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Beratungskompetenz

Beratungskompetenz    

Theorie, Praxis und Handlungsfelder im tertiären und quartären Bildungsbereich - Diplomarbeit Beratung wba 2021    

Günther Dichatschek

Inhaltsverzeichnis dieser Seite
Beratungskompetenz   
Theorie, Praxis und Handlungsfelder im tertiären und quartären Bildungsbereich - Diplomarbeit Beratung wba 2021   
Vorbemerkungen   
Teil 1 Professionelle Beratung   
1 Einleitung   
1.1 Beratungsbedarf   
1.2 Fallbeispiele   
2 Begrifflichkeit Beratung   
2.1 Pädagogische Arbeitsfelder   
2.2 Merkmale   
3 Ziele und Funktionen   
4 Struktur von Beratungsprozessen   
4.1 Teilprozesse   
4.2 Interaktions- und Kommunikationsmodelle   
5 Beratung in der Erwachsenenpädagogik   
5.1 Beratungsbedarf   
5.2 Beratungsauftrag   
6 Pädagogische Grundlagen   
7 Felder und Aufgaben   
7.1 Formale Einteilung   
7.2 Beratungsfelder   
7.3 Beratung Lehramtsstudierender   
7.3.1 Lernberatung   
7.3.2 Aufgabenbereich   
7.4 Beratung in der Schulentwicklung   
7.4.1 Formaler Ablauf in Phasen   
7.4.2 Beratungsverlauf   
8 Pädagogische Diagnostik   
8.1 Selektion-Eignung-Förderung   
8.2 Diagnose-Beratung   
8.3 Testdiagnostik   
8.4 Diagnoseverfahren   
9 Migrantenberatung   
9.1 Zielsetzung und Klientel   
9.2 Rahmenmodell einer Bildungsberatung   
Teil 2 Aspekte Politischer Bildung im Wandel einer Gesellschaft   
10 Gesellschaft und Interkulturalität   
11 Politische Bildung in der Erwachsenenpädagogik   
Reflexion   
Literaturverzeichnis   
IT -Autorenbeiträge   
Zum Autor   

Vorbemerkungen    

Als Akteur im Bereich des tertiären und quartären Bildungsbereichs, zusammenfassend in der Folge Erwachsenenpädagogik benannt, weiß man um den Unterschied einen "Rat suchen" und einen "Rat geben".

Es sollten daher pädagogische Zusammenhänge in Beratungssituationen entstehen, denen das Prinzip "Verstehen statt Belehren" zugrunde liegt. Beratung umfasst zahlreiche und unterschiedliche Situationen und Problembereiche, in jedem Fall bedarf es der Zusammenarbeit mit anderen Situationen, um in einem qualifizierten Beratungssetting die notwendige "Hilfe zur Selbsthilfe" anzubieten (vgl. SCHNEBEL 2017, 7-8).

Es besteht als Grundsatz, den interpersonellen Bezug so zu gestalten, das persönliche Problem des Einzelnen am Ort des Entstehens zu bearbeiten.

  • Damit wird eine Abtretung der Bildungsverantwortung verhindert.
  • Es würde ansonsten eine Trennung von Problementstehung und Problembewältigung entstehen.
  • Die Abgabe von Beratungsaufgaben hätte auch eine Einengung der Berufsrolle des Lehrenden von Lehren - Beraten - Handlungsorientierung zu Folge.
Pädagogisches Handeln ist ohne Beratung und Hilfe zur selbst zu findenden Handlungsorientierung nicht vorstellbar.

Ausgehend von der Beratungsaufgabe des Lehrenden zeigt sich in der einschlägigen Literatur, als Zielgruppe im tertiären Bildungsbereich bei den Lehramtsstudierenden und im quartären Bereich bei künftigen Erwachsenenbildnern eher eine nicht angemessene Publikationslage.

Für den Autor besteht daher eine Herausforderung, einen Beitrag zu leisten.

Ein Grundwissen (basics) mit beratungstheoretischen und praxisorientierten Bezügen, ausgehend von persönlichen Grundlagen, soll erarbeitet werden.

Ausgangspunkt der Überlegungen des Autors sind die

  • Absolvierung des Studiums der Erziehungswissenschaft/ Universität Innsbruck/Doktorat (1985),
  • Absolvierung der Ausbildung zum Schülerberater/ PI des Landes Tirol/ Zertifizierung (1985),
  • Absolvierung der Ausbildung zum Schulentwicklungsberater / BMUK / Zertifizierung (1999),
  • Absolvierung des Internen Lehrganges Hochschuldidaktik/ Universität Salzburg/ Zertifizierung (2016),
  • Absolvierung der Weiterbildungsakademie Österreich/ Diplome /2010) und des Fernstudiums Erwachsenenbildung/ Evangelische Arbeitsstelle Fernstudium im Comenius-Institut Münster/ Zertifizierung (2018),
  • Lehraufträge an der Universität Wien / Institut für Erziehungs- bzw. Bildungswissenschaft/ Berufspädagogik-Vorberufliche Bildung (1994-2010) und
  • Universität Salzburg/ Fachbereich Geschichte/ Lehramt Geschichte-Sozialkunde-Politische Bildung/ Didaktik der Politischen Bildung (2016, 2018),
  • Kursleiteraktivitäten an der VHS Salzburg /"Freude an Bildung" (2012-2019) und am Evangelischen Bildungswerk in Tirol in Verbindung mit stv. Leitung (2004-2009, 217-2019) sowie
  • Auseinandersetzung mit der Fachliteratur ( besonders DIETRICH 1983, de HAAN 1993, BAMBERGER 2001/2007, PALMOWSKI 2001/2014, THOMANN 2003, ZIMMERMANN 2003, NESTMANN-ENGEL-SICKENDIEK 2007, SANDER-ZIEBERTZ 2010, GRÖNING 2011, SEUFERT 2013, NUSSBECK 2014, GREWE 2015, BUHREN-ROLFF 2016, SCHNEBEL 2017).
Der Beitrag gliedert sich in

  • Vorbemerkungen,
  • Teil 1 Professionelle Beratung: eine Einleitung, die Begrifflichkeit Beratung, Ziele und Funktionen, Struktur von Beratungsprozessen, Beratung in der Erwachsenenpädagogik, pädagogische Grundlagen, Felder und Aufgaben, Pädagogische Diagnostik, Migrantenberatung,
  • Teil 2 Aspekte Politischer Bildung im Wandel einer Gesellschaft: Aspekten Politischer Bildung im Wandel einer Gesellschaft, Gesellschaft und Interkulturalität, Politische Bildung in der Erwachsenenpädagogik und
  • eine Reflexion. Ein Literaturverzeichnis beschließt den Beitrag.
Teil 1 Professionelle Beratung    

1 Einleitung    

Erwachsenenpädagogen als Lehrende im tertiären Bildungsbereich und im quartären Bildungsbereich als Kursleiter, Trainer und Gruppenleitende, sprechen mit Studierenden und Lernenden und Teilnehmenden, klären Inhalte und Situationen.

Verstärkt wird dies mit Teamarbeit und Projektprozessen, wobei Beratungselemente enthalten sind, die eine Veränderung der Lernkultur ergeben.

Schon der Strukturplan für das Bildungswesen 1970 des Deutschen Bildungsrates als Basis der "realistischen Wende" in der Erziehungswissenschaft stellte fest, dass Beraten eine Grundfunktion von Lehrenden darstellt. Diese Feststellung beinhaltet mehrere Gründe. Zu beachten sind eine Zunahme von Beratungsanlässen.

  • Moderne Gesellschaften werden immer komplexer und damit ergeben sich Veränderungen wie Individualisierung, Multikulturalität und Internationalisierung.
  • Menschen benötigen mehr Orientierung, haben mehr Wahlmöglichkeiten, übernehmen mehr Verantwortung und persönliches Risiko in ihren Entscheidungen.
  • Langfristige Lebensentwürfe, Bildungswege und Berufswege benötigen Beratung.
Ein anderes Verständnis von Lernen und innovativen Lehr- und Lernkulturen in einem zeitgemäßen Bildungsmanagement ergeben ergänzend selbstgesteuertes Lernen, offene Unterrichtsformen wie Lernwerkstätten, Stationenlernen und Projektformen.

Die Rolle von Lehrenden wird auch mit Berater, Moderator und Begleiter umschrieben (vgl. SEUFERT 2013, 112-130).

1.1 Beratungsbedarf    

Beratungsbedarf ergibt sich aus neuen Bildungsplänen, Kompetenzen und Bildungsstandards.

Pädagogische Schwerpunkte, Eigenständigkeit und zunehmende Notwendigkeit von Reflexion benötigen veränderte Kommunikationsmuster wie Begleitung, Beratung und Feedback (vgl. PALMOWSKI 2014, 20).

Für eine Erwachsenenpädagogik benötigt es Kenntnisse von Zusammenhängen von Beraten, Bildung und Lernen. Pädagogische und didaktische Bezüge sowie der Kontext von Bildungsinstitution, Familie und Gesellschaft ergeben systemische Zusammenhänge und soll in die Tätigkeit einbezogen werden.

1.2 Fallbeispiele    

Das folgenden zwei Fallbeispiele zeigen Aspekte von alltäglichen Beratungssituationen auf.

Fallbeispiel 1 Tertiärer Bildungsbereich

Ein Lehramtsstudierender hat sich nach einem ERASMUS-Semester verändert und ist mit der aktuellen Studiensituation unzufrieden.

Die Studienleitung steht für ein Gespräch zur Verfügung, ein Fachdidaktiker versucht zu überzeugen und geht mit dem Studierenden seine bisherigen Studienergebnisse durch und erarbeitet die Unterschiede zwischen den beiden Universitäten und Lehramtsstudiengängen.

Man einigt sich auf eine Anerkennung der Studienerfolge im Ausland und erstellt einen Plan für die künftig notwendigen Lehrveranstaltungen und Praktika.

Fallbeispiel 2 Quartärer Bildungsbereich

Die Leitung einer Erwachsenenbildungsinstitution will ein erwachsenenpädagogisches Profil/ Leitbild formulieren. Die Leitung bittet um Mitarbeit, nur zwei Kursleiter mit der Leitung erarbeiten an zwei Nachmittagen ein Arbeitspapier.

Weitere Zielideen werden zur Diskussion gestellt und zur Weiterarbeit entwickelt. Die Leitung möchte Ideen sammeln, wie man weiter arbeiten kann.

Eine breite Zustimmung der übrigen Kursleiter ist vorhanden. Eine weitere Mitarbeit wird nicht angedacht. Damit ist die Diskussion über die Umsetzung von Leitlinien beendet.

Die zwei Beispiele zeigen alltägliche Situationen, die einen Beratungsprozess notwendig machen.

  • Vordergründig kommt es zu einer Lösung, aber auch einem Eindruck, es hätte besser laufen können.
  • Es zeigt sich, dass die Beratenden immer Teil des Systems sind, dies aber nicht wirklich realisieren.
  • Vielmehr kommt es nicht ausreichend zur einer Distanz der eigenen Perspektive. Es mangelt den Beratern an Modellen der Beratung und Gesprächsführungsmethoden.
2 Begrifflichkeit Beratung    

Im Alltag kommen Situationen, wie jemand einen Rat geben kann oder sich gegenseitig beraten lässt, immer wieder vor.

Daraus ergeben sich Meinungen über Beratung. Für eine professionelle Beratung benötigt man eine Definition zum Beratungsbegriff, die zentrale Merkmale bestimmt. Damit erleichtert man das Verständnis des Aufgabenbereichs von Beratung.

2.1 Pädagogische Arbeitsfelder    

Beratung in pädagogischen Arbeitsfeldern, dazu gehört die Erwachsenenpädagogik im tertiären (Universitäten, Fachhochschulen) und quartären Bildungsbereich (Allgemeine und Berufliche Erwachsenenbildung).

In der einschlägigen Literatur zur Beratung gibt es viele Definitionen, einige werden im Folgenden angesprochen ( vgl. SCHNEBEL 2017, 14-17).

Georg DIETRICH (1983) mit psychologischem Schwerpunkt. Beratung ist eine Form einer interventiven und präventiven helfenden Beziehung mittels sprachlicher Kommunikation auf der Grundlage anregender und stützender Methoden innerhalb eines kurzen Zeitraums, bei einem desorientierten Klienten eine kognitiv-emotionale Einsicht in einem aktiven Lernprozess in Gang zu setzen, in dessen Verlauf eine Selbsthilfebereitschaft, sich seine Selbststeuerungsfähigkeit und Handlungskompetenz zu verbessern (vgl. DIETRICH 1983, 2).

Gerhard de HAAN (1993) mit pädagogischem Schwerpunkt. Beratung bezeichnet eine Interaktion zwischen Individuen, in der einer ratsuchenden Person ein Vorschlag zur Lösung ihres Problems angeboten wird, eine Hilfestellung angeboten wird und der Beratende Fähigkeiten oder Informationen vermittelt, die eine Handlungs- und Entscheidungskompetenz des Ratsuchenden erhöhen (vgl. de HAAN 1993, 160).

Geri THOMANN (2003) mit organisationsberatendem-pädagogischem Schwerpunkt. Beratung wird als definierte, situationsbezogene und spezifische Hilfestellung bei Analyse und Lösung von Problemen bezeichnet (vgl. THOMANN 2003, 4).

2.2 Merkmale    

Susanne NUSSBECK (2014, 21) fasst die folgenden Punkte zusammen.

  • Beratung ist ein zwischenmenschlicher Prozess in sprachlicher Kommunikation, Vermittlung von Informationen, zur Verbesserung der Selbststeuerung und Aufbau von Handlungskompetenzen, der Orientierung und Entscheidungshilfe und Hilfe bei der Bewältigung von Krisen, Veränderungswilligkeit, Freiwilligkeit und aktiver Beteiligung am Prozess.
  • Der Beratende braucht Fachwissen über das Problemfeld und Beratungswissen zur Beziehungsgestaltung.
  • Gemeinsame Merkmale von Beratung ist allen Definitionen der Umgang mit Problemen und schwierigen Situationen, Beratung als Interaktion und Prozess.
  • Ziel ist die Verbesserung der Handlungs- und Entscheidungsmöglichkeiten einer Person, eigenständig und aktiv Probleme zu lösen.
Unterschiede gibt es in der Beratungskompetenz der Beratenden.

Professionelle Beratung zeichnet sich durch ein ausgewiesenes Setting aus, kennzeichnend ist eine inhaltliche Beratungsprozessgestaltung mit einer Entwicklung und Umsetzung von Lösungsmöglichkeiten.

Zentrale Prinzipien ergeben sich nach Norbert GREWE (2015, 23-25) und Katharina GRÖNING (2011) in der Freiwilligkeit, Unparteilichkeit, Vertraulichkeit, Verantwortungsstruktur und fachlichen und beraterischen Kompetenz.

3 Ziele und Funktionen    

In fast allen Beiträgen wird "Hilfe zur Selbsthilfe" als Ziel formuliert. Die Ratsuchenden sollen in die Lage versetzt werden, ihre Probleme selbst zu lösen oder Entwicklungsaufgaben zu meistern und die notwendigen Ressourcen erschließen (vgl. SCHNEBEL 2017, 17-19).

Die Funktion besteht in der Hilfestellung für die Ratsuchenden, Probleme und Ursachen zu verstehen und notwendige Veränderungen und Erweiterungen in der persönlichen Perspektive zu Lösungsmöglichkeiten zu führen. Die Beratung ermöglicht in der Folge richtig zu entscheiden und zu handeln.

Beratung kann sowohl im pädagogischen Bereich zur Prävention und Unterstützung eingesetzt werden, damit Risiken zu verringern.

4 Struktur von Beratungsprozessen    

Beratungsprozesse weisen spezifische Strukturen auf, je nach der dargestellten Definition gibt es in allen Beratungsprozessen wesentliche Aspekte (vgl. SANDER-ZIEBERTZ 2010; SCHNEBEL 2017, 20).

4.1 Teilprozesse    

Beratungsprozesse sind zielgerichtet. Es gibt eine Vorstellung, wie sich der aktuelle Zustand zum angestrebten Zustand verändert. Veränderungsmöglichkeiten werden beschrieben. Wie die Zielsetzung mit den vorhandenen Ressourcen erreicht werden kann, wird eingeschätzt.

In den Teilprozessen Information, Begleitung und Steuerung gliedert sich ein Beratungsprozess.

Informationen dienen zum besseren Verständnis von Ursachen und Wirkungen.

Beratung soll Lernprozesse auslösen. Da diese kaum problemlos zu bewältigen in einer Beratung sind, bedarf es einer Unterstützung die notwendigen Veränderungen anzunehmen und umzusetzen.

Eine Begleitung hat sich nach den Ressourcen und Bedürfnissen des Ratsuchenden zu richten. Steuernd eingegriffen wird durch die Beratenden der Ablauf der Beratung. Es wird ein Beratungsarrangement erarbeitet.

Eine Überbetonung eines Aspekts kann zum Missbrauch und zu Fehlformen von Beratung führen. Es bedarf demnach einer Ausbalancierung der drei Teilfunktionen.

4.2 Interaktions- und Kommunikationsmodelle    

Beratungsprozesse vollziehen sich in speziellen Formen von Interaktion oder Kommunikation. Demnach bilden Modelle eine wichtige Grundlage für Beratungsprozesse ( vgl. SCHNEBEL 2017, 21-23).

  • Die Themenzentrierte Interaktion von Ruth COHN (2004), entwickelt für die Arbeit von Gruppen, gibt Impulse für eine Beratungsstruktur. Die hier modellierte Interaktion zwischen "Ich" (Ratsuchender), "Wir" (Gruppe) und "Thema" erweitert sich um die Dimension des Beratenden. Zwar steht das Thema im Mittelpunkt, die Beziehungen der Einzelnen zueinander in der Beziehungsebene sind wesentlich gesteuert durch Gefühle, die in die Beratungssituation durch den Beratenden einzubeziehen sind.
  • Friedemann SCHULZ von THUN (1999) geht in seinem Modell davon aus, dass jede Aussage vier Seiten - Sachoffenbarung, Selbstoffenbarung, Appellseite und Beziehungsseite aufweist. Verbale, nonverbale Anteile und der situative Kontext der Interaktion gewichten und werden unterschiedlich vom Empfänger aufgenommen. Die Kommunikation gelingt nur, wenn die Anteile so gehört werden, wie sie gesendet wurden. Bei Missverständnissen muss eine Metakommunikation erfolgen, die die wahrgenommenen Botschaften interpretiert.
  • Paul WATZLAWIK (2017) formuliert fünf Grundsätze von Kommunikationsprozessen. Man kann nicht nicht kommunizieren. Jede Kommunikation hat einen Inhaltsaspekt und Beziehungsaspekt. Jeder Kommunikationsprozess ist von den Kommunikationspartnern abhängig. Jeder Mensch kommuniziert in sprachlicher und nonverbaler Form. Kommunikationsprozesse sind auf gleicher Augenhöhe oder hierarchisch strukturiert.
  • Zusammenfassend sind wesentliche Aspekte von Inhalten und Beziehungen festzuhalten. Inhalte sind vor dem Hintergrund der Beziehungen zwischen den Beteiligten zu verstehen. Inhalte können benutzt werden, Beziehungen zu thematisieren. Darüber kann man Aufschluss erhalten, welche Bedeutung die Inhalte für den Einzelnen und die Interaktionspartner besitzen.
  • Nach Frank NESTMANN, Frank ENGEL und Ursula SICKENDIEK (20007, 23, 34, 36) werden drei Formalisierungen von Beratung unterschieden, die informelle alltägliche Beratung, halbformalisierte Beratung und stark formalisierte Beratung. Entscheidend ist die spezifische Fragestellung im Themen- und Adressatenbereich.
Die "Doppelverortung" von Beratung ergibt sich aus dem Beratungs- und Interaktionswissen sowie dem handlungsfeldspezifischen Wissen.

Kennzeichnend für professionelle Beratung ist ein methodisches Vorgehen, aktiver Lernprozess, eine Symmetrie der Berater-Klient-Beziehung, Freiwilligkeit und Eigenverantwortlichkeit, Eigenbemühen, Problembewusstsein, Zielrichtung einer Veränderung orientiert an Kompetenzen des Ratsuchenden, Doppelverortung des Beratenden und eine klare zeitliche-räumliche-methodische Struktur.

5 Beratung in der Erwachsenenpädagogik    

5.1 Beratungsbedarf    

Der Beratungsbedarf in der Erwachsenenpädagogik nimmt zu.

  • Gesellschaftliche Veränderungen, wachsende Komplexität und zunehmende Differenzierung von Lebenssituationen ergeben unter dem Aspekt der Bildungsinstitutionen im tertiären und quartären Bildungsbereich den erhöhten Bedarf.
  • Beispielhaft im tertiären Bildungsbereich erweist sich die Komplexität von Lehramtsstudien und der Teilbereich "Beratung" in der Berufspädagogik bzw. Vorberufliche Bildung. Zunehmend ist die Bedeutung einer Lernberatung bei Studierenden zu beachten.
In der Organisation der Erwachsenenpädagogik kann man mitunter schwer den Anforderungen nachkommen.

Der Autor hat in seiner universitären Lehre Schullaufbahnberatung (Vorberufliche Bildung) und Schulentwicklungsberatung (Lehramtsausbildung-Didaktik der Politischen Bildung ) vertreten.

5.2 Beratungsauftrag    

Beratung stellt unter den institutionellen Bedingungen eine wesentliche Aufgabe dar und gewinnt an Bedeutung. Man denke an die Schullaufbahnberatung bzw. Bildungsberatung - Berufsberatung, Studienberatung, Schulentwicklungsberatung und Beratung in der Allgemeinen Erwachsenenbildung bei der Mitarbeit in der Zusammenstellung von Veranstaltungen.

Der Auftrag zur Bildung, zum Wissens- und Kompetenzerwerb bringt Lehrenden Aufgaben von Beratungstätigkeit. Sie benötigen selbst im Rahmen der Fortbildung im tertiären Bildungsbereich in der "Hochschuldidaktik" und in der "Schulentwicklung" ein Beratungswissen.

Drei Funktionen sind notwendig für eine solche Beratung.

  • Die Bildungsfunktion unterstützt die persönliche und soziale Entwicklung.
  • Die reflexive Funktion dient der Findung von möglichen Folgen und Risiken.
  • Die Fürsorgefunktion verweist auf die Verantwortung der Institution.
  • Zu beachten sind jedenfalls auch Aspekte einer Weiterentwicklung und Lösung von Problemen.
Beratung dient auch im erwachsenenpädagogischen Kontext einem erfolgreichen Wissenserwerb, Lehren, Arbeiten und Zusammenleben, einem erfolgreichen Bildungsmanagement.

Merkmale ergeben sich in der Folge daraus. Lehrende sind semi-professionale Beratende, Teil des Systems, Beratende in Abhängigkeit von Freiwilligkeit und Partnerschaftlichkeit. Ihre Verantwortung benötigt die Möglichkeit der freien Ausübung, ohne institutionellen zeitlichen Rahmen, ohne Rollenkonflikt als Lehrender und einschränkender Zielsetzung.

6 Pädagogische Grundlagen    

Beratung in der Erwachsenenpädagogik stellt ein spezifisches Anwendungsfeld dar. Pädagogische Theorien, psychologische und handlungsorientierte Modelle ergeben die Grundlage.

Versuche pädagogische Modelle zu integrieren, gab es immer wieder (vgl. HERTEL-BRUDER-SCHMITZ 2009, 117-128; SCHNEBEL 2017, 32-41).

Hier soll mit dem Teilbereich "Erwachsenenpädagogik" sich auseinander gesetzt werden.

Die Einordnung von Beratung erfolgt in die Soziologie, Soziale Arbeit, Pädagogik und Psychologie. Beratung über Lerntheorie und Handlungstheorien erfolgt in der Pädagogischen Psychologie. Beratung spielt in der Sozialpädagogik und Sozialen Arbeit eine zentrale Rolle (vgl. THIERSCH 2007, 115-124).

Im erwachsenenpädagogischen Kontext steht die Problemlösung, Lernen und Lehren im Mittelpunkt (vgl. NOLDA 2007, 85-92). Die Entwicklung des Individuum soll begleitet werden. Diese Perspektiven ergeben die wesentlichen Orientierungspunkte im pädagogischen Verständnis (vgl. MUTZECK 2007, 691-698).

Ziele von Lernen und Lehre, der Bildung Lehrender verbinden sich zudem mit institutionalisiertem Ziel- und Strukturgefüge bzw. Rahmenbedingungen (Sozialpädagogik, Bildungsmanagement).

Durch die Doppelverortung von Beratung kommt es im Kontext auf das Beratungshandeln auf das Interaktions- und Beratungswissen der Psychologie an (vgl. die Bedeutung der Pädagogischen Psychologie).

Trotz des Theoriedefizits in der Pädagogik ergibt sich eine Rahmenkonzeption einer (erwachsenen)pädagogischen Beratungstheorie als

  • pädagogische Handlungsform als Teil der Bildungsfunktion (Autonomie und Selbständigkeit, Maxime "Hilfe zur Selbsthilfe"),
  • Beratung als Teil des Lern- und Lehrprozesses (Wissensermittlung, Information und Unterstützung, Veränderung des Handlungsrepertoires) und
  • Beratung als Teil von Lehre der Lehrenden (Fachwissen, Fachdidaktik, Handlungsmuster).
7 Felder und Aufgaben    

Beratung von Erwachsenen ist keine einheitliche und klart definierte Aufgabe. Sie hat verschiedene Beteiligte und unterschiedliche Themenfelder. In der Folge wird versucht, eine Systematik der Aufgaben und Felder zu erstellen (vgl. SCHNEBEL 2017, 67-145).

7.1 Formale Einteilung    

Einzelberatung

Gruppenberatung

Institutions- bzw. Organisationsberatung

7.2 Beratungsfelder    


Ratsuchende/ Klienten
Einzelberatung
Erwachsene - Gruppe nach Schulabschluss:
Lehrlinge
Studierende
Eltern
Kurs- bzw. Lehrgangsteilnehmende
Lehrende
Gruppenberatung
jeweilige Klientel in Gruppierung
Institutionenberatung
Einheiten des Bildungsbereichs wie
Berufsschule
Universität-Fachhochschule/ Studienseminare
Elternvereinigung
Lehrergruppierung
Schulaufsicht


Themenfelder
Lern- und Bildungsprozesse
Lern- und Leistungsprobleme
persönliche Entscheidungen
Interaktions- und Beziehungsprobleme
Innovationen
Evaluation



7.3 Beratung Lehramtsstudierender    

Studium und Probejahr - Beratungsgespräche mit Seminarleitenden und Begleitlehrenden

Beziehungsebene - Konfliktsituation zwischen Berufseignung (Beratungskompetenz) und persönlicher Solidarität (Rollenkonflikt)

Unterstützung - Steuerung

Wesentlich ist der Aspekt, Lehre ist dann besonders effizient, wenn Studierende außerhalb der Lehrveranstaltung selbst mitarbeiten. Eigenarbeit bedarf einer genauen Planung, ggf. der Unterstützung und Steuerung. Lernberatung im Rahmen von Beratungskompetenz gilt als effizientes Mittel einer Verbesserung von Lehre.

7.3.1 Lernberatung    

Lehrende, die sich als "Lernberater" verstehen, haben ein anderes Selbstverständnis als Informationsvermittler. Sie unterstützen die Studierenden selbst zu lernen.

Die Studierenden erwerben so das maßgebliche Wissen in Eigenarbeit aus Texten oder verschiedenen Aufgaben. Lernberater reservieren einen Teil der Lehrveranstaltung, unklare Punkte der Pflichtlektüre zu erläutern. zu vertiefen und lebendig zu veranschaulichen. Mit Aufgaben, die das Erinnern der Lehrinhalte unterstützen, bezieht man sich auf die Pflichtlektüre ( vgl. BRAUER 2014, 12).

7.3.2 Aufgabenbereich    

Das Aufgabenspektrum des Lernberaters umfasst demnach (vgl. FERGUSON 1990, 127-134)

  • Wissen und Kenntnisse weitergeben,
  • Texte finden, die den Wissensstand der Studierenden angemessen sind,
  • Lernmethoden vermitteln,
  • Aufgaben finden, die das Behalten des Lernmaterials fördern,
  • Fertigkeiten vermitteln,
  • motivieren und anspornen und
  • Kritikfähigkeit der Studierenden heranbilden.
7.4 Beratung in der Schulentwicklung    

Aus der Professionalisierung der Lehrenden und der Qualitätssteigerung des Bildungssystems ist "Schulentwicklung" notwendig.

Die Beteiligten fallen in die Gruppe der Erwachsenen in Form Lehrender (Lehrkräfte), Leitender ( Schulleiter, ggf. Schulaufsicht), Elternvertreter und Schulerhalter (vgl. KLIPPERT 2000, BUHREN-ROLFF 2016).

7.4.1 Formaler Ablauf in Phasen    

Sammlung von Daten

Klärung und Vereinbarung von Zielen

Prüfung der notwendigen Ressourcen

Planung und Umsetzung der Entwicklungsvorhaben

Evaluation des Entwicklungsprozesses und der Ergebnisse

7.4.2 Beratungsverlauf    

Vorinformation - Kontaktaufnahme

Möglichkeiten einer Zusammenarbeit - Aufgabenspezifizierung

Klärung von Erwartungen und Aufgaben

Kooperationsvereinbarung - Aufgaben, Ziele - Umfang

Arbeit im Entwicklungsprozess

Zwischenberichte je nach Vereinbarung

Metareflexionen

Dokumentation

Abschluss

8 Pädagogische Diagnostik    

Diagnose wird von Lehrenden in Beratungsfunktion unterschiedlich verstanden, etwa im Beobachten und Beurteilen und hat pädagogische i.w.S und rechtliche Konsequenzen. Damit bedarf es einer beruflichen Annäherung.

8.1 Selektion-Eignung-Förderung    

Bewusste Diagnose ist in verschiedenen Formen als Selektions-, Eignungs- und Förderdiagnostik anzusehen (vgl. HORSTKEMPER 2006, 4-7). Es geht um Laufbahnempfehlungen, Entscheidungen um Förderprogramme, Berufswahl oder Stärken-Schwächen-Profile.

Unterschiedlich sind die Funktionen in einer

  • Steuerung des weiteren Bildungswegs als Vorbereitung von folgenreichen Entscheidungen mit langfristiger Wirkung.
  • Pädagogisch-therapeutischen Intervention als pädagogische Förderung, Prävention oder Intervention. Hier hat Diagnostik eine kurzfristige Wirkung.
8.2 Diagnose-Beratung    

Die Verbindung von Diagnose und Beratung wird hier erkennbar, wenn aus einer Diagnose Handlungsschritte folgen. KLUG-BRUDER-KELLER-SCHMITZ (2010, 3-10) weisen auf Zusammenhänge von Diagnose und Beratung hin. Diagnose ist eine notwendige Bedingung, macht zumeist nur einen kleinen Teil aus. Problemlösendes Vorgehen, eine Analyse der Ausgangssituation und die Gestaltung der Gesprächssituation sind nicht unmittelbar mit einer Diagnose verknüpft. Allerdings kann eine gute Beratung nur stattfinden, wenn diagnostische Elemente eingebunden werden (vgl. SCHNEBEL 2017, 151-152).

So kann die Situation der Klienten breiter wahrgenommen werden, ermöglicht wird eine objektiviere Wahrnehmung und eine Distanz zum Verhalten. In der Lehre kann dies einen Beratungsbedarf einzelner Lernender aufzeigen.

Diagnostische Verfahren nach (INGENKAMP-LISSMANN 2008, und HESSE-LATZKO 2017) sind die Verfahrens- und Methodenbereiche

  • Gesprächsmethoden der Anamnese, Exploration und des Interview,
  • Beobachtungsmethoden der Lehrbeobachtung,
  • Beurteilungsverfahren der mündlichen und schriftlichen Leistungsbewertung,
  • Testmethoden der Intelligenztests und Leistungstests sowie
  • Dokumentenanalyse von Zeugnissen, Lehrgangs- und Kurszertifikaten.
8.3 Testdiagnostik    

Ein Test umfasst Aufgaben, die von Probanden verbal oder nonverbal, schriftlich oder motorisch zu lösen sind. Dies können standardisierte Verfahren und Ratingverfahren einer Einschätzung sein.

Der Stellenwert von Tests in der Diagnostik Lehre ist umstritten. Tests bieten nur ganz bestimmte durch die Testkonstruktion vorgegebene Diagnosemöglichkeiten (vgl. WERNING 2006, 11-15). Nicht abgebildet wird die Komplexität von Lernprozessen, individuelles Lernen wird nicht berücksichtigt. Problematisch von Testverfahren in der Lehre, dass Lehrende an der Auswahl, Durchführung und Auswertung selten beteiligt sind.

Vorteile der Testdiagnostik sind die

  • Objektivität,
  • Genauigkeit,
  • Gültigkeit,
  • Verortung von Lernproblemen,
  • Vergleichbarkeit von Leistungen und Normwerten und
  • Unabhängigkeit von Lehre und Lehrendemurteil.
Nachteile und Kritik sind

  • Abstand von Lehre,
  • punktuelle Statusaufnahme,
  • Lernprozesse werden nicht abgebildet,
  • keine Berücksichtigung von Kontexten,
  • Reduzierung auf einzelne Aspekte,
  • Übergewichtung objektiver Ergebnisse und
  • überwiegende Sprache von Erwachsenen.
8.4 Diagnoseverfahren    

Testverfahren - Laufbahnberatung, Berufsberatung, Lernstörungen und Leistungsschwächen

Beobachtung - Lernschwierigkeiten, Verhaltensprobleme, Lehrverhalten und Sozialbeziehungen

Dokumentenanalyse - Lernberatung, Lernschwierigkeiten, Laufbahnberatung, Berufsberatung und Schulentwicklungsberatung

Selbstdiagnose - Lernberatung, peerbezogene Beratung

Gesprächsmethode - Lern- und Verhaltensschwierigkeiten und Sozialbeziehungen

9 Migrantenberatung    

9.1 Zielsetzung und Klientel    

Beratung und Begleitung von Zuwandernden ("Migranten") betreffen eine heterogene Klientel, bestehend besonders aus der Personengruppe der EU-Binnenwanderung, Asylanten, Flüchtlingen und Zuwandernden aus Drittstaaten.

Verstanden wird Beratung und Begleitung, Ratsuchende zu unterstützen und ermutigen, sich aktiv mit den Veränderungen auseinander zu setzen und eine entsprechende Lösung zu finden.

Die Thematik ist so vielfältig wie die Klientel, etwa die Rechtsberatung, Sozialberatung, Berufsberatung und Bildungsberatung. Zentrale Intention ist eine "Hilfe zur Selbsthilfe".

Der Autor bezieht sich im Folgenden auf die Bildungsberatung und hier differenziert auf die Laufbahnberatung als ein Gegenstand der weiteren Lebensgestaltung. Als Berufsberatung ist die Beratung Jugendlicher bzw. junger Erwachsener bei der ersten Berufswahl.

Zu berücksichtigen sind die Voraussetzungen, das soziale Umfeld und vorhersehbare inklusive Veränderungen in der Zukunft.

  • Ratsuchende sind zu befähigen, selbst Kompetenzen für berufliche Entscheidungen zu erwerben.
  • Im Vordergrund stehen Sprache, das familiäre Umfeld, Werthaltungen und Kenntnisse des alltäglichen Lebens sowie ein Aufbau eines Bekanntenkreises.
Die Klientel bzw. Ratsuchende besteht vorrangig aus Berufstätigen, Arbeitslosen, jungen Erwachsenen und Studierenden.

Wesentlich sind die Qualifikation Migrantenberaternder in dem vielfältigen Spektrum dieses Beratungsgegenstandes.

  • Beratergrundhaltung - Achtung vor der Klientel, Einfühlungsvermögen und Aufbau eines Vertrauensverhältnisses
  • Berufsstrukturen - Berufsfelder - Arbeitsmarkt
  • Bildungs- und Beschäftigungsstruktur, Rechtsgrundlagen, Gesundheitsgrundlagen und Interkulturalität
9.2 Rahmenmodell einer Bildungsberatung    

Der folgende Autorenentwurf versteht sich als Basis einer Beratung von Zuwandernden mit vier Schwerpunkten, ausgehend von der Konzeption einer Berufsorientierung bzw. Vorberuflichen Bildung (vgl. DICHATSCHEK 2021) .

1 Personale Determinanten

  • kognitive Determinanten - Intelligenz, Fähigkeiten, Schulbildung
  • affektive Determinanten - Bedürfnisse, Interessen, Werthaltungen, Einstellungen, Selbstwertgefühl
2 Situative Determinanten

  • soziale Herkunft
  • familiäre Bedingungen
  • Bezugsgruppen
  • Anforderungen Bildungs- und Arbeitsmarkt
3 Selbstkonzept

  • Selbsteinschätzung
  • Informationsstand
  • Bildungssystem - Berufswelt - Arbeitsmarkt
  • Laufbahnplanung/ "Karriereplanung"
4 Berufsorientierung - Beratung

  • Laufbahnberatung
  • Erwartungshaltung
  • Realisierungsaktivitäten
Teil 2 Aspekte Politischer Bildung im Wandel einer Gesellschaft    

Im Folgenden bedarf es nach der Darstellung einer professionellen Beratung der Skizzierung eines Wandels der Gesellschaft aus der Kenntnis des Autors nach der jahrzehntelangen Auseinandersetzung mit dem Fachbereich Politische Bildung und der Herausforderung bzw. Notwendigkeit einer Beachtung des Teilbereichs der Interkulturalität/ Postmigration.

Dieses Anliegen in einem Bildungsanspruch in einer Beratungskompetenz verstärkt sich aus vielen Gesprächen mit Studierenden der Zuwanderungsgesellschaft.

Die folgende Skizzierung schuldet der Autor aus den unterschiedlichsten Perspektiven eines gesellschaftlichen Wandels in den verschiedenen Formen.

10 Gesellschaft und Interkulturalität    

Es geht um die Idee einer Blickverschiebung mit dem Versuch, Gedanken zu formulieren und ihre Bedeutung für eine Gesellschaftsanalyse in einem neueren pädagogischen Teilbereich der Politischen Bildung darzustellen (vgl. FOROUTAN-KARAKAYALI-SPIELHAUS 2018) .

Interkulturalität, gesellschaftspolitisch auch "Postmigration", hat die Stimme der Migration.

  • Die Situation einer Diaspora wird zum Ausgangspunkt von Kultur und Identität mit dem Zwang, sich ständig zwischen unterschiedlichen gesellschaftlichen Zusammenhängen zu bewegen.
  • Daraus sind eigene Lebensentwürfe in der Folge zu formulieren. Beratung, Begleitung und Unterstützung erhalten in der Einwanderungsgesellschaft einen anderen Stellenwert.
Zuwanderung/ Migration wird zum Ausgangspunkt des Denkens mit den Erfahrungen als gesellschaftlicher Normalfall.

  • Das Diktat der Sesshaftigkeit wird in Frage gestellt und es werden Aspekte des gesellschaftlichen Wandels bedeutsam.
  • Mobilität wird zum Normalzustand und gleichzeitig notwendige Voraussetzung von Subjektivität (vgl. TERKESSIDIS 2017).
Eine interkulturelle Deutung gesellschaftlicher Verhältnisse weist auf mehrdeutige und hybride Verhältnisse hin, ohne allerdings dominante strukturelle Barrieren zu übersehen.

Interkulturelle Lebensentwürfe und alternative Räume, man denke an Berlin - Kreuzberg mit seinen Angeboten, öffnen den Blick für die gesellschaftliche Vielheit und regen in der Pädagogik zum kritischen Denken an.

Der Kontext zur Politischen Bildung ist gegeben, Beratung benötigt politische Kompetenz und interkulturelle Kompetenz.

11 Politische Bildung in der Erwachsenenpädagogik    

Der Stellenwert zeigt sich in diesem Bildungsbereich, weil er besondere Bedeutung für das Gemeinwesen hat (vgl. SCHEIDIG 2016, 14).

  • Eine aktive Partizipation in einer Demokratie muss laufend in Bildungsprozessen erworben und gefestigt werden.
  • Politische Bildung ermöglich eine Orientierung in Staat und Gesellschaft zum Erkennen von Zusammenhängen.
  • Ebenso wird die Fähigkeit zur Wahrnehmung der Bürgerrolle ermittelt. Dazu gehören ein Wissen über ihre Akteure, Rahmenbedingungen und Prozesse, Wissensquellen zur Aktualisierung und Erweiterung politischen Wissens.
  • Es geht um das Verständnis von sozialen, ökonomischen, historischen, kulturellen und globalen Zusammenhängen.
  • Es bedarf einer Befähigung zum Fällen politischer Urteile, der Begründung von Meinungen, um Mündigkeit zu erlangen und erhalten.
  • Ebenso bedarf es einer Qualifizierung für ein aktives Engagement und Partizipationsbereitschaft.
Fundament ist die Anerkennung der Menschenrechte, demokratischer Grundwerte, verfassungsrechtlicher Normen und politischer Instanzen.

Gerade in der Erwachsenenpädagogik ergeben sich Erprobungen bzw. Übungen demokratischer Handlungs- und Verhaltensweisen. Im Lernort wird Information, Reflexion und Diskussion ermöglicht.

Beratung und Begleitung gehören ebenso in das pädagogische Angebot. Das erfordert lebensbegleitende Bildungsprozesse.

Reflexion    

Alle Konzepte der Beratungskompetenz beinhalten als Elemente Fachwissen und Methodenwissen. NESTMANN-ENGEL-SICKENDIEK (2007, 45) nennt Fachwissen auch handlungsspezifisches Wissen in Verbindung mit Problemlagen, Interventionsformen und gesetzlichen Grundlagen.

Lehrende sind semi-professionelle Beratende und benötigen persönliche Voraussetzungen und Ausbildung in pädagogischer Beratung in der Erwachsenenpädagogik. Exemplarisch gilt die Kooperative Beratung nach Wolfgang MUTZECK (2014) ( vgl. SCHNEBEL 2017, 165-166) als Grundstruktur.

In der Lehrerbildung und Erwachsenenbildung sollte Beratung als Basisprozess mit Beratungskompetenz zum Handeln Lehrender aufgebaut werden.

Lehrgänge, wie sie der Autor absolviert hat, Laufbahnberatung und Schulentwicklungsberatung, Politische Bildung und Interkulturelle Kompetenz, wären als Fortbildung bzw. Weiterbildung eine Bereicherung.

Beratungskultur heißt

  • Ratsuchende ernst nehmen,
  • Grenzen seiner Einflussnahme kennen,
  • unterstützende Maßnahmen anstreben,
  • vernetzt und systemisch denken,
  • Kommunikation pflegen,
  • Kooperation aufbauen,
  • Selbstreflexion bearbeiten,
  • auf Lernen und Veränderung setzen,
  • Möglichkeiten erkennen und
  • ein Feld beruflicher Entwicklung pflegen.
Literaturverzeichnis    

Angeführt sind jene Titel, die für den Beitrag verwendet und/oder direkt zitiert werden.


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IT -Autorenbeiträge    

Die Autorenbeiträge dienen der Ergänzung der Thematik.


Netzwerk gegen Gewalt

http://www.netzwerkgegengewalt.org

Erwachsenenbildung

VorberuflicheBildungInÖsterreich

Coaching

Lehramt

Zum Autor    

Lehramt APS (VS, HS, PL - 1970-1975, 1976), zertifizierter Schülerberater und Schulentwicklungsberater (1975, 1999), Mitglied der Lehramtsprüfungskommission für die APS beim Landesschulrat für Tirol (1994-2003)

Absolvent des Studiums Erziehungswissenschaft/ Universität Innsbruck/ Doktorat (1985), der Weiterbildungsakademie Österreich/Wien/ Diplome (2009, 2010), des 10. Universitätslehrganges Politische Bildung/ Universität Salzburg - Klagenfurt/ MSc (2008), des 6. Universitätslehrganges Interkulturelle Kompetenz/Universität Salzburg/ Diplom (2012), des 4. Internen Lehrganges Hochschuldidaktik/ Universität Salzburg/ Zertifizierung (2016), des Fernstudiums Erwachsenenbildung/ Evangelische Arbeitsstelle Fernstudium im Comenius-Institut Münster/ Zertifizierung (2018), des Fernstudiums Nachhaltige Entwicklung/ Evangelische Arbeitsstelle Fernstudium im Comenius-Institut Münster/ Zertifizierung (2020)

Lehrbeauftragter am Institut für Erziehungs- bzw. Bildungswissenschaft/ Universität Wien - Berufspädagogik/ Vorberufliche Bildung (1994-2010), am Fachbereich Geschichte/ Universität Salzburg/ Lehramt Geschichte-Sozialkunde-Politische Bildung/ Didaktik der Politischen Bildung (2016, 2018)

Mitglied der Bildungskommission der Evangelischen Kirche in Österreich (2000-2011), stv. Leiter des Evangelischen Bildungswerks in Tirol (2004-2009, 2017-2019), Kursleiter an der VHS Salzburg Zell/See, Saalfelden und Stadt Salzburg/"Freude an Bildung" (2012-2029)

Aufnahme in die Liste der sachverständigen Personen für den Nationalen Qualifikationsrahmen/ NQR, Koordinierungsstelle für den NQR/Wien (2016)


MAIL dichatschek (AT) kitz.net

 
© die jeweiligen Autoren zuletzt geändert am 4. Juli 2021