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Populismus

Populismus    

Ein Beitrag zur Theorie und Praxis Politischer Bildung    

Günther Dichatschek

Inhaltsverzeichnis dieser Seite
Populismus   
Ein Beitrag zur Theorie und Praxis Politischer Bildung   
Einleitung   
1 Elemente des Populismus   
2 Populistische europäische Parteien   
3 Schwächung der politisch-demokratischen Funktion   
4 Gesellschaftliche Konfliktlinien   
5 Reflexion   
5.1 Erfolge-Schwächen-Stärken   
5.2 Diskussionsansätze in der Politischen Bildung   
5.2.1 Historische Betrachtungen   
5.2.2 Zentrale Fragen   
5.3 Bezug zur Politischen Bildung   
Literaturverzeichnis   
IT-Autorenbeiträge   
Zum Autor   

Einleitung    

In den vielfältigen Formen fällt es schwer, eine gemeinsame Definition von Populismus zu finden.

  • Auszugehen ist von einer fehlenden Ideologie, so dass eher von charakteristischen Gemeinsamkeiten zu sprechen sein wird.
  • Gleichzeitig lässt sich eine Ideologie des Antagonismus beobachten, die von einem "reinen Volk" und einer "korrupten Elite" ausgeht (vgl. PRIESTER 2017b, 1/5).
Die Thematik wurde durch das britische Referendum vom Austritt aus der Europäischen Union(Brexit) und dem Sieg des US-amerikanischen Präsidentschaftskandidaten Donald Trump aktualisiert.

  • Die Begrifflichkeit umfasst rechte und linke Anti-Establishment-Parteien mit der politischen Zielrichtung gegen herrschende Machteliten. Im Folgenden wird der allgemeine Begriff Populismus verwendet.
  • War in den sechziger Jahren der Begriff abwertend verstanden, so ist er heute etwa unter europäischen Linkspopulisten - Sozialistische Partei de Gauche/Frankreich, Sozialistische Partei Podemos/Spanien, Fünf-Sterne-Bewegung/Italien - etabliert(vgl. HILLEBRAND 2015).

Ausgangspunkt der folgenden Überlegungen ist die Absolvierung des/der

  • Instituts für Erziehungswissenschaft/ Universität Innsbruck/Doktorat,
  • 10. Universitätslehrganges Politische Bildung/ Universität Salzburg-Klagenfurt/MSc,
  • Weiterbildungsakademie Österreich/Wien/Diplome,
  • 6. Universitätslehrganges Interkulturelle Kompetenz/ Universität Salzburg/Diplom,
  • 4. Internen Lehrganges für Hochschuldidaktik/ Universität Salzburg/Zertifizierung und
  • Lehraufträge an den Universitäten Wien und Salzburg.
  • Die Auseinandersetzung mit der Fachliteratur und der Diskurs im Freundeskreis bereichern die Thematik in ihrer Komplexität.
1 Elemente des Populismus    

Das Fehlen einer Ideologie bedingt wenige Element, die eher Gemeinsamkeiten als eine Doktrin ergeben.

Jan-Werner MÜLLER's Definition spricht von einer bestimmten Politikvorstellung mit einem homogenen Volk, das einem korrupten und parasitären Volk gegenübersteht(vgl. MÜLLER 2016, 42). Moralische Kategorien werden zugunsten eines gesunden Menschenverstandes(common sense) angesprochen. wobei es um den guten, anständigen, patriotischen und hart arbeitenden gesetzestreuen Menschen geht.

Für die Politische Bildung ergeben sich die drei folgenden Kernelemente.

  • Das Volk bildet als Basis die politischen Gemeinschaft.
  • Die Souveränität eines Staates wird von einigen Akteuren missachtet.
  • Dazu bedarf es der Missachtung und Anprangerung in der Gesellschaft. Eine Missachtung des Volkes entsteht von Finanzkapital, technokratischen Steuerungseliten, politischen Parteien des Mainstreams und sozial-moralischen Deutungseliten.
Als Außenseiter in einer Demokratie kommen populistische Führungspersönlichkeiten häufig aus der Wirtschaft wie Silvio Berlusconi/Italien, Christoph Blocher/Schweiz und die US-Amerikaner Henry Ross Pero und Donald Trump.

Ängste vor Statusverlust, Zukunftsunsicherheit, die Kluft zwischen arm und reich, Verteilungskonfikte zwischen Autochthonen und Immigranten bilden nicht mehr den Gegensatz von links und rechts, sie erscheinen als Konflikt zwischen Volk und Eliten.

Der Zugang zur Macht ergibt sich im Populismus

  • aus der Ablehnung der Parteien und Bildungseliten, die nach ihrer Meinung nur Sonderinteressen und einen verfälschten Volkswillen verfolgen.
  • Akklamationsdemokratie entzieht dem Wahlvolk die Kontrolle.
  • Populisten lehnen einen Bildungsauftrag der Parteien ab, sie fordern eine Willensartikulation durch direkte Demokratie in Volksabstimmungen oder als Netzdemokratie.
  • Wer am Rechtsstaat und Volkssouveränität einen demokratischen Liberalismus untergräbt, arbeitet auf einen Il-Liberalismus hin(vgl. DECKER 2006).
2 Populistische europäische Parteien    

Die British National Party(BNP), die NPD/Deutschland und ethnozentriosche Regionalparteien wie der Vlaams Belang/Belgien und die Lega Nord/Italien sind im Rückgang, Ausnahmen bilden die Partei Jobbik/Ungarn und die Front National/Frankreich. Die Front National versteht sich als national-populistisch.

Versucht wird die Verbindung von

  • materiellen und post-materiellen Werten herzustellen sowie wählerspezifisch untere und mittlere soziale Wählerschichten anzusprechen.
  • Damit entstehen neue Parteien bzw. Bewegungen, die in ihren unterschiedlichen Programmen erklären, weder rechts noch links, dafür aber für die Bürger zu stehen.
3 Schwächung der politisch-demokratischen Funktion    

Mit der mangelhaften Wahrnehmung als Anwalt der Kleinen (Sozialdemokratie) und Modernisierer (konservative Volksparteien) kommt es zu Vertrauenskrisen, Schwächung der Integrationsfunktion und letztlich zum Wählerschwund. An den Parteirändern kommt es zum Vakuum, in das populistische Parteien eindringen und mit ihren Themen besetzen.

Im Folgenden wird auf drei Krisensituationen eingegangen(vgl. PRIESTER 2017, 3/5).

  • Wenn Menschen sich nicht mehr von etablierten Parteien vertreten fühlen, spricht man von der Krise der Repräsentation. Parteien nehmen in der Folge ihre Funktion als Interessensvertretung nicht mehr wahr. Es kommt zu einer Abschottung mit sinkender innerparteilicher Demokratie.
  • Im Kontext mit der Krise der Repräsentation gibt es die Krise der Partizipation. Wenn keine Mitbestimmung und Mitverantwortung praktiziert wird bzw. werden kann, Widerstand gegen die Führung sich entwickelt und nach Mechanismen der Verdrossenheit gesucht wird, fehlt ein soziales Segment der Politik und Demokratie.
  • Wenn Defizite bzw. Einbußen an nationaler Souveränität zugunsten internationaler Organisationen(etwa EU) und individueller Handlungsmöglichkeiten(etwa Anhörung und Mitbestimmung) entstehen, kommt es zu mangelhafter Selbstbestimmung und einer Aussetzung von unbeherrschten Einflüssen, also zu demokratischem Kontrollverlust. Diesem Phänomen folgten die Aufstiege der Schwedendemokraten, der Alternative für Deutschland, der Brexit und Sieg Donald Trumps(vgl. etwa die Zunahme der Wahlerfolge ab 2015).
4 Gesellschaftliche Konfliktlinien    

Erstarkender Nationalismus und liberale Weltoffenheit bilden eine epochale Trennlinie.

Überlagernd sind vier Konfliktlinien festzustellen,

  • ein Konflikt zwischen materieller und postmaterieller Werteorientierung(vgl. dazu den IT-Autorenbeitrag zu "1968-2018"),
  • ein Konflikt zwischen repräsentativer und direkter Demokratie,
  • ein Konflikt zwischen regional-lokalen Sichtweisen(Nativismus) und Globalisierung(Kosmospolitismus) sowie
  • ein Konflikt zwischen Zentrum und Peripherie.
Populisten machen geltend, dass die soziale Benachteiligung weite Teile der Bevölkerung übersieht.

  • Die soziale Ungleichheit habe im Neoliberalismus zugenommen, die Schere zwischen arm und reich sei weiter auseinandergegangen.
  • Der Populismus spricht die "Vergessenen", die schweigende Mehrheit, an(vgl. den rasantem Aufstieg der Fünf-Sterne-Bewegung/Italien).
5 Reflexion    

5.1 Erfolge-Schwächen-Stärken    

Die Erfolge populistischer Parteien bzw. Gruppierungen unterscheiden sich deutlich nach 1989(vgl. PRIESTER 2017a, 143).

  • Es geht um eine Rückgewinnung von Souveränität und Selbstbestimmung national und international.
  • Erfolge von populistischen Parteien zeigen sich gegenüber Parteien des Mainstreams und alternativloser Regierungsformen.
  • Rechtsstaatlichkeit und Volkssouveränität als Stabilität der Nachkriegsordnung in liberalen Demokratien bedürfen neben Bildungsmaßnahmen auch handlungsorientierten Demokratiemodellen.
  • Konflikte bestehen zwischen politischen Eliten, einer unruhigen Wählerschaft mit anti-liberalen Tendenzen und Vernetzungstendenzen.
Politische Bildung im Kontext mit Geschichte widmet sich verwandten Formen, wie etwa der "rhetorischen Brandrede"(vgl. die Bedeutung Historischer Politischer Bildung; beispielhaft die Rede Marc Antons an das Römische Volk[Aufwiegelung der Massen]).

  • Dahinter steht eine mögliche Resonanz zwischen Redner und Publikum mit der Erfahrung, das Publikum in seinen Bann zu ziehen bzw. zu manipulieren.
  • Das Erlebnis eigener Macht über Andere kann eigene Größenphantasien in Gang setzen und damit eine Entwicklung in eine autoritäres Regierungssystem entwickeln.
  • Bestimmte Erkenntnisse und Grundsätze demokratischen Verhaltens werden negiert, so die Komplexität demokratischer Politik mit Partizipation und Kompromissen, die zu populistischen Entwicklungsschritten führen.
  • Im Vordergrund steht die Erkenntnis, dass man als Politiker mehr Kommunikator bzw. Manager als Gestalter bzw. Experte zu sein hat.
Die Schwäche von Populisten zeigen sich in

  • der Selbstüberschätzung, die keinen Widerspruch dulden und keine anderen starken Persönlichkeiten neben sich vertragen,
  • der gleichen Selbstüberschätzung, die keine expertengesteuerten Lösungen für Sachprobleme zulassen und
  • einer großen Vereinfachung von politischen Problemfeldern, die für das große Publikum nötig sind(vgl. Bildung von Feindbildern und Schuldzuweisungen).
Die Stärken von Populisten sind die

  • Entscheidungsfähigkeit(vgl. das Phänomen der Intuition, die Impulsfähigkeit) und
  • Entscheidungswilligkeit(vgl. Glaube an politische Überzeugung, historische Rolle, Fügung durch das Schicksal bzw. höhere Mächte).
5.2 Diskussionsansätze in der Politischen Bildung    

5.2.1 Historische Betrachtungen    

Diese ergeben sich aus der Betrachtung historischer Persönlichkeiten, die große Anziehungskraft besitzen, etwa

  • Kann man Gandhi als Populisten sehen(vgl. seine Askese und die Verschreibung an die Idee der Gewaltlosigkeit)?
  • Kann man Jesus als Populisten sehen(vgl. sein Selbstbildnis in seinen Reden und wie er von den Anderen als gefährlicher Populist wahrgenommen wurde)?
5.2.2 Zentrale Fragen    

Diese stellen sich aus der Realität populistischer Parteien bzw. Bewegungen einer

  • klientenzentrierten bzw. wählerschichtenspezifischen Politik,
  • Einbindung des Wahlvolks(Formen partizipativer Demokratie),
  • innerparteilichen Demokratie,
  • Führerpersönlichkeit und
  • Entwicklung neuer Eliten.
5.3 Bezug zur Politischen Bildung    

Der Bezug zur Politischen Bildung ergibt sich aus der Notwendigkeit,

  • zeitgemäßes politisches Wissen, Urteilsfähigkeit, Bereitschaft zur Partizipation, Empathie und Toleranz
  • in einem kritischen hinterfragten Bildungskonzept - auch für Erwachsene - in einer stetig sich wandelnden Gesellschaft anzubieten(vgl. HUFER 2016; DICHATSCHEK 2017; PRIESTER 2017a, 145).
  • Selbstverständlich ist die Politik - national und international - gefordert, wobei innerparteiliche Demokratie zunehmend notwendig wird.
Die pädagogische Herausforderung und der Bildungsauftrag besteht für eine vernachlässigte Disziplin in ihrer Zielstellung und Handlungsorientierung.


IT-Hinweis

https://science.orf.at/stories//2923084/ > Demokratie als Stilfrage (7.7.2018)

Literaturverzeichnis    

Angeführt sind jene Titel, die für den Beitrag verwendet und/oder direkt zitiert werden.


Decker Fr.(Hrsg.)(2006): Populismus. Gefahr für die Demokratie oder nützliches Korrektiv? Wiesbaden

Dichatschek G.(2017): Didaktik der Politischen Bildung. Theorie, Praxis und Handlungsfelder der Fachdidaktik der Politischen Bildung, Saarbrücken

Hartleb Fl.(2017): Die Stunde der Populisten. Wie ich unsere Politik trumpetisiert und was wir dagegen tun können, Frankfurt/M.

Hillebrandt E.(Hrsg.)(2017): Rechtspopulismus in Europa. Gefahr für die Demokratie?, Bonn

Hufer Kl.-P.(2016): Politische Erwachsenenbildung. Plädoyer für eine vernachlässigte Disziplin, Bundeszentrale für politische Bildung, Schriftenreihe Bd. 1787, Bonn

Kühberger Chr.(2009): Kompetenzorientiertes historisches und politisches Lernen. Methodische und didaktische Annäherung für Geschichte, Sozialkunde und Politische Bildung, Innsbruck-Wien

Müller J.-W.(2016): Was ist Populismus? Ein Essay, Berlin

Nordmann J.-Hirte K.-Ötsch W.O.(Hrsg.)(2012): Demokratie! Welche Demokratie? Postdemokratie kritisch hinterfragt, Marburg

Pelinka A.(2015): Die unheilige Allianz. Die rechten und linken Extremisten gegen Europa, Wien

Priester K.(2017a): Populismus in den Medien: Realität und Stigmawort, in: Hillebrand E.(Hrsg.): Rechtspopulismus in Europa. Gefahr für die Demokratie?, Bonn, 140-147

Priester K.(2017b): Das Syndrom des Populismus/bpb, 1/5-5/5 > http://www.bpb.de/politik/extremismus/rechtspopulismus/240833/das-syndrom-des-populismus (3.7.2018)

IT-Autorenbeiträge    

Die Autorenbeiträge dienen der Ergänzung der Thematik.


Netzwerk gegen Gewalt

http://www.netzwerkgegengewalt.org > Index:

Politische Bildung

Interkulturelle Kompetenz

Globales Lernen

Friedenslernen

Erwachsenenbildung

Medienarbeit

1968-2018

Zum Autor    

APS-Lehramt(VS-HS-PL), zertifizierter Schüler- und Schulentwicklungsberater, Lehrbeauftragter am PI des Landes Tirol/Berufsorientierung(1990-2002), Mitglied der Lehramtsprüfungskommission für die APS beim Landeschulrat für Tirol(1993-2002)

Absolvent des Instituts für Erziehungswissenschaft/ Universität Innsbruck/Doktorat(1985), des 10. Universitätslehrganges Politische Bildung/ Universität Salzburg-Klagenfurt/MSc(2008), der Weiterbildungsakademie Österreich/Diplome(2010), des 6. Universitätslehrganges Interkulturelle Kompetenz/ Universität Salzburg/Diplom(2012), des 4. Internen Lehrganges für Hochschuldidaktik/ Universität Salzburg/Zertifizierung(2016), des Online-Kurses "Digitale Werkzeuge für Erwachsenenbildner_innen"/ TU Graz-CONEDU-Werde Digital at.-Bundesministerium für Bildung/Zertifizierung(2017), des Fernstudiums Erwachsenenbildung/ Evangelische Arbeitsstelle Fernstudium-Comenius Institut Münster/Zertifizierung(2018)

Lehrbeauftragter am Institut für Erziehungs- bzw. Bildungswissenschaft/ Universität Wien/Berufspädagogik-Vorberufliche Bildung(1990/1991-2010/2011), am Fachbereich Geschichte/ Universität Salzburg/Lehramt Geschichte-Sozialkunde-Politische Bildung/Didaktik der Politischen Bildung(ab 2015/2016)

Kursleiter/Lehrender an den VHSn des Landes Salzburg in Zell/See, Saalfelden, Mittersill und Stadt Salzburg(ab 2012), stv. Leiter des Evangelischen Bildungswerks in Tirol(2004-2009, ab 2017)


MAIL dichatschek (AT) kitz.net

 
© die jeweiligen Autoren zuletzt geändert am 26. August 2018