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Der Islamismus in der heutigen Türkei

Der Islamismus in der heutigen Türkei    

Ein Beitrag zur Landeskunde/Politischen Bildung    

Günther Dichatschek

Inhaltsverzeichnis dieser Seite
Der Islamismus in der heutigen Türkei   
Ein Beitrag zur Landeskunde/Politischen Bildung   
Einleitung   
1 Vorbemerkung   
2 Begrifflichkeit Islam - Islamismus   
2.1 Islam   
2.2 Islamismus   
3 Problembereiche des Islam   
3.1 Islamische Gesellschaft   
3.2 Religion und Staat   
3.3 Islamismus - Kemalismus   
4 Aspekte am Beginn des 21. Jahrhunderts   
4.1 Gesellschaftliche Auseinandersetzungen   
4.2 Regionale Stellung der Türkei   
4.3 Das Bild der Türkei 2017   
5 Basisdaten Türkei   
Literaturhinweise   
IT-Autorenbeiträge   
Zum Autor   

Einleitung    

Von Interesse ist die Thematik aus dem Themenfeld "Migration/Zuwanderung", hier aus der zeitlichen Zuordnung ab den sechziger Jahren. Österreich ist insofern betroffen, weil die Türkische Community vielfältig sich darstellt und durch aktuelle Bezüge betroffen ist.

  • Der Universitätslehrgang Politische Bildung/ Universität Salzburg(2006-2008) behandelte explizit den Bereich im Modul "Exkursion: Istanbul", implizit war die Aktualität durch den Ort der Lehrveranstaltungen gegeben. In kollegialen Gesprächen wurde die Situation türkischer Migrantinnen und Migranten in Vorarlberg angesprochen und in der Folge auch in Referaten im Lehrgang immer wieder beleuchtet(vgl. IT-Autorenbeitrag http://www.netzwerkgegengewalt.org > Index: Migration in Österreich).
  • Im Universitätslehrgang Interkulturelle Kompetenz/ Universität Salzburg(2011-2012)war naturgemäß die Thematik "Migration" fest verankert und Gegenstand einer eigenen Einheit. Religiös-politische Aspekte wurden allerdings nicht behandelt.
  • Jahre später wurde der Autor zu zwei Vorträgen der Türkischen Community/Vorarlberg eingeladen - "Staatsaufbau der Republik Österreich" und "Macht der Medien". Der Islam(und Islamismus) war ein Bereich, der in Österreich nicht ausgespart bleiben kann.

Die Thematik behandelt in der Landeskunde der Politischen Bildung einen Bereich, der didaktisch der "Inhaltsstruktur" zugeordnet wird(vgl. DICHATSCHEK 2017a, 24-25).

Im "Fall" bzw. "Fallprinzip" als möglichst wirklichkeitsnaher Beschreibung einer Begebenheit - etwa eines politischen Problems und seiner Bearbeitung - ergibt sich eine Abfolge von Ereignissen.

  • Das Ereignis ergibt sich aus der zeitlichen und räumlichen Abgrenzung, konkret mit Personen, Gruppierungen und Institutionen.
  • Im Fallprinzip wird/kann exemplarisches Lernen durchgeführt werden.
  • Ein Vorfall(Konstruktion mit einem Gegenstand) kommt in verschiedenen Formen zur Sprache, etwa in Berichten, Darstellungen, Quellentexten und Dokumenten. Diese lassen eine unterschiedliche bzw. differenzierte Thematisierung entstehen.
  • Methodisch geht es um Beteiligungen, Absichten, Mittel der Durchsetzung und den Verlauf bzw. eine Abfolge.
  • Der Fall ist in der Politischen Bildung ein Mittel auch des Entscheidungstrainings. In der Folge kommt es zu einer Analyse, der Problemlage und -behandlung mit Schlüsselbegriffen, einem möglichen Lösungskonzept bzw. der Interessenslage. In einem religiös-politischen Thema spielen Glaube, Situationen bzw. Problemlagen und gesamtgesellschaftliche Interessen eine wesentliche Rolle).
Zugeordnet werden kann die Thematik schulisch der Sekundarstufe II mit den Fächern Geschichte-Sozialkunde-Politische Bildung, Religion und Geographie-Wirtschaftskunde im Kontext Interkultureller Kompetenz und Medienkunde. In der Erwachsenenpädagogik wird die Thematik dem Bereich "Politik und Gesellschaft" zuzuordnen sein(vgl. hier die zunehmende Bedeutung von Politischer Bildung im Kontext mit Interkultureller Kompetenz und Medienkunde; DICHATSCHEK 2017b; vgl. auch die IT-Autorenbeiträge http://www.netzwerkgegengewalt.org > Index: Interkulturelle Kompetenz, Medienarbeit).

1 Vorbemerkung    

Als etwa Anfang der sechziger Jahre die ersten Gastarbeiter nach Deutschland und in der Folge nach Österreich kamen, war den Kindern deren Klassifizierung recht einfach: die Italiener trugen ihre Habseligkeiten in der dann sprichwörtlich gewordenen "italienischen Aktentasche", einer dünnen Plastiktüte; die Spanier waren an einer gewissen tänzelnden Eleganz zu erkennen; die Portugiesen verhalfen mit ihrer Nachfrage nach Stockfisch dem Fischhändler zwei Straßenecken weiter zu bescheidenem wirtschaftlichem Erfolg und die Türken waren an ihrem beeindruckenden Schnurrbart zu erkennen und zeigten, wie verwandlungsfähig ein Ford Transit ist, der fortan zum "Türkenkoffer" wurde.

Man erkennt an dieser Aufzählung: es kamen in dieser Anfangsphase hauptsächlich Männer. Erst einige Jahre später prägten auch die Frauen der Gastarbeiter das Straßenbild. In der Folge kamen Kinder mit ihren spezifischen Bedürfnissen und Problembereichen(vgl. den IT-Autorenbeitrag http://www.netzwerkgegengewalt.org > Index: Migration in Österreich).

1992 bereisten Freunde die Türkei und mussten an die sechziger Jahre denken. Denn nun war das Kopftuch auf dem Haupt türkischer Frauen mehr als nur ein Hinweis auf nationale Herkunft. Es zeigte an, so wurde man belehrt: Konservativismus, Religiosität, Provinzialität, Rückschrittlichkeit. Die moderne türkische Frau lebt in der Stadt, geht einem modernen Beruf nach, ist kulturell-religiös interessiert, ohne religiös zu sein - und trägt vor allem eins als Zeichen ihrer Modernität und Unabhängigkeit, offenes, möglichst langes Haar - jedenfalls kein Kopftuch.

Das letzte Streiflicht ist noch recht frisch, Eindrücke von der letzten Türkeireise 2008 im Rahmen des Universitätslehrganges Politische Bildung/ Universität Salzburg.

  • Auf der Tee-Terrasse des Top-Kapi-Palastes, hoch über dem Bosporus in Istanbul, sitzt man in der Sonne und kommt mit zwei jungen Frauen in ein Gespräch. Sie sind Studentinnen einer privaten Computerschule und sie haben zusammen mit ihrer Abschlussklasse einen Tagesausflug unternommen. Und sie tragen nicht nur das Kopftuch, sondern mit der größten Selbstverständlichkeit den aus dem Iran importieren dunkelblauen Shador.
  • Andererseits kommt man beim Besuch der Universität Istanbul in das Gespräch und erkennt die Universalität des wissenschaftlichen Personals, die Verbindungen zu Europa und den USA.
Das Kopftuch kommt vermehrt - noch anders als vor rund zehn Jahren - im Straßenbild vor, und es ist völlig egal, ob sich die Straße in Ankara, Istanbul, Konya oder einem Dorf im Taurusgebirge oder in Kappadozien befindet. Es wird sogar mehr und mehr verdrängt vom Schleier, dem Shador, und gelegentlich sogar von der Burka. Der Schleier ist zu einem "Emblem des Islamismus" geworden - und dies gilt nach allgemeinen Erfahrungen auch für Syrien, Jordanien und Ägypten, eigentlich in der gesamten arabischen Welt(vgl. TIBI 2007).

2 Begrifflichkeit Islam - Islamismus    

2.1 Islam    

Den Islam als Einheit gibt es nicht. Es gibt unterschiedliche Strömungen, Richtungen, Parteiungen, Gruppen und Splittergruppen, main streams und exotische Sekten. Der Islam variiert religiös von Ort zu Ort. Spanische Muslime, die im Schatten der Alhambra in der Altstadt von Granada leben, sind anders als etwa schwarze Muslime in einem Chicagoer Ghetto; diese unterscheiden sich ihrerseits von Kosovaren oder tunesischen Tuaregs, und der Islam auf den Philippinen ist ein anderer als der in der südsibirischen Steppe. Der Türschließer der Azam-Moschee in Qom wird seinen Islam anders verstehen als seine Kollegen an der al-Aqsa-Moschee in Jerusalem oder der Mevlana des Hacibektasch von Konya.

Ohne einen Anspruch auf Vollständigkeit erheben zu wollen, tritt der Islam heute in den folgenden Varianten auf.

  • Da ist zunächst der orthodoxe Islam, der schriftgläubige, der gegen Reformen ist.
  • Die nächste und zahlenmäßig vielleicht größte Strömung ist der fundamentalistische Islam, der in allen islamischen Gesellschaften anzutreffen ist. Als herausragende Orte verbindet man damit etwa Assiut in Ägypten, Kerak in Jordanien, die Nordprovinzen von Nigeria.
  • Der terroristische Islam, wie er in Algerien, im Sudan und in Afghanistan auftritt bzw. auftrat. Allerdings ist zu bedenken, daß diese Einschätzung stark abhängig ist von der gerade vorherrschenden politischen Meinung. Als sie gegen die russische Besatzung kämpften, waren die Taliban muslimische Freiheitskämpfer, wenn aber die Polisario-Rebellen Zinn-Minen in der von Marokko annektierten Westsahara angreifen, sind das islamische Terroristen.
  • Der Sufi-Islam, ein Volksislam, der zwischen Politik und Religion trennt und in vielen arabischen Ländern vertreten ist. Wegen der starken Verbreitung in Zentralasien nennt ihn etwa Bassam Tibi "Wodka-Islam". In Syrien zeigen etwa die Alewiten seit Jahrhunderten bereits ähnliche Tendenzen.
  • Schließlich gibt es den Reformislam, der versucht, den Islam an die Moderne anzupassen; hier sind vor allem die intellektuellen Kreise der großen Städte zu nennen.
2.2 Islamismus    

Ganz unterschiedlich wird in diesen verschiedenen Strömungen die religiöse, die gesellschaftliche und die politische Relevanz des Islam gesehen.

Anders stellt sich das beim Islamismus(vgl. KREISER 2008; YOLDAS-GÜNÜS-GIELER 2015; GOTTSCHLICH 2016).

  • Im ausgehenden 19. Jahrhundert kam es im Zusammenhang der letzten Phase des Niedergangs des Osmanischen Reiches zu einer Konfrontation der muslimischen Welt mit der überlegenen wirtschaftlichen und militärischen Macht Europas. Die Folgen sind für die jeweiligen Regionen bekannt; die Öffnung der regionalen Märkte und Volkswirtschaften brachte enorme politische, wirtschaftliche und soziale Veränderungen, in deren Folge die islamischen Gelehrten gezwungen waren, Religion und Ethik in der sich veränderten Umwelt neu zu deuten. Als Theologen, Juristen und Lehrer waren sie die wichtigsten Vertreter der gebildeten Schichten in den städtischen Zentren und mußten darum eher als andere die Brüche und Gefahren reagieren, die eine Übernahme der säkularen Moderne Europas für die islamische Gesellschaft bedeuten würde. Einige nutzten die sich bieten Chancen einer Liberalisierung, andere besannen sich in einer Gegenbewegung auf die Wurzeln des Islam.
  • Es ist kein Wunder, daß besonders in Ägypten (Stichwort: Suezkanal) die fundamentalistische Bewegung einen ihrer wichtigsten Vordenker fand: den Reformtheologen und Juristen Muhammad Abduh (1849-1905). Er sah den Niedergang des Islam darin, dass seit schon Jahrhunderten lediglich die Nachahmung des Überkommenen im Zentrum des intellektuellen Bemühens der islamischen Intelligenz gestanden habe, was sich nun unter den geänderten Herausforderungen als fatal erwiesen habe.
    • Nur eine Wiederbelebung der frühen, unverfälschten Prinzipien des Islam würde die Muslime - nach Abduh - aus der Krise ihrer Zeit herausführen können. Diese Orientierung am Vorbild der Altvorderen wurde zum Grundmuster für die in unterschiedlichen Ausprägungen von Marokko bis Indonesien wirksame Bewegung des Islamismus.
    • Abduhs engster Mitarbeiter Raschid Rida (1865-1935) und später Hasan al-Banna (1906-1949) radikalisierten diese Ideen, was dann 1928 in Ägypten zur Gründung der Gemeinschaft der Muslimbrüder (al-ikhwan al-muslimun) führte.
Es ging diesen frühen Islamisten und ihren Anhängern darum, den wissenschaftlich-technischen Fortschritt nach westlichem Muster mit einer grundlegenden ethischen Erneuerung aus der islamischen Tradition zu verbinden.

  • Ziel war ein Staat, in dem alle gesellschaftlichen Bereiche aus dem Geist bzw. nach dem Buchstaben des Koran geregelt sein sollten. Damit verbunden war eine Abgrenzung, ja teilweise sogar eine Ablehnung der westlichen Werte. Die von den modernen Demokratien gelebte und wohl auch propagierte religiöse Indifferenz, den als geradezu moderne Errungenschaft propagierten Säkularismus lehnte man ab.
  • Mit der Industrialisierung als wichtigstem Motor von Modernisierung hatten die Muslimbrüder dagegen keine Schwierigkeiten. Im Gegenteil, sie sahen und sehen wohl auch jetzt noch in einer entsprechenden ökonomischen Tätigkeit in Wirtschaftsunternehmen und Sozialeinrichtungen ein wichtiges Feld, in dem sich eine Gesellschaft nach islamistischen Grundsätzen weisen und bewähren kann.
  • Es ist daher wichtig festzuhalten, daß sich der Islamismus zunächst nicht gegen "die Moderne" oder "den Westen" schlechthin richtet - einmal ganz abgesehen, dass es wohl erhebliche Schwierigkeiten bereiten würde, diese einigermaßen zu fassen und zu definieren -, sondern zumindest in der Zeit bis zur Iranischen Revolution wehrte sich der Islamismus gegen bestimmte soziale bzw. kulturelle Auswirkungen und Begleiterscheinungen der europäischen Kolonialpolitik im 19. und 20. Jahrhundert und deren späteren Auswirkungen. Geradezu bezeichnend ist in diesem Zusammenhang die Äußerung des Staatsgründers des heutigen Saudi-Arabien, König Abdul Aziz Ibn Saud, der die damit verbundene Absicht auf die vielzitierte Formel gebracht hat: "Wir wollen Europas Gaben, aber nicht seinen Geist!" Aktuell ließe sich dieser Satz vielleicht noch folgendermaßen umformulieren: "Wir wollen Amerikas Waffen und Soldaten, aber nicht den Playboy oder die Emanzipation der Frau!"
In wieweit diese Teilung der Moderne ("Europas Gaben, aber nicht seinen Geist!") möglich und sinnvoll ist - egal ob unter islamischen oder unter christlichen Vorzeichen -, sei dahingestellt.

3 Problembereiche des Islam    

Welche Gaben man haben will und wie man diese in die islamistisch organisierte und geprägte Gesellschaft integriert, ist nun das Problem.

  • Maßstab hierfür kann nur der Koran sein und die "sunna", die als Bezugspunkte für Theologie, Recht und Ethik oberste Priorität genießen.
  • Aus ihnen und der korrekten Auslegung ihrer Tradition fließen konkrete Handlungsanweisungen, wie sich der einzelne Gläubige in jeder konkreten Situation und insbesondere im Konfliktfall so zu verhalten hat, dass er in seinem Wollen und Tun dem Willen Gottes entspricht.
3.1 Islamische Gesellschaft    

Das Ziel ist die perfekte Gesellschaft, in der jeder von sich heraus den Islam lebt. Es ist vor diesem historischen Hintergrund deutlich, daß der Islamismus die real existierenden Gesellschaften in den islamischen Staaten als zu permissiv, wenn nicht gar als geradezu heidnisch ablehnt.

Um bei der türkischen Gegenwart zu bleiben: westliche Dekadenz der Oberschicht, amerikanischer Kulturimperialismus, unkontrollierter Import von europäischen Werten und Ethiken etwa durch heimkehrende Gastarbeiter und das fast überall zu empfangende Satellitenfernsehen, die ständig massiv fortschreitende Aufweichung der Sitten durch das schlechte Vorbild der Touristen in den türkischen Urlaubsgebieten, fortschreitende Indifferenz gegenüber traditionellen religiösen Traditionen - dies alles wird als Bedrohung der islamistisch geprägten Gesellschaft verstanden und teilweise bekämpft. Und die staatlichen Autoritäten, die solches zulassen, vielleicht sogar fördern, sind wegen ihres Unglaubens zu verurteilen.

Für den rechtgläubigen Moslem gilt es dann, sich aus der bestehenden, verkommenen Gesellschaft zu lösen - gelegentlich wird hier das Bild von Muhammads Auswanderung (hijra) von Mekka nach Medina gebraucht - und sich der wahren "islamischen Gemeinschaft" (al-jamaa al-islamiya) anzuschließen. Dies geschieht zunächst durch eine vorbildliche Lebensführung, kann im Extremfall aber auch bedeuten, daß die bestehende, ungläubige Gesellschaft und insbesondere ihr Herrschaftssystem und deren Repräsentanten mit Gewalt bekämpft werden.

3.2 Religion und Staat    

Kritisch anzumerken ist, dass die Islamisten bei ihrem Bezug auf die theologischen Grundlagen und Quellen sehr selektiv vorgehen. Die von ihnen immer wieder behauptete These, der Islam sei "Religion und Staat" als untrennbare Einheit und böte von der Tradition des Koran und der "sunna" her ein umfassendes, alle gesellschaftlichen Fragen regelndes System, kann man bezweifeln. Gewiss sind im Koran eine Menge gesellschaftsrelevanter Elemente vorhanden, aber er zielt doch in erster Linie auf die Frömmigkeit des Individuums, dessen gesellschaftliches Sein zweitrangig ist, solange sich das Individuum ungestört dem geoffenbarten Willen Allahs ergibt bzw. ergeben kann.

  • In den fünfziger und sechziger Jahren stellte sich aus verschiedenen Gründen, auf die hier jetzt nicht weiter eingegangen werden soll, heraus, dass die modernistischen Reformmodelle der arabischen Staaten nicht den gewünschten Erfolg haben werden. Nassers "Arabischer Sozialismus" scheiterte ebenfalls, wie sich in der Türkei die Hoffnungen nicht erfüllten, die mit dem Beitritt zur NATO 1952 verbunden waren. Ein eigener Weg, politisch, wirtschaftlich, militärisch, war nicht gangbar. Auch eine Anknüpfung an die große islamisch-arabisch-osmanische Vergangenheit als "Dritten Weg" in Zeiten des Ost-West-Konfliktes war nicht möglich. So versuchten etwa die verschiedenen türkischen Regierungen aus der geostrategischen Lage der Türkei an der Südost-Flanke der NATO Kapital zu schlagen, was ihnen auch für eine gewisse Zeit gelang. Die westliche Welt nahm es billigend in Kauf, dass das Militär und die vom Militär manchmal nur widerwillig tolerierten, dann wieder rechtzeitig gewaltsam beseitigten Zivilregierungen mit harter Hand innertürkische Probleme angingen und die Kurdenfrage rigide behandelten.
  • In den siebziger und verstärkt in den achtziger Jahren kam eine Phase der wirtschaftlichen Liberalisierung hinzu, die aber nur sehr bedingt ihre Ziele erreichte, so dass große Teile der Bevölkerung nur die negativen Auswirkungen zu spüren bekamen. Während eine kleine Schicht offensichtlich von der neuen Politik profitierte und unübersehbar reich wurde - und weiter reicher wird -, verschlechterten sich für die Mehrzahl anhaltend die Lebensbedingungen. Landflucht und Abwanderung der Gastarbeiter, West-Ost-Gefälle der türkischen Wirtschaft, Verelendung der städtischen Randbezirke, enorme Inflationsraten von teilweise über 60 Prozent seien hier nur als Stichworte genannt.
    • Besonders hart betroffen waren von dieser Wirtschafts- und Gesellschaftskrise die Angehörigen der unteren Mittelschicht, die sich überwiegend aus Land-Stadt-Migranten rekrutierten, die erstmals Zugang zu höherer Bildung hatten und die stark aufstiegsorientiert waren - und die sich nun durch die sozialen Konsequenzen der Liberalisierungspolitik in ihrem (weiteren) sozialen Aufstieg blockiert sahen.
    • Es wird nun häufig in diesem Zusammenhang die These aufgestellt, daß sich in diesem Milieu, insbesondere auch unter Studenten aus dieser Schicht, in vielen Staaten sich islamische Gruppen zu Trägern einer breiten sozialen Protestbewegung entwickelten, wobei die Islamisten in der Regel dann die traditionelle Linke verdrängten, deren Stern mit dem des real existierenden Sozialismus sank. Der Islamismus war ständig in der modernen islamischen Gesellschaft vorhanden und lediglich durch die soziale und ökonomische Entwicklung begünstigt. In der Türkei etwa gab es den Islamismus als Rekurs auf den Kemalismus verdeckt seit den zwanziger Jahren. Es trifft allerdings zu, dass er erst in den neunziger Jahren zu einer ernsthaften gesellschaftlich relevanten Größe wurde, und dass hierfür die zuvor genannten Gründe eine entscheidende Rolle gespielt haben.
Dazu gehört, dass der Islamismus - und die jüngsten Wahlerfolge der AK-Partei belegen dies eindrücklich - ein politisches Modell, einen Gesellschaftsentwurf dem derzeitigen politischen System entgegenstellt, in dem ein islamistisch geprägtes Staatwesen die Hauptrolle spielt. Auf den Punkt gebracht wird dies etwa in Wahlkampfparolen nach dem Motto: "Der Islam ist die Lösung!"

3.3 Islamismus - Kemalismus    

Der Islamismus in der Türkei stellt sich gegen die laizistischen Prinzipien und Traditionen des Kemalismus.

  • Allerdings, man höre sich nur zum Beispiel die Situationsbeschreibung der katholischen Schwestern an, die in Konya die St. Paul und Thekla-Kirche betreuen; da ist von Laizismus oder gar religiöser Toleranz, wie Mustafa Kemal Atatürk sie noch verkündete, schon unter den bisherigen Regierungen wenig übriggeblieben. Auch gespannte Verhältnis des Orthodoxen Patriarchats in Istanbul zu türkischen Regierungsstellen drückt auch einen Problembereich aus.
  • Aus der Beobachtung der türkischen Politik stellt sich immer deutlicher heraus, daß zur Zeit die Islamisten in der Türkei eine Gesellschaft anstreben, in der Religion und Politik eine untrennbare Einheit bilden. Erdogan und mit ihm die Führungsriege der AKP wollen in der Türkei einen "islamistischen Staat" errichten - ob mit oder ohne Förderung und Unterstützung der AKP. Und das wäre dann das Ende des Kemalismus in der Türkei 80 Jahre nach seinem Beginn(vgl. DENIZ 2016, SCHWEIZER 2016).
Eine Auseinandersetzung mit der politischen Theologie im Islam scheint in der Politischen Bildung im Kontext eines interreligiösen Dialogs hilfreich zu sein(vgl. TSCHETSCH 2017).

4 Aspekte am Beginn des 21. Jahrhunderts    

4.1 Gesellschaftliche Auseinandersetzungen    

Die junge türkische Geschichte ist von heftigen Auseinandersetzungen und einem tiefen Misstrauen geprägt.

  • Das Militär, das nervös die Politik beobachtet; Parteien, die mehr oder weniger Klientelparteien sind; Gegensätze zwischen Stadt und Land, West- und Osttürkei - um nur einige zu nennen.
  • Ein starker Islam, der sich entsprechend in der Gesellschaft behaupten und durchsetzen kann, könnte zu einem starken, einigenden Band werden, das einen selbstbewußten Neuanfang der türkischen Gesellschaft ermöglicht, die sich auf die gemeinsamen Wurzeln besinnt.
Sozial könnten auf dem Islam die Hoffnungen ruhen, zu einem Ausgleich in der Gesellschaft Wesentliches beizutragen. Die westliche Orientierung hat die wenigen Reichen immer reicher gemacht, der anatolische Bauer - um dieses Klischee zu gebrauchen - dagegen musste sich erst als Gastarbeiter in Europa verkaufen und füllt jetzt das Proletariat am Rande der großen Städte auf. Eine islamistisch geprägte Gesellschaft, die in weiten Teilen sich selbst genug ist, die allenfalls mit Glaubensbrüdern Handel treibt, die der Globalisierung die gelebten, traditionellen Werte des Islam entgegensetzt, könnte zum Gegenbild werden, zu einer Insel der Seligen in der Weltwirtschaft.

Politisch könnte der Islamismus den Gedanken des "Dritten Weges" aus den fünfziger und sechziger Jahren wiederbeleben. Unrealistisch ist allerdings ein enge Kooperation der Turku-Völker in Vorder- und Zentralasien. Der Syrien-Konflikt hinterlässt ebenso seine Spuren.

4.2 Regionale Stellung der Türkei    

Es wird immer wieder, gerade vor dem Hintergrund des Irakkrieges, davon gesprochen und darüber spekuliert, wie denn der Nahe Osten nach dem Ende der Regime der alten Männer und ihrer Nachfolger neugeordnet werden könne.

  • In der überaus vielschichtigen und über die Jahrzehnte gewachsenen Gemengelage der gegenseitigen Abhängigkeiten, angeblichen Freundschaften, mühsam verborgenen Feindschaften, Allianzen und lokalen Konflikte ist die Suche nach "ehrlichen Maklern" im Gange. Es bieten sich nur zwei Staaten an: der Iran und die Türkei. Beide sind keine arabischen Staaten, sind aber dem Raum traditionell vielfältig verbunden.
  • Beide können diese Rolle nur übernehmen, wenn sie sich den übrigen entsprechend empfehlen. Dazu gehört der Islamismus. Ob dieser beide Staaten verbindet, wird sich zeigen(vgl. den Konflikt um Katar 2017 mit seinen Verflechtungen).
4.3 Das Bild der Türkei 2017    

Schulische und außerschulische Politische Bildung beschäftigt sich auch mit Konturen, wozu auch das Bild der Türkei gehört(vgl. GOTTSCHLICH 2016).

Medial kommt so gut wie in jedem politischen Beitrag über das Land der türkische Präsident vor. Anders ist dies in den vielen kulturell geprägten TV-Dokumentationen, wo die vielfältige Landschaft, das reiche Kulturerbe und die Geschichte des Landes dargestellt werden.

Im Folgenden geht es um den politischen Aspekt im Rahmen einer Landeskunde in Politischer Bildung.

  • Mit dem Putschversuch vom 15. Juli 2016 wird das Land negativ wahrgenommen. Die Türkei wird mit Recep Tayyip Erdogan gleichgesetzt, obwohl rund die Hälfte der Einwohner Erdogan ablehnen. Sie erwarten, dass im Kampf um die Demokratie Europa sie unterstützt.
  • In der Folge geht es um die Kurden. Die größte ethnische Minderheit des Landes kämpft um Eigenständigkeit und Anerkennung. Dies erzeugt naturgemäß eher Sympathie als Ablehnung. Der Konflikt ist allerdings nur ein Ausschnitt der Wirklichkeit.
  • Mit der Türkei werden nach wie vor schöne Strände, bezahlbare Hotels und als einzigartige Metropole Istanbul verbunden.
  • Als Wiege der Zivilisation gilt die Türkei in der Kulturgeschichte(vgl. ZICK 2013).
  • Wahrgenommen werden die über viele Jahrzehnte türkischen Einwanderer, die das Bild des Landes in Europa prägen.
    • Neue Zuwanderungsgruppen werfen allerdings andere Integrationsprobleme aktuell auf(vgl. BAASNER 2010).
    • Dennoch kommt es zu innenpolitischen Konflikten mit der türkischen Diaspora, wie es sich 2015 bei der Militärkampagne gegen die PKK und noch deutlicher nach dem gescheiterten Putschversuch 2016 zeigte. Mögliche Auftritte türkischer Politiker in Österreich ergeben politische Konflikte.
  • Kemal Atatürk prägte das Land mit der Gestaltung der türkischen Republik nach dem Ende des Osmanischen Reiches 1923. Recep Erdogan führt mit der Gestaltung der "neuen Türkei" das Land näher an die osmanische Geschichte in eine angeblich moderne "Islamische Republik". Dies erzeugt nicht nur Zustimmung, auch Ablehnung.
  • Die Türkei wird zum europäischen Außenposten an der Nahtstelle zum nahöstlichen Krisenbogen. Damit und mit der Mitgliedschaft in der NATO und im Europarat gibt es eine Verbindung zu Europa und Nordamerika.
  • Am Beispiel Istanbul zeigt sich eine Polarisierung der Gesellschaft, Istanbul ist aber auch der Schmelztiegel des Landes. Daran haben auch die Auseinandersetzungen 2013 um den Gezi-Park nichts geändert.
  • Letztlich gelang es der kemalistischen Partei Atatürks in den 80 Jahren nicht, aus der Türkei eine säkular-nationalistische Gesellschaft zu formieren.
    • Ob es Erdogan und der AKP("Partei für Gerechtigkeit und Fortschritt")gelingt, das Land aus der laizistischen Weltanschauung zu führen, die Orientierung an Europa vergessen zu machen und einen islamisch-orientalischen Staat zu bilden, bleibt offen.
    • Jedenfalls bedarf es einer fortlaufenden Analyse innergesellschaftlicher Entscheidungsprozesse(vgl. AYDIN 2017).
5 Basisdaten Türkei    

Daten 2015 - Quellen: Eurostat 2015; Gottschlich 2016, 230


Fläche(km2)769.630
Einwohner(Mill)75,9
Bevölkerungsdichte(Ew./km2)99
Lebenserwartung(Jahre)Männer 71,8 - Frauen 78,7
Bevölkerungswachstum1,3 %
Bevölkerung unter 25 Jahren(% der Gesamtbevölkerung)25,9 %
Bruttoinlandsprodukt(Mrd. US-Dollar)798,3
BIP pro Kopf(US-Dollar)10.381

Literaturhinweise    

Angeführt sind jene Titel, die für den Beitrag verwendet und/oder direkt zitiert werden.


Aydin Y.(2017): Türkei. Analyse politischer Systeme, Schwalbach/Ts.

Baasner Fr.(Hrsg.)(2010): Migration und Integration in Europa, Baden-Baden

Deniz A.C.(2016): Yeni Türkiye - Die neue Türkei. Von Atatürk bis Erdogan, Wien

Dichatschek G.(2017a): Didaktik der Politischen Bildung. Theorie, Praxis und Handlungsfelder der Fachdidaktik der Politischen Bildung, Saarbrücken

Dichatschek G.(2017b): Interkulturalität. Ein Beitrag zur Theorie, Bildung und Handlungsfeldern im Kontext von Interkultureller Öffnung und Politischer Bildung, Saarbrücken

Gottschlich J.(2016): Türkei. Erdogans Griff nach der Alleinherrschaft, Bundeszentrale für politische Bildung, Schriftenreihe Bd. 10009, Bonn

Kreiser Kl.(2008): Der Osmanische Staat 1300-1922, München

Spillmann K.R. (Hrsg.)(1997): Zeitgeschichtliche Hintergründe aktueller Konflikte VI - Vortragsreihe Sommersemester 1997. Zürcher Beiträge zur Sicherheitspolitik und Konfliktforschung, No. 44, Zürich

Schweizer G.(2016): Türkei verstehen: Von Atatürk bis Erdogan, Stuttgart

Tibi B.(2007): Mit dem Kopftuch nach Europa?, Darmstadt

Tschetsch H.(2017): Politische Theologie im Islam, Saarbrücken

Yoldas Y.-Gümüs B.-Gieler W.(Hrsg.)(2015): Die Neue Türkei. Eine grundlegende Einführung in die Innen-und Außenpolitik unter Recep Tayyip Erdogan, Frankfurt/M.

Zick M.(2013): Türkei. Wiege der Zivilisation, Stuttgart


Der Beitrag wird laufend aktualisiert.


IT-Autorenbeiträge    

Die IT-Beiträge dienen zur Ergänzung der Thematik.


Netzwerk gegen Gewalt

http://www.netzwerkgegengewalt.org > Index:

Politische Bildung

Interkulturelle Kompetenz

Globales Lernen

Lernfeld Politik

Migration in Österreich


E-Plattform der Erwachsenenbildung in Europa/EPALE

https://ec.europa.eu/epale/de/resource-centre/content/netzwerk-gegen-gewalt

Zum Autor    

Absolvent des Instituts für Erziehungswissenschaft/ Universität Innsbruck/Doktorat(1985), des 10. Universitätslehrganges Politische Bildung/ Universität Salzburg-Klagenfurt/Master(2008), des 7. Universitätslehrganges Interkulturelle Kompetenz/ Universität Salzburg/Diplom(2012), der Weiterbildungsakademie Österreich/Wien/Diplome(2010), der Personalentwicklung der Universitäten Wien und Salzburg/4. Interner Lehrgang für Hochschuldidaktik/Zertifizierung(2016), des Online-Lehrganges "Digitale Werkzeuge für Erwachsenenbildner_innen"/TU Graz-Werde Digital-CONEDU-Bundesministerium für Bildung/Wien(2017)

Lehrbeauftragter am Institut für Erziehungs- bzw. Bildungswissenschaft/ Universität Wien/Berufspädagogik - Vorberufliche Bildung(1990/1991-2010/2011), im Fachbereich Geschichte/ Universität Salzburg/Lehramt Geschichte-Sozialkunde-Politische Bildung - Didaktik der Politischen Bildung(ab 2015/2016); stv. Leiter des Evangelischen Bildungswerks in Tirol(2004-2009, ab 2010 Beirat), Mitglied der Bildungskommission der Evangelischen Kirche in Österreich(2000-2011), Kursleiter an den VHSn des Bundesland Salzburg/Zell-See, Saalfelden und Stadt Salzburg/Politische Bildung(ab 2011), Mitarbeit im Team des Bildungsvereins Wien/Kurse-Vorträge(ab 2016)

Aufnahme in die Liste der Sachverständigen für den NQR/Koordinierungsstelle für den Nationalen Qualifikationsrahmen/Wien(2016)


MAIL dichatschek (AT) kitz.net

 
© die jeweiligen Autoren zuletzt geändert am 12. August 2017