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Conny Hannes Meyer

Autor und Regisseur. Geboren 1931 in Wien.

Exzerpt seines Beitrags in Gewalt im TV

Von Westernhelden und Heimatfilmchen

  • Gewaltdarstellungen sind Alltag.
  • Die mehrheitlich aus den USA importierten "Totschlagopern" und "Revolvertangos" scheinen als trojanische Pferde, in deren Bäuchen Brutstätten des Bösen zu finden wären (hier liegt ein erstes "aber" in der Luft).
  • Die Verrohung, der Verfall abendländischer Traditionen als Amerikanisierung?
  • Von einheimischen "Sofakrimis" (wie "Der Alte", "Columbo" oder "Kommissar Rex") geht nichts so Brachiales aus, dass man hier Ursachen jugendlicher Gewaltverbrechen dingfest machen könnte.
  • Historisch wurde Gewalt immer schon gerne real in Gerichtsbarkeiten angewandt.
  • Historisch wurde Gewalt in der Literatur immer in drastischer Form verwendet. Beispiele: Odyssee, germanische Edda, Märtyrerspiele des Mittelalters, Richard Wagner's "Ring" als Folge von heroisch instrumentiertem Raub, Inzest, Betrug, Verrat, Ehebruch, Entführung, Mord.
  • Der amerikanische Westernheld als Prototyp für den "Supermann", der schießen darf, soviel er will - solange es nur für eine gerechte Sache ist.
  • Schutzbestimmungen wie "für Jugendliche unter 14 Jahren nicht zugelassen" erscheinen naiv und als obrigkeitliche Kontrolle nicht unbedenklich, warten doch hinter ehrlich besorgten Jugendschützern schon die politisch argumentierenden Zensoren, die Kultur, ..., Deutschtum, ... und überhaupt das Abendland schützen wollen.
  • Innerhalb einer Testwoche (ab 25.9.98) flimmerten 150 Krimis, Thriller, Action-Filme und Horrorstreifen aus den USA über 17 Fernsehkanäle. Vergeblich wird protestiert. Die Film- und Fernsehindustrie ist die zweitgrößte Exportbrache der USA (nach der Luft- und Raumfahrt).
  • Wirtschaftlicher Hintergrund der Überschwemmung: Die Filme können international zu konkurrenzlosen Dumpingpreisen angeboten werden, weil sich die Produktionskosten schon in den USA einspielen.
  • Rechtfertigungen der Produzenten: "Wir produzieren, was die Leute gerne sehen." Exemplarisch auch die Zitate von ArnoldSchwarzenegger (siehe dort).
  • Soziologen (mit Nachahmungtäter-Statistiken) und Psychologen ("Leichenzählen bringt nichts") sind sich uneinig.
  • Untersuchungen beweisen, dass Jugendliche nach TV-Gewaltszenen nur dann radikal würden, wenn sie unbewältigte Probleme schon zuvor in sich getragen haben. Außerdem gibt es die KatharsisThese.
  • Überhaupt sei die Gewaltkriminalität heute geringer als zur Zeit der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert. Auch in den Schulen und unter Jugendlichen existiere nicht mehr Gewalt als früher.
Der Schluss wörtlich:

Der frühere RTL-Geschäftsführer Helmut Thoma meint: "Es ist einfach zu sagen: Hier Gewaltdarstellung, daher dort Gewaltausübung. Aber das stimmt nicht. Die größten Gewalttäter dieses Jahrhunderts waren nämlich exzessive Konsumenten von Heimatfilmen und Schmalzkommödien.

Daran mag etwas Wahres sein. Die NS-Verbrecher jedenfalls, die KZ-Beamten und die Massenmörder sahen sich tatsächlich keine Horrorfilme an. Sie waren Konsumenten der scheinbar harmlosen UFA-Filmchen. Und in diesen wurde eine blitzputzsaubere und beinah konfliktfreie Welt vorgeführt.

Kritische Betrachtung

Meyer reiht eine Fülle von Informationen und Behauptungen wenig geordnet und reflektiert aneinander. Die achtlos angeführte KatharsisThese z. B. wird kaum noch vertreten, sondern gilt als widerlegt. Zwischen Soziologen und Psychologen besteht im Grund nur ein scheinbarer Widerspruch. Im Ton und vor allem im Knalleffekt am Schluss: "NS-Massenmörder sahen ... harmlose UFA-Filmchen" zeigt sich die transportierte Grundeinstellung: "Gewaltdarstellungen" haben keine Auswirkung auf "reale Gewalt" (die eigentliche Gefahr droht von den im Hintergrund lauernden Zensoren).

Dabei beruht gerade das Argument am Ende des Beitrags auf einem logischen Fehlschluss. Zur Illustration: Wenn viele Autounfälle (statistisch nachgewiesen) unter Alkoholeinfluss geschehen, so ist ein Schwerstunfall ohne Alkohol kein Indiz dafür, dass Alkohol als Ursache keine Rolle spielt. Genauso ist der behauptete mangelnde Gewaltkonsum bei NS-Verbrechern kein Indiz dafür, dass Gewaltdarstellungen keine Mitursache von Gewaltanwendungen sind.

-- HelmutLeitner


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© die jeweiligen Autoren zuletzt geändert am October 22, 2003