folgen solcher Ziele.

  • Man denke nur an die zeitgeschichtlichen Parallelen im 20. Jahrhundert mit den Opfern im Stalinistischen Großreich und dem Nationalsozialismus und seiner Zerschlagung.
  • Angesichts der übrigen Angst erregenden heutigen Möglichkeiten ist dieses Szenario mehr als aktuell.
4 Zum Ursprung des Menschen und der Religion    

Die Vorstellung, wonach das Jagen und Töten am Ursprung der Menschheitsgeschichte stand, bedarf einer Revision. "Die Vorstellung entstand vor allem durch Fehlinterpretationen der Fundumstände von Australopithecus-Überresten durch RAYMOND DART, der diesen frühen Hominiden als gewaltigen Jäger('Killeraffe')interpretiert hatte. Inzwischen weiß man aber, dass erst der homo erectus seine Werkzeuge zur Jagd auf Großwild und Raubtiere benützt hat, während die verschiedenen Formen der Australopithecinen, zu deren Endformen der homo habilis gehört, der zum homo erectus weiterführt, durchwegs Sammler und Aasesser waren"(BAUDLER 2001, 74-75; vgl. DART 1925, 195-199).

Erst die Feldforschungen von Nancy M. TANNER, die erst 1994 in das Deutsche übersetzt wurden, ergaben detaillierte Beschreibungen der Lebensumstände dieser frühen Hominiden' (vgl. ARD-Sendung 31.10.03, 11h - 12 h: "Landschaften der Erde" - ARD-Text P314 2/2). Das Leben in der Savanne zwang zum aufrechten Gang, wobei diese Fortbewegung und das Wachsen des Gehirnvolumens bei weiblichen Australopithecinen zur frühzeitigen Geburten führte(vgl. PORTMANN 1956).

Die Mutter-Kind-Beziehung gilt als der Impuls für die Menschwerdung, wobei die Innigkeit dieser Beziehung mit dem Begriff "Liebe" zu umschreiben ist.

  • Diese schlichte Erfahrung führt auch zu unserem Gottesverständnis, das in der Folge für die weiteren Überlegungen über die Gewalt-Problematik in unserem Kulturkreis wesentlich erscheint. Denn der "Abba Jesu" , der in seinem Wesen Liebe ist(vgl. 1 Joh 4,16b: Gott ist Liebe), entstand nicht erst im Leben des Australopitheceus, sondern vielmehr "[...]tritt hier erstmals jene Macht an die Oberfläche, die die gesamte Evolution des Universums trägt, sie ins Leben ruft und fortwährend in ihr wirkt, wobei sie als gewaltfreie Macht der Liebe ihrer Schöpfung die Freiheit gibt(und geben muss), sich in Prozessen der Selbstorganisation innerhalb eines 'deterministischen Chaos' selbst und in einer gewissen Freiheit zu strukturieren. Wenn aber diese alles umgreifende Macht Liebe ist, kann sie nicht monolithisch als einzelnes Seiendes gedacht werden, sondern nur als 'Communio', als Miteinander- und Zueinandersein"(BAUDLER 2001, 77).
  • Damit eröffnen TANNERs Forschungsergebnisse in der Paläoanthropologie auch einen religiösen Deutungshorizont, der für einen christlich-religiösen und kulturellen Bildungsbegriff wesentlich erscheint.
  • In der alttestamentlichen Forschung' ist man seit längerer Zeit der Auffassung, dass sich der biblische Glaube nur langsam, allmählich und durch viele Widerstände hindurch - auf dem Weg über eine Anbetung nur eines Gottes unter mehreren Gottheiten(Monolatrie) - zu dem strengen Monotheismus des Judentums, Christentums und Islam entwickelt hat(vgl. BAUDLER 2001, 79-80; ROWLEY 1957, 1-21; JOHANNSEN 1998, 51-52 BZW: 194-195).
Teil II - KULTURHISTORISCHE UND GESELLSCHAFTLICHE BEDINGUNGEN VON GEWALT    

1 Zur Bedeutung des Raubtieres in der Kulturgeschichte    

Barbara EHRENREICH beschreibt in ihrem Werk ""Blutrituale, Ursprung und Geschichte der Lust am Krieg" die Urbegegnung des Menschen mit dem Raubtier und die elementare Bedeutung, die dieses für die Entwicklung und Prägung des Menschseins besitzt(vgl. BAUDLER 2001, 85).

  • Das Raubtier war demnach das Schicksal des frühen Menschen. Es war nicht nur für den Sammler und Aasesser tödliche Gefahr, sondern auch wertvoller Nahrungsbringer und Lebensspender. Wenn das Raubtier Beute geschlagen hatte und gesättigt war, blieben die Beutereste für den frühen Menschen als proteinhaltige wertvolle Nahrung übrig. Mit Hammersteinen wurden die Röhrenknochen und Schädel aufgeschlagen, um mit scharfen Steinsplittern nährstoffreiches Knochenmark und Hirnmasse von innen herauszuschaben. Nur so ist es zu erklären, dass die wehrlosen Hominiden in der südostafrikanischen Savanna eine Nahrungsnische fanden und überleben konnten. Der Mensch war eingebunden in die Begegnung mit diesem Lebewesen.
  • Weltweit spielen Raubtiere wie Löwe, Panther, Bär, Leopard und Jaguar in archaischen Religionen und Mythen eine bedeutende Rolle(Steinzeit - Bärenknochen und -schädel; Artemispriesterinnen - Verkleidung als Bärinnen; Indien - vorvedischer Tigergott Daksin Ray; Hawaii - Haiverehrung; Mittel- und Südamerika - Jaguardarstellung des Toltekengottes Tezcatlipoca; Mayas - "Jaguarpriester").
  • Im indogermanischen Bereich ist vor allem der Wolf das göttliche Raubtier. Platon, Vergil und Horaz berichten u.a. von der behexten Kraft seines Blickes, seinen Bewegungen(= "Tritt") und der Zauberkraft seines Felles.
  • Im griechischen Lykaion-Gebirge(griech. lykos Wolf)mit dem Zeus-Lykaios-Heiligtum wurden auf dem großen Aschenaltar neben Tieren auch Menschen geopfert.
    • Wer über die Opfermahlzeit hinaus noch ein Stück Menschenfleisch aß, wurde der Sage nach zu einem "Werwolf", wie er auch in deutschen Sagen erzählt wird. "Durch die Menschenopfertötung und das Menschenopfermahl erfuhr der Mensch eine Vergöttlichung zum Raubtier"(BAUDLER 2001, 87).
    • Die Sagenwelt Roms kennt Wolf und Wölfin, die mit Romulus und Remus auf die Heiligkeit des Wolfes und seine Zugehörigkeit zu Mars hindeuten.
    • In den Grimmschen Kinder- und Hausmärchen ist der Wolf der große Todbringer, der durch das Zusammenspiel von Mutter und Kind - "Der Wolf und die sieben Geißlein" - oder vom männlichen Helden - "Rotkäppchen" - überwunden wird.
  • "Dem Raubtier entspricht in der biblischen Bilderwelt die Schlange. Auch diese tötet ihre Beute durch Biss und verschlingt sie"(BAUDLER 2001, 97).
  • In oft grausamen Initiationsriten kommt der Zusammenhang von Religion und Raubtier zum Ausdruck. Solche Riten haben die Funktion der Aufnahme männlicher Jugendliche in den Kreis der Jäger und Krieger. In den afrikanischen Inititationszeremonien treten die Priester in Löwen- und Leopardenfellen auf.
In der Nachahmung des Raubtieres entstand die "Sündenbock-Tötung"(scapegoating) als die Urform religiösen Opfers und menschlicher Sozialisation.

  • Beim Angriff eines Raubtieres konnte sich die Hominidengruppe als Gesamtkörper zusammenschließen und wehren. Für das Raubtier erschien die Menschengruppe als ein zu großes Beutetier, wobei als Gegenstrategie im Rudel angegriffen oder stundenlang die Beute umkreist und so versucht wurde, die Gruppe zu sprengen. Das schwächste Glied - ein Kind oder ein altes oder krankes Gruppenmitglied - war dann die Beute. Der Tod des einen sicherte das Weiterleben der Gruppe als ganzes.
  • Aus der Art der Sündenbock-Tötung entstand in der Folge eine Sakralisierung des Opfers, die zum Frieden in der Gruppe führte.
Das Raubtier jagt, um zu überleben. Den Menschen fasziniert die Tötungsgewalt. Diese ahmt er nach.

  • So ist das Scapegoating genau das Gegenteil dessen, was als Geste der "Liebe" am eigentlichen Ursprung des Menschseins steht.
  • Biblisch ausgedrückt fasst der Prophet Hosea dann auch die Opferkritik zusammen - Hos 6,6 "Denn ich habe Lust an der Liebe und nicht am Opfer, an der Erkenntnis Gottes und nicht am Brandopfer" - und im Matthäusevangelium erscheint dieses Wort zweimal im Munde Jesu - Mat 9,13 "Ich habe Wohlgefallen an Barmherzigkeit und nicht am Opfer. Ich bin gekommen, die Sünder zu rufen und nicht die Gerechten"; Mat 12,7 "Wenn ihr aber wüßtet, was das heißt: 'Ich habe Wohlgefallen an Barmherzigkeit und nicht am Opfer', dann hättet ihr die Unschuldigen nicht verdammt".
2 Zur Jäger-Rolle    

Im "Scapegoating" befreit sich der Mensch vom Beutetier-Status und wird zum Jäger, wenn auch im Sündenbock-Status in den eigenen Reihen. Nach diesem Schritt funktionierte er den Grabstock zur Stoßlanze und den Hammer und Steinschaber in eine Faustkeilwaffe um.

  • Um dies zu können, bedurfte es des Erlernens gezielten Tötens. Jetzt erst konnte der Mensch Pflanzenfresser jagen, die überhaupt keine Bedrohung für ihn darstellen - Bison, Mammut und Nashorn. An die Wände ihrer Kulthöhlen malten Steinzeitmenschen solche Jagdbilder(vgl. Höhle von Lascaux). Diese wurden verehrt, verinnerlicht und als heldenhaftes Tun angesehen.
  • Jagd verfolgt keinen äußerlichen Zweck, sondern wird um seiner selbst wegen getätigt. Vor allem heranwachsende Männer müssen solche Betätigung mit allen Gefahren erlernen. Da der Mensch von Natur aus ein Fluchttier ist, wird er zum Jäger(und Krieger) umgepolt.
Töten erhält Kultstatus.

  • In der Folge wird diese Eigenschaft in der germanischen Mythologie zum Heldentum erklärt - gefallene Krieger werden von den Walküren nach Walhall geleitet. Das Schlimmste, das einem germanischen Helden passieren konnte, war der "Strohtod"(= hilfloser Tod im Bett).
  • Für katholische Mütter galt übrigens noch im Zweiten Weltkrieg der Schlachtentod ihrer Söhne als direkter Eintritt in das Himmelreich(vgl. MISSALLA 1999).
3 Gewalt und Blutrache    

Als wichtiges Element einer archaischen Religiosität gilt die Blutrache. Als urtümliche Form menschlichen Handelns muss man auf ihre weite Verbreitung hinweisen(vgl. LEDER 1980, 31). Sogar in Europa - in Nordalbanien - wird sie teilweise praktiziert.

Durch zwei Formen ist Blutrache bestimmt.

(1) Einmal wird sie zum Erhalt der Sippe praktiziert. Wiederum gilt in der Krisensituation das "Sündenbock-Verhalten".

(2) Zum Anderen gibt es die Verpflichtung, durch den Tod eines Angehörigen einen anderen Menschen zu töten(vgl. das Verhalten bei Stämmen Westaustraliens, beim Tod eines Angehörigen durch einen nächsten Verwandten ein beliebiges Mitglied eines anderen Stammes zu töten). "Da diese Tat wiederum Blutrache auslöste, waren die Stämme ständig auf Wanderschaft, um den Rächern zu entgehen"(LEDER 1980, 33).

In der Bibel findet sich der sogenannte "Lamech-Schwur", der im Zusammenhang mit der Kain-Erzählung zu sehen ist(Gen 4,23-24 "Einen Mann erschlug ich für meine Wunde und einen Jüngling für meine Beule. Kain soll siebenmal gerächt werden, aber Lamech siebenundsiebzigmal."). Nach LEDER deckt sich dies in der Ethnologie mit Beobachtungen etwa beim afrikanischen Stamm der Arawaks, wo Blutrache oft als Folge zur Ausrottung ganzer Familien führen kann(vgl. LEDER 1980, 33).

Blutrache-Tötung findet nur durch Männer in direkter Gewaltanwendung statt, als Waffe dient das Messer oder ein Dolch. Es muss Blut fließen. Durch "raubtierhaftes Töten" wird ein Raubtier- und Jägerstatus dokumentiert.

Im Zuge der Emanzipation der Frau wird das uralte Vorrecht des Mannes, Berufe auszuüben, die das Töten beinhalten - man denke an Jäger, Soldat, Henker und Fleischhauer - grundsätzlich in Frage gestellt(vgl. BAUDLER 2001, 109-110).

4 Eindämmmung der Rachegewalt    

Es erscheint hilfreich zu sein, den Begiff Rache zu differenzieren.

  • Nicht nur im alten Israel - man denke an die Einrichtung von Asylstädten für Totschläger, vgl. Ex 21,12-32)- auch bei anderen Völkern begann man langsam zwischen einer beabsichtigten und geplanten Mordtat und einem Totschlag - besonders bei provoziertem Verhalten des Getöteten - zu unterscheiden. Der Rechtssatz im 5. Buch Mose(Dtn 24,16) gilt als gewaltiger Fortschritt im Eindämmen gewaltverhafteten Denkens: "Die Väter sollen nicht für die Kinder noch die Kinder für die Väter sterben, sondern ein jeder soll für seine Sünde sterben."
  • Ebenso bedeutet die Überwindung des "Lamech-Syndroms" durch die Ausbildung des Talionsrechtes einen Fortschritt, denn es gilt nicht mehr "Einen Mann erschlug ich für meine Wunde und einen Jüngling für meine Beule"(Gen 4, 23), sondern "Auge um Auge, Zahn und Zahn, Hand um Hand, Fuß um Fuß"(Ex 21, 24).
  • Eine darüberhinaus gehende Gewaltanwendung steigerte nicht mehr das Ansehens des Mannes, sondern schmälerte es. Allerdings: Eine Ehr- und Statusverletzung - durch vorsätzlichen Mord - kann nur durch Blut wiedergutgemacht werden(vgl. Hebr 9,22). Diesem Grundsatz huldigen heute noch jene Staaten, die an der Todesstrafe festhalten, also noch dem Rache-Denken verhaftet sind.
Es entsteht nunmehr die Möglichkeit, Rachegewalt durch einen neutralen Vermittler einzudämmen, der Wege sucht, die verletzte Ehre des Jäger- und Heldenstatus zurückzugeben(Opfertier-Opfermahl; Austausch von Gaben; vgl. MAUSS 1990).

    • Die zunächst große Anzahl von Opfertieren in den Tempeln wurde in der Folge durch Münzen ersetzt, auf die ein Bild der zu opfernden Tiere oder des Gottes, dem geopfert wurde, geprägt wurde.
    • War einst der Status mit der Anzahl der Opfertiere erkennbar, so fährt man heute ein entsprechendes Auto, verfügt über Schmuck, Haus und Wohnung und bewegt sich in entsprechenden Gesellschaften. Der von LEEUW beschriebene "Potlatch" feiert so seine Auferstehung. Dieser bestand darin, dass zwei Indianerstämme/Häuptlinge in NW-Amerika einen Wettkampf der Verschwendung begannen. Damit demonstrierte man im Rausch der Verschwendung seine Macht(G. VAN DER LEEUW 1979, 395).
Eine andere Möglichkeit des Racheausgleichs besteht in der öffentlichen Unterwerfung des Geschädigten durch Spottlieder, zeremonielle Tänze, öffentliches Verprügeln, Unterwerfungsformeln - man denke an den "Gang nach Canossa" 1077 - und Bedrohungsszenarien, wie die des "Kalten Krieges".

Dass es dennoch ein Gewaltpotential gibt, zeigen in unserer Gesellschaft die hohe Anzahl von Gewaltausbrüchen mit Brutalitäten, Folterungen und Tötungen, auf die noch einzugehen sein wird.

5 Krieg: Formen der Tötung - Konsequenzen für Politische Bildung - Notwendigkeit von Kriegen    

Der Krieg als Zerstörungs- und Vernichtungsakt zeigt besondere Formen der Tötung. Bei sadistischen Grausamkeiten, Folterungen, Schändungen, Verstümmelungen, den Tieren zum Fraß vorwerfen, Massakern und langsamen Hinmarterungen geht es im Grunde genommen um die totale Annihilation des Gegners - es darf von ihm möglichst nichts übrig bleiben.

Als besondere Form der körperlichen Zerstörungsarbeit muss die KZ-Maschinerie im 20. Jahrhundert des Nationalsozialismus angeführt werden(Trauma vom Nationalsozialismus).

  • Kennzeichnend sind hier die Männerbünde als Kern der Tötungs- und Vernichtungstrategie in Form der Gestapo und SS.
  • Die vermutlich älteste Struktur solcher Bünde findet man in den sog. Panther- und Löwenmenschen Afrikas, wobei die Tötungen als Opferritus durchgeführt werden. Teile der Getöteten werden im Opfermahl verzehrt und in alle Richtungen verstreut.
Angesichts der Vernichtungsmaschinerien darf an die klassische Frage der Politischen Bildung erinnert werden: Wie kann ein Rückfall in eine Barberei wie Auschwitz von vorn herein verhindert werden? "Die Forderung, dass Auschwitz nicht noch einmal sei, ist die allererste an Erziehung. Sie geht so sehr jeglicher anderen voran, dass ich weder glaube, sie begründen zu müssen noch zu sollen"(ADORNO 1977, 88).

  • Jede Erziehung geht gegen Barberei, aber Barberei besteht so lange, wie die Bedingungen, die einen solchen Rückfall herbeiführen, in einer Gesellschaft bestehen - und das war in der Ära des Nationalsozialismus der Fall.
  • Eugen Kogons Buch "Der SS-Staat" spricht kulturelle Differenzen an, die mit eine der "Bedingungen des Grauens" sind(ADORNO 1977, 94). Dies abzubauen ist eines der wichtigsten Erziehungsziele, wobei in der Folge der Erwachsenenbildung mit ihrem Bildungsauftrag erhöhte Bedeutung zukommt.
  • Am Beispiel ds Nationalsozialismus kann man ebenfalls erkennen, dass blinde Identifikation mit einem Kollektiv zu autoritätsgebundener Struktur führt. Diese Zusammenhänge bewusst zu machen, bedarf einer Förderung von demokratischer Erziehung.
Die besondere Art von Gewalt in Form von Massakern bedarf auf Grund der letzten Kriege - Vietnam und Balkan - einiger Hinweise.

  • Zu Zeiten von Mose war diese Kriegsart geboten. So wird erzählt, dass Moses in Zorn gerät, weil seine Leute im Rachefeldzug gegen die Midianiter deren Frauen und Kinder am Leben gelassen haben(vgl. Num 31, 9-17).
  • Elemente solcher Vernichtung und Tötung gibt es heute noch in jeder Ausbildung zum Wehrdienst, insbesondere bei Eliteeinheiten(vgl. BAUDLER 2001, 12).
In seinem "Traktat über die Gewalt"(1996) weist Wolfgang SOFSKY auf den sprachlichen Umgang mit dem Phänomen Gewalt hin. Da wird von Konflikten, Einsätzen, Kräfteverhältnissen und Schäden - man denke nur im Irakkonflikt 2002 an das berühmte Wort "Kollateralschäden" - gesprochen, die Leiden und Schmerzen der Opfer kaum benennen(vgl. SOFSKY 1996, 67-68).

In diesem Zusammenhang ergibt sich die grundsätzliche Frage einer Notwendigkeit von Kriegen. Offensichtlich spielen hier Begriffe wie Selbstachtung und der Ehrbegriff eine Rolle.

Vier Beispiele sollen dies verdeutlichen.

1) Im verzweifelten Kampf der Juden im Jahre 73 auf der Festung Massada gegen die Römer,

(2) beim Überfall der Indianer unter Häuptling Sitting Bull auf die US-Armee von General Custer am Little Big Horn 1876,

(3) in den verzweifelten Kavallerieattacken der Polen gegen die deutschen Panzer 1939 sowie

(4) die Aufstände der Juden im Warschauer Getto und im KZ Treblinka zeigt sich die Radikalität und Brutalität beider Seiten, obwohl die Situation der schwächeren Seite nicht mehr zum Positiven gewendet werden kann. "Es geht darum, in einem verzweifelten Zerstörungshandeln den eigenen Jäger-Status aufrecht zu erhalten und nicht in den Beutetier-Status zurückzufallen"(BAUDLER 2001, 130).

Es gilt zu sehen, dass in diesen Ereignissen der Verlierer als Held ebenso dem Irrtum wie die Sieger aufsitzt, durch Töten könne der Mensch seinen eigen Tod verhindern und damit die jeweilige Situation zu seinen Gunsten verbessern(vgl. DREWERMANN 1991, 83).

  • Das bedeutet allerdings nicht, die Forderung nach Gewaltverzicht an die von Ausrottung bedrohten Indianer oder an die Juden im Warschauer Getto zu stellen.
  • Solche Forderungen befrieden keineswegs in Extremsituationen, im Gegenteil treiben sie Menschen noch tiefer in Angst und Verzweiflung, die zu neuen Gewalttätigkeiten führt(vgl. die aktuelle Situation im Nahen Osten).
Im frühen Christentum galt die Regel, ein Christ dürfe keine Tötungsgewalt ausüben oder über sie verfügen. In der HIPPOLYT zugeschriebenen römischen Kirchenordnung steht: "Wer über Exekutionsgewalt verfügt oder ein Staatsbeamter, der Purpur trägt, soll entweder verzichten oder ausgestoßen werden"(HIPPOLYT, Tradition apostolica 16 - nach B. BOTTE - A. GERHARDS, La Tradition apostolique de Saint Hippolyte, Münster 1989, 36).

6 Der "Kalte Krieg" und seine Bedeutung    

Ein "Super-Töten" beendete den Zweiten Weltkrieg, in Deutschland mit Städte-Bombardierungen und in Japan mit zwei Atombombenabwürfen. Angesichts solcher Tötungsgewalt kam es zu den beiden Kapitulationen am 8. Mai und 2. September 1945.

Es gehört zu den geschichtlichen Eigenheiten, dass nach dem Zünden der Atombomben und dem unmittelbaren Tod von rund 200 000 Menschen in Hiroshima und Nagasaki auch andere Industriestaaten an dieser Superwaffe zu arbeiten begannen. Inzwischen spricht man von einem "Overkill", mit dem man ein Tötungs- und Vernichtungspotential anspricht, das alles Leben auf der Erde x-mal vernichten kann.

Nach dem Zweiten Weltkrieg standen sich mit dieser Tötungsmaschinerie die USA und die UdSSR gegenüber.

  • 1962 zeigte die Kuba-Krise, wie im letzten Augenblick ein verheerender Dritter Weltkrieg verhindert werden konnte.
  • Mit der weltgeschichtlich bedeutenden Wende von 1989 lässt sich erst die Größe - man spricht auch von Wunder - erkennen, dass nunmehr das Wettrüsten im "Kalten Krieg" beendet wurde.
    • "Dieses Wunder übertrifft die in der Bibel enthaltenen Wundererzählungen in seiner Bedeutung. Dabei ist nicht nur an das gewaltfreie Sich-Ergeben in die Situation der Sowjetunion zu denken, sondern auch an die zurückhaltende Politik der Westmächte, die alles getan haben, um den Ostblockstaaten einen 'Gesichtsverlust' zu ersparen"(BAUDLER 2001, 128). Das Bewusstsein, dass es unmöglich ist, einen militärischen Gegner völlig zu zerstören - auch wenn die eigene militärische Kraft ein Massaker ermöglicht - ist neu.
    • Die Folgen des "Kalten Krieges" sind immer noch nicht überwunden. Man denke nur an das Wettrüsten der Länder in der Dritten Welt, in der Folge an den täglichen Hungertod.
    • Eine Vernichtung dieses tödlichen Waffenpotentials steht immer noch aus, die Gefahr eines Zugangs zu den Superwaffen und damit einer Vernichtung der Menschheit ist nach wie vor nicht gebannt.
7 Zur Jugendgewalt: Selbstwertgefühl - Medien - Rechtsradikalismus    

7.1 Selbstwertgefühl    

Nach HEINEMANN ist der statistische Befund eindeutig: 88% aller rechtsradikalen Gewalttaten in Deutschland werden von Jugendlichen zwischen 15 und 24 Jahren ausgeführt. Mit 93,3% überwiegt das männliche Geschlecht. Weniger das rechtsradikale Gedankengut als die durch das Gedankengut ideologisch legitimierte Gewalt zieht diese Gruppe an. Überall auf der Welt ist diese Gruppierung in besonderer Weise anfällig. Die höchsten Werte gibt es zwischen 15 und 17 Jahren(32,9%) und 18 bis 20 Jahre(39,1%) zu finden. Nach dem 20. Lebensjahr sinkt bereits die Rate auf 16,2%(vgl. HEINEMANN 1996, 109 bzw. 112).

Offensichtlich besitzen männliche Heranwachsende eine stärkere Affinität zu Gewalt als weibliche Jugendliche und Angehörige anderer Altersgruppierungen(vgl. WÖLFL 2001, 46-59).

Hier scheinen zwei Erklärungsansätze von Bedeutung zu sein.

(1) Dem biogenetischen Erklärungsmodell ist zu entnehmen, dass in einem Zeitraum von 200 Millionen Jahren sich eine Differenzierung von weiblichen und männlichen Säugetieren ergeben hat und sich damit unterschiedliche Verhaltensweisen selektierten(männlich: Imponiergehabe, körperliche Stärke, Ausbildung einer Schutzfunktion - weiblich: Wichtigkeit der Reproduktionsfunktion/Fürsorge- und Pflegeverhalten). Beim Menschen spielt die jeweilige Sozialisation eine wesentliche Rolle(Familie, Schule/Bildung, Beruf, Religion/Kultur, Politik und Medien).

(2) In der Anthropogenese spielen offensichtlich die beiden Entwicklungen der Mutter-Kind-Beziehung und der Nachahmung des Raubtieres in der Sündenbock-Jagd eine Rolle. Beide Entwicklungen beziehen sich aufeinander, wie in der Schutzfunktion, Hilfestellung und im Imponiergehabe ethnologisch und archäologisch nachzuweisen ist. Literaturgeschichtlich und sozialisationstheoretisch interessant lässt sich auch das umgekehrte Verhalten feststellen, wie in B. BRECHTs Stück "Mutter Courage und ihre Kinder" nachzuweisen ist: Als Elif, ihr Sohn, für einen erfolgreichen Überfall vom Hauptmann ausgezeichnet wird, gibt ihm die Mutter eine kräftige Ohrfeige. "Wenn Frauen von Anfang an so auf männliche Gewalttaten reagiert hätten, würde die Welt heute wahrscheinlich anders aussehen"(BAUDLER 2001, 136).

Der Prozess der männlichen Identitätsfindung ist schwieriger als der der Mädchen. Während Mädchen ihre Identifikation durch die und mit der Mutter finden, kann der männliche Heranwachsende seine Identität nur gewinnen, indem er sich aus der Identifikation mit der Mutter löst und sein Selbstwertgefühl in der peer-group findet.

Zwei kulturgeschichtlich-religiöse Phänomene sind von Interesse.

  • In Sagen und Mythen wird der tapfere, starke und tötungsgewaltige Mann als Held in eine besondere Position gehoben, man denke beispielsweise an die Sage von Herakles und die der modernsten Form des Terminators.
  • Frauen billigt man einen solchen Status nicht zu, allenfalls der Mutter, die sich im Kindbett der Todesgefahr aussetzt und dadurch besondere Verehrung gewinnt. In der Marienfrömmigkeit erkennt man einen solchen Aspekt, wenn Maria den Rang einer "Himmelskönigin" nicht wegen ihrer Mutterrolle gewinnt, sondern durch die Geburt Gottes - des göttlichen Helden, der furchtlos am Kreuz stirbt, um die ihm anvertrauten Menschen zu erlösen.
In der Jugendpsychologie und Jugendsoziologie wird der Zusammenhang zwischen Gewalt und Selbstwertgefühl nachgewiesen.

  • Schon Bruno BETTELHEIM hat in seinen Untersuchungen über US-Jugendbanden dieses Phänomen näher beschrieben(vgl. BETTELHEIM 1980, 207-233). Gewalt als Selbstzweck - "just für fun" - wird ebenso ausgeübt, wie auch eine ideologische Ausrichtung nur äußerlich ausgestülpt wird. "Rechtsextreme politische Gruppierungen benutzen lediglich die gewaltbereiten Jugendlichen für ihre Zwecke und liefern ihnen einen ideologischen Deckmantel für die als einen unabhängigen Wert empfundene und vollzogene Gewalttätigkeit"(BAUDLER 2001, 139; vgl. STURZBECHER 1997, 170-208 und SCHMITZ 2000).
  • Besonders deutliche Gewaltstrukturen beschreibt HEINEMANN von Jamaika, wo infolge der brutalen Versklavung und Kolonialisierung der einheimischen Bevölkerung die Traditionen und Strukturen zusammenbrachen. Respekt und Selbstwertgefühl verschafft der Besitz und die Größe des Revolvers(vgl. HEINEMANN 1996, 79-81).
7.2 Jugendgewalt    

Man darf davon ausgehen, dass in der Menschheitsgeschichte erworbene "kulturellen" Mechanismen der Gewaltverminderung unterschiedlich gehandhabt werden.

  • Wenn ein Fußballspiel zum Opferkampf zweier Mannschaften hochstilisiert wird, wenn Hooligans außerhalb der Stadien Krawalle inszenieren, wenn an Schulen Schutzgelder von MitschülernInnen erpresst werden und beispielsweise das Auto zur Waffe wird, sind Rückfälle in den Gewaltstatus zu verzeichnen.
  • Bernd GUGGENBERGER spricht in diesem Zusammenhang von einer "generellen Überforderung des heutigen Menschen". Er begündet dies mit der Wende 1989 und der Tendenz, sich in enge nationale oder auch religiöse Gemeinschaften einzubinden, die ihre Identität erst durch aggressive Abgrenzung erhalten. So wird vom "Scheitern des heterogenen Sozialstaates" gesprochen(vgl. GUGGENBERGER 1995).
  • Hoffnung wird in höhere Schulbildung gesetzt, damit rationale Denkstrukturen Distanz zu bestimmten Ereignissen aufbauen können.
  • BAUDLER argumentiert, dass die "Auflösung der Informationsgrenzen sich weltweit heute ausgebreitet hat, so dass sich die verschiedenen Lebensstile und Wertorientierungen, die sich in langer geschichtlicher Tradition in verschiedenen Räumen der Erde aufgebaut haben, miteinander vermischen und sich gegenseitig relativieren. Dies bewirkt einen Geltungsverlust der in verschiedenen Gesellschaften tradierten Werte, Normen und Verhaltensmuster, so dass eine allgemeine Orientierungslosigkeit entsteht. Stützende soziale Strukturen(Familie, Verwandtschaft, Religionsgemeinschaft) verlieren ihren Halt"(BAUDLER 2001, 148).
  • Der heutige "soziale Analphabet" hat kein Bild eigener Identität in den verschiedenen Lebensbereichen.
7.3 Gewalt in den Medien    

Durch den freien Zugang zu Fernsehsendungen und die damit freien Informationsgrenzen wird die teilweise epidemieartige Verbreitung von Jugendgewalt begründet. In den kommerziellen Fernsehanstalten sei der Horror-, Thriller- und Action-Filme-Anteil besonders hoch(vgl. BAUDLER 2001, 150). Es darf daraus der Schluss gezogen werden, dass offensichtlich - begründet durch die Quotenzahlen - Fernsehkonsumenten gerne Gewaltdarstellungen sehen.

Kontrovers wird die Frage diskutiert, ob der Konsum von solchen Gewaltdarstellungen bei Jugendlichen zu aggressivem und gewalttätigem Verhalten führt.

  • Schon im "Bericht der Bayerischen Staatsregierung Jugend und Gewalt" vom September 1994( http://www.stmukwk.bayern.de/jugend/bericht/teil1/oeff2.html)wird von über 3000 Studien im Medien-Wirkungsbereich gesprochen, deren Ergebnisse sich vielfach widersprechen.
  • Allerdings gäbe es Übereinstimmung darüber, dass Ansätze zum Abbau von Agggressionen unzutreffend seien. Nach mehrheitlicher Auffassung wirkt sich der gehäufte Konsum von Gewaltdarstellungen durch den Einbau in alltägliche Szenen negativ auf Heranwachsende aus. Ebenso gäbe es Erklärungsansätze, wonach der Konsum von Gewaltdarstellungen - besonders durch Videos - nicht zu erhöhten Gewalttaten führe.
Vermutlich gibt es einen doppelten Effekt.

  • Einmal findet ein Abbau von Gewaltbarrieren statt, andererseits wird durch den regelmäßigen Konsum und die Häufigkeit die Wahrnehmung abgestumpft. Eine Status-Steigerung und die Verehrung von Helden - wie in den Mythen und Sagen - kommt abhanden.
  • Nur in den gefährdeten Schichten - wie BETTELHEIM beim Umfeld von Jugendbanden es ausführt - bekommen solche Medienfiguren Ansehen und Macht. Dass bei Frustrationen und Minderwertigkeiten zu einer solche Art der Kompensation häufig gegriffen wird, scheint gesichert zu sein.
Der Ruf nach Zensur ist insofern von Interesse, als viele Leute eine stärke Kontrolle von Gewalt- und Sexdarstellungen befürworten, dieselben Personen aber kein Problem haben, die betroffenen Programme selbst anzusehen. Die Wirkung von Medienaussagen auf Dritte wird insgesamt höher eingeschätzt als ihr Einfluss auf das eigene Verhalten. Diese Diskrepanz ist als "Third-Person-Effect" der Kommunikation bezeichnet worden(vgl. EISENMANN 2001, 58-60).

Der Stand der Medienforschung im Hinblick auf die negativen Folgen von Gewaltdarstellungen lässt sich nach J. EISENMANN weder mit Nein noch mit Ja beantworten. Die Erweiterung des Forschungsinteresses auf emotionale Effekte des Fernsehens haben eine Lösung des Gewaltproblemes eher erschwert. "Das Dilemma ist jedenfalls, dass diejenigen Kinder, die gefährdeter für Effekte von Gewaltdarstellungen, in der Regel Eltern haben, die sich weniger um sie sorgen oder sorgen können"(EISENMANN 2001, 60).

  • Von der deutschen Gewaltwirkungsforschung sind bislang reflexive Kommunikationsstrukturen - wie die Rolle des "Third-Person-Effects" - unberücksichtigt geblieben.
  • Aus der kulturwissenschaftlich-orientierten Medienforschung werden medienpädagogische Maßnahmen abgeleitet, die jedoch mit dem Dilemma konfrontiert sind, dass gerade diejenigen mit medienpädagogischen Maßnahmen erreicht werden, die es am wenigstens notwendig haben.
7.4 Rechtsradikalismus    

Das Verhältnis zwischen Nationalsozialismus und Gewalt ist differenziert zu sehen. Faschisten und Nationalsozialisten haben das Scapegoating und damit die Verherrlichung der Gewalt nicht erfunden.

  • Diese vollzog sich erstmals in jenen Horden von Hominiden, die beim Angriff eines Raubtieres einen der ihren dem Raubtier zum Fraß vorwarfen und damit den Rest der Horde retteten.
  • Vermutlich hat Nero die Christen als Sündeböcke für den von ihm wahrscheinlich selbst gestifteten Brand Roms benützt, so wie im Mittelalter etwa beim Ausbruch der Pest Juden als Sündeböcke verfolgt wurden.
  • Auch nach dem Ersten Weltkrieg wurde dieses Verhaltensmuster durch den Zerfall bestehender politischer Feindstrukturen und wirtschaftlicher Not weiter verwendet: in Italien als "Schwarzhemden", in Deutschland als "Braunhemden", in Frankreich als "Action Francais", in Spanien als "Falange", in Österreich als "Heimwehr", in Belgien als "Rexisten", in Jugoslawien als "Ustascha" und in Ungarn als "Pfeilkreuzler".
    • Die nunmehr im Inneren der Staaten vorhandene Gewalt wird zum Mittel politischer Auseinandersetzung mit bürgerkriegsähnlichen Zuständen.
    • "Was heute in rechtsradikalen Gruppierungen und Parteien an Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus in Erscheinung tritt, ist ein erneuter Rückfall in solche früheren Stadien. Der nationalsozialistisch-rassistische Überbau haftet dabei nur äußerlich an"(BAUDLER 2001, 152).
Die Abwehr alles Fremden kann menschheitsgeschichtlich mit der Phase der Sesshaftwerdung' angesetzt werden.

  • Alles, was außerhalb der Grenzen der Behausung existierte, wurde als Bereich des Bösen und von Gefahren angesehen(= raubtierhaft). Dies weist historisch auf die Bedeutung der gezogenen Furche in der Sage von Romulus und Remus sowie etwa der Stadtmauer im Mittelalter, wo eben der umgrenzte Raum das Zentrum des Lebens mit seinen Möglichkeiten darstellt.
  • Der Fremde, sofern er nicht Gast ist, bleibt der Feind. Wer als Gastfreund aufgenommen wird, darf unter keinen Umständen Außenkontakte pflegen, wenn er nicht wieder in den Feind-Status zurückfallen will(vgl. JAMES COOK und seine Mannschaft, wie sie ihr Leben verloren, weil sie auf diese Tabus nicht achteten; man beachte die aktuelle Diskussion um Integrationsbemühungen bei MigrantenInnen unter diesen Aspekten).
7.5. Gründe und Strategien zur Vermeidung gewaltttätigen Handelns    

Zur Vermeidung von Rückfällen zur Gewalttätigkeit empfiehlt sich eine ethnologisch, ur- und religionsgeschichtliche Analyse des Gewaltverhaltens in Verbindung mit politischer Bildung/Erziehung vorzunehmen. Die bisher erfolgten Ausführungen sollen nunmehr zusammengefasst und mit Überlegungen zur Politischen Bildung/Erziehung erweitert werden.

7.5.1 Traditionsumbrüche    

Die Ursache vieler Gewalttätigkeiten von Jugendlichen liegen, wie schon herausgearbeitet, in geschichtlichen und gesellschaftlichen Traditionsumbrüchen, als deren Folgen Verhaltensmuster von Gewaltfaszination aufbrechen.

Große geschichtliche Entwicklungen können nicht aufgehalten werden. Das gewaltlose Ende des "Kalten Krieges", das die gegenwärtige Globalisierung einleitete und zum Aufeinanderprall der Kulturen und Traditionen mit einer Orientierungslosigkeit in unserer Gesellschaft führte, ist weltgeschichtlich ein entscheidender Schritt zur Gewaltverminderung gewesen.

Den Aufeinanderprall der Kulturen und Traditionen in geordnete Bahnen zu lenken und dadurch den Konflikt zwischen Zvilisationen, Kulturen und Weltreligionen zu vermeiden, ist das Bemühen von Samuel HUNTINGTON Ende der neunziger Jahre(vgl. HUNTINGTON 1997).

Dazu gehört der Dialog der Weltreligionen.

Die "Dekade zur Überwindung von Gewalt 2001-2010" des Weltkirchenrates/Ökumenischen Rates der Kirchen hat in der nichtchristlichen Welt entsprechende Resonanz gezeigt. Es zeigt, dass die großen Religionen und Religionsgemeinschaften in der Abwehr von Gewalt und Brutalität sich finden.

Dies ist auch das Ergebnis von HANS KÜNGs Projekt "Weltethos" im gemeinsamen ethischen Nenner im Parlament der Weltreligionen 1993 in Chicago : "Wir verpflichten uns auf eine Kultur der Gewaltlosigkeit, des Respekts und des Friedens"(KÜNG-KUSCHEL 1993, 18; vgl. KÜNG 1990). Die dürren Sätze benötigen Leben - Interpretation, Lehre, Ritus, Meditationstechnik und religiöse Handlungen je nach Weltreligion.

Sie benötigen auch Konsequenzen im Bildungsbereich, nicht nur in Religionspädagogik, auch in der Politischen Bildung/Erziehung mit ihren Ansprüchen.

  • Wenn eine Gesellschaft, die Demokratie, Menschenrechte, Toleranz und Frieden als ihre höchsten Werte anerkennt und wenn sie bei aller Neutralität gegenüber Religionen und und dem Bekenntnis zu Traditionen den Dialog fördert, ist Pluralismus und Multikulturalität in einem Staat(und der EU) - verbunden mit Erziehungs- und Bildungsmaßnahmen - ein notwendiger und lebendiger Prozess mit Möglichkeiten des Abbaues von Gewalttätigkeiten.
  • Auch daran wird man Bildungsmaßnahmen nationaler und internationaler Art messen können.
7.5.2 Zum Problem der Bestrafung    

"Das Problem der Strafe ist, [...]dass der Bestrafende genau die Verhaltensweisen modelliert, die er beim Kind reduzieren will"(HEINEMANN 1996, 118).

In der Regel fühlen gewalttätige Jugendliche sich durch eine Bestrafung bestätigt und in ihrem Handeln verstärkt. Der häufige Berufswunsch, Polizist zu werden, kommt hier nicht von ungefähr. Staat und Staatsgewalt wirken als Modell. Dass man seine Gewalttat verfeinern und verstärken kann, um nicht oder schwerer aufgedeckt zu werden, ist jugendliche Praxis.


In diesen Zusammenhang gehört auch die Tötungsgewalt des Staates. Nur so erklärt sich die Tatsache, dass in den USA Bundesstaaten mit Todesstrafe eine höhere Mordquote haben als Bundesstaaten ohne Todesstrafe. Schutz der Gesellschaft und Schutz des Täters - vor seiner Gewalttätigkeit und einem noch tieferen Abgleiten in die Krimininalität - dienen als Maßnahmen strafrechtlicher Bemühungen.

Religionsgeschichtlich ist dies genau die Art der Strafe, wie sie Jahwe-Elohim in den Sündenfallerzählungen der Genesis ausübt, wenn der Garten Eden vor den Stammeltern verschlossen wird, damit diese nicht auch vom Baum des Lebens essen und dadurch in noch größere Gottesferne geraten. Als weiteres Beispiel kann die Einsicht des Brudermörders in die Tragweite seiner Tat gesehen werden, der die Folgen, etwa die Verfluchung des Ackerbodens, aber auch das Schutzzeichen auf der Stirn erkennt.

In dieses Verständnis kulturgeschichtlicher Aspekte passen die Methoden der Verhaltenstherapie straffälliger jugendlicher Gewalttäter und die Sozialarbeit mit gewalttätigen Gruppen, wie sie heute durchgeführt werden.

  • Verstehen und Zuwendung, Ohnmachts- und Minderwertigkeitsgefühle abzufangen und Aufbau eines Selbstwertgefühles sind verhaltenstherapeutische Maßnahmen neben symbolischer Konfliktver - und -bearbeitung, autogenem Training, Einübung gewaltvermeidendem Verhalten in Rollenspielen oder dem Erkennen der Opferperspektive.
  • Das "Anti-Aggressivitäts-Training" in US-Strafanstalten kann als Beispiel angeführt werden. Persönliche Schwachstellen werden mit vielen Freizeitaktivitäten, Gruppengesprächen und Beziehungserfahrungen aufgefangen. Wenn auch die Rückfallquote mit 40 - 50 Prozent relativ gering ist, so so sind die realtiv wenigen Rückfälle aber umso gravierender(HEINEMANN 1996, 142).
Auch für die Jugendsozialarbeit könnte das Wissen um anthropogenetische Strukturen hilfreich sein.

  • Für Skinhead-Gruppen gibt es kaum konzeptionelle Ansätze und handlungsorientierte Projekte. In Bremen gab es ein berichtenswertes Projekt, in dem Skinheads in einem Jugendclub mit geringer Unterstützung von SozialarbeiternInnen miteingebunden sind, wobei sich ein gutes Verhältnis zu Schwerstbehinderten entwickelt hat(vgl. KRAFELD-MÖLLER-MÜLLER 1993, 9 bzw. 120).
  • Zum Aufbau von Selbstwertgefühl und Identität scheint eine solche Alternative zu den üblichen erlebnispädagogischen Angeboten überaus reizvoll zu sein, zumal hier gewaltbereite Jugendliche mit Menschen in Berührung kommen, die noch ohnmächtiger sind als sie selbst.
7.6 Unterwerfung und Staatsgewalt    

Sozioarchäologische Forschungen - Ausgrabungen und Funde zum Beweis der Entstehung von Staaten - zeigen an, dass die Staatenbildung regelmäßig von religiösen Zentren ausgeht.

  • K. EDER meint daher zurecht, dass durch Tempelgründungen zur Zeit der Hochkulturen Zentren evolutionärer Veränderungen sind. An ihnen wird Scapegoating ausgeübt(vgl. EDER 1976, 18).
  • Ob Israel, Griechenland oder Rom: keine Abmachung, kein Vertrag, kein Bündnis kommt ohne Opfer zustande. Dass hier auch das Justizwesen seinen Ursprung hat, ist klar. Über die Blutrache bis zur Todesstrafe handelt es sich um - letztlich auch religiöse - Sühneleistungen. "Jede Hinrichtung trägt von diesem Ursprung her den Charakter eines Menschenopfers"(BAUDLER 2001, 163).

Pädagogisch - im Sinne einer zeitgemäßen Politischen Bildung/Erziehung - kommt es darauf an, dass der Staat wirksam seine Identität, seinen Wert und seine Notwendigkeit in der Sorge um das Wohl seiner BürgerInnen demonstriert und umgekehrt beiträgt, Gewalt gesellschaftlich zu ächten.

Biblisch-religiös läge in diesem Schritt ein Wandel des Verständnisses vom Wesen der Schicksalsmacht: Jahwe als fürsorgende Schutzmacht für die BürgerInnen des Gemeinwesens.


Mit der Sesshaftwerdung - bei uns ab der Jungsteinzeit und der vermutlich ältesten Form eines Gemeinwesens - lebt der Mensch nicht mehr von der Jagd(allein), der Pflanzenanbau erhält seine Bedeutung. Der Raubtier- und Jägerstatus soll aufrecht erhalten werden. Mit dem Kult der Fruchtbarkeit erhält der Bestattungs- und Ahnenkult zunehmend Bedeutung - man denke an die "Megalithkulturen" mit der Aufrichtung großer Steine. Die Frau und Mutter steht im Mittelpunkt dieser Kulturform, in der die Kinder den Mutter-Clan in der Regel nie dauernd verließen und die Vererbung in der mütterlichen Linie verlief.

Die wahrscheinlich älteste Staatsform mit dem Opfer-Königtum hat sich unmittelbar aus dem Menschenopfer entwickelt.

  • Der zu opfernde junge Mann verkörpert die Vegetationsgottheit und muss deshalb im Herbst - bei Vergehen der Wachstumszeit - den Opfertod sterben. So entsteht eine Sakralisierung des Opfers mit höchsten Ehren und und allen denkbaren Privilegien.
  • In Kreta etwa darf er im Haus der Priesterkönigin leben, trägt kostbare Kleider und genießt feinste Speisen und Getränke. König Minos habe sich alle sieben Jahre in eine Höhle des Ida-Gebirges zurückziehen müssen, um sich zu "verjüngen". Bei einer solch langen Zeitperiode gewann er großen Einfluss auf die Siedlungen und übernahm vermutlich jene Funktionen, die in matriarchalen Gesellschaften häufig der Bruder der Priesterkönigin oder deren Sohn/Neffe ausübt. Durch die Übernahme des Opfertodes ist er der Heros der Priesterkönigin.
Feministische Autorinnen sprechen immer von der Freiwilligkeit dieses Menschenopferkults(vgl. MEIER-SEETHALER 1994, 82). "Mit diesem Versuch, die Menschenopfer-Praxis zu rechtfertigen, geben die Autorinnen zu erkennen, dass sie noch selbst in der ursündlichen[Anmerkung GD dh. urgeschichtlichen Gewaltmentalität] verhaftet sind"(BAUDLER 2001, 167).

  • In diesem Zusammenhang ist der Begriff "Freiwilligkeit" von Interesse.
  • Der Aufruf Goebbels zum "totalen Krieg" und die Kinder, die in der Ideologie des Ajatollah Khomeinis "freiwillig" ihr Leben opferten, zeigen die Realität physischer Gewalt, die Menschen in den Tod treibt.
Form und Grad der Unterwerfung bäuerlicher Urbevölkerung konnten höchst unterschiedlich sein.

  • Jedenfalls verlor die Bevölkerung ihren Raubtier- und Jägerstatus und fiel in den Beutetier-Status zurück. Damit war man recht- und ehrlos und den Eroberen ausgeliefert.
  • Hier liegt auch der Ursprung der Sklaverei. Noch bis in die Zeit des Kolonialismus galt der Grundsatz, dass ein besiegter und gefangener Feind - mit seiner Familie - als Sklave verkauft werden konnte. Der Besiegte verlor sein Lebensrecht, der Sieger konnte alles mit dem Besiegten tun.
Im antiken Griechenland hatten mitunter die Besiegten einen Rest-Status, d.h. sie konnten auf Feldern arbeiten und die Ernte ihrem Herren abliefern. Später wurde man dann zum Kriegsdienst eingezogen. So entstand eine Demokratie mit Mitspracherecht der waffenfähigen Männer, also der mit Tötungsgewalt ausgestatteten Bürger. Frauen fehlte dieses Recht des Waffentragens - in der Schweiz fehlte bis vor wenigen Jahren noch in einigen Kantonen Frauen das aktive und passive Wahlrecht -, weshalb dies als ursprünglicher Grund ihrer Minderbewertung in der Gesellschaft angesehen wird(vgl. den Waffen- und Kriegsdienst von Frauen heute in modernen Armeen und die politische Auseinandersetzung um das Wahlrecht in Entwicklungsländern).

Im Mittelalter wurden unfreie Leibeigene als "Ministeriale" zum Kriegsdienst herangezogen und erlangten so die Gleichstellung mit dem Rittertum und damit dem niederen Adel. Das ganze europäische Mittelalter war mit kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen adeligen Grundbesitzern gekennzeichnet, Kaiser bzw. Könige hatten immer wieder den "Landfrieden" herzustellen.

Gegenwärtig gibt es einen zeitgeschichtlich besonderen Zustand.

  • Die gewaltfreie Wende von 1989 hat eine Weltmacht - die USA - mit einer einzigartigen wirtschaftlichen und militärischen Anspruchsmentalität gebildet. Es zeigt sich aber, dass der Anspruch und die Rolle der "Weltpolizei" nicht gegenüber Staaten, die über ein Atomwaffenpotential verfügen, durchgesetzt werden kann(vgl. Tschetschenienkrieg).
  • Dennoch treten auffallend klar Umrisse urgeschichtlicher Gemeinschaftsgründungen zu Tage: Der Präsident hat den Nimbus eines Königs, die "First Lady" einer Königin. Nebenfrauen werden gebilligt. Man weiß, dass die Rolle des "Königs" zeitlich begrenzt ist, was auch als eine Parallele zum früheren Opfertod des Königs angesehen werden kann. Die Tötungsgewalt wird durch Hinichtungen(Menschenopfer) hinter Gefängnismauern vollzogen.
Ein Aspekt ist auch die Machterhaltung auf dem Gebiet der Wirtschaft.

  • Große Konzerne bilden Staaten im Staat. In der Zerschlagung und Aufteilung des Microsoft-Konzerns hat die Supermacht USA auf ein konkurrierendes Weltmachtstreben in dieser Form reagiert.
  • In diesem Zusammenhang ist Jean ZIEGLERs Ausspruch vom "Killer-Kapitalismus" - angesichts des zunehmenden Gewinnstrebens der Wirtschaft, das weder verarmte Staaten noch Arbeitslose im eigenen Land verschont - zu sehen(vgl. ZIEGLER 1998, 28-30).
Erstaunlich ist die Ausprägung solcher urgeschichtlicher Aspekte in einem Land mit dem Anspruch auf neuzeitliche Demokratie und menschlicher Freiheitsrechte.

8 Gewalt und Sport    

Als Baron PIERRE DE COUBERTIN 1894 die modernen Olympischen Spiele begründete, wusste man um die religiöse Bedeutung und wollte die Religion erneuern.

Olympia war ein uralter matriarchalischer Kultort mit einer Erdspalte, an der die Erdgöttin verehrt wurde. Man weiß aus dem minoischen Kreta mit seinem bäuerlich-matriarchalen Opferkult um die Bedeutung, die Erde mit dem Blut geopferter Stiere und Menschen zu tränken.

  • Olympia(zu Ehren Pallas Athene), Delphi(zu Ehren Apollon)und Korinth(zu Ehren Poseidons) waren solche Kultorte. Ursprünglich waren solche Kämpfe Opferkämpfe, weshalb auch im griechischen Raum von "agon"(Kampf) und nicht von Spiel gesprochen wurde.
  • Ebenso waren die römischen Wettkampfspiele und die alten Ballwettkämpfe Mexicos mit Gottheiten als Kämpfe verbunden(vgl. DREES 1967).
  • Vom alten Sparta berichtet LUKIAN als Augenzeuge, wie am Altar der Artemis ein Menschenopfer stattfand. DREES beschreibt eine Fülle von Opferwettkämpfen, wobei der Sieger eines Wettlauf von fünf Brüdern, darunter Herakles, sich mit der Erdmutter Demeter vermählen durfte(vgl. DREES 1967, 16).
  • Die viel diskutierte Eigenart der Teilnahme von Zuschauern an 0lympischen Spielen mit dem Ausschluss - bei Todesstrafe - von verheirateten Frauen erinnert an die berüchtigte Stelle aus dem vierten Buch von Moses, wo dieser in Zorn gerät, dass seine Krieger im Rachfeldzug gegen die Midianiter alle Frauen am Leben gelassen haben und befiehlt, jene Frauen, die einen Mann erkannt oder mit einem Mann geschlafen haben, zu töten(Num 31, 15-18). Vermutlich dürfte die einzige Lösung des Rätsels vom Ausschluss verheirateter Frauen sein, dass die leichtathletischen Kämpfe ursprünglich zur Auswahl des Opferkönigs, also des Partners der Priesterkönigin, dienten(vgl. BAUDLER 2001, 183).
  • Man geht von der Annahme aus, dass die schwerathletischen Kampfarten - Ringen, Faustkampf und Freistilringen - mit ihren Todesfällen sich aus den Zweikämpfen auf Leben und Tod am Grab des Pelops entwickelt haben. PLUTARCH schildert solche Zweikämpfe als Leichenspiele(vgl. DREES 1967, 32).
Betrachtet man die Ursprünge der heutigen Sportturniere und Akivitäten, so fallen einem die Unterschiede auf. Norbert ELIAS hat die Frage gestellt, ob es gerechtfertigt sei, die Sportbewegung des 19. und 20. Jahrhunderts als eine Renaissance des antiken Wettkampfwesens zu verstehen. Ist Sport ein positives Element unserer Gesellschaft(vgl. ELIAS 1978, 15)?

  • Der Soziologe ELIAS spricht von einem "Zivilisationsprozess", bei dem es keine moralischen Kategorien gäbe. An einer Bewertung kann man nicht an geschichtlichen Abläufen vorbeigehen.
  • Das Beispiel von SOKRATES und PLATON zeigt dies deutlich: Beide erwarben sich ihr Bürgerrecht nur dadurch, dass sie als "Hopliten-Kämpfer" mit teurer Waffenausrüstung zur Verfügung standen.
  • Auch olympische Ringkämpfer waren hochgestellte Persönlichkeiten im alten Griechenland. Der wahrscheinlich berühmteste Ringer in der Antike war der Philosoph in der Schule der Pythagoras MILON von KROTON, der auch Befehlshaber der Armee seiner Heimatstadt war. In der Schlacht gegen die Sybariter war er verantwortlich für das sich anschließende Massaker(vgl. ELIAS 1978, 32).
Wer über die Tötungsgewalt verfügt, darf mitreden und mitbestimmen. Insofern führte dies zu einer Gewaltminimierung und Humanisierung gegenüber den vorausgehenden Opferkämpfen.

Wenn nun SOKRATES wegen "Einführung neuer Götter und Verführung der Jugend" zum Tode verurteilt und hingerichtet wurde, geht es um den griechischen Begriff der "areté"(Tugend), der hier eine sittlich-moralische Bedeutung erhält. Die Areté besaß ursprünglich das außergewöhnlich gute Element des Jäger- und Kriegerstatus. Wenn nun SOKRATES etwas Moralisches daraus macht, dann bedeutete das für die Athener eine Unterminierung der militärischen Ausbildung der jungen Männer und damit eine Existensgefährdung der polis.

Auch in den kultischen Kämpfen haben die Griechen des Raubtierhafte zurückgedrängt und den menschlichen Bereich hervorgehoben. Statt Waffenrüstung, Speer, Schild und Schwert tritt man bei olympischen Spielen nackt gegeneinander auf. Dies darf man als Abrüstung ansehen, zumal der Verlierer weiterleben und weiterkämpfen darf und so das menschliche Element überwog. Damit begann ein Prozess der "Versportung der Wettkämpfe"(ELIAS 1978, 13).

Der moderne Leistungssport fängt die Elemente des Opferkampfes auf und modifiziert diese.

  • Höchstleistungen, Rekorde und genaue Messdaten kennzeichnen diese Entwicklung. Diese Prinzipien haben ihren Ursprung im 18. und 19. Jahrhundert in England, wobei sich ein Zusammenhang zwischen Hochleistungssport und der Industrialisierung der Arbeitwelt ergibt.
  • Zunächst entstehen beide Phänomene in England. Als einziges europäisches Land wird die königliche Macht zu Beginn des 13. Jahrhunderts eingeschränkt und eine Entwicklung zu parlamentarischen Rechten entsteht. Durch das Einfließen der Reformation und des Calvinismus bewirkt die Prädestinationslehre, dass es - auch im Sport - Auserwählte(heute Leistungsträger) und Kriterien gibt, an denen man erkennt, wer zu besonderen Leistungen - die Kriterien sind im Calvinismus ein zuchtvolles und sittenstrenges Leben, berufliche Tüchtigkeit und damit wirtschaftlicher Erfolg - bestimmt ist(vgl. BOHUS 1986, 126-131).
  • MAX WEBER hat dise religiöse Überzeugung als Grundlage für die Industrialisierung der Arbeitswelt dargestellt. Damit kann man von einer "Calvinisierung" sowohl der Arbeits- und Sportwelt sprechen. Hochleistung, Sieg, Optimierung der Technik und Strategie sind dadurch Begriffe im Sport geworden. Gleichzeitig führte diese Entwicklung zur Internationalisierung des Sports mit Leistungsvergleichen und dem Abbau von nationalen und geographischen Grenzen.

Die gerade in unserer Zeit so stark sich entwickelnde Internationalisierung und Globalisierung hat hier ihre geistig-psychologisch-religiösen Wurzeln(vgl. BAUDLER 2001, 194).


Nicht übersehen werden dürfen die positiven Wirkungen der "Calvinisierung". Sport entwickelt sich als Mittel der Verständigung für alle Schichten, Klassen und Völker sowie der Gewaltreduzierung, indem Status-Kämpfe am Sportfeld, nicht am Schlachtfeld, ausgetragen werden.

Natürlich hat die "Versportung" auch negative Folgen mit sich gebracht. Gesundheitliche Schäden im Hochleistungssport, überzogenes Training und der Einsatz von Doping-Mittel weisen darauf hin, aber die Freude an der Bewegung, die Befreiung durch Bewegung von den Zwängen der Arbeitswelt - man denke an die Gesundheitsgymnastik udn Fit-mach-mit-Bewegung - und körperliche Betätigung in einer Vielfalt herkömmlicher und Trendsportarten vermitteln ein neues und befreiendes Lebensgefühl .

TEIL III - POLITISCHE BILDUNG - GEWALT    

Es soll jener Bereich erziehungswissenschaftlicher Überlegungen in Schul- und Erwachsenenpädagogik - unter dem EU-Gesichtspunkt mit Aspekten englischer politischer Bildung - näher beleuchtet werden, der eine Umsetzung zu gewaltfreierer Gesellschaft pädagogisch anstrebt.

Anzusprechen ist der Stand der Gewaltforschung und der Zusammenhang von Gruppen, Menschenmassen und Gewalt im Kontext Politischer Bildung(vgl. APuZ? 4/2017, 9-15, 22-26).

Es ist davon auszugehen, dass eine gewaltlose Gesellschaft eine Fiktion ist.

1 Politische Bildung in Österreich und England    

1.1 Politische Bildung/Erziehung in Österreich    

Mit dem Grundsatzerlass "Politische Bildung in den Schulen"(Bundesministerium für Unterricht und Kunst, Zl. 33.464/6-19a/1978), dem Angebot des post-graduate Hochschullehrganges "Politische Bildung bzw. Politische Bildung für LehrerInnen" am Institut für interdisziplinäre Forschung und Fortbildung(IFF), dem Universitätslehrgang Politische Bildung der Universität Salzburg bzw. der Donau-Universität Krems und dem Aufbau eines Netzwerkes für Politische Bildung für LehrerInnen durch das Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur ab 2004 ist der aktuelle Bezug für grundsätzliche Fragen gegeben(vgl. auch ÖSTERREICHISCHE ZEITSCHRIFT FÜR POLITIKWISSENSCHAFT, Schwerpunktthema "Politische Bildung", Heft 1/1996).

Politische Bildung/Erziehung wird noch als Staatsbürgerkunde(Institutionenkunde) oder als eine Form der Zeitgeschichte angesehen. Befürchtungen bestehen, dass die Schule parteipolitischen Einfluss nehmen könnte. Ebenso wird der Gedanke an eine Verbindung zu Zeiten doktrinärer Erziehung geweckt, die man möglicherweise selbst erlebt hat.

Im deutschen Sprachraum ist jedoch in der wissenschaftlichen Diskussion ein hoher Bewusstseinsgrad erreicht, wobei man sich auch Spezialgebieten wie der Friedens- und Wehrerziehung, der Gewaltproblematik und erwachsenenpädagogischen Politischen Bildung zuwendet(vgl. WULF 1973; MENDE 1979, 37-38; DICHATSCHEK 2003, 10-14).

Es ergeben sich aus der Auseinandersetzung mit bisherigen theoretischen und praktischen Konzepten eine Reihe von Punkten, die als fünf Fragestellungen zur Diskussion stehen.

  • Wie kann ein Rückfall in eine Barbarei wie Auschwitz von vornherein verhindert werden?
  • Wie sollte eine Erziehung zu Demokratie beschaffen sein?
  • Wieweit können Heranwachsende mit den Inhalten einer politischer Bildung/Erziehung altersstufengemäß vertraut gemacht werden?
  • In welcher Form geschieht dies hinsichtlich des bestmöglichen Erfolges?
  • Welche Maßnahmen sind für eine effiziente Lehrerbildung notwendig?
Auszugehen ist von der Erkenntnis, an der sich jede politische Bildung/Erziehung zu orientieren hat, dass unser gesamtes Leben von Politik bestimmt oder zumindest mitbestimmt wird. Dem kann sich keine Bildungsinstitution verwehren.

Aus der Wichtigkeit dieser Problemstellung ergibt sich, dass

  • eine Übersicht über politische Probleme,
  • ein fundiertes Basiswissen und
  • Fähigkeiten und Fertigkeiten wie Analyse und Ideologiekritik
  • Heranwachsenden und Erwachsenen helfen, die komplexe gesellschaftliche Situation zu durchschauen.
Es muss angemerkt werden, dass für das zentrale Anliegen politischer Bildung/Erziehung, einer Erziehung zur Demokratie, Schule nicht allein verantwortlich ist. Der Prozess politischer Sozialisation wird von vielen Faktoren bestimmt(Familie, Bildungsinstitutionen, peer-group, Medien, Arbeits- und Berufswelt - Bedeutung von Freiheit und Emanzipation im politischen System, persönlicher und gesellschaftlicher Wertekanon; vgl. HURRELMANN-ULICH 1991, 595-613).

Ungeordnetes Vorwissen ändert in Schule und Erwachsenenbildung die Funktion des/der Lehrenden.

Neben einer Strukturierung bedarf es auch einer Begrenzung, also einer Kanalisierung und Interpretation des Wissensbereiches. Dies bedeutet folgerichtig den:

  • Aufbau von Grundkenntnissen und das
  • Erkennen von Problemstellungen in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft.
Teilziele für eine Erziehung zur Demokratie sind demnach:

  • Kenntnisse über Zusammenhänge und Problembereiche von Politik, Wirtschaft, Gesellschaft und Recht sowie Kriterien zum Verständnis dieser Zusammenhänge
  • Schulung kritischer Urteilsfähigkeit zum Erkennen politischer, sozialer und wirtschaftlicher Phänomene und
  • Erziehung zu kritischer Haltung und Selbstkritik.
Dass damit eine Diskrepanz zwischen Theorie und Wirklichkeit auftritt, gehört zum Selbstverständnis politischer Bildung/Erziehung.

Altersstufengemäße Themenbereiche sind Politik und Staat, gesellschaftliche Problembereiche mit gesamtgesellschaftlicher Bedeutung und persönliche und gesellschaftliche Erwartungshaltungen(u.a. Verkehrsfragen, wirtschaftliche Standortfragen, Raumordnung, Umweltschutz, Tourismus, Ausländerproblematik, Schul- bzw. Berufswahl, Wahlen/Mitbestimmungsmodelle, Gewaltprobleme in Schule und Gesellschaft und Medienarbeit).

Methoden eines politischen Unterrichts ergeben sich aus

  • den emanzipatorischen Zielen politischer Bildung/Erziehung, in denen SchülerInnen und Erwachsene nicht nur Objekte, sondern auch Subjekte des Bildungsprozesses sind.
  • Aktive Mitarbeit, abwechselnde Unterrichtsverfahren(u.a. Referate, Diskussionen, Gruppenunterricht, Projektunterricht - Recherche, Expertenbefragungen - Medienarbeit/Dokumentation)und soziales Lernen an Fallbeispielen gehören folgerichtig zum Methodenrepertoire.
1.2 Politische Bildung in England    

"Je größer die Brisanz von Politikverdrossenheit oder Politikverachtung erscheint, desto nachdrücklicher stellt sich die Frage nach der Chance, den soziokulturellen Unterbau der Demokratie durch die Mittel politischer Bildung zu konsolidieren. Auf den Britischen Inseln wird diese Diskussion besonders lebhaft geführt, da es herkömmlicherweise als evident erschien, dass die eigene Verfassungstradition einer solchen pädagogischen Zurüstung nicht bedürfe, nun aber eine solche Vielzahl von Krisenphänomenen zu beobachten ist, dass sowohl der Regierung wie der Opposition weitreichende Reformen geboten scheinen, wenngleich deren Ziele und Inhalte umstritten sind"(QUESEL 2003, 335).

Die folgenden Aspekte beziehen sich nur auf England , weil hier die Probleme soziokultureller Integration besonders deutlich bemerkbar sind.


In einem Land mit ungeschriebener Verfassung und ohne große geschichtliche Zäsuren war es bisher selbstverständlich, dass politisches Bewusstsein am ehesten im Geschichtsunterricht vermittelt wird. Über lange Zeit wurde in englischen Eliteschulen die Meinung vertreten, dass das politische System auch ohne politische(n) Instruktion/Unterricht bestehen könne, wie dies durch das Ideal der "Gentleman Education" mit ihrer großen Selbstdisziplin vermittelt wurde(vgl. OAKESHOTT 1951, 24).

Durch eine Vielzahl von politischen Krisen in den neunziger Jahren - man denke an die Krise des Wohlfahrtstaates, den Thatcherismus, die Irische Frage, die Autonomiebestrebungen von Wales und Schottland und die wiederholten Gewaltexzesse Jugendlicher und Einwanderer - verstärkte sich die Diskussion über Nutzen und Notwendigkeit einer politischen Bildung/Erziehung.

  • Noch in den siebziger Jahren erschien moralische Erziehung als politische Bildung eine Möglichkeit, die gerade in England mit "moral education" ein theoretisch-praktisches Vorgehen anbietet, das in hohem Maße geeignet ist, Einfühlung zu üben und gesellschaftlich rücksichtsvolles Handeln zu ermöglichen. Am Beispiel des englischen Projekts "LIFELINE" erkennt man einen "heimlichen" Lehrplan mit psychologisch-subjektivistischer Basis und affirmativer Tendenz.
  • Mit dem Erhoffen einer besseren Welt erscheint implizit die Vorstellung einer prästabilisierten Harmonie. Damit droht man den Blick auf zwischenmenschliche Beziehungen mit der Abhängigkeit von Herrschaft und Makrostrukturen zu verlieren. Empfohlen wird eine moralische Erziehung, die der heutigen Notwendigkeit, sie zugleich als politische Bildung/Erziehung zu begründen, nicht nachkommt. Persönliche Bedürfnisse und das Stehenbleiben bei Empfindungen und Gefühlen entbehren politischer Perspektiven.
  • Für eine moralische Erziehung mit politischer Bildung ist das kommentarlose Nebeneinander von Konflikten mit Halbstarken und aufgeschreckten Kleinbürgern mit Studentenunruhen und IRA-Überfällen nicht zulässig. Zu befürchten ist in solchen didaktischen Überlegungen, dass SchülerInnen am Ende für alles und jedes Verständnis und Einfühlungsvermögen haben, ihnen aber eine politische Perspektive fehlt. So gesehen gerät "Lifeline" an den Rand herkömmlicher Anstandserziehung in einem zeitgemäßen Gewand. Nicht Partizipation mit einer Verbesserung gesellschaftlicher Verhältnisse ist das Ziel, vielmehr Anpassung.
  • Diese Kritik bedeutet jedoch keineswegs, dass man "Lifeline" als unbrauchbar anzusehen hat. Wenn die Perspektiven politisch erweitert werden, ist dieses Interaktionstraining überaus sinnvoll und und erhält einen anderen Sinn und Stellenwert. Über Rücktsichtnahme hinaus bedarf es eines politischen Engagements. Ein erzieherischer Wert muss dann ausbleiben, wenn moralische Erziehung ihren politischen Auftrag übersieht(vgl. FELLSCHES 1977, 213-215).
Aktualisiert wurde die Thematik mit der Etablierung des nationalen Curriculums 1988.

  • Zivilkompetenz erschöpfe sich nicht in einer Auswahl politischer Informationen, sondern erstrecke sich auf eine Einsatzbereitschaft mit Kenntnissen sozialer Spielregeln und der Praxis von Mitbestimmung und Selbstverwaltung.
  • Neben der Anregung zum freiwilligen Einsatz für das Gemeinwesen forderte 1990 der Bericht der Commission on Citizenship "Encouraging Citizenship", die Rechte der Bürger klarer zu formulieren und in den Schulen umfassend für "zivile Instruktion" zu sorgen(vgl. FOGELMAN 1991). Aus der Erhebung dieses Berichts ergeben sich interessante Daten: 2% der SchülerInnen erfahren keine, weniger als 50% haben regelmäßige "zivile Instruktion".
  • Mit einem fächerübergreifenden Curriculum sollten - nach mehreren Publikationen des National Curriculum Councils - nach 1988 englische SchülerInnen unterrichtet werden(vgl. ausführlich NATIONAL CURRICULUM COUNCIL, Curriculum Guidance 3: The Whole Curriculum, Skeldergate/New York 1990, 4; von Interesse ebenso Curriculum Guidance 4 "Education of Economic and Industrial Understanding" und 8 "Education for Citizenship").
    • So sehr die Groblernziele wesentlich sind, so wenig Interesse herrscht bei englischen Jugendlichen für Politik. Die vorliegenden Befunde politischer Sozialisation weisen wohl auf soziales und ökologisches Engagement hin, nicht jedoch auf Kontakte mit Parteipolitik. Vertrauen auf eine Sachkompetenz politischer Entscheidungsträger ist gering ausgebildet, die Gruppe der 12- bis 19jährigen hat besonders wenig politisches Wissen(vgl. ausführlich dazu OSGERBY 1998).
    • Eine Befragung von 1000 Personen zwischen 16 und 24 Jahren des British Youth Council kommt zum Schluss, dass sich die Jugendlichen in einem hohen Ausmaß politisch ignoriert fühlen(vgl. BRITISH YOUTH COUNCIL, State of the Young Nation 1998, London 1998).
2 Demokratie und Menschenrechte    

2.1 Hochkulturen    

Der Weg zur Demokratie beginnt eigentlich schon mit den frühen Völkerwanderungen der Hirtenstämme, denen es nur in den großen Flusslandschaften gelang, Großreiche - Hochkulturen mit Stadt- und Staatengründungen , Schrift, Straßen, Steuern und Schulen - zu bilden. Nil, Euphrat und Tigris, Indus und die großen chinesischen Flüsse sind Beispiele solcher ersten Gesellschaftssysteme.

2.2 Griechenland    

Anders in Griechenland, das als Wiege der europäischen Demokratie angesehen wird. Stadtstaaten(polis) waren die ersten Gründungen in einer völlig anderen geographischen Landschaft. Die Oberhäupter der erobernden Familien bildeten mit dem König den Adel, der wiederum mit den nichtadeligen Bauern die Kriegsgewalt hatte. In Athen, als Siedlung seit dem dritten Jahrtausend v. Chr. nachweisbar, führte diese Entwicklung zur ersten Demokratie der Menschheitsgeschichte.


ENTWICKLUNG DER GRIECHISCHEN DEMOKRATIE: Übersicht

HOPLITENSTAAT

SOLONISCHE VERFASSUNG

KLEISTHENES

PERSERKRIEGE

THEMISTOKLES

PERIKLES

Es setzten sich bald wieder Gewaltstrukturen durch, die im Krieg zwischen Athen und Sparta deutlich wurden. Alexander d. Gr. walzte in der Folge mit seiner Kriegsmaschinerie die Reste Griechenlands nieder. Weitere Beispiele solcher "Turmbauer zu Babel" sind neben Napoleon, Hitler und Stalin in der menschlichen Geschichte bis heute festzustellen.


2.3 England    

Ähnlich der Entwicklung in den Hochkulturen und im antiken Griechenland spielte die geographische Lage in England eine Rolle.

  • Eine Europa vorgelagerte Insel mit Menschen, die eng aneinander gebunden und aufeinander angewiesen sind, entwickelt beispielhafte demokratische Strukturen. Mit der Drohung der Auflösung der Lehensbindung, wenn er nicht große Freiheiten auch den Kaufleuten, freien Bauern und Adeligen urkundlich zusagen würde, wurde König Johann die "Magna Charta libertatum" 1215 als ältestes Staatgrundgesetz abgerungen.
  • Damit entstand die älteste Parlamentsverfassung, die noch 1776 bei Gründung der USA als Hinweis auf "alte Rechte" eine Rolle spielte. Weil es um Geld und Geldforderungen geht und ging, geht es um die erwünschte Macht und Unabhängigkeit der reichen Grundbesitzer. 1265 wurden deshalb zwei Ritter pro Grafschaft und zwei Bürger pro Städte zu Beratungen vor Feldzügen vom König eingeladen, aus denen dann ein Parlament entstand(vgl. dazu das Zusammenspiel zwischen den Commons und den Lords als Gegenpol zur Krone).
  • In dieser Entwicklung ist der historische Weg zur Unabhängigkeit der USA 1776, der Französischen Revolution 1789, der Ereignisse des Jahres 1848 und schließlich nach den schrecklichen Wirren des Ersten und Zweiten Weltkrieges mit der Erklärung der Menschenrechte 1948 zu sehen.
Es zeigt sich in dieser Struktur einer historischen Entwicklung eine Eigendynamik, die oftmals in ihren Folgerungen kaum bzw. zu wenig beachtet wird.

2.4 Europäische Dimension    

Am Beispiel Europa soll mit der aktuellen Entwicklung des Alpentransits eine solche Entwicklungsphase dokumentiert werden.


Feindbild Europa - Moderne Ansprüche, alte Handlungsmuster

Kommentar von Monika Dajc

Tiroler Tageszeitung, 28. November 2003, 2

Vorurteile und Zerrbilder gelten als wichtigster Fundus skeptischer Europäer. Derartige Reflexe sind schlecht. Noch schlimmer wird es, wenn die Union immer wieder nach Kräften dazu beiträgt, einer solchen Sicht der Dinge voll zu entsprechen.

Der missbilligende Blick auf die USA gehört beim Umweltschutz zum euopäischen Standardreportoire. Nur: Wo ist die Union wirklich zukunftsorientierter, mutiger und für Menschen sowie Umwelt schonender unterwegs? Freie Fahrt, lautet das Diktat. 14 Länder samt Kommission verärgern selbst die Gutwilligsten. Denn der Schluss liegt nahe, dass in dieser von hehren Visionen durchzogenen Union unendlich viel bis zum letzten Beistrich geregelt ist, bei wesentlichen Fragen aber das Gesetz des Stärkeren gilt - wie in längst überwunden geglaubten Zeiten. Man kann sich in der Liste österrechischer Fehler und Versäumnisse ergehen. Aber es hätte die EU niemand daran gehindert, auf der Höhe der Zeit ein Modell zu schaffen, zu neuen Kategorien des Denkens und Handelns vorzustoßen.

Es geht nicht um mehr Europa, sondern um ein besseres Europa. Mit neuer Heftigkeit tobt rund um die angestrebte Verfassung die Debatte, was diese Union nun wirklich sein soll, makabre Lockerungsübung in den letzten Monaten vor der historisch umfassendsten Erweiterungsrunde.

Wer von der EU in ihrem derzeitigen Zustand enttäuscht ist, kommt um den kritischen Befund zu den handelnden Personen in den Mitgliedsstaaten nicht herum. Sie strapazieren allesamt und bei jeder Gelegenheit die Worte Zukunft, Europa und Gemeinsamkeit. In der Nagelprobe der Entscheidung bleibt von der wohlig klingenden Rhetorik indes herzlich wenig übrig. Die europäische Führungsriege gibt sich modern, handelt aber nach Uralt-Mustern milde belächelter Vorgänger. Manche von diesen waren freilich ehrlicher.

KURZ ZITIERT

"Ein gnadenloser Krieg, nicht mit der Waffe, sondern mit dem Auspuff." (Fritz Gurgiser, Chef des Transitforums zum Transitdebakel)

3 Gewaltforschung im Kontext Politischer Bildung    

Gewalt ist Gegenstand interdisziplinärerer Fachbereiche mit

  • unterschiedlichsten Aspekten,
  • Praktiken,
  • sozialer, politischer und ökonomischer Konstellationen sowie
  • Ursachen und Folgen(vgl. GUDEHUS-CHRIST 2013).
Beispiele dafür sind tägliche Beleidigungen, Ohrfeigen, Blutrache, Fehden und politische Konflikte in ihrer Unterschiedlichkeit.

Gewalt als Forschungsgegenstand wird in jeder Disziplin anders verstanden und thematisiert(vgl. BECK-SCHLICHTE 2014).

BAUMANN(2000, 28-42) weist auf die doppelte Bedeutung des Wortes "Gewalt" hin.

  • In der deutschen Sprache gibt es(eben) höchst unterschiedliche Sachverhalte zu bezeichnen.
  • Im Englischen dagegen unterscheidet man zwischen violence und power, legitimer staatlicher und illegitimer Gewalt.
  • Im Deutschen wird legitime Gewalt in der Regel mit zusammengesetztem Wort wie Staatgewalt, Gewaltenteilung und Gewaltenmonopol bezeichnet, also einer Nähe von macht und Gewalt.
  • Baumann bezeichnet Gewalt als unautorisiertes Phänomen. Gewaltfreie Gesellschaft ist demnach ohne die Idee eines Gewaltmonopols nicht möglich.
  • Gewalt ist eine normative, moralische und ethische Kategorie.
  • Das Verständnis von Gewalt beruht auf spezifischen zeitlichen, sozialen und kulturellen Bedingungen(vgl. beispielhaft die Bedeutung von Folter mit der Ächtung in internationalen Menschenrechtsverträgen, Folter im Mittelalter und frühen Neuzeit["peinliche Befragung"] und Begrifflichkeiten wie "erweiterte Verhörmethoden"/"waterboarding").
Von Interesse sind verschiedene Gewaltbegriffe.

  • Der Begriff "strukturelle Gewalt" wird von Johan GALTUNG verwendet. Mit Struktur wird hier die Verhinderung menschlicher Bedürfnisse benannt(vgl. GALTUNG 1971, 55-104).
  • "Epistemistische Gewalt" im Kontext postkolonialer Theorieansätze bezeichnet diejenigen gesellschaftlichen Produktionsverhältnisse, die dazu führen, dass Angehörige sozial benachteiligter Gruppen nicht gehört bzw. als "Andere" wahrgenommen werden(vgl. VARELA-DHAWON 2003, 270-290).
  • Von Interesse sind auch Handlungen, die sich gegen die außermenschliche Natur richten, etwa Gewalt gegen Tiere("Human-Animal-Studies"; vgl. BUSCHKA-GUTJAHR-SEBASTIAN 2012, 20-26).

Zusammenfassend erkennt man

  • die Zunahme der Gewaltbegrifflichkeit und Schwierigkeit einer Definition.
  • Die Abnahme von großskalierter Gewalt bei uns und Zunahme von Gewaltphänomenen in einer globalisierten Welt verlangt eine vermehrte Beachtung der Thematik in der Politischen Bildung(vgl. die Bedeutung der Teilbereiche einer Demokratieerziehung und Friedenserziehung).
4 Gewalt in Gruppen und Menschenmassen    

Für Politische Bildung sind Gewaltausbrüche mit Exzessen von Interesse, weil ihre Unterschiedlichkeit einen Bedarf nach Erklärungen ergibt(vgl. LE BON 1982; BERGMANN 1998, 644-665; PAUL-SCHWALB 2015, 19-62).

  • Angesprochen sind damit Gewaltexzesse wie die der 1. Mai-Demonstrationen in Berlin-Kreuzberg 1987, die Pogrome gegen Flüchtlinge in Rostock-Lichtenhagen und Hoyerswerda zu Beginn der neunziger Jahre, Unruhen in Los Angeles 1992, Ausschreitungen in französischen Banlieues 2005, Jugendkrawalle in London und englischen Städten 2011 und die Übergriffe in Köln in der Silvesternacht 2015/2016.
  • Es geht auch um Exzesse etwa in afrikanischen Großstädten und lateinamerikanischen Favelas mit Lynchjustiz und Übergriffen gegen ethnische Minderheiten.
Übersehen wird gerne, dass in Situationen der Massengewalt Ähnlichkeiten auftreten, die Formen von Gewalt vergleichbar machen. Strukturähnlichkeiten führen in der Politik häufig zu Fehleinschätzungen, etwa dass Personen mit unterschiedlichem politischem oder religiösem Hintergrund zusammenfinden(vgl. SCHMIDT 2002, 156-158).

Gustav LE BON hat darauf hingewiesen, dass größere Menschenansammlungen eine Eigendynamik entwickeln können, aus der Formen von Übergriffen entstehen(vgl. LE BON 1982, 10-12). Weiterführend hat in der Gewaltforschung sich die These der Eigendynamik und spontanen Entwicklung mit eskalierenden Gewalttaten gefestigt(vgl. BECK-SCHLICHTE 2014, 122-124).

  • Es geht nicht um Massenansammlungen bei Rockkonzerten, Demonstrationen, Sportfesten oder Volksfesten, die in der Regel gewaltfrei verlaufen.
  • Es geht vielmehr um Mechanismen, die Gewalt befördern. Massen sind mit Emotionen aufgeladen, etwa mit Angst, Anspannung, Verachtung und Wut. Die Aufhebung von Normalität verleitet zu Gewalttaten(vgl. PAUL-SCHWALB 2015, 58).
  • Eine Rolle spielt die Realisierung, dass die Masse bemerkt, dass Gewalttaten nicht unterbunden werden.
  • Ebenso spielen persönliche Beziehungen in Massen eine Rolle, also die interne Struktur und wie sich Normen kurzzeitig stabilisieren(vgl. die Gruppenbildung - etwa durch Netzwerke - in Massen). Beziehungen in Gruppen haben eine nicht zu unterschätzende Bedeutung für eine soziale Stabilisierung in solchen Situationen, insbesondere bei der Suche nach Situationen, in denen Massengewalt sich entfalten kann(vgl. die Entwicklungsprozesse bei Randale bei Fußballspielen bis zu Kombinationen eines motivierten Terrorismus).
Reflexion    

In China erzählt man sich das folgende Märchen.

  • Zwei Völker des alten China lagen miteinander im Streit. Dieser eskalierte von Tag zu Tag, und schließlich war es unausweichlich, dass es Krieg geben würde. Diese Schande war nur mit Blut abzuwaschen, waren beide Seiten überzeugt. Die beiden Feldherren rüsteten ihre Armeen auf, man überlegte Taktiken und Strategien. Natürlich sandte man geheime Kundschafter aus, um die besten Wege zur Invasion des jeweils anderen Landes auszukundschaften. Nach einiger Zeit kamen die Kundschafter zurück und berichteten den beiden Feldherren übereinstimmend: Der einzig mögliche Weg, mit einem großen Heer in das jeweils andere Land einzufallen, führe über eine schmale Brücke über den Grenzfluss. Dort aber wohne ein einfacher Bauer, der ein beneidenswert einfaches, aber glückliches Leben führe. Er selbst sei freundlich und gastfrei, habe eine reizende Frau und eine nette kleine Tochter. Wenn man also in das jeweils andere Land einmarschieren wolle, müsse man dieses kleine Glück zerstören. Jeder sah ein, dass dies unmöglich und absolut unvernünftig sei. Also fand der Krieg nicht statt und die beiden Völker lebten fortan in immerwährendem Frieden.
  • Weil dies ein Märchen ist und leider wohl auch bleiben wird, werden wir wohl mit Gewalt und ihren Spielarten weiter leben müssen. Die großen Vorbilder für Frieden und Freiheit werden auch weiterhin Vorbilder bleiben.
Die schulische Kombination Geschichte-Sozialkunde-Politische Bildung erweist sich in der Gewaltprävention als eine hilfreiche Möglichkeit, ggf. in einem projektorientierten Unterricht mit dem Fach Religion, Aspekte von Gewalt aufzuzeigen und zu bearbeiten(vgl. die Möglichkeit in der Thematik des Nahost-Konflikts).

Ebenso ist die Erwachsenenpädagogik mit ihren Themenangeboten in der Allgemeinen Erwachsenenbildung in einer Verantwortung. Projekte ergeben sich hier auch in der Kooperation mit konfessionellen Erwachsenenbildungsinstitutionen und Institutionen der Zivilgesellschaft.

Nicht übersehen werden dürfen die Angebote interkultureller Bildung. Hier gibt es die "Interkulturellen Zentren" mit Workshops, den Universitätslehrgang Interkulturelle Kompetenz der Universität Salzburg und die Angebote in der Erwachsenenbildung. Zunehmend erhält der Fachbereich "Interkulturelle Kompetenz" in einer Zuwanderungsgesellschaft und globalisierten Welt Bedeutung.

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Angeführt sind diejenigen Titel, die für den Beitrag verwendet und/oder direkt zitiert werden.


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IT-Autorenbeiträge    

Die IT-Autorenbeiträge verstehen sich als Ergänzung zu den Ausführungen.


Netzwerk gegen Gewalt

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Zum Autor

Lehrbeauftragter am Institut für Erziehungs- bzw. Bildungswissenschaften der Universität Wien/Vorberufliche Bildung(1990/1991-2010/2011), Lehrbeauftragter am Institut für Geschichte der Universität Salzburg/Lehramt Geschichte, Sozialkunde und Politische Bildung-Didaktik der Politischen Bildung(2015/2016), langjähriger Schüler- und Schulentwicklungsberater, Gründungsteilnehmer der LehrerInnen-Plattform für Politische Bildung/Menschenrechtsbildung des bm: bwk(2004-2005)

Mitglied der Bildungskommission der Synodalausschüsse der Evangelischen Kirche in Österreich A. und H.B.(2000-2011), stv. Leiter des Evangelischen Bildungswerks in Tirol(2004-2009), Lehrender an den VHSn Zell/See - "Freude an Bildung"/Lehrgang Politische Bildung, Ökonomische Grundbildung(2011-2015)und Saalfelden/Macht der Medien(2016)

Absolvent des Instituts für Erziehungswissenschaft/Universität? Innsbruck/Doktorat(1985), des 10. Universitätslehrganges Politische Bildung/Universität Salzburg-Klagenfurt/Master(2008), des 7. Universitätslehrganges Interkulturelle Kompetenz/Universität Salzburg/Diplom(2012), der Weiterbildungsakademie Österreich/wba I und II(2010), der Personalentwicklung für Mitarbeiter der Universität Wien(2008-2010)und des 4. Internen Lehrganges für Hochschuldidaktik/ Universität Salzburg(2015-2016)


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© die jeweiligen Autoren zuletzt geändert am 9. Februar 2017