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Iran

Iran    

Ein Beitrag zur Landeskunde in der Politischen Bildung    

Günther Dichatschek

Inhaltsverzeichnis dieser Seite
Iran   
Ein Beitrag zur Landeskunde in der Politischen Bildung   
Vorbemerkung   
1 Rückblick auf die jüngste Geschichte   
1.1 Staatsstreich 1953   
1.2 Erinnerung an 1978/79   
2 Vielvölkerstaat   
2.1 Darius I.   
2.2 Nationalismus   
2.3 Iranische Verfassung   
3 Staatsaufbau   
4 Zeittafel   
Literaturverzeichnis   
IT-Autorenbeiträge   
Zum Autor   

Vorbemerkung    

Die Islamische Republik Iran lebt in Spannungen zwischen den Generationen und sozialen Schichten. Die Risse spalten die Gesellschaft.

Von Interesse sind die Weltbilder innerhalb der politischen und religiösen Machtstrukturen, der Alltag und wie die Bevölkerung sich Freiräume verschafft.

Subversive Lebenskunst und wirtschaftlicher Fortschritt mit seinen negativen Erscheinungen ergeben sich in einem System von politischen Zwängen.

Die Revolution 1979 und der Krieg mit dem Irak bilden Erinnerungen an enttäuschte Hoffnungen und Widersprüchlichkeiten zwischen offizieller und privater Reflexion. Damit sind für die Politische Bildung Eindrücke in das Land von besonderem Wert, in dem das Leben ständig in die eine oder andere Art inszeniert wird.

Der Iran lebt als Vielvölkerstaat und Nation in der Spannung zwischen Anerkennung und der Angst vor äußerer Einmischung.


Ausgangspunkt der folgenden Überlegungen sind die/der

  • Absolvierung des Instituts für Erziehungswissenschaft/ Universität Innsbruck,
  • Absolvierung des 10. Universitätslehrganges Politische Bildung/ Universität Salzburg,
  • Absolvierung des 6. Universitätslehrganges Interkulturelle Kompetenz/ Universität Salzburg,
  • Lehrauftrag im Fachbereich Geschichte/Lehramt in Didaktik der Politischen Bildung/ Universität Salzburg und
  • Auseinandersetzung mit der Fachliteratur.
1 Rückblick auf die jüngste Geschichte    

Im Folgenden wird auf die jüngsten Ereignisse im Kontext einer politischen Veränderung der Gesellschaft mit dem Sturz des Schah und der Islamischen Revolution eingegangen(vgl. TAHERI 1985; GRONKE 2014; WIEDEMANN 2018, 17-44).

1.1 Staatsstreich 1953    

Der Sturz des beliebten Premierministers Mohammed Mossadegh 1953 durch die USA mit britischer Hilfe war eine Reaktion auf die Verstaatlichung des iranischen Erdöls und westlicher Interessen.

  • Er war das Vorbild in der Dritten Welt für nationale Emanzipation, lange vor Khomeini.
  • Für Nasser war er ein Vorbild.
  • Die Demütigungen in der Phase nationaler Selbstbestimmung haben das Weltbild vieler Iraner stark beeinflusst.
  • Besonders die Gebildeten bereiteten den Boden für Veränderungen in der Gesellschaft, Bürgerrechte und Unabhängigkeit von ausländischer Einmischung.
1.2 Erinnerung an 1978/79    

Am Morgen des 8. September 1978 war die iranische Monarchie zugrunde gegangen.

  • Millionen Menschen waren an den Tagen zuvor auf den Straßen Teherans, friedlich und fast heiter. Man verlangte politische Freiheit und steckte Blumen auf die Gewehrläufe der Soldaten.
  • Mit der Verhängung des Kriegsrechts kam es zu blutigen Unruhen. So war der "Schwarze Freitag" ein Tag der Gewalt, des Unrechts und des Todes.
  • Am Ende des Aufstands waren es über zehntausend Tote.
Schmerzlich sind die Risse zwischen den Generationen in der iranischen Gesellschaft.

  • Seit 1979 hat sich die Bevölkerung mehr als verdoppelt.
  • Jeder Zweite ist unter dreißig.
  • Die junge Bevölkerung findet die Begeisterung der Eltern unbegreiflich.
  • Die meisten Iranerinnen und Iraner über fünfzig haben die Revolution unterstützt, waren zumindest Sympathisanten.
  • Was aus der Revolution wurde, wird aus Angst vor Unverständnis von der älteren Generation nicht erzählt.
  • Der Schulunterricht geht nur auf den Sturz des Schah ein, weil alle den Islam wollten. Mit Parolen und Märtyrerkult können viele Jüngeren wenig anfangen.
Die aktive Beteiligung der damals 37 Millionen Iraner macht die Revolution zu einer großen Erhebungen der Weltgeschichte.

  • Sie führt zu einem massivem Wechsel von System, Macht und Eliten, anders als der Arabische Frühling.
  • Die iranische Revolution war populär und wenig blutig.
  • Im Iran und Westen wird in der Rückschau die Revolution auf eine religiöse Bewegung reduziert.
    • 1979 begann nach einer kurzen Zeit der Faszination die Islamophobie neuerer Zeit.
    • Viele westliche Medien reduzieren die Revolution bis heute auf eine suggestive Macht Khmoneinis.
    • Vielmehr stürzte eine fast unbewaffnete Bewegung ein Regime mit modernster Waffenausrüstung und dem Rückhalt der USA.
2 Vielvölkerstaat    

Der Iran hat eine lange Geschichte als Vielvölkerstaat. Für die Politische Bildung sind von Interesse Darius I., die Entwicklung zum Nationalismus sowie einer Nation und die geltende Staatsverfassung(vgl. WIESEHÖFER 2006; WIEDEMANN 2018, 206-232).

2.1 Darius I.    

Beginnend mit Darius I. hatte das Persische Reich die größte Ausdehnung von Ägypten bis Indien.

  • Offizielle Sprachen waren Altpersisch, Elamisch und Babylonisch.
  • 24 Völker gab es im Reich bei völliger Gleichstellung.
Zum Wesen dieser Größe eines Reiches gehörte ein ethnisch neutraler Expansionismus.

2.2 Nationalismus    

An dessen Stelle ist heute ein Nationalismus mit dem aus Europa übernommenen Begriff einer Nation getreten.

  • Ein Irrtum ist entstanden, Iraner und Perser seien Synonyme.
  • In der persischen Sprache gibt es kein Volk der Perser, denn das Wort bezeichnet nur die Bewohner einer einzigen Provinz, einst "Pars" benannt, heute "Fars".
  • Heute hat nur jeder zweite Iraner Persisch als Muttersprache.
    • Mindestens 38 Millionen Iraner sprechen zu Hause eine von 9 oder 10 anderen Sprachen wie Türkisch/Aserbaidschanisch, Arabisch, Kurdisch, Lorisch, Balutchi und Turkmenisch.
    • Kleine Minderheitssprachen wie Armenisch oder Assyrisch, Massanderanisch und Gilaki werden am Kaspischen Meer als Mundarten bzw. Umgangssprachen gesprochen.
    • Die Größe der Ethnien ergibt sich nur aus Schätzungen, es fehlen offizielle Zahlen. Demnach soll es rund 50-60 Prozent Perser, 20 Prozent Aserbaidschaner, 10 Prozent Kurden, sechs Prozent Loren, zwei Prozent Araber und Balutschen und ein Prozent Turkmenen geben.
    • Drei bis fünf Millionen Afghanen, früher Flüchtlinge, halten sich im Iran bereits in der zweiten Generation oder ohne geregelten Status auf.
  • Auf Grund der nomadischen Vergangenheit des Landes verteilen sich die Sprachen, da man mit den Herden in neue Gebiete weiter zog.
2.3 Iranische Verfassung    

In der Verfassung der Iranischen Republik im Artikel 15 wird als gemeinsame Sprache und Schrift Persisch festgelegt.

  • Demnach sind Urkunden, ein Schriftwechsel, Texte und Lehrbücher auf Persisch abgefasst.
  • Im Unterricht und der Presse sowie anderer Medien ist der Gebrauch einheimischer Sprachen und Dialekte neben der persischen Sprache frei.
Der Artikel 19 der Verfassung garantiert sichert allen ethnischen Minderheiten gleiche Rechte zu. Die Realität ist davon weit entfernt. Minderheiten wird der Unterricht in der Muttersprache vorenthalten, aus Angst vor Separatismus und eines Nationalismus, der keine kulturelle Autonomie kennt.

3 Staatsaufbau    

NATION
Expertenrat

86 geistliche Mitglieder
(gewählt auf Lebenszeit)
Präsident

gewählt auf 4 Jahre
(maximal 2 Amtsperioden)
Parlament

290 Abgeordnete
Revolutionsführer
(gewählt auf Lebenszeit)
MinisterratWächterrat
(12 Mitglieder)
6 Geistliche Mitglieder des Wächterrats
6 Laienrichter des Wächterrats(Vorschlag des Parlaments)
 
Leiter der JudikativeLeiter des Obersten Gerichts
(5 Jahre Amtszeit)
Generalstaatsanwalt
(5 Jahre Amtszeit)
 
Leiter des Radios und Fernsehens  
Oberkommmandeur der Revolutionsgarden  
Oberkommandeur der Armee  
Leiter des Generalstabs aller Streitkräfte  
Oberkommandeur der Ordnungskräfte  


Quelle:

Wiedemann 2018, 281

4 Zeittafel    

558-530 v.Chr. Herrschaft von Kyros d.Gr. - Beginn des Persischen Reichs

330 v.Chr. Alexander d.Gr. erobert Persepolis - Ende der Achämeniden-Dynastie

224-651 v.Chr. Dynastie der Sassaniden

632 Tod des Propheten Mohammed

642 Sieg arabischer Muslims bei Nehawand - Islamische Eroberung Irans

680 Schlacht von Kerbala - Mäyrtyertod von Imam Hussein

1501-1736 Dynastie der Safawiden - Zwölfer-Schiitentum wird Staatsreligion

1779-1925 Dynastie der Quadscharen

1801--1828 zwei russisch-iranische Kriege - Verlust der Kaukasusgebiete

1891-1892 Revolte gegen britisches Tabakmonopol

1906 Sieg der Konstitutionellen Revolution - Erste Parlament

1908 Briten stoßen auf Erdöl in Khuzestan

1921 Staatsstreich von Reza Khan

1925-1979 Dynastie der Pahlevi - Reza Schah regiert bis 1941 - Sohn Mohammed Reza Schah bis 1979

1951-1953 Verstaatlichung der Anglo-Iranian Company - Sturz von Premierminister Mossadegh

1959 Beginn des Nuklearprogramms - US-Regierung schenkt Forschungsreaktor

1979 Sturz des Schah - Sieg der Revolution - Rückkehr Khomeinis aus dem Exil

1980-1988 Erster Golfkrieg/Iran-Irak-Krieg

1989 Tod Khomeinis - Wahl von Ali Khamenei durch den Expertenrat zum Revolutionsführer

1989-1997 Präsidentschaft von Ali Akbar Haschemi Rafsandschani

1997-2005 Präsidentschaft von Mohammad Khatami

2005-2013 Präsidentschaft von Mahmud Ahmadinedschad

2009 Massenproteste der Grünen Bewegung gegen vermutete Wahlfälschung zugunsten Ahmadinedschad

2013 Beginn Präsidentschaft Hasdan Rohani

2015 Einigung im Nuklearstreit zwischen dem Iran und der 5+1 Gruppe(USA, China, Russland, UK, Frankreich + Deutschland) - schrittweise Aufhebung der Sanktionen

2016 Inkrafttreten des Nuklearvertrages - Parlamentswahlen

2017 Wiederwahl von Hassan Rohani


Quelle:

Wiedemann 2018, 282-283

Literaturverzeichnis    

Angeführt sind jene Titel, die für den Beitrag verwendet und/oder direkt zitiert werden.


Ebadi Sh.(2007): Mein Iran. Ein Leben zwischen Revolution und Hoffnung, München

Gronke M.(2014): Geschichte Irans. Von der Islamisierung bis zur Gegenwart, München

Taheri A.(1985): Chomeini und die Islamische Revolution, Hamburg

Wiedemann Ch.(2018): Der neue Iran. Eine Gesellschaft tritt aus dem Schatten, Bundeszentrale für politische Bildung, Schriftenreihe Bd. 10252, Bonn

Wiesehöfer J.(2006): Das frühe Persien. Geschichte eines antiken Weltreichs, München

IT-Autorenbeiträge    

Die Autorenbeiträge dienen der Ergänzung der Thematik.


Netzwerk gegen Gewalt

http://www.netzwerkgegengewalt.org > Index:

Politische Bildung

Europa als Lernfeld

Interkulturelle Kompetenz

Globales Lernen

Zum Autor    

APS-Lehramt - VS-HS-PL, zertifizierter Schüler- und Schulentwicklungsberater, Lehrbeauftragter am PI des Landes Tirol(1990-2002), Mitglied der Lehramtsprüfungskommission beim Landes Landesschulrat für Tirol(1993-2002)

Absolvent des Instituts für Erziehungswissenschaft/ Universität Innsbruck/Doktorat(1985), des 10. Universitätslehrganges Politische Bildung/ Universität Salzburg-Klagenfurt/MSc(2008), der Weiterbildungsakademie Österreich/Diplome(2010), des 6. Universitätslehrganges Interkulturelle Kompetenz/ Universität Salzburg/Diplom(2012), des 4. Internen Lehrganges für Hochschuldidaktik/ Universität Salzburg(2016), des Online-Kurses "Digitale Werkzeuge für Erwachsenenbildner_innen"/ TU Graz-CONEDU-Werde Digital at.-Bundesministerium, für Bildung/Zertifizierung(2017), des Fernstudiums Erwachsenenbildung/ Evangelische Arbeitsstelle Fernstudium - Comenius Institut Münster(2018)

Lehrbeauftragter am Institut für Erziehungs- bzw. Bildungswissenschaft/ Universität Wien/Berufspädagogik-Vorberufliche Bildung(1990/1991-2010/2011), am Fachbereich Geschichte/Lehramt/ Universität Salzburg-Didaktik der Politischen Bildung(ab 2015/2016); Mitglied der Bildungskommission der Evangelischen Kirche Österreich(2000-2011), Kursleiter/Lehrender an den VHSn des Landes Salzburg Zell/See, Saalfelden, Mittersill und Stadt Salzburg(ab 2012), stv. Leiter des Evangelischen Bildungswerks in Tirol(2004-2009, ab 2017)

Aufnahme in die Liste der sachverständigen Personen für den Nationalen Qualifikationsrahmen/NQR, Koordinierungsstelle für den NQR/Wien(2016)


MAIL dichatschek (AT) kitz.net

 
© die jeweiligen Autoren zuletzt geändert am 28. September 2018