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Gemeinwesenorientierung

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= Gemeinwesenorientierung =

Günther Dichatschek

[[Inhaltsverzeichnis]]




= Einführung =




= 1 Gemeinwesenarbeit =

== 1.1 Tagung Gemeinwesenarbeit 2026 =

Gemeinwesenarbeit/ GWA in stürmischen Zeiten. Welche Konfliktfähigkeit brauchen wir für Frieden?

Bundesinstitut für Erwachsenenbildung Strobl a.W.

Dauer: 07.10.2026 bis 09.10.2026 Anmeldung bis: 23.09.2026

Referierende: Werkstätte Gemeinwesenarbeit

Termine - Arbeitszeiten

Mittwoch, 07. Oktober 2026: 14:00 - 18:00

Donnerstag, 08. Oktober 2026: 09:00 - 18:00

Freitag, 09. Oktober 2026: 09:00 - 12:00


Politische, soziale und zwischenmenschliche Konflikte nehmen zu. Anstatt jedoch mehr Stimmen zuzulassen und Möglichkeiten demokratischer Teilhabe zu erweitern, werden Konflikte weltweit zunehmend in Form von direkter militärischer, physischer und psychischer Gewalt ausgetragen.

Die Auswirkungen sind auch in Europa und Österreich spürbar wie etwa Autoritarismus, Polarisierung und Nationalismus greifen um sich. Durch politische Angriffe auf demokratische Rechte, Aushandlungen und Verfahren sind stärkere Spannungen in den Gemeinwesen und der Gemeinwesenarbeit wahrzunehmen. Initiativen im Gemeinwesen sind durch knapper werdende Ressourcen und unsichere Bedingungen herausgefordert.

Gleichzeitig existieren vielfältige Formen von Wissen und Praktiken in der Gemeinwesenarbeit, der Sozialen Arbeit und der Erwachsenenbildung, die eine konfliktfähige, gewaltfreie Arbeit ermöglichen und sich einer Zukunft des kritischen Miteinanders verschreiben. Konfliktfähigkeit ist Voraussetzung für Frieden, da sie Unrecht richten und zu sozialer Gerechtigkeit beitragen kann.


Auf der diesjährigen GWA - Tagung möchten wir eine Vielfalt an Ansätzen versammeln, die andere Antworten auf die aktuellen sozialen, ökologischen und politischen Fragen geben, als das Recht des Stärkeren oder die Gewalt der Überlegenheit.

Wie reagieren Akteur/ innen der Gemeinwesenarbeit auf die Tendenz zu gewaltsamem Handeln und wahrnehmbarer Kriegsbegeisterung?

Inwiefern sind autoritäre Stärke und Führung wirklich effizienter als demokratisches Aushandeln?

Welche Konzepte, Methoden und Inhalte aus der Gemeinwesenarbeit stärken Konfliktfähigkeit als Werkzeug demokratischer Interessenfindung?

Wie kann Gemeinwesenarbeit politisch, diskursiv und institutionell so gefördert werden, dass sie ihr Potential im Hinblick auf eine konfliktfähige Demokratie bestmöglich entfaltet?


IT - Hinweis

https://www.bifeb.at/bildungszentrum/programmbereiche/tagung-gemeinwesenarbeit-2026/T3-1450 (14.8.2026)



== 1.2 Silke Helfrich =

Silke Helfrich (* 13. Juli 1967 in Thüringen; † 10. November 2021 in Liechtenstein) war eine deutsche Autorin, Herausgeberin, Forscherin und Aktivistin zu Gemeingütern und Commons.

Helfrich studierte Philologie/ Romanistik, Sozialwissenschaften mit ökonomischem Schwerpunkt und Pädagogik an der Karl - Marx - Universität Leipzig. Von 1996 bis 1998 arbeitete sie für die Heinrich - Böll - Stiftung in Thüringen, leitete deren Landesstiftung und von 1999 bis 2007 stiftungseigene Regionalbüros für Zentralamerika, Kuba und Mexiko in San Salvador und Mexiko - Stadt. Sie veröffentlichte mit der US - amerikanischen Ökonomin Elinor Ostrom und übersetzte ihre Schriften.

Sie war Mitgründerin des deutschsprachigen Commons - Instituts, betrieb das Commons Blog und war Teil der Commons Strategies Group. 2014 studierte sie Master Ökonomie der Cusanus - Hochschule und half beim Aufbau von Stipendienmodell und Studierendenvertretung der Hochschule. 2018 und 2019 war sie Fellow des Institute for Advanced Sustainability Studies (IASS) in Potsdam. Helfrich war Mitglied der Kulturland - Genossenschaft. Sie sprach fließend Deutsch, Englisch, Spanisch, Französisch, Italienisch und Portugiesisch. Zudem verfügte sie über Grundkenntnisse in Katalanisch, Latein, Russisch und Japanisch.

Silke Helfrich verunglückte am 10. November 2021 bei einer kurzen Wanderung bei Schaan im Fürstentum Liechtenstein tödlich.

Silke Helfrich veröffentlichte mehrere Sachbücher und Sammelbände zu materiellen und geistigen Gemeingütern sowie Peer - to - Peer - Netzwerken und -produktion. Sie wurden in mehrere Sprachen übersetzt. Ihr besonderer Fokus lag dabei auf den sozialen Prozessen und Mustern, in denen gemeinschaftliche Güter entstehen und erhalten bleiben (Commoning), sowie den Begriffen, die selbige beschreiben können. Um derartige „Muster des Commonings“ festzuhalten, entwarf sie eine von Christopher Alexander inspirierte Theorie und Mustersprache




== 1.3 Überblick Gemeinwohlökonomie/ Auswahl =

Freiheit - Gerechtigkeit - Nachhaltigkeit

Staat und Markt - selbstorganisierte und nachhaltige Ressourcennutzung

Commonslogik - Menschenbild soziales Wesen - Konsensprinzip

Selbstorganisation und Monotorierung

gemeinsam genutzter Besitz - Schwerpunkt: nutzungsgerechtes Gemeinwohl

Mensch - Erziehung

Selbstentfaltung

Ressourcen - Selbstorganisation - Bedürfnisorientierung

IT - Hinweis

https://www.ltdg.net/wp-content/uploads/2021/11/211009_Commons_Eine_Einfuehrung_GWOe-komprimiert.pdf (17.8.2026)

== 1.4 Commons =

Commons sind gemeinsam hergestellte, gepflegte und genutzte Produkte und Ressourcen unterschiedlicher Art. Im Deutschen gibt es dafür das Wort Gemeingüter, was aber zu sehr auf die Ressourcen oder Produkte („Güter“) fokussiert. Daher verwenden wir auch im Deutschen das Wort Commons. Das Wort Commons mit „s“ steht dabei sowohl für die Einzahl wie für die Mehrzahl, es gibt also das Commons und die Commons.

Commons haben drei Bausteine.

(1) Die Ressource oder das Produkt, das gemeinschaftlich hergestellt, erhalten und genutzt wird. Das können etwa Gewässer, Böden, Räume, Software, Saatgut, Fahrräder, die Wikipedia, Erkenntnisse, Produktionsmittel, die Atmosphäre oder die Ozeane sein oder irgendetwas anderes. Grundsätzlich kann alles zum Commons werden.

Manche Commons - Ressourcen sind von der Natur gemacht (Gewässer, Atmosphäre), andere von Menschen (GNU/ Linux, Wikipedia, Produktionsmittel). Üblicherweise kommt aber beides zusammen – Böden und Saatgut haben eine natürliche Basis, müssen aber von Menschen gepflegt und entwickelt werden, um für Menschen nutzbar zu werden und zu bleiben.

Manche Ressourcen/ Produkte sind universell. Jeder Mensch hat das gleiche Recht, sie zu nutzen. Kein Mensch hat das Recht, sie zu zerstören oder sie einzuhegen und dadurch andere von ihrer Nutzung abzuhalten. Das gilt etwa für die Atmosphäre und die Ozeane, Freie Software wie GNU/ Linux und Firefox sowie Freies Wissen wie die Wikipedia oder Open Street Map.

Andere sind lokal. Sie sind an einen bestimmen Ort gebunden und können nur von den vor Ort lebenden Menschen genutzt und gepflegt werden. Das gilt etwa für einzelne Gewässer und Bewässerungssysteme, Ländereien und Gebäude. Auch lokale Commons brauchen Schutz vor Einhegung und Zerstörung, um als solche erhalten zu bleiben.

(2) Die Community oder Gemeinschaft der Menschen, die das Commons herstellen, erhalten und nutzen. Ohne konkret handelnde Menschen in bestimmten sozialen Umgebungen ist kein Commons denkbar. Produkte werden von Menschen gemacht, und wenn sie nicht von Menschen genutzt werden, sind sie nutzlos. Commons - Ressourcen mit natürlicher Basis müssen bewahrt und gepflegt werden. Unentdecktes und ungenutztes Land ist kein Commons, es ist im Wortsinne „Niemandsland“.

(3) Die Regeln der Selbstorganisation, die die Community für den Umgang mit dem Commons setzt und durchsetzt. Selbstbestimmte Regeln sind die Grundlage der Selbstorganisation. Ohne verabredete Regeln kann kein Commons funktionieren, doch welche Verabredungen im Einzelfall die richtigen sind, hängt von der Art des Commons und den Präferenzen der Community ab. Es ist ein Unterschied, ob die Nutzung von Bytes und Informationen geregelt werden muss oder jene natürlicher Ressourcen wie Wasser und Wald.

Unterschiedliche Commons brauchen unterschiedliche Regeln, die aber in allen Fällen von der jeweiligen Community (Nutzer*innen- und Kümmerer*innen-Gemeinschaft) weitgehend selbst gefunden und durchgesetzt werden. Das gelingt nur, wenn eine Gruppe von Menschen ein gemeinsames Verständnis im Umgang mit dem Commons entwickelt. Den komplexen sozialen Prozess des selbstorganisierten Umgangs mit Commons bezeichnet der Historiker Peter Linebaugh als „Commoning“. Aus diesem „Commoning“ ergeben sich die in oft konfliktreichen Prozessen ausgehandelten Regeln.

Jedes Commons ist anders, weil die Regeln und Gestaltungsprinzipien den lokalen Gegebenheiten und Bedürfnissen angepasst werden. Es gibt keinen „Masterplan“ für alle Commons, wohl aber einige Gemeinsamkeiten:

Commoning ist ein Prozess von unten nach oben (bottom - up) statt von oben nach unten (top - down). Entscheidungen werden lokal von denen getroffenen, die von ihnen betroffen sind und sie umsetzen müssen. Es gibt keine von oben oder von einer zentralen Institution durchgesetzte Vorgaben, an die sich alle halten müssen.

In Commoning - Prozessen werden konsensorientierte Lösungen gegenüber Mehrheitsentscheidungen und willkürlichen Entscheidungen einzelner bevorzugt. Bei exklusivem Privateigentum hat eine Eigentümer/ in die fast uneingeschränkte Verfügungsgewalt – wenn andere die Ressource/ das Produkt nutzen möchten, brauchen sie die Erlaubnis der Eigentümer/ in und müssen sich ihren Vorgaben unterordnen. Bei Mehrheitsentscheidungen dürfen zwar alle mit abstimmen, doch bei jeder tatsächlich getroffenen Entscheidung muss eine unter Umständen beträchtliche Minderheit damit leben, dass sie überstimmt wurden. Das kann schnell zu Frust und Rückzug führen. Beim Streben nach Konsens haben hingegen alle die Möglichkeit, ein begründetes Veto einzulegen und eine Entscheidung, die ihnen gar nicht passt, auf diese Weise zu blockieren. Das macht es schwieriger und langwieriger, sich zu einigen, bedeutet aber auch, dass mit der schließlich gefundenen Lösung alle leben können und niemand das Gefühl hat, immer wieder überstimmt zu werden.

Beim Commoning geht es um die Bedürfnisse der Beteiligten, nicht um Profit. Commons werden gemacht und gepflegt, um genutzt zu werden und Bedürfnisse zu befriedigen, nicht um Profite „abzuwerfen“. Die notwendige Finanzierung der Projekte läuft über vielfältige Formen. Dabei ist zentral, dass das Projekt nicht oder nicht wesentlich für den Markt produziert wird, um eine Ausrichtung am Markt statt an den Bedürfnissen zu verhindern.

Die Logik des Commoning geht davon aus, dass bei richtiger Nutzung „genug für alle“ da ist. „Rivale“ Güter, die nicht von allen gleichzeitig genutzt werden können – ob Bewässerungssysteme oder Fahrzeug - Pools – werden so aufgeteilt, dass alle die wollen zum Zug kommen und niemand leer ausgeht. Nichtrivale Güter, die von beliebig vielen Menschen parallel genutzt werden können – das gilt für jede Art von Wissen und Informationsgütern, etwa Software und Musik – stehen allen ohne Einschränkungen zur Verfügung.

Folgende Gelingensbedingungen für Commoning kann man identifizieren.

* Commoning gelingt besser, wenn Selbstorganisation als ständiger selbstkritischer, selbstreflexiver Prozess verstanden sowie eingeübt und praktiziert wird. Je mehr Selbstorganisationsfähigkeit, umso selbstverständlicher erscheint Commoning.

* Commoning braucht Transparenz. Transparenz braucht umfassende und geduldige Dokumentation von Prozessen, Problemen und Erfahrungen des Gelingens und des Scheiterns.

* Commoning gelingt immer besser, je mehr es dazu beiträgt, unsere Handlungsmöglichkeiten unter den Bedingungen transparenter Selbstorganisation zu erweitern.

IT- Hinweis

https://commons-institut.org/theorie/was-sind-commons/ (19.8.2026)


== 1.5 Lebensweltorientierung =

Lebensweltorientierung ist ein pädagogischer und sozialarbeiterischer Ansatz, der die alltäglichen Lebensbedingungen, Erfahrungen und Perspektiven der Menschen in den Mittelpunkt stellt, um ihre Selbstbestimmung, Teilhabe und Bewältigungskompetenzen zu fördern.

Die Lebensweltorientierung wurde von Hans THIERSCH (1986) entwickelt und zielt darauf ab, professionelle Hilfe nah an der Realität der Menschen zu gestalten. Dabei wird die Person als Experte ihres eigenen Lebens betrachtet, während Fachkräfte Unterstützung zur Selbsthilfe leisten, anstatt als alleinige Experten zu agieren.

IT - Hinweis

https://www.socialnet.de/lexikon/Lebensweltorientierung (17.8.2027)

== 1.6 Literaturhinweise/ Auswahl =

Acksel B. - Euler J. - Gauditz L. - Helfrich S.- Kratzwald, B.- Meretz S.- Tuschen S. (2015): Commoning: Zur Kon - struktion einer konvivialen Gesellschaft, in: Adloff F. - V. Heins V. (Hrsg.): Konvivialismus: Eine Debatte, Bielefeld, 133 - 145

Habermann, F. (2016): Ecommony: Um CARE zum Miteinander. Sulzbach am Taunus

Helfrich S./ Heinrich - Böll - Stiftung (Hrsg.) (2009): Wem gehört die Welt? Zur Wiederentdeckung der Gemeingüter, München, 218 - 228

Helfrich S. (Hrsg.) - Ostrom E. (2011):: Was mehr wird, wenn wir teilen. Vom gesellschaftlichen Wert der Gemeingüter, München


Helfrich S. - Bollier D./ Heinrich - Böll - Stiftung (Hrsg.) (2015): Die Welt der Commons: Muster gemeinsamen Handelns, Bielefeld

Helfrich S./ Heinrich - Böll - Stiftung (Hrsg.) (2012). Commons: Für eine neue Politik jenseits von Markt und Staat, Bielefeld

Knigge - Bietschau J.- Witt D. (2025): Lebensweltorientierung, Frankfurt/ M.

Leitner H. (2015): Mit Mustern arbeiten. Eine Einführung, in: Helfrich S./ Bollier D./ Heinrich - Böll - Stiftung (Hrsg.): Die Welt der Commons - Muster gemeinsam Handeln, Bielefeld, 26-35

Leitner H. (2016): Mustertheorie. Einführung und Perspektiven auf den Spuren von Christopher Alexander, Reihe Musterforschung 001 Erstveröffentlichung 2007 bei Nausner & Nausner Verlag Graz

Meretz, S. (2014): Grundrisse einer freien Gesellschaft, in: Konicz T. - F. Rötzer (Hrsg.), Aufbruch ins Ungewisse: Auf der Suche nach Alternativen zur kapitalistischen Dauerkrise, Hannover, 152 - 182


Thiersch H. (1986): Die Erfahrung der Wirklichkeit: Perspektiven einer alltagsorientierten Sozialpädagogik, Weinheim

Thiersch H. (1999): Lebenswelt und Moral: Beiträge zur moralischen Orientierung Sozialer Arbeit, Weinheim

Thiersch H. ( 2003): „25 Jahre alltagsorientierte Soziale Arbeit – Erinnerung und Aufgabe“, in: Zeitschrift für Sozialpädagogik, 1 - 2/ 2003, 118 − 124

Thiersch H. (2015): Soziale Arbeit und Lebensweltorientierung: Handlungskompetenzen und Arbeitsfelder. Gesammelte Aufsätze. Band 2, Weinheim

Thiersch H. (2016): Alltag und Lebenswelt im 21. Jahrhundert. In: Sozialpädagogische Impulse, 4 /2016, 6 − 11

Thiersch H. (2020): Lebensweltorientierte Soziale Arbeit – revisited, Weinheim


Gemeinwesenorientierung    

Günther Dichatschek

Inhaltsverzeichnis dieser Seite
Gemeinwesenorientierung   
Einführung   
1 Gemeinwesenarbeit   
1.1 Tagung Gemeinwesenarbeit 2026   
1.2 Silke Helfrich   
1.3 Überblick Gemeinwohlökonomie/ Auswahl   
1.4 Commons   
1.5 Lebensweltorientierung   
1.6 Literaturhinweise/ Auswahl   

Einführung    

1 Gemeinwesenarbeit    

1.1 Tagung Gemeinwesenarbeit 2026    

Gemeinwesenarbeit/ GWA in stürmischen Zeiten. Welche Konfliktfähigkeit brauchen wir für Frieden?

Bundesinstitut für Erwachsenenbildung Strobl a.W.

Dauer: 07.10.2026 bis 09.10.2026 Anmeldung bis: 23.09.2026

Referierende: Werkstätte Gemeinwesenarbeit

Termine - Arbeitszeiten

Mittwoch, 07. Oktober 2026: 14:00 - 18:00

Donnerstag, 08. Oktober 2026: 09:00 - 18:00

Freitag, 09. Oktober 2026: 09:00 - 12:00

Politische, soziale und zwischenmenschliche Konflikte nehmen zu. Anstatt jedoch mehr Stimmen zuzulassen und Möglichkeiten demokratischer Teilhabe zu erweitern, werden Konflikte weltweit zunehmend in Form von direkter militärischer, physischer und psychischer Gewalt ausgetragen.

Die Auswirkungen sind auch in Europa und Österreich spürbar wie etwa Autoritarismus, Polarisierung und Nationalismus greifen um sich. Durch politische Angriffe auf demokratische Rechte, Aushandlungen und Verfahren sind stärkere Spannungen in den Gemeinwesen und der Gemeinwesenarbeit wahrzunehmen. Initiativen im Gemeinwesen sind durch knapper werdende Ressourcen und unsichere Bedingungen herausgefordert.

Gleichzeitig existieren vielfältige Formen von Wissen und Praktiken in der Gemeinwesenarbeit, der Sozialen Arbeit und der Erwachsenenbildung, die eine konfliktfähige, gewaltfreie Arbeit ermöglichen und sich einer Zukunft des kritischen Miteinanders verschreiben. Konfliktfähigkeit ist Voraussetzung für Frieden, da sie Unrecht richten und zu sozialer Gerechtigkeit beitragen kann.

Auf der diesjährigen GWA - Tagung möchten wir eine Vielfalt an Ansätzen versammeln, die andere Antworten auf die aktuellen sozialen, ökologischen und politischen Fragen geben, als das Recht des Stärkeren oder die Gewalt der Überlegenheit.

Wie reagieren Akteur/ innen der Gemeinwesenarbeit auf die Tendenz zu gewaltsamem Handeln und wahrnehmbarer Kriegsbegeisterung?

Inwiefern sind autoritäre Stärke und Führung wirklich effizienter als demokratisches Aushandeln?

Welche Konzepte, Methoden und Inhalte aus der Gemeinwesenarbeit stärken Konfliktfähigkeit als Werkzeug demokratischer Interessenfindung?

Wie kann Gemeinwesenarbeit politisch, diskursiv und institutionell so gefördert werden, dass sie ihr Potential im Hinblick auf eine konfliktfähige Demokratie bestmöglich entfaltet?

IT - Hinweis

https://www.bifeb.at/bildungszentrum/programmbereiche/tagung-gemeinwesenarbeit-2026/T3-1450 (14.8.2026)

1.2 Silke Helfrich    

Silke Helfrich (* 13. Juli 1967 in Thüringen; † 10. November 2021 in Liechtenstein) war eine deutsche Autorin, Herausgeberin, Forscherin und Aktivistin zu Gemeingütern und Commons.

Helfrich studierte Philologie/ Romanistik, Sozialwissenschaften mit ökonomischem Schwerpunkt und Pädagogik an der Karl - Marx - Universität Leipzig. Von 1996 bis 1998 arbeitete sie für die Heinrich - Böll - Stiftung in Thüringen, leitete deren Landesstiftung und von 1999 bis 2007 stiftungseigene Regionalbüros für Zentralamerika, Kuba und Mexiko in San Salvador und Mexiko - Stadt. Sie veröffentlichte mit der US - amerikanischen Ökonomin Elinor Ostrom und übersetzte ihre Schriften.

Sie war Mitgründerin des deutschsprachigen Commons - Instituts, betrieb das Commons Blog und war Teil der Commons Strategies Group. 2014 studierte sie Master Ökonomie der Cusanus - Hochschule und half beim Aufbau von Stipendienmodell und Studierendenvertretung der Hochschule. 2018 und 2019 war sie Fellow des Institute for Advanced Sustainability Studies (IASS) in Potsdam. Helfrich war Mitglied der Kulturland - Genossenschaft. Sie sprach fließend Deutsch, Englisch, Spanisch, Französisch, Italienisch und Portugiesisch. Zudem verfügte sie über Grundkenntnisse in Katalanisch, Latein, Russisch und Japanisch.

Silke Helfrich verunglückte am 10. November 2021 bei einer kurzen Wanderung bei Schaan im Fürstentum Liechtenstein tödlich.

Silke Helfrich veröffentlichte mehrere Sachbücher und Sammelbände zu materiellen und geistigen Gemeingütern sowie Peer - to - Peer - Netzwerken und -produktion. Sie wurden in mehrere Sprachen übersetzt. Ihr besonderer Fokus lag dabei auf den sozialen Prozessen und Mustern, in denen gemeinschaftliche Güter entstehen und erhalten bleiben (Commoning), sowie den Begriffen, die selbige beschreiben können. Um derartige „Muster des Commonings“ festzuhalten, entwarf sie eine von Christopher Alexander inspirierte Theorie und Mustersprache

1.3 Überblick Gemeinwohlökonomie/ Auswahl    

Freiheit - Gerechtigkeit - Nachhaltigkeit

Staat und Markt - selbstorganisierte und nachhaltige Ressourcennutzung

Commonslogik - Menschenbild soziales Wesen - Konsensprinzip

Selbstorganisation und Monotorierung

gemeinsam genutzter Besitz - Schwerpunkt: nutzungsgerechtes Gemeinwohl

Mensch - Erziehung

Selbstentfaltung

Ressourcen - Selbstorganisation - Bedürfnisorientierung

IT - Hinweis

https://www.ltdg.net/wp-content/uploads/2021/11/211009_Commons_Eine_Einfuehrung_GWOe-komprimiert.pdf (17.8.2026)

1.4 Commons    

Commons sind gemeinsam hergestellte, gepflegte und genutzte Produkte und Ressourcen unterschiedlicher Art. Im Deutschen gibt es dafür das Wort Gemeingüter, was aber zu sehr auf die Ressourcen oder Produkte („Güter“) fokussiert. Daher verwenden wir auch im Deutschen das Wort Commons. Das Wort Commons mit „s“ steht dabei sowohl für die Einzahl wie für die Mehrzahl, es gibt also das Commons und die Commons.

Commons haben drei Bausteine.

(1) Die Ressource oder das Produkt, das gemeinschaftlich hergestellt, erhalten und genutzt wird. Das können etwa Gewässer, Böden, Räume, Software, Saatgut, Fahrräder, die Wikipedia, Erkenntnisse, Produktionsmittel, die Atmosphäre oder die Ozeane sein oder irgendetwas anderes. Grundsätzlich kann alles zum Commons werden.

Manche Commons - Ressourcen sind von der Natur gemacht (Gewässer, Atmosphäre), andere von Menschen (GNU/ Linux, Wikipedia, Produktionsmittel). Üblicherweise kommt aber beides zusammen – Böden und Saatgut haben eine natürliche Basis, müssen aber von Menschen gepflegt und entwickelt werden, um für Menschen nutzbar zu werden und zu bleiben.

Manche Ressourcen/ Produkte sind universell. Jeder Mensch hat das gleiche Recht, sie zu nutzen. Kein Mensch hat das Recht, sie zu zerstören oder sie einzuhegen und dadurch andere von ihrer Nutzung abzuhalten. Das gilt etwa für die Atmosphäre und die Ozeane, Freie Software wie GNU/ Linux und Firefox sowie Freies Wissen wie die Wikipedia oder Open Street Map.

Andere sind lokal. Sie sind an einen bestimmen Ort gebunden und können nur von den vor Ort lebenden Menschen genutzt und gepflegt werden. Das gilt etwa für einzelne Gewässer und Bewässerungssysteme, Ländereien und Gebäude. Auch lokale Commons brauchen Schutz vor Einhegung und Zerstörung, um als solche erhalten zu bleiben.

(2) Die Community oder Gemeinschaft der Menschen, die das Commons herstellen, erhalten und nutzen. Ohne konkret handelnde Menschen in bestimmten sozialen Umgebungen ist kein Commons denkbar. Produkte werden von Menschen gemacht, und wenn sie nicht von Menschen genutzt werden, sind sie nutzlos. Commons - Ressourcen mit natürlicher Basis müssen bewahrt und gepflegt werden. Unentdecktes und ungenutztes Land ist kein Commons, es ist im Wortsinne „Niemandsland“.

(3) Die Regeln der Selbstorganisation, die die Community für den Umgang mit dem Commons setzt und durchsetzt. Selbstbestimmte Regeln sind die Grundlage der Selbstorganisation. Ohne verabredete Regeln kann kein Commons funktionieren, doch welche Verabredungen im Einzelfall die richtigen sind, hängt von der Art des Commons und den Präferenzen der Community ab. Es ist ein Unterschied, ob die Nutzung von Bytes und Informationen geregelt werden muss oder jene natürlicher Ressourcen wie Wasser und Wald.

Unterschiedliche Commons brauchen unterschiedliche Regeln, die aber in allen Fällen von der jeweiligen Community (Nutzer*innen- und Kümmerer*innen-Gemeinschaft) weitgehend selbst gefunden und durchgesetzt werden. Das gelingt nur, wenn eine Gruppe von Menschen ein gemeinsames Verständnis im Umgang mit dem Commons entwickelt. Den komplexen sozialen Prozess des selbstorganisierten Umgangs mit Commons bezeichnet der Historiker Peter Linebaugh als „Commoning“. Aus diesem „Commoning“ ergeben sich die in oft konfliktreichen Prozessen ausgehandelten Regeln.

Jedes Commons ist anders, weil die Regeln und Gestaltungsprinzipien den lokalen Gegebenheiten und Bedürfnissen angepasst werden. Es gibt keinen „Masterplan“ für alle Commons, wohl aber einige Gemeinsamkeiten:

Commoning ist ein Prozess von unten nach oben (bottom - up) statt von oben nach unten (top - down). Entscheidungen werden lokal von denen getroffenen, die von ihnen betroffen sind und sie umsetzen müssen. Es gibt keine von oben oder von einer zentralen Institution durchgesetzte Vorgaben, an die sich alle halten müssen.

In Commoning - Prozessen werden konsensorientierte Lösungen gegenüber Mehrheitsentscheidungen und willkürlichen Entscheidungen einzelner bevorzugt. Bei exklusivem Privateigentum hat eine Eigentümer/ in die fast uneingeschränkte Verfügungsgewalt – wenn andere die Ressource/ das Produkt nutzen möchten, brauchen sie die Erlaubnis der Eigentümer/ in und müssen sich ihren Vorgaben unterordnen. Bei Mehrheitsentscheidungen dürfen zwar alle mit abstimmen, doch bei jeder tatsächlich getroffenen Entscheidung muss eine unter Umständen beträchtliche Minderheit damit leben, dass sie überstimmt wurden. Das kann schnell zu Frust und Rückzug führen. Beim Streben nach Konsens haben hingegen alle die Möglichkeit, ein begründetes Veto einzulegen und eine Entscheidung, die ihnen gar nicht passt, auf diese Weise zu blockieren. Das macht es schwieriger und langwieriger, sich zu einigen, bedeutet aber auch, dass mit der schließlich gefundenen Lösung alle leben können und niemand das Gefühl hat, immer wieder überstimmt zu werden.

Beim Commoning geht es um die Bedürfnisse der Beteiligten, nicht um Profit. Commons werden gemacht und gepflegt, um genutzt zu werden und Bedürfnisse zu befriedigen, nicht um Profite „abzuwerfen“. Die notwendige Finanzierung der Projekte läuft über vielfältige Formen. Dabei ist zentral, dass das Projekt nicht oder nicht wesentlich für den Markt produziert wird, um eine Ausrichtung am Markt statt an den Bedürfnissen zu verhindern.

Die Logik des Commoning geht davon aus, dass bei richtiger Nutzung „genug für alle“ da ist. „Rivale“ Güter, die nicht von allen gleichzeitig genutzt werden können – ob Bewässerungssysteme oder Fahrzeug - Pools – werden so aufgeteilt, dass alle die wollen zum Zug kommen und niemand leer ausgeht. Nichtrivale Güter, die von beliebig vielen Menschen parallel genutzt werden können – das gilt für jede Art von Wissen und Informationsgütern, etwa Software und Musik – stehen allen ohne Einschränkungen zur Verfügung.

Folgende Gelingensbedingungen für Commoning kann man identifizieren.

  • Commoning gelingt besser, wenn Selbstorganisation als ständiger selbstkritischer, selbstreflexiver Prozess verstanden sowie eingeübt und praktiziert wird. Je mehr Selbstorganisationsfähigkeit, umso selbstverständlicher erscheint Commoning.
  • Commoning braucht Transparenz. Transparenz braucht umfassende und geduldige Dokumentation von Prozessen, Problemen und Erfahrungen des Gelingens und des Scheiterns.
  • Commoning gelingt immer besser, je mehr es dazu beiträgt, unsere Handlungsmöglichkeiten unter den Bedingungen transparenter Selbstorganisation zu erweitern.
IT- Hinweis

https://commons-institut.org/theorie/was-sind-commons/ (19.8.2026)

1.5 Lebensweltorientierung    

Lebensweltorientierung ist ein pädagogischer und sozialarbeiterischer Ansatz, der die alltäglichen Lebensbedingungen, Erfahrungen und Perspektiven der Menschen in den Mittelpunkt stellt, um ihre Selbstbestimmung, Teilhabe und Bewältigungskompetenzen zu fördern.

Die Lebensweltorientierung wurde von Hans THIERSCH (1986) entwickelt und zielt darauf ab, professionelle Hilfe nah an der Realität der Menschen zu gestalten. Dabei wird die Person als Experte ihres eigenen Lebens betrachtet, während Fachkräfte Unterstützung zur Selbsthilfe leisten, anstatt als alleinige Experten zu agieren.

IT - Hinweis

https://www.socialnet.de/lexikon/Lebensweltorientierung (17.8.2027)

1.6 Literaturhinweise/ Auswahl    

Acksel B. - Euler J. - Gauditz L. - Helfrich S.- Kratzwald, B.- Meretz S.- Tuschen S. (2015): Commoning: Zur Kon - struktion einer konvivialen Gesellschaft, in: Adloff F. - V. Heins V. (Hrsg.): Konvivialismus: Eine Debatte, Bielefeld, 133 - 145

Habermann, F. (2016): Ecommony: Um CARE zum Miteinander. Sulzbach am Taunus

Helfrich S./ Heinrich - Böll - Stiftung (Hrsg.) (2009): Wem gehört die Welt? Zur Wiederentdeckung der Gemeingüter, München, 218 - 228

Helfrich S. (Hrsg.) - Ostrom E. (2011):: Was mehr wird, wenn wir teilen. Vom gesellschaftlichen Wert der Gemeingüter, München

Helfrich S. - Bollier D./ Heinrich - Böll - Stiftung (Hrsg.) (2015): Die Welt der Commons: Muster gemeinsamen Handelns, Bielefeld

Helfrich S./ Heinrich - Böll - Stiftung (Hrsg.) (2012). Commons: Für eine neue Politik jenseits von Markt und Staat, Bielefeld

Knigge - Bietschau J.- Witt D. (2025): Lebensweltorientierung, Frankfurt/ M.

Leitner H. (2015): Mit Mustern arbeiten. Eine Einführung, in: Helfrich S./ Bollier D./ Heinrich - Böll - Stiftung (Hrsg.): Die Welt der Commons - Muster gemeinsam Handeln, Bielefeld, 26-35

Leitner H. (2016): Mustertheorie. Einführung und Perspektiven auf den Spuren von Christopher Alexander, Reihe Musterforschung 001 Erstveröffentlichung 2007 bei Nausner & Nausner Verlag Graz

Meretz, S. (2014): Grundrisse einer freien Gesellschaft, in: Konicz T. - F. Rötzer (Hrsg.), Aufbruch ins Ungewisse: Auf der Suche nach Alternativen zur kapitalistischen Dauerkrise, Hannover, 152 - 182

Thiersch H. (1986): Die Erfahrung der Wirklichkeit: Perspektiven einer alltagsorientierten Sozialpädagogik, Weinheim

Thiersch H. (1999): Lebenswelt und Moral: Beiträge zur moralischen Orientierung Sozialer Arbeit, Weinheim

Thiersch H. ( 2003): „25 Jahre alltagsorientierte Soziale Arbeit – Erinnerung und Aufgabe“, in: Zeitschrift für Sozialpädagogik, 1 - 2/ 2003, 118 − 124

Thiersch H. (2015): Soziale Arbeit und Lebensweltorientierung: Handlungskompetenzen und Arbeitsfelder. Gesammelte Aufsätze. Band 2, Weinheim

Thiersch H. (2016): Alltag und Lebenswelt im 21. Jahrhundert. In: Sozialpädagogische Impulse, 4 /2016, 6 − 11

Thiersch H. (2020): Lebensweltorientierte Soziale Arbeit – revisited, Weinheim

 
© die jeweiligen Autoren zuletzt geändert am 19. August 2026