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Religionswissenschaft

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Berner U. (2020): Religionswissenschaft, utb 5297, Göttingen


Christsein in der Moderne 16    

Aspekte einer Religionswissenschaft im Kontext interkulturell - religiöser Bildung    

Günther Dichatschek

Inhaltsverzeichnis dieser Seite
Christsein in der Moderne 16   
Aspekte einer Religionswissenschaft im Kontext interkulturell - religiöser Bildung   
Vorbemerkung   
Einleitung   
Teil I   
1 Bedeutung der Religionswissenschaft   
1. 1 Zugang zu Religionen   
1.2 Begegnung mit Religionen   
1.3 Religiöse Identität   
1.4 Persönliche Gestaltung   
1.5 Beziehung der Religionen untereinander   
1.6 Religionsvergleich   
Teil II   
2 Das Christentum   
2.1 Verhältnisbestimmung Christentum und Judentum   
2.1.1 Religion Israels   
2.1.2 Schriftentum   
2.1.3 Entwicklung einer Religion   
2.2 Entstehung des Christentums   
2.3 Trennung von Religionen   
2.4 Aspekte des Christentums   
2.4.1 Gestiftete Religion   
2.4.2 Glaubensreligion   
2.4.3 Personalreligion   
2.4.4 Religion der Gnade   
2.4.5 Erzähltes Evangelium   
2.4.6 Glaubensbekenntnis   
2.4.7 Gestaltungsformen   
2.4.8 Richtiges Verhalten im Christentum   
2.4.8.1 Konsequenzen für eine evangelische Ethik   
2.4.8.2 Ansätze evangelischer Ethik   
2.4.9 Mission   
2.4.10 Ausbildung - Vermittlung der Lehre   
2.4.11 Christliches Mönchstum   
2.4.12 Gesangsbuch - Kirchenmusik   
Teil III   
3 Das Judentum   
3.1 Religion - Geschichte   
3.1.1 Gewachsene Religion   
3.1.2 Geschichte   
3.1.2.1 Grundauffassungen   
3.1.2.2 Jüdische Perspektive - Geschichte   
3.1.2.3 Grundlagen des Jude - Seins   
3.2 Speisengebote   
3.3 Der Tempel   
3.4 Priester und Opfer   
3.5 Monotheismus   
3.6 Prophetie   
3.6.1 Auslegung der Weisungen   
3.6.2 Berufung des Propheten   
3.7 Komplexität des Judentums   
Teil IV   
4 Der Islam   
4.1 Der Beginn des Islams   
4.2 Grundlagen des Islams   
4.3 Mohammad und seine Bedeutung   
4.4 Raum und Zeit im Islam   
4.5 Mystik im Islam   
4.6 Vielgestaltigkeit des Islams   
4.7 Komplexität des Islams   
Teil V   
5 Lernfeld Interkulturelle Theologie   
5.1 Einführung   
5.2 Literaturhinweise/ Auswahl - Übersichtswerke   
5.3 Missionswissenschaft - Entwicklungen   
5.4 Erste Europäische Expansion   
5.5 Frühe protestantische Akzepte   
5.6 Akademische Institutionalisierung   
5.7 20. Jahrhundert   
5.8 Zwischenkriegszeit   
5.9 Nachkriegszeit   
5.9 Anfänge Interkultureller Theologie   
5.10 Literaturhinweise/ Auswahl - Missionswissenschaft   
Literaturverzeichnis   
Dokumentation   
Zum Autor   

Vorbemerkung    

Für die Evangelische Erwachsenenbildung/ EEB gehören theologische Ziele zum Selbstverständnis.

So wird beispielsweise die Theorie der EEB "[...]innerhalb der Praktischen Theologie (als ein) Teil einer übergreifenden Theorie kirchlicher Bildungsverantwortung, die die Handlungsfelder in Kirche und Gesellschaft umfasst, sich nach leitenden theologischen und pädagogischen Kriterien kohärent und einheitlich unbeschadet innerer Differenzierung begründet, Glaubensinterpretationen und Bildungskriterien grundsätzlich aufeinander bezieht und als wissenschaftliche Theorie hermeneutisch - kritisch einer immer schon theoretischen Praxis aufklärend und handlungsorientiert" beschrieben (NIPKOW 1991, 76).

Konzepte für neue Zugangsmöglichkeiten/ Bildungsangebote sind notwendig geworden (dialogische Formen - Seminare -Erkundungen - Projekte - Workshops - Studientage; Bedürfnisse von Kirchendistanzierten/ Themenwahl, Räumlichkeiten; Orientierung an der Lebenswelt der Adressaten; SCHRÖDER 2012, 500, 504-505).

Zunehmend gibt es differenzierte Erwartungen an Religion und Kirchen.

  • Jedenfalls nimmt der traditionelle "Kirchenchrist" ab. Hier ist anzusetzen.
  • Unterschieden wird bei Kirchenmitgliedern in
    • "Humanisten" (Pflege des kulturellen Erbes),
    • "Alltagschristen" (Übereinstimmung von Wort und Tat),
    • "Anspruchsvollen" (Individualität der Glaubensvorstellung und des Gottesbildes) und
    • "Jugendlichen" (Lust und Spontaneität - Distanz und Kritik).
EEB versteht sich als Zugang für Kirchendistanzierte (vgl. SCHÖER 2004, 38-39).

Die Forderung der EU nach "lebensbegleitendem Lernen" mit Weiterbildung ist in der EEB ausbaufähig.

Inwieweit eine Ehrenamtsausbildung ausreicht, ist klärungsbedürftig, weil es ebenso um die Gruppe der nebenamtlichen und hauptamtlichen Mitarbeiter/innen als Adressaten/innen geht.

Jedenfalls geht es um die Frage des Nachwuchses und der Verteilung der Tätigkeitsbereiche, um EEB durchführen zu können.

Einleitung    

Die Disziplin Religionswissenschaft behandelt Religionen in den Ausprägungen, Gestalten zu allen Zeiten. Das weite Feld und der Gegenstandbereich besitzt einen interkulturell - religiösen Bildungsanspruch.

Das Projekt einer Einführung in beispielhafte Religionen beruht auf

  • dem Autoreninteresse der Interkulturellen Kompetenz/ ICC mit dem Teilgebiet Weltreligionen,
  • innerchristlich dem interreligiösen Dialog als Anliegen und
  • globaler Phänomene im Kontext aktueller Bedeutung wie der Migration.
Übergreifende Themenstellungen sind die zentralen Schriften, Personen, Lebensordnungen und Ziele. Dieser Ansatz unterscheidet sich in einer religionsgeschichtlichen Darstellung (vgl. STOLZ 1988, HOCK 2006; SCHMITZ 2021, 15).

Die Vielzahl der Darstellungen, Ansätze und Lehre ergänzt die Vielzahl der Religionen und Bewegungen.

Die Unterschiede zeigen sich in der Bedeutung und Ausbreitung von weltweit/ Christen - Islam bis regional/ Hinduismus - Buddhismus und in den Phänomenen einer Globalisierung und Migration - Diaspora/ Judentum.

Andere Religionen sind weniger bekannt wie der Parsen oder der Jains.

Teil I    

1 Bedeutung der Religionswissenschaft    

1. 1 Zugang zu Religionen    

So unterschiedlich die Religionen sind, es verbindet sie ihre bis heute aktive Anhängerschaft. Sie gestalten und modifizieren sich und sind dynamisch. Religionen werden durch Personen und Gruppen ausgeübt. Von Autoreninteresse sind die Grundlagen des Christentums, des Judentums und Islams als Religionen von sozio - kultureller Bedeutung und besonderer Phänomene (vgl. SCHMITZ 1996/ 2009/ 2021).

  • Bei den Texten sind verschiedene Aspekte zu beachten. Zu unterscheiden ist, von wem die Texte geschrieben wurden und zu welchem Zweck bzw. sind es Originale oder wurden sie im Laufe der Geschichte modifiziert.
    • Es gibt auch Texte, die wie die Agende für die christliche Abendmahlsliturgie, die direkt im religiösen Gebrauch sind.
    • Weitere Texte bilden die Basis für eine ganze Religion wie der Koran ("Qur'an") für den Islam.
    • Andere Texte verstehen sich als Kommentare zu fundamentalen Texten, wie etwa hinduistische Auslegungen zur zentralen Schrift wie der Bhagavadgita, die Selbstaussagen von Anhängern sind (vgl. im Folgenden SCHMITZ 2021, 17 - 18).
  • Dazu gehört die Herkunft vieler Religionswissenschaftler als Orientalisten mit ihren Schwerpunkten in der Sprachkenntnis wie dem klassischen Arabisch oder Sanskrit, Alt - Chinesisch und Persisch. Demgegenüber gehört die Tätigkeit christlicher Missionare mit ihren Beschreibungen, auch wertneutralen deskriptiven Informationen.
1.2 Begegnung mit Religionen    

Im Zeitalter der Globalisierung und den Faktoren Migration, Tourismus und Austauschprogrammen ergeben sich eigene Begegnungen mit Religionen wie in Kirchen, Moscheen, Hindutempeln und Stätten weiterer Religionen.

  • Mitschüler, Mitstudierende, Mitarbeitende und Lehrende aus verschiedenen Kulturen leben gemeinsam in dieser Welt. Zunehmend wird Politische Bildung, Interkulturelle Kompetenz und kulturell - religiöses Grundwissen wesentlich.
  • Persönliche Verbindungen über religiöse Grenzen hinweg ergeben sich, wobei dies historisch schon im antiken Rom oder in der ostasiatischen Turfan - Oase nachweisbar ist. Aktuell sind beispielhafte Begegnungsstätten multireligiöser Lebensformen Metropolen wie New York, Chicago, Singapur und allgemein urbane Ballungszentren.
  • Über Lehrbücher hinweg ergibt sich der Zugang zu Religionen durch Internet und Filme (vgl. indische Filmindustrie).
  • Auch die internationalen Begegnungsmöglichkeiten in Kulturveranstaltungen und internationalen Sportveranstaltungen machen mit Gedankenwelten, Ritualen und Lebenspraktiken vertraut.
  • Auch materielle Gegenstände öffnen einen Zugang zu Religionen wie Klangschalen, christliche Heiligenbilder, Gegenstände und Gedenkorte in der Natur (vgl. Kapellen und Kreuze).
1.3 Religiöse Identität    

  • Die Religionswissenschaft als Fach ist nicht religiös oder religionsgebunden.
  • Ein Lernender und Lehrender agiert unabhängig von seiner bzw. einer Religionszugehörigkeit.
  • Selbstverständlich lassen sich Kontextzugehörigkeit, Religionszugehörigkeit oder religiöse Aversionen nicht ausschließen (vgl. SCHMITZ 2021, 20 - 21).
  • Wissenschaftlichkeit als systematische Suche nach neuem Wissen sowie die geordnete Sammlung und Dokumentation von Erkenntnissen mit überprüfbaren Methoden (wie Beobachtungen, Experimente), um Zusammenhänge zu erklären und bestehendes Wissen zu hinterfragen, sind Elemente auch einer Religionswissenschaft.
  • Interdisziplinarität zeigt sich in den Kontexten etwa zur Interkulturellen Kompetenz und Politischen Bildung (siehe Autoreninteresse).
1.4 Persönliche Gestaltung    

Ebenso erscheint es verteilhaft zu sein, über eigenes kulturell - religiöses Grundwissen zu verfügen. Dies in einem Umfeld einer Diaspora zu besitzen, ist eine persönliche Herausforderung (vgl. "Theologie für Ehrenamtliche").










1.5 Beziehung der Religionen untereinander    

Es ergibt sich für die Religionswissenschaft die Ebene von einem interreligiösen Kontext und Vergleich. So kann verstanden werden, dass Beziehungen zum Judentum und Islam religionsgeschichtlich vorhanden sind.

Die Relationen der drei Religionen Judentum - Christentum - Islam behandeln dieselben Themen wie Schöpfung durch einen Gott, Gesetzgebung, freie Tage, Gebete, Fasten, Almosen, Gericht und Schuld (vgl. SCHMITZ 2O21, 22 - 23).

Durch die Gegenüberstellung mit anderen Religionen wird das Eigentliche und Spezifische deutlich wie die Stiftung der Religion, eine Person, Entfaltung, Traditionen und Religionen mit langem Zeitraum.

1.6 Religionsvergleich    

Zu bestimmen ist, welche Gesichtspunkte und welche Umstände miteinander mit Texten, Gegenständen und Gedanken mit Personen und Gruppen verglichen werden können.

Teil II    

2 Das Christentum    

Nach Autorensicht wird bei der Darstellung der Religionen vom Christentum ausgegangen, da dies aus Gründen der Religionszugehörigkeit einen Beginn sinnvoll macht.

Die Religionswissenschaft sieht als Anknüpfungspunkt das Judentum, das aus dieser Perspektive Christentum und Islam ihren regionalen Beginn haben (vgl. SCHMITZ 2009).

2.1 Verhältnisbestimmung Christentum und Judentum    

  • Besondere Bedeutung der Begrifflichkeit für das Grundverständnis im wechselseitigen Verhältnis (vgl. im Folgenden SCHMITZ 2021, 63 - 65).
  • Es wird in diesem Zusammenhang von einem weiten Begriff ausgegangen.
    • Es wird von der Zeit der Mosesreligion bis zur Gegenwart ausgegangen.
    • Bezogen auf die kultisch - priesterliche Religion wird der Zeitraum bis zur Zerstörung des Tempels bezeichnet.
Danach wird das Judentum in das rabbinische - talmudische Judentum als Gelehrtenreligion oder das Judentum im engeren Sonn modifiziert.

2.1.1 Religion Israels    

Beide Religionen verstehen sich in diesem Sinne als legitime Nachkommen und als eigene und eigentliche Verwirklichung der Religion Israels.

So wurde der Messias - Gedanke der Religion Israels im Christentum modifiziert und auf Jesus als Christus als auch das vom Hebräischen "mashiah" lautlich abgeleitete "Messias" übersetzt der Gesalbte (vgl. Mk 14, 3-9).

Die Tora bleibt im Judentum Zentrum und sie bleibt in ihrer hebräischen Sprache die Grundlage für alle Auslegungen.

2.1.2 Schriftentum    

Im Christentum hat Christus zunächst diese zentrale Stelle eingenommen. Die Schriften des NT waren in Griechisch verfasst, damit in einer Sprache des gesamten Römischen Reiches, die allgemein verstanden werden konnte (vgl. das Christentum setzte auf "neue Medien", die in Form eines Buches leichter als in einer Schriftrolle in einer verständlichen "Weltsprache" zu lesen war).

Für das Verständnis eines neuen Glaubens setzte sich das Christentum mit der Gedankenwelt/ Ideenwelt der antiken Philosophie auseinander und integrierte ihre Art des Denkens und Argumentierens.

Das Judentum überließ dagegen dem Christentum mit der griechischen Sprache zugleich die griechischen Teile des AT und die Philosophie insgesamt. Dies gilt besonders für den bedeutendsten jüdischen Philosophen der Antike Philo von Alexandrien. Seine Gedanken beeinflussten etwa den Hebräerbrief im NT.

2.1.3 Entwicklung einer Religion    

Das Christentum entwickelte und verbreitete sich als eine neue Art der Religion (vgl. SCHMITZ 2021, 67)

  • in der Bestimmung des Glaubens mit lesbaren Schriften und
  • Öffnung mittels der darstellenden Kunst als Mittel Christus in allen Sinnen darzustellen.
  • Mit der Lehre von der Menschwerdung Gottes entfernte sich das Christentum von Anschauungen des Judentum und des später entstandenen Islams.
2.2 Entstehung des Christentums    

Im Gegensatz zum Judentum lässt sich der Beginn des Christentums - zumindest theoretisch - bestimmen. Der Glaube an Jesus Christus bildet die Basis.

  • Bereits im ältesten Evangelium/ Markusevangelium wird deutlich eine Trennung von Judentum und Christentum.
  • Die entscheidende Verbindung von Gott und Mensch oder zwischen Gott und seiner Schöpfung wird in Jesus Christus gesehen, in der Dogmatik des 4. Jahrhunderts formuliert, als wahrer Gott und wahrer Mensch.
  • Die Grundlage der Formulierungen findet sich in den Evangelien. So wird Jesus als Christus verstanden, als der eine Sohn Gottes (Mk 1.1). Er vergibt wie Gott Sünden (Mk 2.1 -12).
  • Er ist der Bräutigam, der sich seine Jünger (und Israel) anverheiratet (Mk 2,18 - 20).
  • Das Christentum die gesamte (biblische) Geschichte von der Geburt Jesu als Hinführung auf ihn als Christus und Sohn Gottes. Die israelitischen Feste werden ebenfalls in den christlichen Festkalender überführt. Sie erhalten ihren christlichen Inhalt (vgl. Pessach - Ostern).
2.3 Trennung von Religionen    

Religionswissenschaftlich ist es interessant, wie eine Religion aus dem Komplex einer anderen entsteht (vgl. Christentum - Judentum, Buddhismus - Hinduismus; vgl. SCHMITZ 2021, 70).

  • Es soll daher keine Rolle spielen, dass das Wort "religio" damals und bis in das 17. Jahrhundert eine andere Bedeutung hatte als das Wort "Religion" seit der Neuzeit hat (einheitliche Strömungen).
  • Es geht vorrangig um den Sachverhalt Trennung. Es werden Bedingungen und Prämissen gesetzt, die für den bereits vorhandenen Religionskomplex untragbar sind.
  • Konfessionen, Strömungen oder Sekten gehören derselbe Religion an und teilen ein gemeinsames Zentrum. Sie haben aber eine andere Ausrichtung (vgl. Orthodoxie - Kirchenvielfalt, Römisch - Katholische Kirche, Protestantismus/ Protestantismen - Ausprägung/ Zentrum Glaube an Jesus Christus).
2.4 Aspekte des Christentums    

2.4.1 Gestiftete Religion    

Das Christentum bildet auf seine Weise eine Religion eigenen Charakters (vgl. im Folgenden SCHMITZ 2021, 72). Es ist keine gewachsene, sondern eine gestiftete Religion.

  • Es hat einen spezifischen historischen Anfang und einen fassbaren Grund.
  • Es lässt sich an einem Moment festmachen. Es ist das Auftreten Jesu. Er wird von seinen Anhängern als Christus und Sohn Gottes, als Mittelpunkt der Zeit und als Erlöser gesehen.
  • Dieses Verständnis lässt eine neue Religion beginnen, wie sie in den Schiften des NT belegt ist und historisch fassbar wird.
  • Das Verständnis Christi knüpft an die Überlieferung der Religion des Alten Israels an.
2.4.2 Glaubensreligion    

Das Christentum ist eine Glaubensreligion. Der Glaube bezieht sich auf eine "frohe Botschaft" (Evangelium -"evangelion").

  • Es meint das Wirken Gottes in Jesus Christus zum Heil der Menschen (vgl. SCHMITZ 2021, 73 - 74).
  • Durch den Glauben an diese Botschaft und durch Christus wird der Glaubende mit eingeschlossen (vgl. 3. Kap im Römerbrief).
  • Er wird von seinen Schulden und Verfehlungen Gottes erlöst und in das Leben der Gemeinschaft mit Gott überführt. Dadurch entsteht ein neues Gottesverhältnis. In der Nachfolge Christi und Gemeinschaft versteht sich der "Glaube" als "Partizipation".
  • Mit der neuen Gestalt von Religion entsteht die Glaubensreligion. "Glaube" wird in den Schriften des NT modifiziert und in seiner neuen Bedeutung näher ausgeführt. Auch wird der Begriff "Messias" in den des "Christus" (christos) überführt und mit neuer Bedeutung versehen.
2.4.3 Personalreligion    

  • Das Christentum ist eine Personalreligion. Es steht nicht der Inhalt eines Buchs im Zentrum, vielmehr die Person Jesus Christus (vgl. Koran im Islam, Tora im Judentum). Die Bibel, besonders das NT wird zum Zeugnis von Jesus als dem Christus und Inhalt des Glaubens (vgl. SCHMITZ 2021, 74).
  • Die Loslösung der genealogischen Herkunft des Glaubenden ist ein wesentlicher Unterschied zu einer gestifteten Religion (vgl. 3, 35).
  • Von Interesse ist in diesem Zusammenhang der Grundsatz der Religionsfreiheit, der vom Grundverständnis der gestifteten Religion ausgeht.
  • Wer an Christus glaubt und sich das Heil zusprechen lässt, ist ein Christ.
  • Durch einen ritualisierten Akt wird durch das Sakrament der Taufe dies zum Ausdruck gebracht.
2.4.4 Religion der Gnade    

Das Christentum ist die einzige Religion, die in dieser Weise einen Glauben voraussetzt und sich in diesem erfüllt. Eine bekannte Form wird im 3. Kapitel des Römerbriefs zum Ausdruck gebracht. Prominentes Beispiel ist Paulus mit seinem Bekehrungserlebnis in der Apg 9, 1- 19, wo er zum Anhänger und Verkünder wird (vgl. SCHMITZ 2021, 75 - 76).

Das Gnadenhandeln Gottes wird den Glaubenden zugesprochen. Zu verstehen ist dies in der Hingabe Jesu Christi an die Menschheit und dem damit gegebenen und verwirklichten Zuspruch des Heils.

Die Evangelien zeigen Jesus als den Heilenden. Er heilt die Kranken, Blinden, Tauben, Lahmen, den Mann mit der verkrüppelten Hand, die Frau mit Blutfluss.

2.4.5 Erzähltes Evangelium    

Das Heilswirken und die Gnade wird in den Evangelien erzählt. Sie werden zur Geschichte, besonders sind es die Gleichnisse, die in christlichem Verständnis die Situation erzählen.

Sie zeigen den Einzelnen in seiner Existenzsituation und entfalten erst zur Qualität, wenn er Bestandteil der Geschichte wird.

2.4.6 Glaubensbekenntnis    

  • Da den Glauben im Christentum eine wesentliche Bedeutung zukommt, wurde von christlichen Gelehrten eine möglichst genaue Bestimmung zusammengestellt (Credendum).
  • Die kürzere Variante bildet die "apostolisch" genannte Variante, überkonfessionell formuliert in dem "Konstantinopolitischen Bekenntnis".
  • Es ist ein besonderes Charakteristikum einer Glaubensreligion, den Glauben möglichst genau zu definieren.
  • Es mag auffallen, dass im Bekenntnis keinerlei Aufforderung zur Handlung anklingt und es in diesem Sinne keine ethische, nicht einmal eine zwischenmenschliche Komponente hat (vgl. KELLY 1993, 295 - 296; SCHMITZ 2021, 78 - 79).
2.4.7 Gestaltungsformen    

Das Erlösungshandeln Christi wird praktisch in jedem Gottesdienst (in protestantischen Konfessionen hauptsächlich als Verkündigung) im sakramentalen Ritual der Eucharistiefeier dargestellt.

  • Nach biblischer Überlieferung wird dies als Abendmahl gefeiert.
  • Unterschiedlich werden zwischen den protestantischen Kirchen das Heilige nur prozesshaft und der Römisch - katholischen Kirche auch substanziell verstanden (vgl. SCHMITZ 2021, 81).
  • Die Eucharistie wird ebenso unterschiedlich vollzogen. Als Laienkirche im Protestantismus hat jeder Getaufte nach bestimmter Ausbildung das Recht auf religiöse Handlungen, dagegen muss im katholischen Ritus ein geweihter Priester das Sakrament spenden.
2.4.8 Richtiges Verhalten im Christentum    

Bisher wurde bei der Darstellung des Christentums kaum etwas zu Weisungen zum Handeln im weiten Sinn zur Ethik gesagt.

  • Voraussetzung bildet der Glaube an das Heil wirkende Handeln Gottes an seiner Schöpfung.
  • Auf dieser Grundlage sind ethische Vorstellungen erst verständlich und werden so begründet.
  • Der Glaube findet seinen Ausdruck und seine Gestaltung durch das ethische Handeln (vgl. SCHMITZ 2021, 84 - 85, 94 - 95).
2.4.8.1 Konsequenzen für eine evangelische Ethik    

Unter Beachtung der bisherigen Konzepte ethischer Dimensionen ergeben sich Folgerungen für evangelische Ethik.

Es geht zunächst um ein Zugestehen einer Sonderrolle in der Normsetzung und impliziert ein abgesichertes moralisches Wissen.

Negiert wird, dass Christen gleiche Probleme wie andere Menschen mit Vernunft lösen müssen (vgl. MÜLLER 2001, 21).

Theologische Ethik muss einen universalen Anspruch erheben können.

Im Folgenden werden Ansätze und der Kontext zur Gegenwart beschrieben.

2.4.8.2 Ansätze evangelischer Ethik    

Ansätze evangelischer Ethik werden im Folgenden verkürzt dargestellt, das Verhältnis zur allgemeinen Ethik bzw. von Ethik und Dogmatik soll dargelegt werden.

Zunächst wird auf Luther, Calvin und Schleiermacher eingegangen. Mit Herrmanns liberaler Ethik wendet man sich dem 20. Jahrhundert zu. Die einflussreichen Modelle von Barth und Bonhoeffer folgen. Thielecke als Vertreter eines lutherisch geprägten Ordnungsdenkens und Richs Versuch einer zeitgemäßen Sozialethik gilt ebenso das Interesse.

Die Konzeptionen von Trillhaas und Rendtorff beschließen entsprechend der gegenwärtigen Säkularität und Verbindung zur Lebenswirklichkeit im Kontext mit theologischer Intention die Ansätze.

Abschließend wird das Verhältnis von Ethik und Dogmatik beleuchtet.

Zwei - Regimenter - Lehre - Luther

Bei Martin LUTHER gehen alle Gesetze auf Gott zurück (vgl. den zu begründeten Verweis auf Röm 13,1 f. oder 1 Pet 2,13 f.; MÜLLER 2001, 22-27). Die Gesetze dienen der Regelung der zwischenmenschlichen Verhältnisse und richten sich an alle Menschen. Es klingt bereits die Lehre von den zwei Regimentern an.

Im Reich der Welt geht es ein friedliches Zusammenleben und die Ausrichtung auf das Gute. Ziel ist der äußere Frieden.

Im geistlichen Reich geht es um den Heiligen Geist im Herzen. Ziel ist Rechtschaffenheit. Das Bild des guten Baumes mit guten Früchten symbolisiert das Tun des Guten und leiden am Unrecht.

Beide Regimenter beziehen sich auf die Sündhaftigkeit des Menschen, so dass sie notwendig sind.

Das Verhältnis zur weltlichen Obrigkeit ergibt sich

  • aus der Verantwortung im Welthandeln des Christen,
  • aus dem Evangelium,
  • seiner Eignung um ein Amt der Obrigkeit und
  • der Beförderung der Wohlfahrt (vgl. Luthers Ansicht in der Kontinuität des Glaubens durch Liebe bei 1 Kor 10,3 und 12,13).
Aus dem Glauben folgt die Liebe zu Gott und daraus ein Leben, in dem man dem Nächsten umsonst dient ("freier Dienst").

Dieses Handlungsverständnis im Kontext zum Glauben steht eng zum ersten Gebot als Form eines Zutrauens zu Gott.

Alles was man tut ist Gott zu gefallen, selbst der Müßiggang (vgl. 1 Kor 10,31 oder Röm 8,28).

Durch die Verschiedenheit der Menschen bedarf es einer Unterweisung im Glauben. Daraus ergibt sich ein Erziehungsauftrag.

Luthers Ethik stellt kein weltliches Regiment für ein christliches Leben auf der Welt auf. Im geistlichen Regiment hat man dem Gesetz der Liebe, dem Verzicht auf Durchsetzung eigener Rechte und Eintreten für den Nächsten zu folgen. Allein der Glaube macht den Menschen rechtschaffen, nicht die Werke. Diese biblisch begründete Ethik besitzt einen universalen Bereich auf alle Menschen und versucht damit, das Verhältnis zum Nächsten, zur Obrigkeit (Staat) und zu Gott zu sehen (vgl. die Vorausgesetztheit Gottes im Handeln).

tertius usus legis - Calvin

Durch den Sündenfall besitzt nach Johannes CALVIN der Mensch keinerlei Rechtschaffenheit mehr, trotzdem soll er belehrt werden und sich nach dem Guten bemühen (vgl. CALVIN 1984, II, 2,1). Ausdrücklich schließt er sich mit seiner Ablehnung des freien Willens Augustin an, für den der freie Wille mit dem Sündenfall verloren ist, womit der Mensch aus eigener Kraft nicht mehr zur Gerechtigkeit beitragen kann (vgl. CALVIN 1984, II,9; als biblische Begründung etwa Ps 147, 10f., Jes 40,29,31). Menschliche Gerechtigkeit wird negiert.

Vernunft und Wille gehören jedoch zur Natur des Menschen, weshalb sie durch den Sündenfall nicht vollständig zerstört werden. Rudimentär verbleiben beide Bereiche, wobei nach Calvin der Mensch bei irdischen Dingen ein gewisses Erkenntnisvermögen besitzt. Vernunft wird als besondere Gottesgabe anerkannt (vgl. CALVIN 1984, II, 2, 13-14).

Vernunft ist nicht autonom gedacht, weil das Gesetz der Schöpfung alles bewegt. So können Christen Erkenntnisse von Nichtchristen als Gabe Gottes entgegennehmen, da Gott in ihnen wirkt und durch sie seine Gnade zeigt (vgl. MÜLLER 2001, 28).

Calvin beschreibt die Vernunft gegenüber den Dingen des Reiches Gottes als unfähig, Gott von sich aus zu erkennen (vgl. Joh 1.4). Nur wer Christus im Glauben annimmt, ist aus Gott geboren (vgl. Joh 1.13)(vgl. CALVIN 1984, II, 2, 18-21).

Rechte Lebensführung durch Vernunft vermerkt Calvin als ein gewisses lex naturalis (vgl. CALVIN 1984, II, 2,22; Röm 2,14).

Sündhafte Menschen streben dennoch nach Tugenden. Hier verbirgt sich ein von Gottes Vorsehung gesteuertes Verhalten, dass die Sündhaftigkeit nicht schrankenlos werden lässt (vgl. MÜLLER 2001, 29).

Um zu wirklich Gutem sich zu wenden, ist der Mensch auf Gottes vorgängigem Handeln angewiesen. Dieser neue menschliche Wille ist ein Geschehen göttlicher Gnade. Als Geschenk Gottes ist er der Verfügungsgewalt des Menschen entzogen. Diesen Gedanken von der nur von Gott vermittelten Ursprünglichkeit des Guten drückt Calvin in der Vorstellung der Erwählung aus (vgl. CALVIN 1984, II, 3,8).

Gottes Gnade wird nicht allen Menschen gegeben. Wem sie nicht gegeben wird, dem bleibt die Gnade und die Fähigkeit zum Guten nach Gottes gerechtem Urteil verwehrt. Damit wird die Bedeutung des Gedankens der Prädestination im Denken Calvins deutlich (vgl. CALVIN 1984, II, 3,14).

Im Gesetz/ Dekalog als Richtschnur gerechten Lebens wird das Volk in Erwartung Christi gehalten. Christus ist das Ende des Gesetzes. Es lehrt die vor Gott geltende Gerechtigkeit. Gott nimmt den Menschen in Gnade an. Diese kann man sich nur im Glauben schenken lassen (vgl. MÜLLER 2001, 30).

Menschen können zunächst nicht das Gesetz erfüllen. Es überführt sie im usus elenchticus/ theologicus als Sünder (vgl. MÜLLER 2001, 31).

Im usus politicus werden die Menschen aus Furcht vor Strafe zur Ordnung gehalten.

Im usus in renatis erkennen die Menschen einen Nutzen im Gesetz. Mit der Erfüllung wird das Ziel des Tuns gezeigt (vgl. Mt 5,17f.).

Der Gedanke der Erwählung in Verbindung mit dem tertius usus legis zeigt, dass der Mensch durch Reflexion auf das Gesetz und sein Handeln durch den Glauben sich des "rechten Tuns" und bei Gott der "Belohnung zu erwarten hat" (vgl. die Verwendung des syllogismus practicus, durch den die Menschen ihrer Heiligung und Erwählung sich vergewissern können). Damit erhält das Gesetz die Bedeutung, dass die Menschen sich demütig und nach den Regeln der Gerechtigkeit verhalten sollen.

Anders als bei Luther wird bei Calvins Ethik die Bedeutung der Gebote für das Verhalten in der Welt betont (vgl. die Macht Gottes, unbedingter Gehorsam). Damit kommt es zur einer geringeren Einschätzung des weltlichen Gesetzes als Erhaltung der äußeren Ordnung. Stärker als bei Luther wird das alttestamentliche Gesetz betont.

Eine Reflexion zu Nichtchristen wird nicht angestellt. Die Abstufung zur weltlichen Ordnung zeigt, dass für Calvin nur die christliche Ethik maßgeblich ist (vgl. Gesetz im tertius usus als Richtschnur).

Kulturbezogenheit in der Ethik - Schleiermacher

Friedrich SCHLEIERMACHER legt theologische Ethik wissenschaftlich aus und bestimmt ihr Verhältnis zur Dogmatik und philosophischen Ethik (vgl. SCHLEIERMACHER 1999; MÜLLER 2001, 32-42).

Christliche Sittenlehre/ Ethik wird als Zusammenfassung der Regeln bestimmt, wonach sich ein Mitglied der christlichen Kirche das Leben gestalten soll.

Christliche Sittenlehre/ Ethik steht christlicher Glaubenslehre und philosophischer Ethik gegenüber (vgl. MÜLLER 2001, 32-33).

Christliche Sittenlehre/ Ethik bezieht sich als besondere Lehre nur auf Christen, während die philosophische Ethik als Gesamtlehre mit allgemeiner Gültigkeit ihr gegenübersteht.

Für Schleiermacher kann die Differenzierung nur aus der christlichen Lehre begründet werden.

Grundvoraussetzungen für eine Entwicklung christlicher Lehre liegt in Christo, in welchem ursprünglich dasjenige ist, was Menschen zu Christen macht.

Schleiermacher behandelt das Verhältnis zwischen religiöser und philosophischer "Sittenlehre"/ Ethik (vgl. MÜLLER 2001, 34).

Das Christentum geht von der Voraussetzung aus, alle Gegensätze in sich überwunden zu haben. Religiöse Ethik setzt religiöse Motivation voraus.

Philosophische Ethik besitzt universelle Tendenz, daher nimmt sie religiöse Ethik auf, während diese sich in ihrer "Besonderheit" (eher) abschließt.

Es ergibt sich nunmehr die Frage bei christlichem Selbstbewusstsein nach einer Handlungsorientierung (Impuls für Handeln). Schleiermacher spricht von Lust nach "Seligkeit" (Gemeinschaft mit Gott) und Unlust als Negation der Gemeinschaft. Je nach Alter ("Lebensstufe") geht um Momente der Annäherung oder der Negation.

Handeln wird differenziert in wirksames Handeln als Zustandsänderung (etwa Erziehung in Familie und Kirche vs. Strafe, Zucht, Buße) und

darstellendes Handeln als innere Bestimmtheit des christlichen Bewusstseins (etwa Kirche/Gottesdienst und Staat/Geselligkeit) unterteilt.

Im Gegensatz von Geist und Fleisch wird die Relation von individuellem und göttlichem Geist erfasst (vgl. SCHLEIERMACHER 1999, 60-61).

Individuelle Vernunft ist als mitwirkend mit dem universellen göttlichen Geist anzusehen.

Handeln im christlich bestimmten Selbstbewusstsein wird durch das Verhältnis zwischen Universellem und Individuellem verwirklicht. Handeln versteht sich als individuelle Verwirklichung des christlichen Selbstbewusstseins.

Evangelische Ethik setzt eine Fortentwicklung von Regeln voraus, was auf einer entsprechenden Auffassung von Kirche beruht (vgl. ein Denken als bewegliches Ganzes, als Fortschreitung und Entwicklung; SCHLEIERMACHER 1999, 72).

"Jeder Fortschritt ist ein richtiges Verstehen dessen, was in Christus gesetzt ist" (MÜLLER 2001, 38). Mit dem Kircheneintritt anerkennt man ihre Regeln und ordnet das persönliche Bewusstsein dem gemeinsame unter (vgl. SCHLEIERMACHER 1999, 74).

Theologische Ethik erhält in der Form der Pflichtenlehre eine imperative Form mit der Beschreibung der Tugend und des Reiches Gottes als Ergänzung (vgl. SCHLEIERMACHER 1999, 79).

Es bedarf einer Fertigkeit bzw. eines Habitus ("Erziehung"), die dem Prinzip christlichen Lebens entspricht, damit wirksames und darstellendes Handeln erfolgt. Dies bestätigt sich in einer Kirche mit der Zugehörigkeit seit der Geburt (vgl. SCHLEIERMACHER 1999, 84).

Biblische Lebensvorschriften beziehen sich auf damalige Verhältnisse, daher müssen sie aktuell übersetzt werden, wenn man sie richtig anwenden will (vgl. SCHLEIERMACHER 1999, 94).

Schleiermachers Ethik ist keine biblische Ethik, sie setzt christologisch ein. Vermittelt durch den Heiligen Geist sammeln sich Menschen in der Kirche, womit es zu einem ekklesiologischen Bezug des Denkens kommt. Durch das Verhältnis von Einzelnem und Allgemeinen werden universale und individuelle Ausprägungen durchgeführt. Dies zeigt sich in verschieden Kirchentümern und differenter Sozialisation. Der theologische Ansatz setzt bei der Subjektivität an (vgl. die Bedingungen der jeweiligen Zeit und Personalität). Kulturelle Bezüge werden berücksichtigt. Durch die Religiosität aller Menschen kommt es zur angemessenen Berücksichtigung philosophischer Ethik mit Priorität religiöser Ethik im jeweiligen Kulturraum in räumlich-zeitlicher Gestalt einer christlichen Sitte (vgl. MÜLLER 2001, 42).

Sittlichkeit - Herrmann

Wilhelm HERRMANN (1909) erkennt im Zusammenhang von Sittlichkeit und Religion keine besondere theologische Ethik, "[...]da dann die Sittlichkeit nur religiösen Menschen einleuchten könnte" (MÜLLER 2001, 42; vgl. HERRMANN 1909, 3).

So würde das Christentum exklusiv behaupten, zwischen Gut und Böse unterscheiden zu können und den allgemeinen Begriff von Gut in Frage stellen.

Der Mensch kann nur auf dem Weg der sittlichen Erkenntnis zur Religion kommen, die mehr als Wunsch ist. Damit ist Sittlichkeit Basis der Religion.

Mit der Zurückweisung einer eigenen evangelischen Ethik verneint Herrmann keineswegs die Bedeutung der Religion im Kontext mit der Ethik, vielmehr richtet er sich gegen die Trennung von philosophischer und theologischer Ethik im Sinne Schleiermachers und lehnt den Vollzug sittlicher Ideen allein in christlichen Gemeinden ab.

Es wird deutlich, dass Herrmann diese Trennung aufheben und gleichzeitig die Bedeutung der Religion aus dem ethischen Zusammenhang erheben will. Dieser Gedankengang bringt Herrmann mit der Erkenntnis der Reformation als persönliche Befreiung des sittlichen Willens zusammen. Damit besteht das sittliche Verhalten nicht mehr in der Praxis menschlicher Natur oder im Gehorsam überlieferter Gesetze (vgl. HERRMANN 1909, 6).

Reformatorische Bedeutung für die Ethik besteht vielmehr im Grundsatz, dass Glaube als Erneuerung Impuls und Kraft zu einer neuen Tätigkeit wird (vgl. HERRMANN 1909, 3).

Christlicher Glaube wird nicht als etwas Endgültiges angesehen, vielmehr als eine ständige Überwindung von Unselbständigkeit und Schwäche verstanden (vgl. HERRMANN 1909, 8). Damit weist Herrmann darauf hin, christliche Ethik nicht auf den Glauben zu beschränken, sondern die Lebensgestaltung zu beachten.

Eigentliches Anliegen sei eine Verbindung von philosophischer Ethik und Sittlichkeit, womit eine Realisierung sittlichen Wollens das eigentliche Anliegen der Religion sei(vgl. HERRMANN 1909, 9-10). Sittlichkeit ist der Weg zur Religion.

Religion als Erfahrung wird als innere Kraft angesehen, die es ermöglicht, sich mit sittliche Gedanken auseinanderzusetzen. Der Mensch bezieht zum sittlichen Gesetz eine religiöse Stellung. Auf diese Weise erreicht der Mensch eine innere Selbständigkeit (vgl. HERRMANN 1909, 90-91).

Im Glauben empfangen die Menschen Vergebung.

Nach Herrmann war es nicht die Intention Jesu, ein neues Gesetz zu schaffen, vielmehr den Menschen durch den Bezug zu Gott zu einer besseren Gerechtigkeit zu verhelfen. Diese besteht in der Umsetzung der sittlichen Gesinnung im Handeln (vgl. das Doppelgebot von Gottes- und Nächstenliebe bzw. die Goldene Regel, womit der Gemeinschaftsbezug[verstanden als Familie, Kulturgesellschaft und Staat] dieses ethischen Ansatzes deutlich wird; vgl. HERRMANN 1909, 157-162, 172-214).

Die Ethik Herrmanns ist keine biblische Ethik. Sie beschreibt das Sittliche als kulturelle Differenz von der Natur. Alle Menschen können sie erlangen. Der religiöse Bezug ist wesentlich, weil er die Allmächtigkeit Gottes vermittelt. Wie das Doppelgebot zu realisieren ist, bleibt den Menschen selbst überlassen. Die Aufgabe der Ethik ist eine Verbesserung der Lebensumstände (vgl. HERRMANN 1909, 174). Die Gesinnung aus dem Glauben soll in ein Handeln überführt werden. Soziale Bezüge dieser Ethik zeigen sich in der Familie bzw. der Berufstätigkeit der Frau, der Kulturgemeinschaft und im Staat (vgl. HERRMANN 1909, 193-196).

Gottes Gebot - autonome Ethik - Barth

Karl BARTH vertritt eine exklusiv und dogmatisch ausgerichtete Ethik (vgl. BARTH 1973, 1978; BARTH 1991; MÜLLER 2001, 46-50).

Zurückgewiesen wird die Möglichkeit einer allgemeinen Ethik, da die ethische Frage durch die Gnade Gottes beantwortet wird. Eine allgemeine Ethik wäre der Versuch, sich der Gnade eigenmächtig zu entziehen und wäre damit Sünde.

Voraussetzung ist die Prädestinationslehre als Lehre von der Gnadenwahl, zu der als weiteres Element die Lehre von Gottes Gebot kommt. Gott ist nur in Jesus Christus erkennbar.

Die Erwählung bedeutet für den Menschen, dass Gott über ihn herrschen will und seine Bestimmung von hier zu verstehen ist (vgl. BARTH 1991, 567; Mt 5,48 als Hinweis der Gnadenwahl als Gebot).

Für Barth sind Gnadenwahl und Ethik aufeinander bezogen. Die ethische Frage nach dem Guten im Handeln wird mit der durch das Gesetz als Evangelium besonderen Aufgabe der Dogmatik beantwortet (vgl. BARTH 1991, 568). Dogmatik und Ethik sind integriert.

In diesem Ansatz bestimmt Barth das Gute nicht autonom, vielmehr sieht er die ethische Frage in der Bezeugung der Offenbarung und des Werkes der Gnade Gottes ausgedrückt. "Kurz: Die Gnade Gottes ist die Beantwortung des ethischen Problems, indem sie die Menschen unter Gottes Gebot stellt, ihrer Selbstbestimmung die Vorherbestimmung gibt, den Geboten Gottes gehorsam zu werden. Damit ist jegliche autonome Ethik zurückgewiesen" (MÜLLER 2001, 47).

In Jesus geschieht das Gute. Der Mensch wird nicht durch die eigene Wahl des Guten gut, sondern durch Gehorsam und die Aufgabe der Autonomie. Ethik kann demnach nur durch die Gnade Gottes entwickelt werden. "Autonome Ethik bedeutet, sich dieser göttlichen Gnade entziehen zu wollen" (MÜLLER 2001, 48).

Barth weist daher das Nebeneinander von philosophischer und theologischer Ethik, etwa bei Schleiermacher, zurück.

Eine theologische Ethik nach Barth achtet darauf, inwieweit menschliches Handeln der Gnade Jesu Christi entspricht und sie verherrlicht, jedoch nicht nach Gut und Böse fragt. Damit gibt es keine Selbsterkenntnis und keinen anderen Bezug außerhalb dieser Konzeption (vgl. BARTH 1991, 603).

Im Kontext des Hören des Wortes Gottes und als Hörer dem entsprechenden Handeln ergibt sich die Summe christlicher Ethik.

Göttliches Handeln geht menschlichem Handeln voran(vgl. BARTH 1991, 609). Der Mensch ist nicht Subjekt, vielmehr als Prädikat zu verstehen.

Ethik ist kein abstraktes System, vielmehr als Erkenntnisweg zu verstehen (vgl. BARTH 1984, 49-82). Im Bild von Christengemeinde und Bürgergemeinde sieht Barth die Christengemeinde als inneren Kreis, der auf den äußeren Kreis der Bürgergemeinde wirkt, womit die weltliche Gerechtigkeit analog zum kirchlich verkündeten Reich Gottes gesehen wird (vgl. BARTH 1984, 65-66).

Die Ethik Barths führt zur Exklusion aller autonomen und philosophischen Ethik, auch christlicher Versuche von christlichem Selbstbewusstsein und eines Idealbildes christlichen Lebens. Ethik ist keine eigene Entscheidung des Menschen über Gut und Böse, vielmehr die Antwort Gottes in der Person Jesus Christus. Die Verschränkung von Dogmatik und Ethik zielt auf eine christologische Begründung menschlichen Handelns und damit bekenntnishaften Charakters. Aus der Sicht Politischer Bildung sieht man, dass hier weitere politische und/ oder sozialwissenschaftliche Analysen nicht gestellt werden.

Mandatenlehre - Bonhoeffer

Neben dem Widerstand gegen den Nationalsozialismus zeichnet Dietrich BONHOEFFER eine auf Luther stützende Ethik mit anderer Gestalt als einer Ordnungstheologie aus (vgl. BONHOEFFER 1998a, 1998b; MÜLLER 2001, 51-55). Hier geht es um die Bedeutung seiner Mandatenlehre, deren Merkmale dargestellt werden.

Der christologische Ansatz der Konzeption geht vom Willen Gottes aus, wenn es um den Bezug von Ich und Welt gehen soll (vgl. BONHOEFFER 1998a, 32-33).

Die Frage nach dem Guten findet nur in Christus ihre Antwort.

Daher ist christliche Ethik nicht von der Wirklichkeit eines Ichs, der Welt oder von Normen und Werten her beschreibbar, vielmehr von der Wirklichkeit Gottes in der Offenbarung Jesu Christi.

Das Problem der Realisierung ist das eigentliche Problem einer christlichen Ethik.

Das Gute vom Menschen ist weder sozial-, gesinnungs- noch verantwortungsethisch lösbar, vielmehr christologisch in der menschlichen Teilhabe an der Wirklichkeit Gottes zu verstehen (vgl. BONHOEFFER 1998a, 33).

Mit Jesus Christus ist der Ort die Wirklichkeit der Welt gegeben. Damit widerspricht Bonhoeffer der Zwei - Reiche -Lehre, die von zwei nebeneinander stehenden Räumen ausgeht (vgl. BONHOEFFER 1998a, 40-41).

Die Beziehung der Welt auf Christus geschieht in den vier biblisch begründeten Mandaten der Arbeit, Ehe, Obrigkeit und Kirche, durch die Gott die Menschen beauftragt. Durch die Auftragsbestimmtheit bevorzugt Bonhoeffer den Begriff der Mandate gegenüber dem der Ordnungen (vgl. BONHOEFFER 1998a, 54-55).

Arbeit, Ehe und Obrigkeit betreffen die Gestaltung menschlichen Lebens in der Welt.

Kirche betrifft die Wirklichkeit Jesu Christi in Form der Verkündigung, kirchlicher Ordnung und christlichem Leben(vgl. BONHOEFFER 1998a, 59). Betont wird hier der ausschließliche Teilhabe am Willen Gottes, was allein im Glauben an Jesus Christus geschieht (vgl. BONHOEFFER 1998a, 61).

Der Glaube wird als Rechtfertigung des Sünders aus der Gnade bestimmt. Die Rechtfertigung ist die letzte Wirklichkeit, durch die zugleich die vorletzten Dinge der Welt gerichtet werden.

Daraus ergibt sich, dass Bonhoeffer seine Ethik nicht in der Autonomie ansetzt, vielmehr in einer "Ermächtigung" (Gebot/ Erlaubnis Gottes) sieht (vgl. BONHOEFFER 1998a, 374). Aus der göttlichen Erlaubnis ergibt sich die Bejahung der Freiheit in Form eines umfassenden Mitlebens in der Welt mit den vier Mandaten (vgl. BONHOEFFER 1998a, 392-393). Die Ethik Bonhoeffers ist christozentriert und versteht sich vom Gebot Gottes, das durch das Versöhnungshandeln Gottes dem Menschen das Gebot des Tuns eröffnet. Der Mensch nimmt die Funktion des Evangeliums wahr.

Das Handeln beruht auf der Ermächtigung durch Gott. Die Kirche überträgt diese Auffassung in der Verkündigung und im Prediger (vgl. BONHOEFFER 1998a, 400). Umgesetzt werden die Gebote/ Erlaubnis in den vier Mandaten, die autonome Ethik negieren.

Interimsethik - Thielecke

Helmut THIELECKE hat als Grundlage seiner Ethik den lutherischen Rechtfertigungsglauben. Modifiziert wird die Konzeption durch die Auffassung von der Notverordnungen, wobei dies als Beispiel gilt, dass eine an der Zwei - Reich -Lehre orientierte Ethik keineswegs eine Bejahung der Eigengesetzlichkeit des Staates bedeuten muss. Vielmehr kann dies zu einer kritischen Reflexion führen (vgl. THIELECKE 1981/1986/1987).

Mit der Taufe und Vergebung der Sünden stellt sich die Frage, wie man vom Glauben zum Handeln kommt.

Christen bleiben im alten Äon (Zeitraum), stehen also in der Kontinuität bzw. Diskontinuität der Welt.

Das simul iustus et peccator Luthers transportiert Thielecke in ein peccator in re iustus in spe, so dass die Ethik eine eschatologische Perspektive erhält.

Mit dem "gleichzeitig/ simul" wird das ethische Problem bezeichnet, denn in der christlichen Existenz der Sünder ändert sich vieles.

Für die Ethik ist der Spannungsbogen zwischen altem und neuen Äon wesentlich. Thielecke geht es um ein Verändern durch die Zeit in Form von Vergehen und Anbruch.

Ziel der Ethik ist das Aufzeigen der Spannung und ein Benennen, wie man im neuen Äon handeln könnte.

Mit und durch der Rechtfertigung(Gabe), auf die der Mensch angewiesen bleibt, drückt sich in der Folge das Handeln aus. Es bedarf einer Versöhnung mit dem Glauben. "Hier ist von einem neuen Gehorsam die Rede, da das alte Ethos durch das Christusereignis verändert ist und sich auf die zum Ereignis gewordene Gegebenheit der Rechtfertigungstatsache bezieht"(MÜLLER 2001, 56).

Thielecke löst die Frage so, dass die guten Werke, die dem Glauben folgen, nicht Produkte der Subjektivität sind, vielmehr Wirkungsweisen des Heiligen Geistes und damit einen Beginn im Glauben und nicht in einer Norm/einem Gesetz haben(vgl. THIELECKE 1981/1986/1987, 113-114).

Allerdings muss das Gesetz die Sünde offenbar machen, den Sündenfall offenbar machen und den Menschen aus der Anfechtung herausrufen(vgl. Gen 9).

Genau umgekehrt bedeutet theologische Ethik eine Kritik am Satz Kants "du kannst, denn du sollst". In der Bergpredigt zeigt sich die entgegengesetzte Erfahrung des "ich soll, aber ich kann nicht"(vgl. THIELECKE 1981/1986/1987, 290).

Die Menschlichkeit der Ordnungen ist gegensätzlich zum naturrechtlichen Denken. Mit dem ersten Gebot im Dekalog, indem Gott vorangestellt wird, wird gegen falsche Vorstellungen des Menschen protestiert. Der Dekalog setzt den Sündenfall voraus und steht im Dialog von Gott und dem Menschen. Es wird von einem positiven Menschenbild ausgegangen.

Die Schöpfungsordnung wird als "Notverordnung" in Form einer Schutzordnung angesprochen(vgl. THIELECKE 1981/1986/1987, 715). Sie erhebt keine ethische Neuordnung des Menschen, vielmehr ein Veto gegen bestimmte gesellschaftliche Strukturen(vgl. das Beispiel der Ökonomie die rücksichtlose Expansion in alle Lebensgebiete im Kapitalismus und im Kommunismus die Kollektivierung des Menschen und die daraus entstehende Entpersönlichung und Verdinglichung(vgl. MÜLLER 2001, 59).

Die Ethik Thieleckes geht theologisch von der Rechtfertigung aus und bestimmt die Menschen als Sünder.

Der Interimscharakter dieser Ethik bildet einen Gegenpol zur philosophischen Ethik, die vom Ich ausgeht und eine aus dem Naturrecht gültige Ordnung formuliert.

Thielecke kritisiert diesen Ordo - Gedanken und findet in dem Begriffen Notordnung bzw. Schutzordnung seinen Ausdruck. Mit der Geltung des noachitischen Bundes gibt es Ordnungen, die nur im glaubenden Gegenüber der Christen zu Gott formuliert werden können.

Im Spannungsfeld der Äonen geht es um die Glaubenstatsache, dass alles menschliche Handeln Vergebung benötigt.

Am Beispiel der Ökonomie wird das Gegenüber von Mensch und Gott aufgezeigt, wobei Unrechtsformen formuliert werden. Dieser Versuch einer theologisch-ethischen Konzeption wird in einen eschatologischen Rahmen gesetzt.

Sozialethik - Rich

Arthur RICH entwirft am Beispiel der Wirtschaftsethik eine Sozialethik, die die Situation der säkularen Welt betrifft. Der theologischen Ethik kommt hierbei keine Letztbegründung des Handelns zu. Sie hat in der allgemeinen sozialethischen Diskussion ihre Anliegen zu vermitteln (vgl. RICH 1991; MÜLLER 2001, 60 - 65).

Mit der Zweidimensionalität der ethischen Grundfrage; die sich einerseits mit der Gewohnheit zur Norm nach dem Soll und andererseits fraglicher Konventionen mit dem Relativen auseinandersetzt, ordnet RICH das Ethos der Gewohnheiten dem Relativen und das des Sollens dem Absoluten zu (vgl. RICH 1991, 15). Beides soll nicht gegenseitig ausgespielt werden. Der gesellschaftliche Wandel unterbricht jede Letztbegründung der Ethik.

RICH grenzt die Normfrage vom Naturrecht, der Kritischen Theorie und dem Kritischen Rationalismus streng ab.

Normen können naturrechtlich nicht abgeleitet werden (Kritik an der Ableitung der Norm aus dem Sein), vielmehr müssen sie begründet werden können, daher können keine allgemein verbindlichen Werte postuliert werden.

Sehr wohl gibt es aber subjektive Grundanliegen, dies sich im Überzeugungserleben der Menschen gründen und deshalb keiner allgemeinen Begründung bedürfen (vgl. RICH 1991, 97). Dadurch wird jeder Dogmatismus bei einer Urteilsbegründung abgewehrt, aber auch jeder ethische Relativismus (vgl. RICH 1991, 97).

Ethisches hat eine sachliche und alles Sachliche eine ethische Komponente, daher kann nicht menschengerecht sein, was nicht sachgemäß ist und umgekehrt (vgl. RICH 1991, 81-82). Eine Normbildung setzt ein subjektives Grundanliegen voraus, daher kann das Menschengerechte nur auf der Ebene personenbestimmter Erfahrungen jenseits wissenschaftlicher Beurteilung bezeichnet werden (vgl. RICH 1991, 102-103). Kriterien des Menschengerechten lassen sich niemals endgültig festlegen.

Werturteile können nur aus einer Erfahrungsgewissheit formuliert werden. Für RICH sind dies Glaube, Liebe und Hoffnung, die zugleich allgemein verständlich sind. Glaube als Vertrauensakt hängt mit Hoffnung eng zusammen. Liebe ist Vertrauen und Hoffnung in einem (vgl. RICH 1991, 106).

Die Kriterien des Menschengerechten werden von RICH theologisch erklärt.

Kriterium der Geschöpflichkeit (RICH 1991, 173-179) - Mensch ist nicht Herr der Schöpfung

Kriterium der kritischen Distanz (RICH 1991, 179-181) - kritische Distanz zur Welt

Kriterium der relativen Rezeption (RICH 1991, 181-184) - Bezugnahme zu Röm 13.1-7, relative Sicht der Welt

Kriterium der Relationalität (RICH 1991, 184-192)- zeitliche Gebundenheit der Wertvorstellungen

Kriterium der Mitmenschlichkeit (RICH 1991, 192-193) - Verankerung in der Geschöpflichkeit und Partizipation an der Natur (RICH 1991, 196-200).

RICH weist auf den Zusammenhang mit der Gerechtigkeitslehre von John RAWLS hin, die er für übereinstimmend mit seinem Ansatz hält (vgl. RICH 1991, 207-221).

Er unterstellt, dass Rawls nicht nur eine formale, sondern auch eine materiale Bestimmung sozialer Gerechtigkeit in Gerechtigkeitsgrundsätzen beabsichtigt.

Übereinstimmung gibt es in der Anerkennung anderer Menschen als freie und gleiche Personen sowie im Differenzprinzip mit ökonomischen Unterschieden.

Kritik gibt es an der Vorrangregel der Freiheit, der Solidarität entgegengesetzt wird (vgl. RICH 1991, 214-217).

In der Folge kommt es bei RICH zu Überlegungen mit anschließenden Maximen, die die Normen der Kriterien mit einem rationalen Anspruch des Sachgemäßen in fünf Schritten verbinden: Problemstellung-Sichtung?? von Gestaltungskonzepten-normenkritische Klärung-Bestimmung?? der Richtpunkte-kritische Prüfung (vgl. RICH 1991, 214-217). Im Kontext mit Zwinglis Dialektik von göttlicher und menschlicher Gerechtigkeit ist diese Ethik auf das Werk des Handelns und der Gnade Gottes bezogen. Diese Dialektik macht ein Spezifikum christlicher Ethik aus (vgl. MÜLLER 2001, 63). 2 RICH ortet Wertvorstellungen in subjektiven Grundanliegen für Andere. Die Normen werden durch den Kontext von Menschengerechtem und Sachgemäßen konkret gemacht. Durch das subjektive Grundanliegen der Normbildung kann das Menschengerechte durch personenbestimmte und sinngebende Erfahrung bezeichnet werden. Bezeichnet werden sie mit den Stichworten "Glaube, Liebe und Hoffnung".

Den rationalen Anspruch des Sachgemäßen reflektiert Rich in Maximen. Damit zeigt sich eine Realitätsbezogenheit dieses Ethikkonzepts.

Die spezifische Aufgabe des ethischen Konzeption von Rich ist das zur Geltung bringen, was Gott im Kommen seines Reiches will. Es geht um Problemlösungskompetenz einer theologischen Ethik. Gefragt wird nach der strukturellen Ordnung des institutionell vermittelten Daseins in allen sozialen Gruppierungen (vgl. RICH 1991, 66).

Ethik und Anthropologie - Trillhaas

Wolfgang TRILLHAAS (1970) stellt sich in seiner Ethikkonzeption den Herausforderungen eines säkularen Denkens (vgl. MÜLLER 2001, 65-70).

Sein Ansatz soll über christliches Handeln Gewissheit und einen Zugang zur Wahrheit geben. Ebenso soll sie auch außerchristlichen Erwartungen entsprechen, wobei sie christliche Praxis einem säkularen Denken einleuchtend vermittelt (vgl. TRILLHAAS 1970, 1).

Die Konzeption hat Anteil an der Gesamtthematik der Ethik mit menschlichem Handeln und Verhalten, dem menschlichen Dasein und der Bewältigung von Problemen. Insofern ist der Ansatz auf die Welt bezogen (vgl. TRILLHAAS 1970, 2).

Der Ansatz ist ohne theologische Voraussetzungen verstehbar.

Grundaussage ist das Doppelgebot der Liebe nach Mt 22,34-40 in Verbindung mit Mt 7,12, Gal 5.14 oder 1 Kor 13.

Im Heidelberger Katechismus hat die Dankbarkeit gegenüber Christi satisfaktorischem Handeln den Grund zum Handeln der Menschen in der Liebe.

Die Augsburger Confession (CA) bezeichnet die guten Werke als Früchte des Glaubens (CA 6), der sich in der Tat bezeugt (Mt 5,13-16).

Aus diesem Konzept kann eine Ethik aus dem Evangelium entwickelt werden. Eine Ethik nur für Christen und ohne philosophische Ethik gäbe Sorge um eine Allgemeingültigkeit und deren Einsichten (vgl. TRILLHAAS 1970, 5).

Zwei Grundmuster kennzeichnen den Zugang zur theologischen Einsicht (vgl. TRILLHAAS 1970, 4-10).

Die bewahrende Ethik - durch Luther und das frühe Luthertum vertreten - hat eine pessimistische Anthropologie und Weltsicht aufgrund der Verderbtheit durch die Erbsünde. Das Gesetz garantiert die Schöpfung und ihre Erhaltung sowie eine allgemeine Sittlichkeit. Folglich gibt es eine Individualethik und eine unter dem Gesetz stehende soziale Wirklichkeit (vgl. die mangelhaften Vorgaben an gutem Willen und damit die mangelhaften Vorgaben für eine Demokratie).

Die eschatologische Ethik bezeichnet die Veränderung der Welt zum wesentlichen Aspekt. Aus der Christologie wird eine Ethik der Hoffnung formuliert (vgl. TRILLHAAS 1970, 7). Das Interesse der Ethik an der Welt wird formuliert, gleichzeitig auch jede philosophische Ethik zurückgewiesen.

Beide Konzepte stehen für einen universalen Anspruch evangelischer Ethik (vgl. MÜLLER 2001, 66). Trillhaas betont die Frage nach dem Verhalten und Handeln des Menschen unabhängig von Glaube oder Nichtglaube bzw. christlichem und profanem Denken und (vgl. TRILLHAAS 1970, 13-14). Damit tritt er für eine selbständige Ethik im Gegensatz zur Dogmatik ein.

Die Anthropologie stellt eine Verbindung zwischen beiden theologischen Disziplinen her, wobei die Ethik die menschliche Entwicklung/ Humanum ("Menschwerdung") betrifft (vgl. TRILLHAAS 1970, 14).

Christliche Ethik begründet die ihre Universalität schöpfungstheologisch, ohne andere Auffassungen zu dominieren. Die Allgemeingültigkeit der Ethik schließt nicht Eigentümlichkeiten aus, etwa die Feindesliebe. Allerdings bedarf es hier der Einsicht und einer "Kommunikabilität" des Ethischen (vgl. TRILLHAAS 1970, 18).

Christliche Ethik mit wissenschaftlichem Anspruch hat eigene Verfahren zu begründen und Revisionsbereitschaft zu praktizieren.

Ethik kommt nicht ohne die Freiheit des Willens aus. Für sein Tun und die Folgen eigener Handlungen ist der Mensch verantwortlich.

Die Besonderheit des christlichen Freiheitsbegriffes besteht im Freiraum, den Gott schafft und in den Zielen, die zum freien Handeln bestimmt sind (vgl. TRILLHAAS 1970, 74).

Der anthropologische Sinn der Ethik orientiert sich am biblischen Bild des Menschen.

Der Mensch steht im Auftrag, sich die Erde untertan zu machen (Gen 1,28) und zugleich vor einem göttlich gesetzten Verbot (Gen 2,17). Die gesetzte Probe besteht er nicht.

In der Folge kommt es zu einer pessimistischen Anthropologie. Die Verdammung der Schlange nach dem Sündenfall (Gen 3.15) wird als Vorhaben interpretiert, dass Gott noch etwas Anderes und Besseres vorhat und der Mensch leben soll (vgl. TRILLHAAS 1970, 20).

Es gibt keinen Maßstab, in welche Richtung sich das Leben entwickeln soll. Wesentlich ist, ob der Mensch das Leben bewältigt und sein Menschsein gelingt (vgl. TRILLHAAS 1970, 20). Die Ethik gilt als Halt und ist auf ein selbstverantwortliches Leben ausgerichtet (vgl. TRILLHASS 1970, 21).

Ihre Aufgaben sind

Handlungsmotive (Pflichten, Ideale und Vorbilder) und kritische Einstellung gegenüber vor-ethischen Motiven (Selbstdistanzierung),

eine Kontrolldistanz gegenüber der Lebensführung und

menschlicher Wille als Instanz des Ich des Menschen.

In der Folge geht es um ein sittliches Verhalten des Menschen im Verhältnis zu Gott und der Umwelt sowie einem gleichzeitigen Verständigen über den Bereich der Ethik (vgl. TRILLHAAS 1970. 22-24).

Menschliches Leben in seiner Ausgangslage, den Zielen, des Bedarfs, der Möglichkeiten und des Erfolgs kann nicht durch ethische Grundsätze ersetzt werden. Vielmehr beurteilt die Ethik Handlungen, also was man tun kann bzw. unterlassen muss (vgl. TRILLHAAS 1970, 25).

Die Konzeption von TRILLHAAS beginnt mit der Darlegung anthropologischer Grundbegriffe im theologischen Kontext (vgl. TRILLHAAS 1970, 32-74).

Präzisiert wird die Bestimmung des Menschen als Geschöpf Gottes, entzweit in der Sünde, mit Hilfe der Gnade Gottes zu einem neuen Leben ermöglicht.

Der Mensch steht in relativer Freiheit, das Böse abzulehnen und von Gott eröffnete Chancen des Lebens zu nützen, so dass die Gnade Gottes das letzte Wort hat(vgl. TRILLHAAS 1970, 37).

Der Dekalog und die Goldene Regel bewahren das Leben (vgl. TRILLHAAS 1970, 39).

Ethik und menschliche Lebensführung - Rendtorff

Trutz RENDTORFF(1990/1991) geht einen Schritt über Trillhaas im Versuch weiter, theologische Ethik in ein Verhältnis zur allgemeinen Ethik zu bringen (vgl. MÜLLER 2001, 70-73).

Der Begriff einer ethischen Theologie zeigt dies an. Gemeint ist damit ethische Lebenswirklichkeit im Kontext mit Grundfragen der Theologie ohne dogmatische Ethik (vgl. RENDTORFF 1990, 44).

Damit ist eine Verselbständigung der Ethik gegenüber der Dogmatik erreicht, womit nicht bei der Gotteslehre, vielmehr bei der theologischen Anthropologie als Theorie der menschlichen Lebensführung angesetzt wird (vgl. RENDTORFF 1990, 48 bzw. 9).

Die ethische Konzeption erfasst den Gegenstand in drei Elementen mit

dem Gegebensein des Lebens mit Handeln, individuell du in sozialen Gruppen, Gemeinschaften und Systemen,

Leben zu geben als Wirkung des eigenen Lebensvollzuges auf andere/ "Grundsinn des Tuns des Guten" im Kontext mit dem theologischen Begriff der Liebe und der damit gebrachten Freiheit (vgl. RENDTORFF 1990, 76 bzw. 79) und folgerichtig

der Reflexivität des Lebens, die ein ethisches Bewusstsein bestimmt und bewegt (vgl. RENDTORFF 1990, 62-63). Hier wird die vermittelte Zueignung der Freiheit mit der Wirklichkeit in Beziehung gebracht. Illustriert wird dies am Gleichnis von barmherzigen Samariter mit dem Tun aus Liebe mit einer Reflexion der Handlungsfolgen für andere ("Verantwortungsethik") (Lk 10, 25-37).

Reflexiv wird

die Fülle des Lebens mit verschiedensten Handlungsweisen und religiösen Dimensionen bedacht,

die Orientierungsbedürftigkeit mit der Suche nach Vergewisserung angesprochen,

die kommunikative Transzendenz mit den Perspektiven anderer gemeint,

der Glaube als Antizipation des Gelingens des Lebens mit Gott als Letztverantwortung relevant und

die Zukunft des Guten reflektiert, theologisch die Güte Gottes im Wissen um das Gute verankert.

RENDTORFF reflektiert die Vorgangsweise der Ethik als vorgegebene Autorität in der Gebotsethik, in der eigenen Lebensführung als Verantwortungsethik und in der Rechtfertigung als Metaethik (vgl. RENDTORFF 1990, 99-155). Handeln bedeutet, die Folgen des Tuns abzuschätzen (vgl. Handeln soll der Situation gerecht und in den Folgen noch korrigierbar sein).

Bedeutungsvoll ist die Sozialität. Wesentlich ist der Lebensplan in Form einer Selbstverantwortung des Lebens, womit eine Autonomie des ethischen Subjekts angesprochen ist. Im Gewissen ist man für das eigene Leben in Verantwortung für andere verantwortlich (vgl. RENDTORFF 1990, 148).

Das Ethikkonzept ist der Versuch, die Beschreibung des Lebens in den Relationen von Gegebensein, Geben und Reflexivität ohne Absolutheitsanspruch zu benennen. Theologisch wird die Humanität begründet. In der ethischen Theologie wird von der ethischen Lebenswirklichkeit ausgegangen, ohne eine dogmatische Grundlegung zu behaupten.

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Angeführt sind jene Titel, die für den Beitrag verwendet und/ oder direkt zitiert werden.

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2.4.9 Mission    

Zu jeder gestifteten Religion gehört implizit der Missionsgedanke (vgl. SCHMITZ 2021, 96 - 97).

  • Eine aktive Verbreitung des Glaubens in Raum und Zeit ergibt Mission.
  • Der explizite Missionsauftrag wird nach christlichem Verständnis durch die Taufe übertragen (vgl. nicht nur religiöse, soziale und politische Komponente).
  • Das Christentum ist nicht nur von der Zahl der Gläubigen, auch räumlich die am meisten verbreitete Religion der Welt.
  • Eine Besonderheit des Christentums ist es, dass das (eigene) Leben selbst nicht als eigentliche und höchste Instanz gilt und das Zentrum der Religion, Jesus Christus selbst, sein Leben für andere zum Heil und zur Versöhnung hingegeben hat (vgl. Mk 8, 35).
2.4.10 Ausbildung - Vermittlung der Lehre    

Wie andere Religionen kennt das Christentum eine spezifische Gruppe von Spezialisten, die gegenüber der Mehrheit als Amtsinhaber die Religion vertreten.

  • Mit Ausnahme der Protestanten werden sie als Priester geweiht.
  • Im Protestantismus als Laienkirche wird von einer Beauftragung als Pfarrer/ Pfarrerin, Gemeindeleiter/ Gemeindeleiterin gesprochen.
    • Seit dem Ende des Mittelalters wird als Voraussetzung für eine Einsetzung zunehmend ein Studium der Theologie gesehen.
    • Geistliche sollen die Geschichte der Religion, die heiligen Schriften und ihre Auslegung, wie man predigt, die Dogmatik und Ethik als Lehre kennen.
2.4.11 Christliches Mönchstum    

Zusammen mit dem Buddhismus ist dem Christentum die Einrichtung des Mönchtums.

  • Jesus hat in den Städten und Dörfern gelebt und gelehrt.
  • Nur gelegentlich hat er sich gelegentlich oder mit seinen Jüngern zurückgezogen.
  • Die Bewegung der Askese, des Einsiedlers und Mönchs ist im Christentum eine sekundäre Entwicklung.
  • Nach der Überlieferung verkündete Jesus auch, Besitz und Verwandtschaft zurückzulassen und umherzuziehen. Dies kann wenigstens für wandernde Mönche als Basis gesehen werden.
  • Im sechsten Jahrhundert führte die lateinische Tradition mit der Benediktsregel eine Ordnung ein, wie sich ein gemeinschaftliches Leben gestalten könnte (vgl. HOLZHERR 1985, 55 - 56).
  • In der Folge kommt es zu einer geregelten Gemeinschaft eines Klosters, nach einer erfolgten Ausbildung im Glauben gefestigt und Begleitung und der Führung eines Abtes/ Äbtissin grundsätzlich (vgl. Ordensgelübde - Klosterökonomie - Bildungszentren).
2.4.12 Gesangsbuch - Kirchenmusik    

Als Element der Bildung werden die Lieder des Gesangsbuches angesehen.

  • Elementar und theologisch wird das Liedgut zum Lob Gottes gesungen.
  • In Verbindung damit steht die Kirchenmusik.
  • Die Orgel gilt als "Königin der Instrumente" und ist das zentrale Musikinstrument im christlichen Gottesdienst. Sie dient primär der musikalischen Gestaltung, begleitet den Gemeindegesang, führt in Lieder ein und umrahmt den Gottesdienst durch Vor- und Nachspiele. Theologisch symbolisiert ihr Klang oft himmlische Harmonie.
Teil III    

3 Das Judentum    

3.1 Religion - Geschichte    

3.1.1 Gewachsene Religion    

Religionswissenschaftlich gesehen ist das Judentum eine gewachsen Religion. Biblisch erscheint Abraham als Stammvater der Israeliten (vgl. SCHMITZ 2021, 29).

  • Sein Sohn war Isaak, sein Enkel Jakob. Er erhielt den Beinamen Israel ("der mit Gott kämpft").
  • Auf diesen geht die Bezeichnung seiner zwölf Söhne als "Söhne Israels" und damit der Israeliten zurück.
  • Nach biblischer Überlieferung waren die Israeliten von ihrem Stammland wegen einer Hungersnot nach Ägypten ausgewandert und wurden dort einige Generationen später versklavt, weil sie dem Herrscher zu mächtig erschienen. Sie riefen zu Gott und baten um Befreiung. Gott schloss mit Israel über Moses als Vermittler einen ewigen Bund. Dabei gab er den Israeliten die Tora, als Weisung mit den Geboten.
  • So entstand die "Religion der Israeliten".
  • Moses kann als Religionsstifter angesehen werden (vgl. SCHMIDT 1992, 36 - 46).
3.1.2 Geschichte    

3.1.2.1 Grundauffassungen    

Historisch gesehen wurde die Religion über Jahrhunderte entwickelt und hat sich modifiziert. Damit stehen sich zwei Grundauffassungen von Geschichte gegenüber (vgl. SCHMITZ 2021, 29 - 33).

  • Es gibt die Geschichte der Identität und und der Religion. Sie wird erzählt und geglaubt. Sie wird ein elementarer Bestandteil im Judentum. Das Judentum ist Geschichte.
  • Demgegenüber steht die Historie als kritische Bezeichnung für die äußere Betrachtung. Moses hat die Israeliten aus Ägypten befreit. Die Propheten haben das Volk ausführlich und vielfältig ermahnt.
Beide Aspekte voneinander getrennt sind doch auf ihre Weise relevant. So die normative Gestalt des Alten Israels und wie sich das Judentum über Jahrhunderte und bis heute selbst versteht werden in der "Pessach - Liturgie" als Grundannahme und Selbstverständnis begangen.

Die Religionswissenschaft bedient sich in der Forschung und kritisch - historischen Betrachtung der Forschungsergebnisse von israelischen Entwicklung und rabbinisch - jüdischen Weiterentwicklung (vgl. STAUBLI 1996, TREPP 2004).

3.1.2.2 Jüdische Perspektive - Geschichte    

Im Folgenden werden die einzelnen Perspektiven dargestellt.

  • Geschichte als Handeln von Gott in und an Israel mit dem Mittelpunkt der Befreiung aus Ägypten und dem Moses - Bund und der Tora.
  • Das Schöpfungsgeschehen beschreibt einen Ordnungsprozess. Das Ausgangspaar bilden Adam und Eva (Arbeit, Schmerz und Tod).
  • Die Menschheit vermehrt sich und wird bis auf eine Person (Noah) und die Familie durch eine Flut vernichtet. Sie entsteht noch einmal neu und bevölkert die Erde. Abraham wird als der Eine herausgerufen und wird Stammvater Israels. Gott bildet mit ihm ein erstes Bundesverhältnis, verhieß ihm Nachkommenschaft und machte ihn so zum Stammvater Israels im weiteren Sinn.
  • Die Linie Abraham, Isaak und Jakob führt zu den Israeliten. Der Halbbruder Jakobs Ismael wurde später als Stammvater der Araber angesehen. Jakobs Sohn Josef erhielt in Ägypten eine einflussreiche Position. So gelangte Israel nach Ägypten. Ein entscheidendes Moment war die Versklavung, Befreiung und der Bund von Moses mit Gott.
  • In der Folge gelangt Israel zur Souveränität mit Königtum und Propheten als Mahner.
3.1.2.3 Grundlagen des Jude - Seins    

In der Folgesind die Ebenen von Geschichte und Historie unterschiedlich.

  • Geschichte ist das religiöse Selbstverständnis.
  • Historie ist die wissenschaftliche Einordnung.
  • Für die Religionswissenschaft ist die Unterscheidung als Selbstverständnis und Außenwahrnehmung elementar.
In wenigen Religionen hat Geschichte eine solche Gewichtung wie im Judentum.

3.2 Speisengebote    

In Religionen haben Gegenstände, Vorgänge, Symbole und Personen unterschiedliche Bedeutungen. Diese Deutungen können sich unterscheiden.

Auch ein religionsgebundenes Essen/ Speisenordnung kann ein Beispiel dafür sein (vgl. SCHMITZ 2021, 35 - 37).

Im Judentum wurde festgelegt, welche Speisen gegessen werden und zu meiden sind (vgl. Levidicus/ 3. Moses, 11).

  • In den Speisengeboten ergeben sich aktuell interessante Aspekte. Die Frage des Vegetarismus im Verhältnis zum Fleischkonsum, der Tierhaltung und einer Ethik des Schächtens mit der Übernahme von Kulturfragen in der Religion ergibt sich.
  • Nach der Zerstörung des Tempels mit seiner kultischen Opferung von Tieren wurde im rabbinischen Judentum das Essen zu einem kultischen Bestandteil (vgl. CORRENZ 2002/ Mischna) .
Im Christentum wurde das Essen aus der Religion ausgeklammert (vgl. mitunter religionsgebundene Fastengebote). Bedeutsam ist das Abendmahl als eine Zeremonie des Essens zu einem Hauptritual (Sakrament). Alle Nichtchristen sind vom Abendmahl ausgeschlossen.

3.3 Der Tempel    

Die Religion Israels wird durch den Tempel bestimmt. Als Ort, an dem die Gegenwart Gottes Israels als anwesend verstanden wird, ist es der Ort, der durch seine Heiligkeit geprägt ist. Der Tempel darf nur von Angehörigen aus dem Volk Israel betreten werden. Der innere Bezirk war nur Männern zugänglich. Opferrituale wurden nur durch Priester vollzogen (vgl. SCHMITZ 2021, 38 - 39).

Mit der Zerstörung des Tempels endete der gesamte Opferkult und auch der Dienst der Priester. In diesem Sinn ist die Religion Israels eine priesterlich - kultische Religion. Der Festkalender war auf den Tempel ausgerichtet.

3.4 Priester und Opfer    

Die Religion Israels ist zutiefst mit Priestertum und Opfern verbunden (vgl. SCHMITZ 2021, 39 - 40).

  • Mit der Zerstörung des Tempels endet der priesterliche Teil der Religion. Das rabbinische Judentum ist eine Laien- und Gelehrtenreligion.
  • Opfer werden nur geistig und im Gebet vollzogen.
  • Von Interesse ist, dass das Opfer als Christi - Selbstopfer innerhalb des Christentums gefeiert wird. Außer im Protestantismus wird dieses Ritual nur durch den Priester gefeiert.
3.5 Monotheismus    

Die Frage ist es, ob es nur einen/ einzigen Gott gibt und wie "Transzendenz" gestaltet wird ( vgl. SCHMITZ 2021, 40 - 41).

  • Der Begriff stammt ab vom lat. transcendere, "hinüberschreiten, übertreten". Er bezeichnet das Gegenstück zur Immanenz und somit das, was ein gegebenes Bezugsfeld übertrifft und losgelöst und unabhängig existiert. Im Mittelalter wird dieser Begriff Gott zugeschrieben und gleichbedeutend mit dem des Absoluten gebraucht.
  • In der Religion Israels findet sich im Buch Jesaja die definitive Aussage, dass alle anderen Götter "Nichtse" seien (vgl. Jesaja 41, 29).
  • Am Anfang der Zehn Gebote findet sich: "Ich bin JHWH, dein Gott, der dich aus Ägypten geführt hat" (vgl. Ex 20, 2; Dtn 5,6).
3.6 Prophetie    

Prophetie bedeutet, Gott spricht durch einen Menschen, um Aussagen über die Zukunft zu machen.

Es handelt sich um ein durch Gott eingegebenes Sprechen. Es kann sich auf die Vergangenheit beziehen, den Willen Gottes für die Gegenwart artikulieren oder kultisches und soziales Unrecht kritisch nennen (vgl. SCHMITZ 2021, 42 - 44).

3.6.1 Auslegung der Weisungen    

  • Mit dem Beginn des rabbinischen Judentums ist die Zeit der Auslegungen der Weisungen gekommen.
  • Als bedeutendster Prophet gilt Moses.
  • Die Mahnungen der übrigen Propheten gelten als innerisraelische Selbstkritik, auch als Worte der Hoffnung (vgl. Mt 23).
  • Als besonders bedeutender und kritischer Prophet wird Jesaja für das Judentum (und Christentum) gesehen.
  • Könige wie Saul, David und Salomo werden mit ihren Aussagen in die Reihe der Propheten eingeordnet. Sie haben im Namen Gottes gehandelt und Worte verkündet, David in den Psalmen, Salomo in der Weisheit (vgl. biblisches Buch der Weisheit) und seinen Liedern der Liebe.
Im Kontext des Judentums und der Religion des Alten Israels als Verständnis einer Ordnung Gottes geht es bei "Verfehlungen" um Übertretungen der göttlichen Weisungen (vgl. dazu Lev 10, 1 f. und 16,1). Der "Jom Kippur" wurde dafür eingesetzt. Das rabbinische Judentum sieht in Lev 16 den Tag angegeben, zudem die Entsühnung durch Gott stattfindet.

3.6.2 Berufung des Propheten    

Jesaja 6.1 - 8 stellt die Berufung zum Propheten dar. Gott wählt Jesaja für diesen Auftrag aus und Jesaja stimmt zu (vgl. im Folgenden SCHMITZ 2021, 49 - 50).

  • Anhaltspunkte für diese Berufung bieten sich in jüdischen (und christlichen) Gottesdiensten.
  • Wenn im Ablauf des Gottesdienstes der Ruf "Heilig" rezidiert wird, zeigt dies das Bild aus Jesaja, dass der Gottesdienst gleichsam im "himmlischen Tempel" stattfindet.
  • Im christlich orthodoxen Gottesdienst wird durch die Bilder/ Ikonen das Verständnis geweckt.
3.7 Komplexität des Judentums    

Das Judentum ist im eigentlichen Sinn eine gewachsenen und keine gestiftete Religion (vgl. im Folgenden SCHMITZ 2021, 62 - 63).

  • Gestiftete Religionen lassen sich in ihrem Ursprung verstehen.
  • Gewachsene Religionen verstehen sich in einem Bild des Raumes als Bestandteil der Religion..
  • Im Judentum findet sich das tempelzentrierte Verständnis der Religion Israels und nach der Tempelzerstörung eine entwickelte Laien- und Gelehrtenreligion.
  • Eine historische Besonderheit bildet die durch (Zwangs-) Migration ergebene weltweite Gemeinschaft/ Diaspora und die Flexibilität der Ausgestaltung der Religion, ohne die zentralen Inhalte zu verlieren.
  • Es mag überraschen, in dieser Situation in dieser Laienreligion die Tora Gottes zu lernen, zu lehren und zu verwirklichen.
  • Die Zukunft wird in den Nachkommen gesehen.
  • Aus Autorensicht versteht sich das Judentum als lokal gebundene Religion, im Laufe der Zeit modifiziert und durch das Rabbinertum und mittels der Archäologie/ Sprachforschung/ Interkultureller Theologie erforscht.
IT - Hinweis/ Forschung

https://art.claimscon.org/wp-content/uploads/2019/03/FINAL-Judaica-Hanbook-DEUTSCH-March-15-2019.pdf (23.4.2026)

Teil IV    

4 Der Islam    

4.1 Der Beginn des Islams    

Erst im Islam lässt sich von einem Religionsstifter sprechen. Muhammad erweist sich als eine historische Person, die selbst die Gestaltung ihrer eigenen Religion vollzogen und sie von den anderen Religionen abgegrenzt hat (vgl. im Folgenden SCHMITZ 2021, 107 - 114).

  • Zu Lebzeiten Muhammads wurde der Islam eine eigenständige Religion.
  • Dem Selbstverständnis des Islam steht gegenüber der überzeitliche Inhalt der Religion durch eine Offenbarung von Gott an Muhammad eingegeben.
  • Es handelt beim Inhalt des Qur'ans ("Koran") - wörtlich und /oder ad sensum verstanden - um eine ewige Botschaft. Damit ergeben sich zwei Perspektiven.
    • Es ist das ewige Wort.
    • Es ist das Wort zur Verkündigung (Offenbarungserlebnis durch Muhammmad 610 - 632 n. Chr.)
  • Es erfolgte in seinem Heimatort Mekka und nach seiner Flucht ("Hijra") nach Medina 622.
  • Die Offenbarungen wurden zusammengefasst und nach seinem Tod in mehreren Etappen im Koran als Einheit zusammengestellt - 114 Abschnitte/ Suren, weitgehend nach Länge geordnet.
  • Begründet wird das Verständnis des Korans in der 96. Sure (Name des Herren, Erschaffung des Menschen, Schöpfer der Welt) .
  • Der arabische Ausdruck für Religion "din" bedeutet zugleich Gericht. In Vers 109, 6 im Koran bezeichnet "din" andere Religionen.
4.2 Grundlagen des Islams    

  • Einen hohen Stellenwert im Islam hat die Frage nach richtigen Verhalten/ Rechtleitung und weiter gefasst nach dem richtigen Sein vor Gott. Es geht um die Verwirklichung der im Koran gegebene Rechtleitung durch Vollzug (vgl. SCHMITZ 2021, 114 - 116) .
  • Ein gerechtes Verhalten zu üben, wenn man der Geber ist, aber mehr zu erwarten, wenn man der Nehmende ist (vgl. Sure 57).
  • Im Monat Ramadan, dem Monat der Offenbarung des Koran, soll gefastet werden (vgl. Sure 2, 185 - 187).
  • Fasten, Beten und Almosengeben bilden mit der Pilgerfahrt zur Kaaba in Mekka und dem Bekennen zu dem einen Gott und Muhammmad als seinem Gesandten eine Grundlage islamischer Lehre. Inhaltlich ist ein Vorbild für alle "fünf Pfeiler des Islam" in den Evangelien zu finden, in der für das Christentum wichtigen Bergpredigt Jesu (vgl. Mt 5 -7).
4.3 Mohammad und seine Bedeutung    

Aus historischer Sicht wurde der Islam durch Muhammad gestiftet.

  • Allerdings ist Muhammad nicht in der Weise Inhalt des Islams, wie Jesus Christus Inhalt des Christentums ist.
  • Muhammad besitzt eine Vorbildfunktion in seinen Aussprüchen, persönlichem Verhalten, Alltagsgewohnheiten, auch der Kleidung und dem Aussehen können als Orientierung dienen (vgl. SCHIMMEL 1995).
  • Ein solche Verehrung ist ein Merkmal islamischer Gesellschaften zurückgestellt oder auch aktiviert wie in der Haartracht, Kleidung und Schmuck.
  • Der Islam kennt ein Bilderverbot im religiösen Kontext.
4.4 Raum und Zeit im Islam    

Raum und Zeit sind im Islam neu bestimmt und fixiert.

  • Die Kaaba ist religionswissenschaftlich die Mitte der Welt, des Kosmos und der Schöpfung.
  • Als besonderer Ort im weiteren Sinn gilt das "Haus des Friedens"(Dar assalam) als das gesamte Gebiet, in dem Muslime als geschlossene Gesellschaft leben. Gemeint ist der Gürtel von Tunesien bis Indonesien. Es gibt auch Orte mit einer spezifischen muslimischen Gemeinschaft, die als heilig angesehen werden.
  • Wie der Raum ist auch die Zeit durch den Koran bezeichnet. Die Anzahl der Monate im Koran ist zwölf (vgl. Sure 9, 36).
  • Der Beginn der Zeitrechnung im Islam orientiert sich am Jahr der Auswanderung Muhammads und seiner Gefolgsleute von Mekka nach Jathrib (später Stadt des Propheten Madina). Weiterhin zählen Sonnenaufgang, Höchststand und Untergang einerseits und Mondphasen als Maß der Zeit.
  • Zwei Festzyklen gibt es innerhalb des islamischen Jahres.
    • Der Offenbarungsmonat Ramadan festgelegt im Koran.
    • Der Monat der Wallfahrt im Jahr die Wallfahrt nach Mekka zur Kaaba stattfinden (einmal im Leben - Fest der Entsühnung).
4.5 Mystik im Islam    

Als Gegenüber der rituellen Gestaltung des Islams bildet die Mystik ein weites Gebiet innerhalb des Islams mit Verehrung von Heiligen und religiösen Übungen (vgl. besonders literarisch in der Sahelzone Rabi'a al Adawiyya).

4.6 Vielgestaltigkeit des Islams    

Es gibt unterschiedliche Zugänge zum Islam.

  • Islam im Senegal mystisch ausgerichtet und ein verhaltensbetonter Islam in Saudi - Arabien
  • Islam in Europa ("Euroislam") mit verschiedenen Bewegungen im Moscheegemeinden in Großstädten
  • Islam um Migranten oder Nachkommen, auch sprachlich unterschieden zumeist in Arabisch, Farsi, Türkisch, Urdu, regional in afrikanischer Lokalsprache, überregional Französisch oder Englisch
4.7 Komplexität des Islams    

  • Zunächst erscheint die Grundstruktur einfach mit einem Gott und dem Koran als fundmentale Offenbarung (vgl. SCHMITZ 2021, 145).
  • Unterschiedliche Perspektiven ergeben sich aus der
    • Poesie mit sakraler Literatur
    • Gegenständlichkeit und Kunst mit Architektur und Kalligraphie
    • klassischen arabischen Sprache - Gemeinschaft der Glaubenden
    • Vielfalt der Rechtsschulen und lokalen Ausprägungen
Teil V    

5 Lernfeld Interkulturelle Theologie    

Das weltweite Christentum findet sich in verschiedenen kulturellen Ausprägungen und benötigt zur Erklärung Methoden interkultureller Kompetenz und Forschung.

Daraus erklärt sich das Interesse eines jungen Fachbereichs, entstanden als Kombinationsfach der Missionswissenschaft und Ökumenik (vgl. die Definition Humboldt - Universität Berlin > https://www.theologie.hu-berlin.de/de/professuren/stellen/rmoe/interkulturelletheologie [9.6.2023]).

Die Vielzahl von Christinnen und Christen lebt heute wieder außerhalb der euroamerikanischen Welt, wie dies in den ersten tausend Jahren des Christentums war. Die weltweite Verbreitung und kulturelle Verfasstheit begründet sich in historischen Entwicklungen, Vorstellungen der frühchristlichen Bewegung und Bildung von Gemeinschaften über soziale, ethnische und politische Grenzen hinweg. Bereits vor 2000 Jahren hat das Christentum wie auch andere Religionen wesentliche Beiträge geliefert. Aktuell wird dies als Globalisierung bezeichnet.

Aufgabenbereiche ergeben sich

  • in einer Selbstreflexion des Christentums in der Darstellung der kulturübergreifenden Formen der Gemeinschaftsbildung als innovative Beiträge zur Geschichte menschlicher Sozialformen mit Verknüpfung theologischer Deutungen,
  • im Vergleich der Ausbreitungsgeschichte der Religionen, Beschreibung spezifischer Prägungen des Christentums in den verschiedenen geographischen, politischen, sozialen und wirtschaftlichen Zusammenhängen,
  • in der Kritik an eurozentrischen Führungen und Reflexion über die Zusammengehörigkeit eines weltweiten Christentums (Ökumene) als Herausforderung im Miteinander.
5.1 Einführung    

In der Fülle der auftretenden Fragen mit dem Bemühen einer Zuordnung als Fachrichtung kommt es zu Kontroversen (vgl. HOCK 2011, 9-12).

Interkulturelle Theologie als theologische Disziplin besteht im Spezifikum, Transkulturationsprozesse in theologischen Diskursen als Gegenstand zu bilden. Damit ergibt sich die Bestimmung des Verhältnisses zur Religionswissenschaft und die Kenntnis eigener Analysen und Orientierungen. Eine Verknüpfung zur Missionswissenschaft beseht im universalistischen Paradigma euroamerikanischer Herkunft.

Derzeit bieten sich zwei Möglichkeiten an,

  • einmal multireligiös orientierte Religionsstudien (etwa Universitäten Birmingham und Glasgow),
  • zum anderen ein eigenständig ausgebildetes Fach innerhalb konfessioneller theologischer Fakultäten. Es bietet sich hier die Kombination von Missionswissenschaft und Ökumenik an.
5.2 Literaturhinweise/ Auswahl - Übersichtswerke    

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5.3 Missionswissenschaft - Entwicklungen    

Missionswissenschaft begreift sich als Reflexion über Mission, Ausbreitung des Christentums in praktischer und theologischer Dimension (vgl. HOCK 2011, 13-17).

5.4 Erste Europäische Expansion    

Häufig bleibt dieses Nachdenken im Instruktiven (vgl. "Missionsinstruktion" von Papst Gregor 590 - 604). Ab der Zeit der Kreuzzüge zeigt sich eine Reflexion über die Begegnung und anderen Religionen.

Mit der ersten und späteren Expansionsphasen kommt es zu kolonialen Fragen (vgl. 1613 "De procuranda salute omnium gentium" Papst Gregor XV. mit der Errichtung der Kongregation für die Glaubensverbreitung als Leitlinien; etwa Bartolome de Las Casas 1484-1566 wirft moralische Probleme auf).

5.5 Frühe protestantische Akzepte    

Mit dem 17. Jahrhundert verlagert sich die Reflexion auf den Protestantismus, Christen zur Evangelisation auszusenden (vgl. 1618 Justus Heurnius 1587-1651 zur Mission in Indien mit Methodenfragen, etwa Errichtung eines Missionsseminars zur Ausbildung von Missionaren).

In der Folge im 18. Jahrhundert gilt als Vorläufer August H. Francke 1663-1727 als Begründer der Stiftungen in Halle mit der Teilnahme am Projekt der Dänisch - Halleschen Mission, die in der Grundstruktur ihrer Arbeit so etwas wie ein Curriculum aufwies.

In Nordamerika sammelte Jonathan Edwards 1703-1758 praktische Erfahrungen in der Missionsarbeit mit Indianern mit dem Zusammenhang in der Reflexion von Konversion, Erweckung und Wiedergeburt.

William Carey 1761-1834 brachte die Vorstellung zur allgemeinen Anerkennung, dass der Missionsauftrag auch alle Christenmenschen betraf, damit Missionsgesellschaften gegründet wurden.

Samuel Mills 1783-1818 gilt in der Folge als Wegbereiter von missionswissenschaftlicher Forschung in de USA. Damit kommt man an die Schwelle zum Nachdenken an einen institutionalisierten akademischen Fachbereich.

5.6 Akademische Institutionalisierung    

Friedrich Schleiermacher 1768-1834 ordnet bereits den Bereich der Praktischen Theologie zu. Deutschland gilt in der institutionellen Verankerung als Nachzügler.

In den dreißiger Jahren des 19. Jh. wurde in den USA vorübergehend am Princeton Theological College auf Betreiben von Samuel Mills ein Lehrstuhl und eine Professur mit Charles Brekkenridge für praktische und missionarische Unterweisung besetzt.

1867 kam es auch zu einem Lehrstuhl für Evangelistische Theologie am New College in Edinburgh mit Alexander Duff 1806-1878.

Erst 1896 erfolgte die Berufung Gustav Warnecks 1834-1910 als Gründervater der deutschen Missionswissenschaft auf eine Honorarprofessur an der Universität Halle, an der 1908 der erste deutsche Lehrstuhl für Missionswissenschaft angesiedelt wurde. Es soll auch verwiesen werden auf Gelehrte wie Friedrich A.E. Ehrenfeuchter (Protestantismus) und Johann B. Hirscher (Katholizismus), die den Fachbereich der Praktischen Theologie zuordneten.

Bemerkenswert auch die Reiseliteratur mit ihrer Qualität wie etwa durch David Livingstone.

5.7 20. Jahrhundert    

Am beginnenden 20. Jahrhundert sind die Hauptvertreter/ Pioniere des Faches von der protestantischen Seite Gustav Warneck und Joseph Schmidlin von der katholischen Seite. Warneck war pietistisch - biblizistisch, Schmidlin als Kirchenhistoriker historisch orientiert.

Daraus ergibt sich und wird gesucht eine interdisziplinäre Ausrichtung der Wissenschaft in einer Kooperation etwa mit der Ethnologie, Linguistik und Religionswissenschaft.

5.8 Zwischenkriegszeit    

In der Zwischenkriegszeit wirkt die Konzeption von Warneck prägend und nachhaltig. Eine komplementäre Entwicklungslinie führte parallel zur Fortsetzung der Konzeption von Schmidlin durch die "Leuvener Schule" der Dreißigerjahre weiterentwickelte missionstheologisch - ekklesiologische Konzeption auf katholischer Seite. Angestrebt wird eine Gemeinschaftsorientierung und soziale Ausrichtung und Verhinderung der Pervertierung der Mission zu einem westlichen Zivilisationsprojekt. Damit werden Elemente eines "Antiamerikanismus" in der deutschen Missionswissenschaft aufgezeigt.

Mit anregenden Entwürfen zu einer Entwicklung einer "Volks - Kirche" und Christianisierung der Welt kamen manche Konzeptionen in die gedanklich Nähe von NS - Volkstumsvorstellungen. Die Entwicklung der Missionswissenschaft unter Einfluss der "Dialektischen Theologie" und Infragestellung der Prägekraft westlicher Kultur, beginnender Dekolonisation und postkolonialer Pluralisierung der Religionswelten wird eine institutionelle Ausweitung der Disziplin erbracht.

Es kommt in der Folge zur Neubestimmung der Inhalte und des Aufgabengebietes. In diesem Kontext wurde immer wieder die Stellung in der universitären und außeruniversitären Ausbildung und das Verhältnis zur Ökumenewissenschaft und ihrer Beziehung zur Religionswissenschaft gestellte (vgl. HOCK 2011, 18-19).

5.9 Nachkriegszeit    

Nach dem Zweiten Weltkrieg konnte die Missionswissenschaft inhaltlich und institutionell Anerkennung vor allem in Deutschland, Skandinavien, den Niederlanden und Großbritannien gewinnen. Allerdings war ihre Wahrnehmung durch die akademische Theologie gering. Der inhaltliche Schwerpunkt verlagerte sich nach Nordamerika, wo sich bereits ungefähr vor zwei Jahrzehnten schon die Hälfte der Professuren befand, evangelikal und interkonfessionell geprägt (vgl. unterschiedlich zu Europa in der Regel nicht an staatlichen Universitäten).

Zu beachten ist, dass sich schwerpunktmäßig das Christentum in die südliche Hemisphäre verlagert hat. Missionswissenschaft kann sich heute nur noch als ökumenisches Vorhaben konzipieren, allerdings ist sie auch von großer Vielfalt und auseinanderstrebenden Tendenzen bestimmt.

Im deutschsprachigen Raum katholischer Theologie sind zwei völlig unterschiedliche Richtungen in den siebziger Jahren festzustellen, einmal von Adolf Exeler als "Vergleichende Theologie" und von Ludwig Rütti weg vom der ekklesiologischen Orientierung hin auf die Weltbezogenheit missionarischen Handelns und Denkens. In der protestantischen Theologie spielten die Gegensätze zwischen evangelikal und ökumenisch eine Rolle.

In beiden Theologien bestimmten die jeweiligen konfessionellen Kontexte, hier das Zweite Vatikanische Konzil und dort die großen Weltmissionskonferenzen bzw. Konferenzen des Weltkirchenrates. Die Missionswissenschaft blieb den traditionellen Themen verhaftet, Begründungen, Zielen und Handlungsvollzügen mit Anwendungsfragen und Ausbildungen von Missionaren.

In der Folge ergeben sich neue Themen und Aufgabenbereiche wie Fragen der Friedens- und Konfliktforschung, Politischen Theologie, Entwicklungszusammenarbeit und des interreligiösen Dialogs (vgl. HOCK 2011, 20). Im pädagogischen Bemühen und der Vermittlung in Prozessen der Lehre / Lernen vollzieht sich der Kontext zu Politischer Bildung und Interkultureller Kompetenz. Die weitere Entwicklung wurde entscheidend durch den Kontext beeinflusst, der über die Inkulturationsfrage hinausführt.

Ansatzweise sind nun die Entwicklungsfragen und das Themenfeld skizziert, die den Kernbereich interkultureller Theologie betreffen. Allerdings kennzeichnet die Bestimmung der Aufgaben noch das Fehlen einer Gesamtkonzeption und einer Konzipierung. Zu erkunden sind Ursprünge der Forschungsgeschichte und die Verortung des Faches in der Gesamtheit der Theologie. Neben den bibelwissenschaftlichen, kirchengeschichtlichen, ökumenewissenschaftlichen und praktisch-theologischen Themenbereichen sind auch aus der Religionsgeschichte/ Religionswissenschaft sie einzubeziehen und damit von der theologischen Vormundschaft anzuerkennen (vgl. HOCK 2011, 21).

5.9 Anfänge Interkultureller Theologie    

Der Begriff des "Interkulturellen" kam mit der zunehmenden Bedeutung kulturwissenschaftlicher Kompetenz und in den sechziger Jahren zunächst im erziehungswissenschaftlichen Kontext zunächst in der Fremdsprachendidaktik und dann in der Literaturwissenschaft auf. Im pädagogischen Bereich kommt er erst spät zur Verwendung und musste sich zunächst langsam eine eigene Fachdisziplin schaffen (vgl. die Universitätslehrgänge aus der Etablierung der vorhandenen Studiengänge).

Im theologischen Bereich wurde der Begriff erstmals in den siebziger Jahren verwendet. Die Einführung ist mit den Namen Hans Jochen Margull, Walter Hollenweger und Richard Friedli verbunden, die 1975 die Reihe "Studien zur interkulturellen Geschichte des Christentums" begründeten. In der Folge wurde der Begriff langsam allgemein verwendet. 2005 wurde er zum Schlüsselbegriff von der "Deutschen Gesellschaft für Missionswissenschaft" und von der Fachgruppe Missionswissenschaft und Religionswissenschaft sowie der "Wissenschaftlichen Gesellschaft für Theologie" (vgl. HOCK 2011, 22).

Als Grundbausteine "Interkultureller Theologie" gelten

  • Nichtwestliche Christentumsformen können nicht in westlichen Kategorien beschrieben werden, weil es einen Bruch mit der europäischen Herkunftsgeschichte gibt.
  • Die vorhandene kulturelle, religiöse und regional - verbundene Vielfalt bestimmt die nichtwestlichen Christentumsvarianten.
Diese entwickeln ihre eigenen theologischen Identitäten.

Daraus ergeben sich Veränderungen für das Weltverhältnis des Christentums.

Dies verlangt eine Überschreitung traditioneller theologischer Zugänge und Methoden.

Erst 1978/ 1979 kam es zu "Leitprinzipien" als Arbeitsdefinition, vorgelegt von Walter Hollenweger, Richard Friedli und Hans Jochen Margull (vgl. HOCK 2011, 23).

Interkulturelle Theologie ist die wissenschaftliche Disziplin der Rede von Gott und seinem Heilsgebot im Rahmen der vorhandenen Kultur, ohne diese zu verabsolutieren.

Die Methode interkultureller Theologie hängt vom sozialen Kontext ab.

Forschungsmethoden und Gemeindemodelle müssen können und müssen durch alternative Formen des Theologisierens bereichert werden.

Interkulturelle Theologie befreit nicht von der Verpflichtung von den Methoden der okzidentalen Kultur gewachsenen rational-analytischen Wissenschaft, verlangt aber diese kritische Sichtung auch auf den Gesamtprozess der zwischenkulturellen, innerkirchlichen und interreligiösen Kommunikation, in dem der Okzident nur ein Teilnehmer ist, angewendet wird.

Der "interreligiöse Dialog" wird bei Friedli ein wesentliches Merkmal und ist aktuell eine integrale Dimension seither interkultureller Theologie.

Zusammenfassend ergibt sich aus Autorensicht im Bildungsbereich die Notwendigkeit und Möglichkeit einer Ökumene- und kulturell - religiösen Kompetenz in einer zeitgemäßen europäischen Kulturlandschaft in ihrer Vielfalt.

5.10 Literaturhinweise/ Auswahl - Missionswissenschaft    

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Dokumentation    




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Zum Autor    

APS - Lehrer/ Lehramt für Volks- und Hauptschule (D, GS, GW) sowie Polytechnischer Lehrgang (D, SWZ, Bk); zertifizierter Schüler- und Schulentwicklungsberater; Lehrbeauftragter am Pädagogischen Institut des Landes Tirol/ Berufsorientierung bzw. Mitglied der Lehramtsprüfungskommission für APS - Lehrer/ Landesschulrat für Tirol (1994 - 2003)

Lehrbeauftragter am Institut für Erziehungs- bzw. Bildungswissenschaft/ Universität Wien/ Aus- und Weiterbildung/ Vorberufliche Bildung (1990/ 1991- 2010/2011); Lehrbeauftragter am Sprachförderzentrum des Stadtschulrates Wien/Interkulturelle Kommunikation (2012); Lehrbeauftragter am Fachbereich für Geschichte/ Universität Salzburg/ Lehramt "Geschichte - Sozialkunde - Politische Bildung/ "Didaktik der Politischen Bildung" (2015/ 2016, 2017)

Mitglied der Bildungskommission der Evangelischen Kirche in Österreich A. und H.B. (2000 - 2011), stv. Leiter des Evangelischen Bildungswerks in Tirol (2004 - 2009, 2017 - 2019)

Kursleiter an den VHSn Zell/ See, Saalfelden und Stadt Salzburg - "Freude an Bildung" (2012-2019) und VHS Tirol "Der Wandel der Alpen" - Politische Bildung (2025)

Absolvent des Instituts für Erziehungswissenschaft/ Universität Innsbruck/ Doktorat (1985), des 10. Universitätslehrganges Politische Bildung/ Universität Salzburg - Klagenfurt/ Master (2008), des 6. Universitätslehrganges Interkulturelle Kompetenz/ Universität Salzburg/ Diplom (2012) - des 6. Lehrganges Interkulturelles Konfliktmanagement/ Bundesministerium für Inneres - Österreichischer Integrationsfonds/ Zertifizierung (2010), der Weiterbildungsakademie Österreich/ Diplome (2010), des 1. Lehrganges Ökumene/ Kardinal König - Akademie Wien/ Zertifizierung (2006) - der Personalentwicklung für Mitarbeiter der Universitäten Wien/ Bildungsmanagement/ Zertifizierungen (2008 - 2010) und Salzburg/ 4. Lehrgang für Hochschuldidaktik/ Zertifizierung (2015/2016) - des Online - Kurses "Digitale Werkzeuge für Erwachsenenbildner_innen"/ TU Graz - CONEDU - Werde Digital.at - Bundesministerium für Bildung/ Zertifizierung (2017), des Fernstudiums Erwachsenenbildung/ Evangelische Arbeitsstelle Fernstudium - Comenius Institut Münster/ Zertifizierung (2018), des Fernstudiums Nachhaltige Entwicklung/ Evangelische Arbeitsstelle Fernstudium - Comenius Institut Münster/ Zertifizierung (2020)

Aufnahme in die Liste der Sachverständigen für den NQR/ Koordinierungsstelle für dem NQR, Wien (2016)

 
© die jeweiligen Autoren zuletzt geändert am 28. April 2026