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Mobbing in der Arbeitswelt und Schule

Mobbing in der Arbeitswelt und Schule - Ein Beitrag zur Politischen Bildung/Erziehung im Rahmen der Vorberuflichen Bildung/Erziehung    

Günther Dichatschek

Inhaltsverzeichnis dieser Seite
Mobbing in der Arbeitswelt und Schule - Ein Beitrag zur Politischen Bildung/Erziehung im Rahmen der Vorberuflichen Bildung/Erziehung   
1 Vorbemerkungen   
2 Grundlagen   
3 Mobbingphänomene   
Exkurs   
4 Eltern-Verwandte-peer group von Mobbingopfern   
5 Prozess der Ausgrenzung   
6 Lernarbeit mit Vorurteilen   
7 Aufgaben für VerantwortungsträgerInnen/Erziehenden   
8 Integration von Außenseitern   
9 Konstruktion von gewaltfreien Geschlechterverhältnissen   
9.1 Selbstbilder und Gewaltminderung - Wertschätzung von Anderssein   
9.2 Initiative und Aktivitäten entwickeln - Freundschaften pflegen   
9.3 Erweiterung des Erlebnis- und Verhaltensrepertoires   
9.4 Entwicklung von Selbstdisziplin - Moral - Gerechtigkeit   
9.5 Anerkennung eigener Grenzen - Erwerben von Konfliktfähigkeit   
10 Organisationsentwicklung und pädagogische Maßnahmen   
Literaturhinweise   
IT-Autorenbeiträge/Auswahl   

1 Vorbemerkungen    

"Der Begriff 'Mobbing' als Psychoterror einer Gruppe gegen Einzelne ist im Bereich der Arbeitswelt nicht mehr ganz neu: Es gibt mittlerweile viel Literatur zu diesem Thema, Anti-Mobbing-Kurse verschiedener Organisationen, eine Reihe speziell dafür eingerichtete Beratungsstellen und sogar Kliniken für Mobbingopfer"(DAMBACH 2002, 9).

Im TV-Bereich hat im Jahre 2001 der deutsch-französische Sender ARTE einen Abend diesem Schwerpunktthema gewidmet. Vermehrt berichtet die Tagespresse über Mobbing-Phänomene, wobei naturgemäß die journalistische Bearbeitung der Thematik im Vordergrund steht.

Parallelen zwischen Arbeitswelt und Schule gibt es offensichtlich wie

- Gruppenbildungen/Hierarchien am Arbeitsplatz,

- gegenseitige Abhängigkeiten,

- gemeinsame Verpflichtungen,

- Konflikt- und letztlich

- Konkurrenzsituationen.

Für die Schule ist erschwerend der Umstand, dass es keine sichtbaren wirtschaftlichen Nachteile gibt, wenn aus einem schlechten Arbeitsklima Minder- bzw. Fehlleistungen und Fehlzeiten entstehen, wobei festzustellen ist, dass in unserer Gesellschaft Schwierigkeiten, Nöte und Ängste von Kindern und Jugendlichen nicht in der gleichen Weise zur Kenntnis genommen werden wie bei Erwachsenen.

Offen bleiben Fragen wie

  • Folgerungen bei psychosomatischen Erkrankungen,
  • mangelhaftes Verhalten in Gruppen,
  • Einzelgängertum,
  • Aggressionen bzw. Aggressivität
  • notorischem Vordrängen mit Anerkennungssuchen,
  • auffälliges Prestigedenken und
  • sonstige Negativauswirkungen im Betriebs- bzw. Schulklima/Arbeits-.
Über den Unterricht hinaus sind auch in der Arbeitswelt U r s a c h e n und gesamtgesellschaftliche A u s w i r k u n g e n von Interesse. Solidarisches Verhalten in einer demokratischen Gesellschaft ist eine wesentliche Grundforderungen bei menschlichen Kooperationsmodellen(vgl. zur politischen Sozialisation GIESECKE 1993, 40-45).

Wie aktuell die Frage von G e w a l t in den verschiedensten Formen heute schon ist, zeigt eine Meldung vom 29. November 2002 in "ooe.ORF.at/oesterreich.orf" mit dem Titel "Gewalt in der Volksschule". In einer S t u d i e des Arbeitsbereiches Bildungspsychologie und Evaluation am Institut für Psychologie der Universität Wien(Moira Atria, Christiane Spiel und Manuela Lehner)wurde eine erste Bestandsaufnahme aggressiven Verhaltens an österreichischen Volksschulen durchgeführt: Bis zu 40 Prozent der SchülerInnen einer Klasse fühlen sich als Opfer von Gewalt. Wie die Untersuchung zeigt, gibt es große Unterschiede zwischen einzelnen Klassen. Für die Studie wurden fast 400 Kinder in 18 vierten Klassen an acht oberösterreichischen Volksschulen unterschiedlicher Größe und Regionen befragt.

2 Grundlagen    

Frühe Erfahrungen mit Ausgrenzungen in Gruppen - Kindergarten, Schule und Arbeitsplatz - bestätigen sich unter der Voraussetzung, dass Mobbing von einer Mehrheit ständig bzw. über einen längeren Zeitraum gegen dieselbe Person(en) ausgeübt wird. Zu diesen Erfahrungen gehören dauerhafte Erniedrigungen, Benachteiligungen, Kränkungen und Niederdrücken einzelner Personen(-gruppen). Darüberhinaus gehören subtile Verhaltensweisen ebenso dazu, die mit dem Begriff "Psychoterror" umschrieben werden. Typisch ist das Fehlen von Schuldgefühlen und einem Mangel an Eigenverantwortlichkeit bei Tätern.

In der U n t e r h a l t u n g s l i t e r a t u r werden Mobbingopfer oftmals positiv als tolpatschige, anbiedernde, maßlos aufschneidende Menschen dargestellt. In der TV-Comic-Serie "Asterix" nimmt niemand Anstoß an dem Sänger Troubadix, der geschlagen, gefesselt und geknebelt wird.

In Zwangsgruppierungen - Kindergartengruppen, Schulklassen und Arbeitsgruppen - gibt es die Erfahrung einer H i e r a r c h i e. Diese ist für ein "Klima des Funktionierens" durchaus nicht erstrebenswert, vielmehr sollte als Ziel ein S o z i a l k l i m a mit dem Grundsatz der gegenseitigen A k z e p t a n z erstrebenswert sein.

Mobbingprävention fängt mit der gegenseitigen Wertschätzung und Hilfestellung an. Zu verhindern sind auch Eintönigkeit, Langeweile, der einseitige Wunsch nach Unterhaltung/Amüsement und das überzogene Streben, sich vor anderen zu profilieren.

In der Arbeitswelt bedingt eine solche Wertehaltung notwendigerweise die Ergänzung des L e i s t u n g s p r i n z i p s durch das S o z i a l p r i n z i p("Fordern und fördern").

M o b b i n g o p f e r sind immer Einzelne, wobei die Sozialmedizin psychosomatische Erkrankungen(u.a. Magen-Darm-Trakt, Migräne, Muskelverspannungen, Immunschwäche gegen Infektionen) ebenso kennt wie Krankheitsbilder, die äußerst schwer zu diagnostizieren sind.

3 Mobbingphänomene    

In der Literatur zur Arbeitswelt werden Mobbingerscheinungen sowohl bei MitarbeiternInnen als auch bei Vorgesetzten beschrieben. "Es kann davon ausgegangen werden, dass ein erhöhtes Potential für spezifische eskalierende Konflikte und extremen sozialen Stress am Arbeitsplatz Schule auch zu einem vermehrten Auftreten des Phänomens 'Mobbing' führt - jedoch kaum in dem Maße, wie es einzelne Beiträge suggerieren"(ROTHLAND 2003, 249).

Im schulischen Bereich wird der Begriff auf einzelne SchülerInnen angewendet, die von der Mehrheit der Klasse - mehr oder minder - gequält werden(DAMBACH 2001, 24). In der Regel nennt man diese Gruppe "Außenseiter". Hiervon zu unterscheiden sind Einzelgänger, die - gewollt oder ungewollt - allein am Rande stehen und von der jeweiligen Gruppe respektiert werden.

Unspektakuläres Mobbing in der Schule wird in der Regel zu wenig beachtet. Mobbing in Betrieben geht dagegen durch die Medien. Es bedarf hier keiner vollständigen Aufzählung über Mobbingphänomene. Weit verbreitet ist jedenfalls eine Herabsetzung der Person, oftmals mit Beleidigungen; Feindseligkeiten mit subtilen Unterstellungen sind weniger leicht zu registrieren. Das Warten auf Blößen gehört ebenso dazu, Streiche mit Negativwirkungen sind eher in Heimen und Internaten zu bemerken. Häufig kommen Erniedrigungen, Blamieren und Aus-der-Gemeinschaft-ausschließen vor. S o z i a l e s L e r n e n in neu zusammengestellten Klassen/Gruppierungen - man denke auch an Berufsschulen und das Militär- erscheint unter diesen Gesichtspunkten ein wesentlicher Beitrag für das Gelingen eines besseren Sozialklimas zu sein.

Exkurs    

Entwicklungspsychologische Aspekte von Gewalt sollen an dieser Stelle eine theoretische Begründung für jenen Bereich im Mobbing-Verhalten liefern, die in der Folge zu einem Normalverhalten, insbesondere zu einer gender-orientierten Pädagogik und Organisationsentwicklung mit den Schwerpunkten Personal-, Betriebs- und Schulentwicklung führen(vgl. WÖLFL 2001, 46-59 und 180-214).

Dehumanisierung, Kulturverlust und letztlich unethisches Verhalten entsteht durch eine Hegemonie einer Abwertung und Abwehr von Weiblichkeit - als Anderssein - und "anderer Männlichkeit", deren Höhepunkt in totalitär organisierter Gewalt vorzufinden ist(vgl. FINKIELKRAUT 1998, 9 mit seiner Beschreibung eines "Nichtmenschen" im Dritten Reich).

In der theoretischen Reflexion über Aspekte der Geschlechtsidentität und einem Identitätsbegriff an sich zeigen sich Zuschreibungen und Vorstellungen, die es zu hinterfragen gilt. Jessica BENJAMINs(1993) Erklärungsversuch für das Entstehen männlichen Gewaltverhaltens im Kontext mit Herrschaft und Unterwerfung geht davon aus, dass es von Geburt an zwei Subjekte - ein erwachsenes und ein kindliches - aufeinander treffen und miteinander in Beziehung stehen. In dieser durch Gleichheit und Verschiedenheit vorhandenen Spannung liege Empathie. Wird die Differenz der Geschlechter als Gegenteiligkeit betrachtet, kommt es zu Opposition mit Spannungen und Negation: Was männlich ist, soll/darf/kann nicht weiblich sein(und umgekehrt). Damit wird die Geschlechterbeziehung polemisch. Dieses Anderssein ist nicht mehr eine Möglichkeit unter vielen verschiedenen Ähnlichkeiten, es wird - beispielsweise für den Mann die Frau, für den Einheimischen der Migrant, für den Katholiken der Protestant und für den Europäer der Afrikaner - nicht in sich anerkannt und ergibt damit in seiner Bedeutung einen Mangelzustand. In der Folge kommt es zu Selbstunsicherheit durch einen von Defiziten behafteten Erziehungsprozess, die in drei Bereichen abläuft:

  • (1) Ähnlichkeiten werden geleugnet
  • (2) Verhaltensweisen dürfen nicht übernommen werden, Abhängigkeiten und Bindungen werden geleugnet und
  • (3) Abwertungen werden vorgenommen und Herrschaftstendenzen bilden sich heraus(vgl. CHODOROW 1994).
BENJAMIN sieht im Gegensatz zu FREUD diese Unvermeidlichkeit von Herrschaft als Folge eines psychischen Entwicklungsprozesses. Da bei FREUD häufig Gewalt und Herrschaft mit Autorität, die ausschließlich in der Männerwelt stattfindet, gleichgesetzt wird - Frauen spielen keine Rolle - bedarf es der Analyse von Gender - Konstruktionen(vgl. WÖLFL 2001, 53).

4 Eltern-Verwandte-peer group von Mobbingopfern    

Eine unrichtige Einschätzung von Mobbingphänomenen erfolgt oftmals im näheren Umfeld des/-r Betroffenen. Nicht immer werden angemessen Mobbingvorgänge geschildert.

Zu bedenken sind nicht Einzelheiten allein, sondern die Summe der Details, die die Situation schwer darstellbar machen und das Opfer tief treffen.

E l t e r n müssen aus ihrer erzieherischen Verpflichtung heraus den Dingen auf den Grund gehen. Gegebenenfalls bedarf es professioneller fachlicher Hilfe und Beratung in Form der Erziehungsberatung bei Landes- oder kirchlichen Beratungstellen bzw. dem Schulpsychologischen Dienst. Je früher die Probleme angegangen werden, desto leichter sind sie therapierbar.

V e r w a n d t e und der p r i v a t e F r e u n d e s k r e i s begehen oftmals den Fehler, gerade dem Opfer auf Grund des veränderten Verhaltens Anerkennung, Kontakte und damit Geborgenheit zu entziehen. Distanzierung statt Solidarität und Unterstützung sind die Folge. Wer unter Mobbing leidet, hat eine individuelle und subjektive Schmerzgrenze. Zwischen Scherz, Furcht, Hohn und Spott - an der Arbeitsstelle wie in der Schule - gibt es gravierende Unterschiede, die früh genug es auszuräumen gilt. Aus der Erziehungspraxis kennt man das Phänomen der Betroffenheit u n t e r der Frustrationsgrenze. Diese Personengruppe wird robuster im Laufe der Zeit. Gefährdet ist die Personengruppe, die häufig ü b e r der Frustrationsgrenze getroffen wird, weil hier die Schwelle sinkt. In der Folge kommt es zu psychosomatischen Störungen, die durch Ängste, Vermeidungen, Fluchtreaktionen, Rachegedanken u.ä. verstärkt werden können. Selbst Spätfolgen sind nicht auszuschließen, wie das in der Literatur referierte Beispiel einer Regression es zeigt: "Ich habe einen früheren Schüler erlebt, der in seinem jetzigen Arbeits-, Freundes- und Familienkreis als besonnener und sehr rationaler Mann gilt, dem man nicht mehr anmerkt, dass er früher einmal als Prahler von den Mitschülern abgelehnt wurde. Und doch kauft er sich vor dem Ehemaligen-Treffen noch schnell ein für seine Einkommensverhältnisse viel zu teures Auto !"(DAMBACH 2002, 34).

5 Prozess der Ausgrenzung    

Protokoll einer Schülerberatung/Sekundarstufe I, 1. Klasse(Name wurde geändert):

"Herbert besucht die 1. Klasse der Hauptschule und ist in den Hauptfächern D, M und E in der 3. Leistungsgruppe, hat aber eine besondere Begabung in WE/TEC. Er ist in diesem Fach bei den MitschülernInnen auf Grund seiner Bereitschaft zur Mithilfe besonders beliebt. Anders ist die Situation in D, M und E, wo er in Außenseiterposition ist. Mitunter reagiert Herbert mit Wutanfällen bei der Rückgabe von benoteten schriftlichen Arbeiten. Sein Unvermögen, etwas hier erklären zu können, belustigt die Lerngruppe."

An den Nahtstellen der jeweiligen Schularten und Ausbildungssysteme - Grundschule - Sekundarstufe I(Hauptschule bzw. AHS-Unterstufe), Sekundarstufe I - Sekundarstufe II, Polytechnische Schule - Berufsschule - Betrieb, Berufsschule - Militär - zeigt sich u.a. die Problematik einer Zusammensetzung einer Gruppe/Klasse/Leistungsgruppe mit

  • Neupositionierungen,
  • Wirkung auf MitschülerInnen/Kameraden und
  • Lehrer- bzw. Vorgesetztenverhalten.
Wenig auffällig, daher in diesem Zusammenhang von besonderem Interesse, scheinen MitläuferInnen zu sein. In vielen Schülerberatergesprächen zeigt sich auch hier ein Leidensdruck. Aus Angst vor Stärkeren ergreift man keine Partei - schon gar nicht für Mobbingopfer - und sieht weg("Wegschau-Mentalität"), duckt sich und ermöglicht Mobbing. Als besondere Interessensgruppe erscheinen SchülerInnen, die sich aus früheren Schulen/Klassen/Lerngruppen/Vereinen wieder treffen. In Internaten/Heimen, Berufsschulen, beim Militär und bei Repetenten ergeben sich leichter Negativphänomene. Für E r z i e h u n g s v e r a n t w o r t l i c h e bzw. V o r g e s e t z t e sind solche Positionierungen zunächst wenig ersichtlich, spielen doch Vor-Erfahrungen innerhalb neu zusammengesetzter Gruppen eine große Rolle. Eine mögliche Signalwirkung kann die Körpersprache und in der Folge das Alltagsverhalten sein.

Außenseiterpositionen ergeben sich ggf. bei denjenigen, die aus anderen Gegenden stammen, einen anderen Sprachausdruck verwenden, körperliche Besonderheiten aufweisen, ein anderes Benehmen praktizieren, andere religiöse Ansichten haben und andere Sportarten/Sportfans bevorzugen.

Von größerer Bedeutung als das Verhalten Einzelner ist das Wertesystem und Sozialverhalten der jeweiligen Gruppe. Damit zeigt es sich, dass nicht der Einzelne sich zum Außenseiter macht, sondern das Kollektiv Außenseiter bestimmt. Wer hier Jugendlichen Intoleranz vorwirft, sollte selbstkritisch sich vor Augen führen, dass unsere Gesellschaft mitunter wenig Toleranz - entgegen allen Beteuerungen - zeigt.

Mitunter ist Mobbing nicht nur auf einzelne Gruppen beschränkt, sondern über die gesamte Schule - man denke an das Pausenverhalten - Betriebe und Vereine...... bis zum Freundeskreis. Dies erschwert eine mögliche Prävention und Lösung. Hier gilt: Wenn Verantwortliche wegsehen und ihrer Verantwortung nicht nachkommen(können), entstehen Situationen, die kaum mehr bewältigbar sind. Es bedarf daher eines G r u n d w i s s e n s und einer S e n s i b i l i t ä t, Mobbing in den Anfängen bereits zu verhindern.

6 Lernarbeit mit Vorurteilen    

Für das Phänomen "Mobbing" sind Kenntnisse aus der Attitude-Forschung wesentlich. Man weiss, dass Personen zuerst die Handlung, dann das Gefühl und erst zum Schluss die rationale Begründung dafür lernen.

(1) Negativbeispiel: "Drittes Reich"

  • Abwenden und abfällige Bemerkungen
  • Negativgefühl über Juden
  • Begründung: "Die Juden sind der Untergang Deutschlands."
Beim Abbau von Vorurteilen ist es ungemein schwierig, mit Information und Aufklärung/Wissen anzusetzen, weil die kognitive Ebene als wesentliche die letzte Schicht darstellt.

(2) Positivbeispiel: Abschaffung der Sklaverei in den USA im vorigen Jahrhundert - Literaturbeispiel: "Onkel Toms Hütte"

  • Schilderung der Situation von unterdrückten Menschen - Ein- und Mitfühlen
  • Abwenden von Negativhandlungen
  • Begründung: Gleichheit von Menschen jeder Rasse, Religion und jeden Standes.
Als beste Methode, Feindlichkeiten abzubauen, gilt neben rationaler Aufklärung(Wissen) persönlichen Kontakt mit Betroffenheit aufzubauen. Demnach ist die Handlungs- und Emotionsebene jedenfalls positiv zu besetzen.

Als K o n s e q u e n z für einen Abbau von Mobbing-Phänomenen bedeutet dies: Das Mobbingopfer muss als Person und Mensch mit Gefühlen, Stärken und Schwächen sichtbar werden. Für die Arbeit mit Gruppen/Klassen/Vereinen gilt: Tatsachen müssen anerkannt, Anpassungen an Gruppenvorurteile vermieden und ethische Grundsätze praktiziert werden.

7 Aufgaben für VerantwortungsträgerInnen/Erziehenden    

Es gehört heute unbestritten zum Aufgabenbereich von Erziehenden - Vorgesetzte, LehrerInnen, Funktionäre - Mobbing in seiner Verschiedenheit zu unterbinden und Opfern zu helfen. "Wenn soziale Lernziele wie Solidarität, Kooperation, Empathie keine Leerfloskeln bleiben sollen, müssen die Konflikte in der Klasse, in der Einzelne diskriminiert werden, aufgegriffen und bearbeitet werden. Sicher könnte manchem späteren Mobbing vorgebeugt werden oder könnten doch wenigstens diese Schüler als Beschäftigte in der Lage sein, die Verhaltensweisen zu erkennen und zugunsten der Opfer einzugreifen"(DAMBACH 2002, 62).


Zwei Thesen gelten hier für jede Lernarbeit:

  • Verbindung des fachlichen Lernangebotes mit sozialem Lernen(integrativer Ansatz) und
  • Verknüpfung von Lernen bzw. lerntheoretischen Ansätzen mit Wohlbefinden in der Gruppe(sozialer Ansatz; vgl. auch dazu EDELMANN 2000, 96-97/"Konflikte" und 99/"Unterricht und Erziehung").

8 Integration von Außenseitern    

Hier erscheint es wichtig darauf hinzuweisen, dass die folgenden didaktisch-methodischen Aspekte für eine Aufwertung des/der Lernenden in Außenseiterposition geeignet sind und im Wesentlichen ein Vertrauensverhältnis zwischen Lehrendem/-n und Lernendem/-n voraussetzen. Auf die ausführliche Literatur wird ausdrücklich hingewiesen(vgl. DAMBACH 2002, 80-107).

  • Aufwertung der Lernenden im Frontalunterricht und bei Vorträgen
  • Aktionen der Gruppe: Wettkampf-Projekterstellung
  • Rollenspiel
  • Literaturbearbeitung/Hermann Hesse "Unterm Rad" - Günter Grass "Katz und Maus" - Jonas Gardell "Die Lustige Stunde"
  • Diagnosemöglichkeiten: Beobachtung-Befragung-Fragebogen-Soziogramm.
Literaturempfehlung: JONAS GARDELL, Die Lustigen Stunden, Leipzig 1994 Im wenig bekannten Buch "Die Lustige Stunde" beschreibt der Autor - teilweise autobiographisch - realistisch eine Klasse in einer schwedischen Kleinstadt Ende der siebziger Jahre. Der Schüler Juha - seien Mutter ist Finnin(Finnen sind in Schweden nicht immer gesellschaftlich anerkannt), der Vater Schwede - kämpft um Anerkennung in der Klasse, macht sich zum Clown und spielt ihn in der Schule. Schlüsselszenen sind bei der Besprechung und Aufarbeitung des Buches die Seiten 84 und 153.

9 Konstruktion von gewaltfreien Geschlechterverhältnissen    

9.1 Selbstbilder und Gewaltminderung - Wertschätzung von Anderssein    

"Die Bestärkung der Fähigkeit, Verschiedenheit zuzulassen, ist eine der Hauptaufgaben pädagogischen Wirkens und Handelns. Dies gelingt weniger durch moralische Forderungen, auch wenn klare Regelungen den Prozess effektiv unterstützen. Spiel und Experimentierfreude zu verstärken, Selbsterkenntnis eigener Ängste und ihre Bewältigung durch besondere Anerkennung zu unterstützen und Strategien einzuüben, Angst vor Differenz und die damit verbundene Angst vor Ausgrenzung und Orientierungsverlust zu bewältigen, bilden den Boden, auf dem sich Gewaltminderung durch eine gender-orientierte Erziehung realisiert"(WÖLFL 2001, 197).

9.2 Initiative und Aktivitäten entwickeln - Freundschaften pflegen    

Die Zuschreibung und Artikulationspraxis herrschender Männlichkeit beeinträchtigt bei Burschen, männlichen Jugendlichen und Erwachsenen vielfach, initiativ und aktiv zu werden - im Gegensatz zu den üblichen Vorstellungen, dass Aktivität eine grundsätzliche männliche Eigenschaft sei. Die Pflege von Freundschaften muss gestaltet werden können. Cliquen oder bündische Organisationen erfüllen solche Bedürfnisse nur unzulänglich(vgl. WÖLFL 2001, 201).

9.3 Erweiterung des Erlebnis- und Verhaltensrepertoires    

Geschlechterklischees engen dieses Repertoire von Mädchen und Burschen mitunter beträchtlich ein. Insbesondere verlieren Mädchen und Buben durch eine zu starke Konzentration auf ihren Körper Erlebnis- und Verhaltensweisen, sie instrumentalisieren den Körper und lassen auch ernste gesundheitliche Konsequenzen zu(vgl. dazu die Bedeutung von Gesundheits- und Sexualerziehung, Klischeezuschreibungen und Wissen über Gender-Code; WÖLFL 2001, 205-206).

9.4 Entwicklung von Selbstdisziplin - Moral - Gerechtigkeit    

"Selbstdisziplin ist für die Selbstachtung und die Achtung von den Fähigkeiten Anderer eine wesentliche Bedingung......Für die Entwicklung einer anderen Moral brauchen gewaltgefährdete Jungen nachhaltige und systematische Unterstützung durch die institutionelle Erziehung, da gerade hier die familiäre oftmals nicht hinreichend ist oder versagt"(WÖLFL 2001, 207-208; vgl. dazu die Bedeutung einer Entwicklung von Frustrationstoleranz, "Caring" als moralischer Qualität: Einfühlsamkeit, Mitgefühl, Anteilnahme, Wertschätzung des Anderen, Entwicklung von Engagement; Einübung von Beharrlichkeit, Leistung als Selbstverwirklichung durch Mühe - Anerkennung von Leistung Anderer; Anerkennung von Regeln der Partnerschaftlichkeit; Anerkennung und Inspiration von Errungenschaften anderer Kulturen).

9.5 Anerkennung eigener Grenzen - Erwerben von Konfliktfähigkeit    

Für das Gelingen von Beziehungen bedarf es einer Anerkennung eigener Grenzen und derer von Anderen. Gewalthandlungen sind stets Grenzüberschreitungen, sei es im persönlichen Bereich oder bei Beziehungen zwischen Staaten und Völkern.

Mitmenschlichkeit wird durch die Anerkennung von Schmerz und Verletzbarkeit - auch mit Trauer - erworben. Im konstruktiven Streit werden Positionen definiert, Beziehungen geklärt und Konflikte analysiert. Im Umgang mit Macht sollte eine gerechte Lösung angestrebt werden. Echte Konfliktfähigkeit muss erst aufgebaut werden(WÖLFL 2001, 211; vgl. dazu die Bedeutung von die Respektierung von Raum und Grenzen bei Personen und Lebensabläufen, konfliktverminderndem Sprachverhalten, Gestaltung von Beziehungen, beziehungsgestaltendem Kontaktverhalten und Risiken von Grenzenlosigkeiten/Heldentum, Eroberungen und Expansionen - Annahme von Hilfen).

10 Organisationsentwicklung und pädagogische Maßnahmen    

Präventionsarbeit ist ständige Erziehungsarbeit und umfasst das gesamte System von Schule und Arbeitswelt. "Ziel ist zunächst eine Schule als Ort von erfolgreichem Lernen und zugleich von Solidarität und Freundschaft, von sozialer Gerechtigkeit und Gewaltminderung. Schule und öffentliche Erziehung ergänzen und korrigieren familiäre Erziehung, wo diese unzureichend ist oder versagt. Öffentliche Erziehung hat auch einen Kontrollauftrag gegenüber einem Elternhaus, in dem die gedeihliche Entwicklung eine Kindes in Gefahr ist"(WÖLFL 2001, 180). In Fortsetzung solcher pädagogischer Bemühungen sind alle Maßnahmen der Arbeitswelt in ihrer Notwendigkeit - beginnend von der Berufsschule bis zu den betrieblichen Orten - anzusehen(vgl.ROTH 1989 und SÖRENSEN 1993).

Bei allen Organisationsformen geht es keinesfalls um starre Ordnungen, sondern um permanente Positionsfindungen. Schul- und Betriebsentwicklung sind Prozesse, die in Phasen stattfinden, nie völlig abgschlossen sind, weil immer wieder neue Adaptionen dieser Organisationsformen an die jeweiligen gesamtgesellschaftlichen Bedingungen notwendig sind. Schwerpunktartig werden Bereiche erprobt, evaluiert und ggf. Erweiterungsmöglichkeiten durchgesetzt. Es bedarf Standards, bei denen eventuell auch externe BeraterInnen hinzugezogen werden. Die Qualität solcher Maßnahmen zeigt sich in einem Leistungsbegriff, der als umfassend anzusehen ist. Man denke insbesondere an flexible Arbeitsformen, die pädagogische Gestaltung von Übergängen und die Ausbildung eines Realitätsbewusstseins.

Literaturhinweise    

Angeführt sind jene Titel, die für den Beitrag verwendet und/oder direkt zitiert werden.


Bergmann W.(2001): Gemeinsam gegen Gewalt, München

Bundesministerium für Bildung(2016): Leitfaden zur Mobbing-Prävention im Bundesministerium für Bildung, GZ 560/0147-Präs/2016-Projektauftrag "Mobbingprävention im BMB" Leitfaden, Wien

Dambach K.E.(2002): Mobbing in der Schulklasse, München-Basel

Die Zeit v. 10.12.1998, 63: "Mobben und runterputzen. Wie ein Trend die Schule erobert"

Edelmann W.(2000): Lernpsychologie, Weinheim

Esser A.(1997): Mobbing, Köln

Etzold S.(1998): Mobben und runterputzen. Wie ein Trend die Schule erobert, in: Die Zeit Nr. 51, 10. 12.1998, 63

Gollnik R.(2000): Mobbing in der Schule - ein tabuisiertes Problem des Systems, in: Schulmanagement 20/H. 4-2000, 34-42

Gordon Th.(1996): Familienkonferenz, München

Hurrelmann K.-Rixius N.-Schirp H.u.a.(1996): Gewalt in der Schule, Weinheim

Kasper H.(1998): Mobbing in der Schule, Weinheim-Basel

Leymann H.(1999): Mobbing - Psychoterror am Arbeitsplatz und wie man sich dagegen wehren kann, Reinbeck

Olweus D.(1996): Gewalt in der Schule, Bern

Riedl J.((1998): Jugend und Gewalt, in: Der Pflichtschullehrer 3/98, 14-16

Roth E.(Hrsg.)(1989): Organisationspsychologie, Göttingen-Toronto-Zürich

Rothland M.(2003): Magister magistri lupus? "Mobbing" am Arbeitsplatz Schule, in: Zeitschrift für Pädagogik H.2/2003, 235-253

Smetana M.(2015): Jeder Zweite wird gemobbt. Beschimpfungen, Prügel und Erniedrigungen. Eine neue Untersuchung bringt Erschütterndes über Mobbing ans Tageslicht. Warum belästigen Schüler andere?, in: Salzburger Nachrichten, 27. August 2015, 10

Sörensen M.(1993): Einführung in die Angstpsychologie - Ein Überblick für Psychologen, Pädagogen, Soziologen und Mediziner(Hochschultext), Weinheim

Spamer H.(2000): Mobbing am Arbeitsplatz. Ansprüche des betroffenen Arbeitnehmers gegenüber Arbeitskollegen und Arbeitgebern, Frankfurt/M.

Tiroler Tageszeitung v. 26. August 2003, 6 , "Job-Mobbing kostet Wirtschaft Millionen"

Wölfl E.(2001): Gewaltbereite Jungen - was kann Erziehung leisten?, München-Basel

Zapf D.(1999): Mobbing in Organisationen. Überblick zum Stand der Forschung, in: Zeitschrift für Arbeits- und Organisationspsychologie 43/1999, 1-25

IT-Autorenbeiträge/Auswahl    

Die IT-Beiträge dienen der Ergänzung zur Thematik.


http://www.netzwerkgegengewalt.org > Index:

Gewaltprävention in der Erziehung

Schule

Erziehung

Vorberufliche Bildung in Österreich

Interkulturelle Kompetenz

Politische Bildung


Seminareinheit der Lehrveranstaltung "Vorberufliche Bildung II(SE)" am Institut für Erziehungswissenschaften der Universität Wien im SS 2003

Der Beitrag wird laufend aktualisiert.


Zum Autor

Lehrbeauftragter am Institut für Bildungswissenschaft der Universität Wien/Aus- und Weiterbildung/Vorberufliche Bildung(1990/1991-2010/2011), Schüler- und Schulentwicklungsberater/Zertifizierung, Lehrerbildner am Pädagogischen Institut des Landes Tirol/Berufsorientierung(1990-2003), Lehrbeauftragter am Institut für Geschichte der Universität Salzburg/Sozialkunde und politische Bildung(2015/2016)

Absolvent des Instituts für Erziehungswissenschaft/Universität? Innsbruck/Doktorat(1985), des 10. Universitätslehrgang "Politische Bildung"/Universität Salzburg bzw. Klagenfurt/Krems/Masterlehrgang(2008), des 7. Universitätslehrganges "Interkulturelle Kompetenz"/Universität Salzburg/Diplom(2012), der Personalentwicklung der Universität Wien/Zertifizierungen(2010), der Weiterbildungsakademie Österreich/wba I und II(2010) und des 4. Internen Lehrganges für Hochschulentwicklung/Universität Salzburg(2015/2016).


 
© die jeweiligen Autoren zuletzt geändert am 19. Dezember 2016