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Vielfalt ja bitte - Welcome Diversity

Vielfalt ja bitte - Welcome Diversity! - Ein Beitrag zur Kampagne 2015 des IZ Wien    

Theorie und Praxis von Diversität als Teilbereich der Interkulturellen Kompetenz im Kontext mit Politischer Bildung    

Günther Dichatschek


Inhaltsverzeichnis dieser Seite
Vielfalt ja bitte - Welcome Diversity! - Ein Beitrag zur Kampagne 2015 des IZ Wien   
Theorie und Praxis von Diversität als Teilbereich der Interkulturellen Kompetenz im Kontext mit Politischer Bildung   
Vorbemerkung   
1 Einleitung   
2 Begrifflichkeit "Vielfalt/Diversity/diversité"   
3 Kritik der Vielfalt - Putnam, Portes-Vickstrom, Elias   
4 Diversität - Soziale Bewegungen   
5 Intersektionalität - Bourdieu-Fraser   
6 Dekolonialisierung im Denken   
7 Walter Benn Michaels - "The Trouble with Diversity"-Rasse-Klasse   
8 Migration - Multikulturalität-Demokratie   
9 Super-Diversity   
10 Orte der Vielfalt   
Literaturverzeichnis   
IT-Autorenbeiträge   
Zum Autor   

Vorbemerkung    

Das Interkulturelle Zentrum Wien/IZ setzt 2015 mit dem Eurovision Contest in Wien ein Zeichen für die Vielfältigkeit der Gesellschaft.

In Zusammenarbeit mit der Modeschule Graz und in Kooperation mit zahlreichen Organisationen zur Kampagne "Vielfalt, ja bitte - Welcome Diversity!" wird zum Mitmachen und zur Unterstützung aufgerufen(vgl. INTERKULTURELLES ZENTRUM WIEN 2015 > http://www.iz.or.at/start.asp?ID=231317&b=4105 [2.3.2015]).

Die Thematik ist Teil der "Aktionstage Politische Bildung 2015" > http://www.aktionstage.politische-bildung.at, Programm: P 13/71 (3.3.2015)

Ziel ist

  • das Aufzeigen der Vielfältigkeit Österreichs,
  • ein Setzen eines Zeichens für Gleichbehandlung und
  • der Thematik der Diversität.
Vielfalt/"Diversity" soll anlässlich des 60. Eurovision Song Contest mit dem Finale in Wien am 23. Mai 2015 gefeiert werden.

Mit diesem Beitrag soll

  • die Kampagne und die Aktionstage Politische Bildung 2015 unterstützt und
  • die Thematik unter dem Aspekt von Interkulturalität als Teilbereich einer "Interkulturellen Kompetenz" in Verbindung mit Politischer Bildung behandelt werden.

Im Folgenden werden inhaltlich die Begrifflichkeit, die Kritik der Vielfalt, soziale Bewegungen, Intersektionalität, Dekolonisation im Denken, Rasse und Klasse, Multikulturalität und Demokratie, Super-Diversität und Orte der Vielfalt/Diversität besprochen.

Grundlage des Beitrages sind die Fachliteratur, der akademische Werdegang des Autors und die IT-Autorenbeiträge, die sich als Ergänzung zum Beitrag verstehen.

1 Einleitung    

Beispiele einer wahrgenommenen Vielfalt von Lebensäußerungen zeigen sich

  • in differenziert kulturell-religiösen Orientierungen,
  • vielfältigen Entwicklungen von Lebensstilen,
  • verschiedenen Formen von Arbeits- und Erwerbsformen,
  • vielfältigen Formen der Kommunikation,
  • verschiedensten Entwicklungen und Verbreitungen neuer Informations- und Kommunikationstechnologien und
  • formellen und informellen Netzwerkbildungen.
Im deutschsprachigen Diskurs zeigt sich dies

  • in der Migrationsforschung und Bemühungen einer interkulturellen Kompetenz(vgl. den IT-Autorenbeitrag http://www.netzwerkgegengewalt.org > Index: Migration in Österreich 1,2).
  • Pädagogische Bemühungen einer Inklusionsdidaktik unterstreichen die Problematik(vgl. REICH 2014) .
Mit der Kategorie "Gastarbeiter" wird erst eine Wanderungsbewegung öffentlich wahrgenommen, die insbesondere die kulturell-religiöse Vielfalt in den letzten Jahren aufzeigt.

Interkulturalität erweist sich in der "Charta der Vielfalt" mit Geschlecht, Nationalität, ethnische Herkunft, Weltanschauung bzw. Religion, Alter, Identität, Behinderung und sexuelle Orientierung als Kriterienkatalog. Es fehlen (interessanterweise) Einkommen und soziale Klasse, wobei es sich zeigt, dass gesellschaftliche Vielfalt als ein Faktor von Definition erweist(vgl. PRIES-SEZGIN 2010).

Die Begriffe "Vielfalt" bzw. "Diversität" werden erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts verstärkt verwendet. Ihre Anwendung und Umsetzung von Konzepten begann zunächst in der Wirtschaft, in der Folge in der Kulturpolitik und im Stadtmarketing mit der Jahrtausendwende(vgl. SALZBRUNN 2014, 7).

Die beispielhafte frankophone Diskussion in Frankreich und Kanada mit in der Folge anglophonen Beiträgen erreichte die deutschsprachige Leserschaft mit Verzögerung(vgl. SALZBRUNN 2014, 7).

2 Begrifflichkeit "Vielfalt/Diversity/diversité"    

"Diversität"(lateinisch diversitas) als Begriff stammt aus der Pflanzenbiologie(Botanik)(vgl. ebenfalls den Begriff Hybridität). In der Fülle von verschiedenen Arten und Formen mit bestimmten Merkmalen zeigt sich eine große Mannigfaltigkeit.

Kulturelle Vielfalt(Soziodiversität )gilt nach der UNESCO-Konvention von 2001 als Quelle des Austauschs, der Erneuerung und der Kreativität(vgl. UNESCO 2001).

Der englische Begriff "diversity" beinhaltet den Bereich der Entwicklung von antidiskriminierenden Maßnahmen in Organisationen, Unternehmen und Institutionen. In der Folge wird er zunehmend mit einem ökonomisch-utilitaristischen Denken in Verbindung mit Profitmaximierung als "Diversity Management" in Verbindung gebracht. Gemeint ist die Verschiedenheit der Mitarbeitenden, die ökonomisch ausgeschöpft werden soll. Vorwiegend geht es hier nicht um soziale Gerechtigkeit, vielmehr um eine Nutzenmaximierung.

Der französische Begriff "diversité" kreist um die Feststellung der Existenz verschiedener Kulturen.

Heute wird der Begriff zur Bezeichnung von konstruierten Minderheiten verwendet, insbesondere im Kontext mit der Kolonialgeschichte. Bei den "sichtbaren Minderheiten"(etwa der Hautfarbe) entsteht Kritik an dieser Zuschreibung, weil seit Generationen die nationale Staatsbürgerschaft vorhanden ist und eine Migrationsgeschichte mit Kolonialismus verbunden wird. Im französischen Kontext zeigt sich hier die Unterschiedlichkeit der Verwendung des Begriffs bei den Immigranten aus Nordafrika-Westafrika-Übersee und immigrierten Polen und Belgiern.

Die heutige Verwendung geht bis auf die Antike, das ausgehende Mittelalter und die Renaissance zurück(vgl. ALLEMANN-GHIONDA 2011, 16-18; SALZBRUNN 2014, 10-12).

  • Herodot(5.Jh.v. Chr.) beschreibt in den vor ihm angenommenen Reisen die Sitten der Ägypter(vgl. HERODOT, Historien 1979, 114-117).
  • Lukian von Samosata(120-180 n. Chr.)schreibt in seinen "Wahren Geschichten" über die Bewohner des Mondes.
  • Homer(.Jh. v. Chr.) schreibt über "Barbaren".
  • Ovid(43 v. Chr.-17. n. Chr.)schreibt in "Tristia" über einen verbannten Dichter, der sich als sprachliche Minderheit wiederfindet und fremde Frisuren. Es zeigt sich eine Überhöhung der eigenen Kultur.
  • Michel de Montaigne(1533-1592) schreibt in seinem Essais über Klassenunterschiede, verschiedene sexuelle Orientierungen, Ethnien und Gender als verschiedene Kriterien.
  • Baron de Montesquieu(1689-1755) schreibt in den "Lettres Persanes" über "Fremdes" in seinen imaginären Reisen in Persien.
  • Ähnliches als interkulturelle Kommunikationsprobleme kommt vor in der Chronik von Bernardino de Sahagún(1499-1590).
3 Kritik der Vielfalt - Putnam, Portes-Vickstrom, Elias    

In einer wesentlichen Studie zu Vielfalt, Sozialkapital und Kohäsion haben Alejandro PORTES und Erik VICKSTROM Robert PUTNAM mit seiner Sichtweise kritisiert(2011).

Im Folgenden soll auf kritischen Aspekte zum besseren Verständnis von Vielfalt/Diversity eingegangen werden.

  • Ausgehend von Pierre BOURDIEU mit der Konzeption des "Sozialkapitals" in Form einer sozialen Vernetzung der Individuen durch PUTNAM 2007 ist von Interesse, dass eine Erweiterung des Begriffs auf Bevölkerungsgruppen das Sozialkapital ein messbares öffentliches Gut wird(Anteil der Bürger in Vereinen, Nichtregierungsorganisationen). PUTNAM entwickelte einen Index für Sozialkapital(SCI), mit dem er 50 Staaten der USA untereinander verglich(vgl. PUTNAM 2007, 137-174; SALZBRUNN 2014, 21).
  • PUTNAM erkennt eine Atomisierung der Gesellschaft, die im Gegensatz zu Solidarisierung und einem Gemeinsinn vorhergehender Generationen steht. Zur Stärkung der Demokratisierung plädiert er für eine Rekonstruktion des Sozialkapitals. Die Beziehung von Heterogenität und einem sozialen Kontext führt zu einer vermehrten Vielfalt, damit zu weniger Zusammenhalt(Kohäsion).
  • In der Folge bestreiten mehrere Autoren diese negative Korrelation zwischen Vielfalt und Kohäsion(vgl. PORTES-VICKSTROM 2011; 411-479; SALZBRUNN 2014, 22-23). PUTNAM antwortet 2000 mit einer genaueren Definition von Sozialkapital. Er stellt eine Korrelation zwischen Sozialkapital und kollektiven Errungenschaften auf, etwa dem Bildungssektor mit Bezug auf ein Wohlergehen von Kindern, Konjunktur, Gesundheit und Demokratie. Damit kommt es zu einem positiven Effekt im Sozialkapitalindex.
    • Unterschieden wird auch zwischen einem bürgerlichen Sozialkapital in Form von Toleranz im Kontext mit Vielfalt und Gleichheit.
    • Im sektiererischen Sozialkapital kommt es zu Intoleranz, mit der Ausnahme für keinen Beleg für einen Zusammenhang von bürgerlichem Engagement und Intoleranz(außer religiösem Engagement in fundamentalistischen Kirchen; vgl. PUTNAM 2000, 355).
    • Für PORTES und VICKSTROM(2011, 465) gibt es keinen empirischen Beleg für die Schlussfolgerung PUTNAMs, dass Sozialkapital eine positive Folgerungen habe. Dies liege an statistischen Fehlschlüssen und unbewiesenen kausalen Zusammenhängen. Portes und Vickstrom untersuchen daher kausale Aspekte bzw. Beziehungen zwischen mehreren Variablen mit dem Ergebnis, dass Sozialkapital und wirtschaftliche Ungleichheit eng verbunden sind, jedoch die wirtschaftliche Ungleichheit auf das gesellschaftliche Vereinsleben wirke. Es handle sich demnach um einen Zirkelschluss(vgl. ebd., 467). Als Ausweg solle man historische und demographische Begründungen suchen. In den USA führe demnach die "Rasse" zu einer großen Unterschiedlichkeit(vgl. ebd., 468). Soziales Kapital sei das Ergebnis komplexer historischer Prozesse. Es sei ein Fehlschluss, eine kausale Verbindung zwischen "racial diversity" und sozialem Kapital herzustellen.
    • PORTES und VICKSTROM(2011, 473) sehen im Kontext mit DURKHEIM die "organische Solidarität" als Mittel des Erhalts von sozialer Kohäsion. Dazu gehöre ein Set an Normen(normativer Ordnung), die von allen verstanden und akzeptiert werde. Als Faktoren gelten eine Vielfalt unter den Mitgliedern einer Gesellschaft, eine komplexe Arbeitsteilung und starke koordinierende Institutionen. In der Folge können gemeinschaftliche Netzwerke einer funktionierenden sozialen Ordnung eingerichtet werden.
  • Im Folgenden wird auf den Grad der Vergemeinschaftung eingegangen(vgl. PORTES-VICKSTROM 2011, 473-475; SALZBRUNN 2014, 24-25). Ein starker Staat mit einer starken Bürgerschaft entspricht dem Ideal einer starken öffentlichen Ordnung. Hat die Gesellschaft ein Ordnungsproblem, kommt es zu einem Systemzusammenbruch und die öffentliche Ordnung kollabiert. Fragmentierte Gesellschaften können einen schwachen Staat teilweise durch einen hohen Grad der Vergemeinschaftung kompensieren. Im Idealfall einer "organischen Solidarität" kann gesellschaftlicher Individualismus dank eines reglementierten Staates mit öffentlichen Institutionen funktionieren. Einwanderung ist ein Faktum, welcher Vielfalt erhöht und Entwicklungen homogener Gemeinschaften verändert. Diese Phänomene werden positiv bewertet, Vielfalt sei notwendig für eine auf organische Solidarität beruhende Arbeitsteilung.
    • In der heutigen Zeit seien ethnische Homogenität und alternde Gesellschaften größere Herausforderungen als die Präsenz von Immigranten(vgl. PORTES-VICKSTROM 2011, 475). Die eigentliche Bedrohung sozialer Kohäsion sei das Negieren von Rechten und/oder Möglichkeiten einer großen Bevölkerungsgruppe.
    • Zusammenfassend schließen die Autoren mit einer Kritik an PUTNAMs Versuch, soziales Kapital als Kohäsionsfaktor zu untersuchen(vgl. SALZBRUNN 2014, 25). Vertrauen basiert auf universellen Regeln und Institutionen, die das Befolgen erzwingen(vgl. PORTES-VICKSTROM 2011, 476). So werden auch negative Effekte von Vielfalt gesenkt. Immigration sei auch aus eigennützigen Gründen notwendig(demographische Entwicklung, Arbeitsmarkt). Ökonomische und soziale Integrationsprogramme seien besser als Fragen nach Vertrauen, Vielfalt und Kohäsion(vgl. ebd., 476). Dies erinnert an Jürgen HABERMAS' Überlegungen an einen Verfassungspatriotismus(1996). Zusammengehörigkeit wird rational definiert. Gemeinsame Regeln gehören zu einer Gemeinschaft. Eine Definitionsmacht ist allerdings einer bestimmenden Gruppe vorbehalten.
  • Norbert ELIAS(1897-1990) mit seinem Gedanken der Machtdifferenzierung in Inklusions- und Exklusionsprozessen findet sich auch in Judith BUTLERs Überlegungen(2009) zur Verwundbarkeit. Elias' Studie über Außenseiter bietet eine wesentliche Analyse zur Wahrnehmung einer gesellschaftlichen Vielfalt. Im Gegensatz zu heute mit der Zuschreibung von Hautfarbe, Religion und Herkunft zieht er die Grenzziehung zu Alteingesessenen und Zugezogenen. "Schimpfklatsch" erzeugt Ressentiments über Zugezogene/Neuankömmlinge, umgekehrt ergibt sich das Selbstbild der Etablierten/Alteingesessenen an den besten Beispielen eigenen Verhaltens(vgl. ELIAS 1990, 164). Diese Erkenntnis zeigt sich an medialen Diskursen in der Boulevardpresse etwa mit Verfehlungen im Kontext mit Gruppenzugehörigkeit und schürt Ängste, während in der "Wir-Gruppe" vorbildliche Leistungen vorgewiesen werden. BUTLER zeigt dies in ihren "Frames of War" in den medialen Diskursen bis zur Verdrängung ganzer Völker auf.
4 Diversität - Soziale Bewegungen    

Der Begriff "Diversity" wurde 1978 erstmals verwendet(vgl. SALZBRUNN 2014, 28). Die bedeutendsten US-Privatuniversitäten haben hier die Förderung von Minderheiten, die über "race" definiert wurden, verteidigt, wobei in Verbindung mit den "Affirmative-Action-Programmen" Frauen, Native Americans, Hispanics und teilweise Asians als Mitglieder minderrepräsentierter Gruppen gefördert wurden. Der(weiße)Student Allan Bakke klagte damals in der Folge wegen Benachteiligung gegen die University of California. Der Supreme Court bestätigte 1978, dass die Politik positiver Diskriminierung in den USA verfassungskonform sei.

Diversität verdankt als Begrifflichkeit seine Bedeutung den sozialen Bewegungen nach dem Zweiten Weltkrieg, also der schwarzen Emanzipationsbewegung in den USA. Ebenso den Bürgerrechtsbewegungen, die Arbeiterbewegung, Frauenbewegung und Lesben- bzw. Schwulenbewegung hatten entscheidenden Einfluss auf das wachsende Bewusstsein für Alterität, Differenz und Diskriminierungsprozesse. Forderungen nach Umverteilung und Gerechtigkeit waren wichtiger als eine ökonomische Kosten-Nutzen-Rechnungen im Rahmen eines Diversitätsmanagements(vgl. ENGEL 2009).

In der Kulturpolitik wird der wertschätzende Umgang mit Differenz aufgezeigt, so etwa in den Imagekampagnen von Metropolen, um ein weltoffenes Bild von sich abzugeben. Mit den Begriffen "talent, technology, tolerance" wurde eine aufgeschlossene Stadtpolitik, mit Anwerbung qualifizierter Arbeitskräfte, in Gang gesetzt(vgl. FLORIDA 2002).

5 Intersektionalität - Bourdieu-Fraser    

Kimberlé CRENSHAW(1991)mit dem Intersektionalitätsansatz war bedeutend für Überlegungen zu Formen der Diskriminierung, wenn Persönlichkeitsmerkmale zur Exklusion führen. Hier wird aufgezeigt, wie soziale Tatsachen(etwa Diskriminierung) und strukturelle Ungleichheiten(etwa ungleiche Zugänge zu Ressourcen) im Kontext mit der individuellen und kollektiven Emanzipationsbewegung verbunden werden. Heute werden die verschiedenen Zugehörigkeiten einer Person mit dem Begriff "multiple belonging" bezeichnet(vgl. YUVAL-DAVIS 2011).

Neuere Forschungsansätze entwickeln die Theorie der Praxis von Pierre BOURDIEU(1998, 2012) und die Theorie der Anerkennung von Nancy FRASER(1995) weiter.

  • Das Konzept des kulturellen Kapitals von BOURDIEU zeigt, wie Individuen durch Distinktion(Aushandeln von feinen Unterschieden im Geschmack)Ein- und Ausschlussprozesse steuern können. Soziale Beziehungen, Herkunft, Einkommen und Formen der mittelbaren Gewalt ermöglichen eine soziale Positionierung. Dies erweist sich in sozialen Feldern, die Handlungsspielräume innerhalb eines gesellschaftlichen Gefüges nach bestimmten Regeln darstellen(etwa in der Wirtschaft, Politik und Wissenschaft). Familiäre Herkunft und Milieu vermitteln diese Spielräume.
    • Auch der erlernte Habitus spielt eine wesentliche Rolle im Setzen von Grenzen in der In- und Exklusion. Dazu gehört die Sprache("language")mit der Fähigkeit in der Verwendung gewisser Sprachregister(Ausdrucksweise; Verweise auf literarische, historische und [fach-]wissenschaftliche Referenzen), Allgemeinbildung und Merkmale wie Geschlecht, Alter, Ethnizität und Religion(vgl. zur Didaktik der Inklusion REICH 2014).
    • Eine Kombination von Selbst- und Fremdexklusion verhindert eine Diversifizierung, etwa in einem mangelhaften Zutrauen(beispielhaft in Aufnahmeverfahren in als elitär geltenden Studienrichtungen und Institutionen). Frauen werden durch symbolisches Kapital von Männern benachteiligt(geschlechtsspezifischer Habitus) bzw. erhalten Zuweisungen in der Kinder- und Altenbetreuung sowie in weniger prestigeträchtigen Berufspositionen.
    • Letztlich geht BOURDIEU davon aus, dass die Strategie eines Staates es sei, die Integration der Dominierten zu fördern(vgl. BOURDIEU 2012, 566).
  • Nancy FRASER bearbeitet in ihrem Forschungsansatz die Repräsentation von Minderheiten, wie Individuen und Gruppierungen operieren, um sozioökonomische, politische und kulturelle Anerkennung gewinnen(vgl. FRASER 1995, 68-93). Fraser verbindet interaktionistische und strukturalistische Ansätze in Überlegungen zur Umverteilung ökonomischer Ressourcen und Machtressourcen zwischen den Geschlechtern im Kontext mit Reflexionen über die Anerkennung von Differenz in sozialen, kulturellen und politischen Feldern. Kulturelle Anerkennung soll in einer Diversität geschehen. Eine Identitätspolitik sollte durchgeführt werden, um die Unterschiede zwischen Gruppierungen zu essenzialisieren(d.h. festschreiben des "Anderen" auf seine Andersartigkeit und seine ursprüngliche Wesenheit[Essenz]).
    • Fraser verlangt eine Veränderung der ökonomischen Struktur und der Statusordnung der Gesellschaft, insbesondere bei Frauen mit anderer Hautfarbe und Ethnizität zu mehr Anerkennung und gleichem Zugang zu ökonomisch-politischen Ressourcen.
    • Diversität muss als Spiegelbild der Gesellschaft repräsentiert und proportional vertreten sein. Die Gefahr einer Essenzialisierung von Differenzen will Fraser durch einen situativen Ansatz ausräumen(vgl. SALZBRUNN 2014, 33).
    • Anerkennung ist eine Frage der Gerechtigkeit, etwa die Partizipation im bzw. am politischen Leben(vgl. FRASER 1998, 5; man beachte die Abgrenzung zum utilatiristischen Ansatz im Diversity-Management).
6 Dekolonialisierung im Denken    

Im kolonialistischen Denken bzw. Denkformen des 19. und 20. Jahrhunderts war der Ethnizitätsbegriff von vermeintlich kognitiven und körperlichen Merkmalen geprägt(vgl. SALZBRUNN 2014, 47). Am Beispiel französischen Denkens soll die kulturalistisch definierte juristische Unterscheidung dargestellt werden.

Das Denkmodell von Pierre DARESTE(1851-1937) führt dazu, dass in den Kolonien geborene Kinder von einem Franzosen und einer indigenen Frau dann die französische Staatsbürgerschaft bekamen, wenn sie vom Vater aufgezogen wurden. Umgekehrt wurde argumentiert, dass sie nicht französisch erzogen wurden. Im Vichy-Regime wurde die Religion als Argument für eine Nicht-Integrierbarkeit von Juden und Muslimen verwendet. Charles de Gaulle sagte am 5.März 1959, dass die Tatsache, dass es schwarze, gelbe und braune Franzosen gebe, sei ein Zeichen für die universelle Berufung("vocation universelle") Frankreichs, allerdings mit der Einschränkung der kleinen Zahl der Minderheiten(vgl. SALZBRUNN 2014, 47). Von Interesse ist die Annahme damals, dass eine kulturelle Vielfalt sozialen Kohäsionsprozessen standhalte und es eine Unvereinbarkeit zwischen nationalen und religiösen Gruppen gebe(vgl. die heute enge Bezugnahme zu Kolonien mit den unter Nicolas Sarkozy eingesetzten Ministerinnen Rama Yade(senegalesische Eltern), Fadela Amara(kabylische Eltern) und Rachida Dati(algerische Eltern).

Im Falle der wiederholten "Kopftuchdebatte" werden Personen in der dritten und vierten Generation noch auf ihre Herkunft bezogen, wobei damit implizit ihre Zugehörigkeit zu den Werten der Republik Frankreich infrage gestellt wird(vgl. SALZBRUNN 2012, 682-705).

Man erkennt also, dass Vielfalt/"Diversity" auf nationale Herkunft und/oder Religion reduziert wird. Einerseits wird gegen nachweisbare Diskriminierung vorgegangen, andererseits verbietet das Konzept des Universalismus eine Wahrnehmung dieser Differenz.

Man erkennt diesen Spannungsbogen auch in der Museumsdidaktik mit dem dichotomen Umgang beider Begriffe, wobei erst seit der Jahrtausendwende eine aufwertende Inklusion zu vermerken ist.

Zu bedenken ist am französischen Beispiel aber auch, dass eine positive Diskriminierung zu homogenisierten Wahrnehmungen führen kann, die aber bei plötzlichen Negativereignissen wie etwa der Revolte in den Vorstädten von Paris 2005 und aktuell in eine Stigmatisierung umschlagen kann(vgl. SALZBRUNN 2014, 49; zum Spannungsfeld im Kampf gegen Diskriminierung und einer Förderung von Vielfalt MASCLET 2012).

7 Walter Benn Michaels - "The Trouble with Diversity"-Rasse-Klasse    

Wendet man sich den USA zu, ist Walter Benn MICHAELS mit seinem Buch "The Trouble with Diversity. How we Learned to Love Identy and Ignore Inequality"(2006) zu erwähnen.

Die Kritik am Konzept der Diversity in US-Universitäten und Unternehmen ist als Kapitalismuskritik zu verstehen. Ausgehend von einem historischen Rückblick über das Aufkommen einer US-rassisch definierten Differenz in der Folge mit kulturellen Unterschieden geht Michaels der Frage nach wirtschaftlichen Ungleichheiten nach. Bemüht werden Hemingway und Fitzgerald in einem kontroversen Dialog, wobei es um eine Vision einer geteilten Gesellschaft weniger in Rassen als eher ökonomischer Klassen geht(vgl. MICHAELS 2006, 3).

Die verbreitete Ansicht der Unterscheidung in Rassen wurde in den Sozialwissenschaften weitgehend dekonstruiert. Aktuell geht man davon aus, dass "races" soziale Gruppen sind und eine Gesellschaft vielfältig ist. Benachteiligte Gruppen sollten daher gefördert werden. Die US-"colour-blind-society" ist ähnlich dem französischen republikanischen Ideal von Gleichheit der weltanschaulich neuralen Bürger anzusehen. Entsprechende Problemzonen ergeben sich daraus, insbesondere die Unterschiede zwíschen Arm und Reich. Bemüht wird die Aufwertung kulturalistischer Argumente zur Akzeptanz von Armut und Ungleichheit. Klasse dürfe nicht als Kategorie mit "Rasse" oder "Kultur" gleichgesetzt werden(vgl. ebd., 10). Nach Michaels ist der Diversity-Markt in den USA mit Trainings und interkultureller Kommunikation auf ein Volumen von zehn Milliarden Dollars pro Jahr gewachsen(vgl. SALZBRUNN 2014, 53). Verloren gegangen ist die Grundidee von "social justice", Ziel wurde eine Profitmaximierung.

Michaels sieht "Diversity" letztlich unter diesen Aspekten als Gegensatz zu Gleichberechtigung - im Gegensatz zu den Versprechungen. Das Beispiel der Eliteuniversität Harvard erweist sich als Werkzeug des Neoliberalismus. "Solange die Eliteuniversität Kandidaten verschiedener Herkunft und Geschlechter akzeptiere, fördere sie Diversity und setze sich demnach Diskriminierung und Rassismus ein(denn es wird ja nicht auf Grund von Hautfarbe oder diskriminiert: Diskriminierung aufgrund von Armut ist somit nach Michaels in diesem Fall implizit zulässig)"(SALZBRUNN 2014, 54). Wenn die Elite vielfältig ist, sei sie legitim. Die Gruppe der Armen würde von der Diversity-Rhetorik nicht nur außer Acht gelassen, vielmehr biete sie geradezu die symbolische Ressource für Harvard-Studierende, die an ihren persönlichen Wert glauben und sich nicht als wohlhabend und privilegiert verstehen(vgl. ebd., 54).

Michaels sieht nicht überall die gleiche Ursachen. Hautfarbe als Differenz gründet auf Vorurteilen und Rassismus, Ungleichheiten zwischen Klassen auf Besitzverhältnisse des Kapitalismus. Armut als Ursache beruht beispielsweise etwa der der Arbeit beraubten oder minderbezahlten Afroamerikaner.

Diversity benötigt ein Verständnis von sozialer Gerechtigkeit.

  • Soziale Probleme werden als Folge von Diskriminierung und Intoleranz betrachtet(vgl. MICHAELS 2006, 10). Arme sollen demnach mit Respekt betrachtet werden.
  • Schließlich wird die liberale Vorstellung von "Rasse" als sozialer Konstruktion überdeckt von konservativen Vorstellungen von Klasse als sozialer Konstruktion(vgl. ebda., 196).

Kritisch ist zu vermerken,

  • dass die Diversitäts-Debatte zu einer Ablenkung von Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern führen kann. Für Michaels ist die Aufwertung der afroamerikanischen Geschichte ebenso angesiedelt wie die der Frauengeschichte, wobei diese keine Minderheit betrifft, vielmehr die Hälfte der Menschheit.
  • Zudem sind die US-Prinzipien "Rasse" und "Klasse" beispielhafte Themenbereiche für den Fachbereich Politische Bildung(US-Politik, Bevölkerungszusammensetzung, Rassenkonflikte, Medien), die US-Debatten betrachtet und Afroamerikaner auf einen niederen Status als Weiße setzt, damit diese Gruppierung in allen Lebensbereichen benachteiligt(vgl. ergänzend dazu den IT-Autorenbeitrag http://www.netzwerkgegengewalt.org > Index: Interkulturelle Kompetenz, bes. Pkt. 8.17.2.2 und 8.17.5).

8 Migration - Multikulturalität-Demokratie    

Mit Marco MARTINIELLOs Band über eine multikulturelle Demokratie(2011)wird die Multikulturalität in einer Demokratie angesprochen(vgl. die Verwendung des Begriffs "multikulturell" in der Soziologie und Politik, ebenso die Verwendung "interkulturell" und "transkulturell" in den Kulturwissenschaften und der Politischen Bildung).

Gefragt wird nach politischen Antworten auf Assimilationsforderungen zur Beachtung kultureller Minderheiten und Erfüllung demokratischer Ansprüche. Plädiert wird für eine geteilte multikulturelle Staatsbürgerschaft in einem demokratischen System, die Einheit und Vielfalt kombiniert(vgl. die Forderung nach einem Migrationskonzept der EU, wobei sich die Frage nach einer Ein- und Zuwanderungspolitik sowie einheitlichen Staatsbürgerschaft in der Folge mit ihren Konsequenzen stellt; vgl. auch den IT-Autorenbeitrag http://www.netzwerkgegengewalt.org > Migration in Österreich, Teil 2, Buchbesprechung "Exodus").

Ähnliches findet sich bei Daniel DETTLING und Julia GEROMETTA(2007). Nationale Integrationspläne - so der "Nationale Integrationsplan" der deutschen Bundesregierung - zeigen Potenziale von Vielfalt auf. Der Sammelband von Christoph BUTTERWEGE und Gudrun HENTGES(2000)stammt aus der Praxis und dem "Thinktank berlinopolis" und schlägt konkrete Maßnahmen zur Förderung für Zuwandernde vor. Konkret wird gefragt nach den Potenzialen gesellschaftlicher Vielfalt, die vor allem ökonomisch genutzt werden können.

Weniger funktional und mehr auf theoretischer Ebene ist auf Nancy FRASER(1995)und Axel HONNETH(2010 hinzuweisen.

Den Anspruch auf Aufarbeitung der Diskussion in Theorie und Konzeption stellen Stefan NEUBERT, Hans-Joachim ROTH und Erol YILDIZ(2008)mit dem Band "Multikulturalität in der Diskussion. Neuere Beiträge zu einem umstrittenen Konzept". "Starke Wertegemeinschaften" werden diskutiert, in der Folge eine funktionale Differenzierung und Erweiterung der Beziehungsmöglichkeiten zu einer Bildung verschiedener Lebensstile mit einer Sozialintegration in kulturellen Milieus angesprochen. Die Binarität der Debatte soll überwunden werden, wobei vier Diskurse zu führen wären: den traditionellen Multikulturalismus-Diskurs mit "melting pot" und "salad bowl", den neokonservativen korporatistischen Ethnizitäts-Diskurs, den linksliberalen progressiven Multikulturalismus-Diskurs und den kritisch-selbstreflexiven Multikulturalismus-Diskurs. Dieser reiht sich ein in die Ansätze der "cultural and postcolonial studies". Grundlage ist ein konstruktivistisches reflexives Verständnis von Multikulturalität mit einer Analyse, die soziale, biographische und politische Relevanz betrifft, nicht aber Kultur, Identität und Nation(vgl. NEUBERT-ROTH-YILDIZ 2008, 26).

Die Diskussion von "Leitkultur" und "Parallelgesellschaft" zu überwinden will Werner SCHIFFAUER(2008)mit "Parallelgesellschaften. Wie viel Wertekonsens braucht unsere Gesellschaft?". Gefordert wird ein "neuer Realismus" und "gesellschaftliche Solidarität", die Aufrechterhaltung von kulturellen Austauschprozessen und eine kulturelle Dynamik(vgl. ebda., 18).

Von Interesse ist die Frage der politischen Partizipation. Chantal MUNSCH(2010, 37) plädiert für eine Reflexion sozialen und politischen Engagements mit der Offenheit für Themen und Aktivitätsformen aus unterschiedlichen Lebenslagen und Lebensweisen. Zentrale Themen sollen Dominanz und soziale Ungleichheit mit ihren Ursprüngen und möglichen Lösungsansätzen sein.

9 Super-Diversity    

Steven VERTOVEC hat mit dem Begriff "Super-Diversity" auf die fortschreitende Diversifizierung von Zuwandererinnen und Zuwanderern(Migranten) seit 2007 hingewiesen(vgl. VERTOVEC 2010a, 66-68).

  • Viele Menschen wandern zu vielen Orten. Ethnizität und Nation reichen als Beschreibung nicht mehr als Parameter aus. Die Komplexität des juristischen Status, die Arbeitsmarksituation, Muttersprache, der Bildungsgrad, die räumliche Verteilung, Altersstruktur und der Zugang zu sozialen Diensten führen zu einer Binnendifferenzierung.
  • Eine multidimensionale Perspektive auf Diversität soll gelegt werden. Zu berücksichtigen sind demnach die Kritik am methodologischen Nationalismus(etwa Ethnizität, Religionen und Sprachen in Staaten als Binnendifferenzierung), die Differenzierung der Profile(etwa Grade der Bildungsabschlüsse) und Faktoren der Migration(etwa Asyl, EU-Binnenwanderung, Austauschstudium, Arbeitsmigration, Verwandtschaft)(vgl. ebda., 67; SALZBRUNN 2014, 62-64; man denke nur an London mit ca. 300 Sprachen und Wien mit einem beachtenswerten und kaum anzunehmenden hohen Angebot an Sprachkursen, zum Teil seltener Sprachen).
Von Interesse ist die Betrachtung der juristischen Behandlung einer Minderheit und den damit verbundenen Schutzrechten und der Komplexität der damit verbundenen Politiken.

  • Man beachte den Pakt II(Internationaler Pakt über bürgerliche und politische Rechte, 16.Dezember 1966) der Vereinten Nationen; Art. 1 der Erklärung über die Rechte von Personen, die nationalen oder ethnischen, religiösen und sprachlichen Minderheiten angehören, 1992; das Rahmenübereinkommen zum Schutz nationaler Minderheiten, Art. 3 des Europarates zum Schutz Einzelner und in Gemeinschaften 1994.
  • Ebenso interessant die vom Europarat 1994 genannte Möglichkeit, nicht als Teil einer Minderheit betrachtet zu werden(vgl. in Frankreich 2014 die Forderung nach einem "Recht auf Indifferenz". Interkulturalität und Migrationsforschung sind damit angesprochen, dass vermeintlich objektive Kriterien(etwa Sprache und Religion) nicht unbedingt ein Gefühl der Zusammengehörigkeit implizieren(vgl. SALZBRUNN 2014, 66 mit dem Hinweis auf emische Kategorie, d.h. aus der Sicht der Teilnehmenden).
  • Lange unbeachtet war die Verteilung der Geschlechter je nach Herkunftsland. Dies betrifft besonders den Arbeitsmarkt in der Kranken-, Kinder- und Altenpflege bei Frauen und die Baubranche und das Gewerbe bei Männern.
  • Im Migrationskontext ist die Altersstruktur eine zu beachtende Größe mit Konsequenzen für die Gesamtgesellschaft(vgl. die hohen Sozialabgaben der eingewanderten Population zwischen 25 und 44 Jahren). Die mit der Zuwanderung verbundenen Veränderungen in der demographischen Entwicklung verändern die Erwerbstruktur, Sozialsysteme und kulturell die Bildungsformen(etwa Schulformen) mit Lern- und Lehrpraktiken.
  • Zu beachten sind die räumliche Verteilung von Bevölkerungsgruppen mit starken regionalen und nationalen Unterschieden(vgl. 2007 den Ausländeranteil in Berlin-Neukölln-Nord mit 35 Prozent und den Pariser Stadtteil La Goutte d'Or mit 32,7 Prozent). Faktoren sind der Wohnungsbau und die regionalen Migrations- und Reskalierungsprozesse(vgl. die Studien zu den Vierteln Belleville in Paris und Harlem in New York; SALZBRUNN 2011, 166-189).
  • Die Frage der Transnationalisierung zeigt, dass Zuwandernde unterschiedliche Grade einer Transnationalisierung aufweisen(vgl. als typisches Beispiel die Wanderung von Millionen Mexikanern zwischen ihrem Heimatland und den USA; die zunehmende Rückkehrwilligkeit in die Türkei).
  • SALZBRUNN(2014, 68-69) weist darauf hin, dass Verwandtschaft und gemeinsame kulturelle, sprachliche oder religiöse Praktiken zu solidarischen Handlungen führen, mit Vorsicht zu betrachten sind. In der Mikroebene sind die soziale Kontrolle von Peer-Gruppen zu beachten, in der Makroebene die zunehmende Tendenz von "remittances", internationalen Telefon- und Skype-Verbindungen. Die Kommunikationsstrukturen sind in den letzten 20 Jahre sehr diversifiziert.
  • Zu beachten sind bei Zuwandernden die Bedeutung inklusiver Methoden, geht es doch hier ebenso die verschiedensten Arten der Zugehörigkeiten von Personen bzw. Gruppierungen. Nach Sara SPENCER(2012) geht es um eine vielfältige und mobile Migrantenpopulation mit neuen Herausforderungen und Verschiebungen.
  • Herausforderungen für eine Super-Diversität ergeben sich in Mustern von Ungleichheit und Vorurteilsbildungen, Segregationsmustern, Raum- und Kontakterfahrungen, Formen der Globalisierung, Brückenköpfen der Migration und Migrationsmustern durch Drittländer- und Binnenmigration der EU, Transnationalismus, Integrationsmustern und einer vermehrt notwendigen Beziehung von Wissenschaft und Politik(vgl. SALZBRUNN 2014, 70).
10 Orte der Vielfalt    

Im Folgenden werden Hinweise auf verschiedene beispielhafte Orte gegeben, die sich als wesentlich erweisen. Die angeführten Bereiche zeigen Bemühungen um eine Praxis von Diversität an.

Von Interesse sind die Bereiche Sicherheitsorgane(Polizei, Militär), Schule und Universität, Kirche, Wirtschaft und Stadtgesellschaft bzw. Urbanität.

http://www.netzwerkgegengewalt.org > Index: Interkulturelle Kompetenz, Punkte

8.22 - Diversität in der Polizeiarbeit

8.23 - Diversität im militärischen Bereich

8.24 - Diversität in der interkulturellen Schulentwicklung

8.25 - Diversität in der Evangelischen Kirche

8.26 - Diversität in der Wirtschaft

8.27 - Diversität in der Stadtgesellschaft

8.28 - Diversität an Universitäten/Hochschulen

Literaturverzeichnis    

Angeführt sind jene Titel, die direkt zitiert werden und/oder für den Beitrag verwendet werden.


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Yuval-Davis N.(2011): The Politics of Belonging. Intersectional Contestations, London


Der Beitrag wird laufend aktualisiert.

IT-Autorenbeiträge    

Die Beiträge verstehen sich als Ergänzung zu den bearbeiten Themenbereichen.


Netzwerk gegen Gewalt > http://www.netzwerkgegengewalt.org > Index:

Interkulturelle Kompetenz, bes. Punkte 8.22-8.28

Migration in Österreich Teil 1 und 2

Globales Lernen

- - -

Vorberufliche Bildung in Österreich

- - -

Politische Bildung

Gender

Schule

Lernfeld Politik

Europa als Lernfeld

Wirtschaftserziehung

- - -

Erwachsenenbildung

Erwachsenenbildung im ländlichen Raum

- - -

Bildungsreform

Zum Autor    

APS-Lehramt(VS-HS-PL), zertifizierter Schüler- und Schulentwicklungsberater, Lehrerbildner am Pädagogischen Institut des Landes Tirol/Berufsorientierung(1990-2002), Mitglied der Lehramtsprüfungskommissiomn für APS-Lehrer_innen/Landesschulrat für Tirol(1994-2002)

Lehrbeauftragter am Institut für Erziehungs- bzw. Bildungswissenschaft/Universität Wien/Aus- und Weiterbildung/Vorberufliche Bildung(1990/1991-2010/2011), Lehrbeauftragter am Sprachförderzentrum/Stadtschulrat für Wien/Interkulturelle Kommunikation(2012), Lehrbeauftragter am Fachbereich für Geschichte/Universität Salzburg/Lehramt/Didaktik der Politischen Bildung(ab 2015/2016)

Kursleiter/Lehrender an den VHSn des Landes Salzburg in Zell/See-Mittersill-Saalfelden-Stadt Salzburg(ab 2012), stv. Leiter des Evangelischen Bildungswerks in Tirol(2004-2009, ab 2017)

Absolvent des Instituts für Erziehungswissenschaft/Universität? Innsbruck/Doktorat(1985), des 10. Universitätslehrganges Politische Bildung/Universität Salzburg-Klagenfurt/Master(2008), des 7. Universitätslehrganges Interkulturelle Kompetenz/Universität Salzburg/Diplom(2012), der Weiterbildungsakademie Österreich/wba/Diplome(2010), der Seminare der Personalentwicklung der Universität Wien für Mitarbeiter/"Change Management", "Führung und Management", "Didaktische Kompetenzen", "Interkulturelle Kompetenz"/Zertifizierungen(2008-2010), des 4. Internen Lehrganges für Hochschuldidaktik/Universität Salzburg(2016), des Fernstudiums Erwachsenenbildung/Evangelische? Arbeitsstelle Fernstudium-Comenius Institut Münster/Zertifizierung(2018)


MAIL dichatschek (AT) kitz.net

 
© die jeweiligen Autoren zuletzt geändert am 7. Juni 2018