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Reihe Historisches Lernen 4 - Historische Politische Bildung - Europa Sozialgeschichte

Reihe Historisches Lernen 4    

Historische Politische Bildung - Aspekte Europäischer Sozialgeschichte    

Günther Dichatschek

Inhaltsverzeichnis dieser Seite
Reihe Historisches Lernen 4   
Historische Politische Bildung - Aspekte Europäischer Sozialgeschichte   
Vorbemerkung   
Einleitung   
Teil I Sozialgeschichte   
1 Europäische Sozialgeschichte   
1.1 Bildung   
1.1.1 Basisqualifikationen   
1.1.2 Bildungsbereiche   
1.1.3 Literaturhinweise   
1.2 Arbeit   
1.2.1 Berufspädagogik   
1.2.2 Industrialisierung   
1.2.3 Sozialstaat   
1.2.4 Erwerbsarbeit   
1.2.4 Europäische Besonderheiten   
1.2.5 Literaturhinweise   
1.3 Migration   
1.3.1 Einwanderung   
1.3.2 Zuwanderungspolitik   
1.3.3 Flucht   
1.3.4 Arbeitsmigration   
1.3.5 Zukünftige Perspektiven   
1.3.6 Bildungsmigration   
1.3.7 Politisierung   
1.3.8 Transnationale Zuwanderung   
1.3.9 Minderheiten   
1.3.10 Literaturhinweise   
1.4 Soziale Bewegungen/ Zivilgesellschaft   
1.4.1 Soziale Bewegungen   
1.4.2 Zivilgesellschaft   
1.4.3 Literaturhinweise   
1.5 Wertewandel - Säkularisierung   
1.5.1 Konzepte   
1.5.2 Säkularisierung   
1.5.3 Politische Aktionen   
1.5.4 Literaturhinweise   
Teil II Politische Bildung   
2 Politische Bildung   
2.1 Aufgaben   
2.2 Themenbereiche   
2.3 Historische Politische Bildung   
2.4 Literaturhinweise   
Dokumentation   
Zum Autor   

Vorbemerkung    

Historisches Lernen ist der Prozess, bei dem Menschen vergangene Ereignisse deuten und aneignen, um eine eigene Zeitwahrnehmung zu entwickeln. Es ist nicht nur neues Wissen, vielmehr ein Denkstil, der Sinn aus der Erfahrung von Zeitlichkeit bildet und durch Methodenkompetenz wie Quellenanalyse und Interpretation die eigene Orientierung in Gegenwart und Zukunft stärkt.

Zentral ist ein Geschichtsbewusstsein wichtig für eine Orientierung in der Zeit mittels eines Lern- und Entwicklungsprozesses.

Es ist ein Prozess aus Fragen, Problemlösungen und der Entwicklung von Sinn über vergangene Phänomene, basierend auf historischen Erzählungen und Reflexionen.

Aus Autorensicht ist in den einzelnen Studien der Buchreihe die Ausbildungs- und Berufsbiographie wesentlich, historische Epochen in ihrer Bedeutung anzusprechen. Der Kontext zur Politischen Bildung und Interkulturalität bedarf einer Beachtung.

Politische Bildung fördert das Historische Lernen durch Projektmethoden, digitale Werkzeuge und die Verbindung von Vergangenheit mit Gegenwart. Erinnerungskultur, biografische Ansätze, die Auseinandersetzung mit dem eigenen Umfeld und die Nutzung digitaler Medien stehen zur Verfügung.

Zunehmend erhält Politische Bildung Bedeutung für eine persönliche Kompetenz, historische Phänomene einordnen und beurteilen zu können.

Einleitung    

Europa ist derzeit in einer schwierigen Phase.

Für die Politische Bildung ergibt sich eine pädagogische Herausforderung, Themenbereiche einer europäischen Entwicklung zu beleuchten. Beispielhaft wird dies mit dem Themenbereich "Europäische Sozialgeschichte" behandelt.

Ausgangspunkt der Studie sind die Absolvierung des Universitätslehrganges Politische Bildung, die Auseinandersetzung mit der Fachliteratur mit Schwerpunkt Politische Bildung, der Lehrgang "Freude an Bildung - Politische Bildung" an der VHS Salzburg (2004 - 2011) und das Seminar "Didaktik der Politischen Bildung", Universität Salzburg - Fachbereich Geschichte (2016 - 2017).

Die Studie gliedert sich in die zwei Teile Sozialgeschichte und Historische Politische Bildung.

Teil I Sozialgeschichte    

1 Europäische Sozialgeschichte    

Im Folgenden wird auf die sozialgeschichtliche Entwicklung Europas im Zeitraum von 1945 bis heute eingegangen. Von Interesse für den Autor sind die Bereiche Bildung, Arbeit, Migration, Soziale Bewegungen/ Zivilgesellschaft und Wertewandel/ Säkularisierung (vgl. KAELBLE 2007).

1.1 Bildung    

Als großer Bereich neben der Städteplanung und sozialen Absicherung war Bildung an Schulen und Hochschulen in Europa ein großer Bereich staatlicher Intervention in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts (vgl. KAELBLE 2007, 385).

Für die Politische Bildung ist Aus-, Fort- und Weiterbildung von besonderem Interesse im europäischen Kontext.

1.1.1 Basisqualifikationen    

Soziale Prozesse, kulturelle Einstellungen und wirtschaftliche Entwicklungen spielen für die Umsetzung insbesondere der Ausbildung in Europa eine wesentliche Rolle. Solche Veränderungen von Bildung wirken erst nach Jahrzehnten, man denke nur an die Bildungsbemühungen bei benachteiligten Gruppen und bei Basisqualifikationen.

Aus diesem Verständnis heraus sind die Impulse der Europäischen Union und der OECD zu würdigen. Hier kann die zukünftige Entwicklung Europas abgelesen werden (vgl. MÜLLER - GANGL 2003, 23-62; OECD 1994 für Westeuropa).

Die Ausweitung des Bildungsangebots vollzog sich im genannten Zeitraum ungemein rasch und fand auf allen Ebenen statt (vgl. KAELBLE 2007, 386-394). Zu nennen sind insbesondere die Alphabetisierung mit der Beseitigung des Analphabetismus in Süd- und Südosteuropa, besonders unter der älteren Generation und in ärmeren Regionen. Zum Rückgang trugen der Druck der Öffentlichkeit etwa auch der UNESCO, der Einfluss der nationalen Intellektuellen, der Regierungen und der Wirtschaft (vermehrter Maschinen- und Automationseinsatz) bei. Nicht zuletzt kam es zum Phänomen der Einwanderung von Analphabeten in Europa, wodurch unter den Kindern die Analphabetenrate zurückging.

1.1.2 Bildungsbereiche    

  • Kindergärten werden gerne bei Bildungsbemühungen übersehen. Nunmehr werden sie zunehmend ein fester Bestandteil. Frankreich gilt in Europa als Pionierland (vgl. in den siebziger Jahren den Anteil mit 80 Prozent, in Westdeutschland mit 50 Prozent). Mit Ende des 20. Jahrhunderts setzen sich die Bildungsbemühungen in den meisten europäischen Ländern in Form der Kindergärten oder Vorschulen durch. Die Türkei gilt als besondere Ausnahme mit dem Besuch einer winzigen Minderheit (vgl. UNESCO 1995, 356-357). Gründe für den Kindergartenbesuch sind die Veränderung von Erziehungsvorstellungen, die Erwerbstätigkeit von Müttern, die Begegnung mit Gleichaltrigen und der Außenwelt sowie die Professionalisierung der Kindergartenpädagogik. Alternativen zu den Kindergärten fehlen zunehmend (etwa das Netzwerk Erziehender neben den Eltern).
  • Sekundarschulen erhalten vermehrt Bedeutung, allerdings sind sie in Europa unterschiedlich. Die Reifeprüfung blieb ein Vorrecht einer Minderheit bis in die fünfziger Jahre. In den sechziger Jahren wurde die Sekundarschule zur Normalschule. Um 2000 besuchte die Mehrheit Lernender diese Schulform. Anders als im übrigen Europa zeigen sich die Zahlen in der Türkei, wo erst in den achtziger Jahren eine Mehrheit der Buben und in den neunziger Jahren eine Minderheit der Mädchen die Sekundarschule besuchten (vgl. UNESCO 1995, 3-67).
  • Von Interesse ist der unterschiedliche Besuch von Mädchen in den siebziger Jahren, der höher liegt als bei Buben in Bulgarien, Ungarn, Finnland, Schweden, Großbritannien, Frankreich und Portugal.
  • Mit der Reifeprüfung veränderten sich die Biographien und zukünftige Bildungsansprüche. Gründe für die Zunahme von Lernenden in Sekundarschulen sind der Wunsch nach Bildung, die Nachfrage nach Qualifikationen durch den Arbeitsmarkt und eine Änderung der Bildungspolitik. Durch den Konjunkturaufschwung in den fünfziger und sechziger Jahren stiegen die Realeinkommen wie nie zuvor, der Besuch dieser Schulform wurden nicht als wesentliche finanzielle Belastung gesehen. Sinkende Geburtsraten verstärkten die Nachfrage, eine bessere Schulausbildung der Mädchen ergab sich konsequenterweise. Die vermehrte Bedeutung von Angestelltenberufen der Industrie, die zunehmende Bedeutung des Dienstleistungssektors und des Öffentlichen Dienstes sowie die Bedeutung von Landwirtschaft verlangten nach Qualifikationen.
  • Ein Volksschulabschluss wurde zunehmend als zu gering angesehen (vgl. die Bedeutung der Aufbau - Volksschule in Österreich mit Fächern aus der Sekundarstufe I und damit der Möglichkeit des Besuchs der Sekundarstufe II in den siebziger Jahren).
  • Hochschulen ermöglichten durch die Bildungsexpansion ab den sechziger Jahren eine Zunahme der Studentenzahlen. Damit erhielt ein "Studium" ein anderes Gewicht und wurde ein wichtiger Teil eines Lebensabschnittes (vgl. den Anstieg der Studierenden im europäischen Durchschnitt in den fünfziger Jahren von 4 Prozent auf 14 Prozent in den siebziger Jahren, auf 30 Prozent in den neunziger Jahren und über 45 Prozent 1995; vgl. KAELBLE 2007, 391-392). Gründe waren der Wirtschaftsboom der sechziger Jahre, die Nachfrage nach Qualifikationen, eine vermehrte staatliche Verwaltung, das Ansteigen des Bildungssektors, der "Sputnik - Schock" und die Debatten um Chancengleichheit. Wenig diskutiert in der Öffentlichkeit veränderten sich europäische Bildungsqualifikationen von einer um 1950 noch vorhandenen Volksschulgesellschaft zu einer Gesellschaft von Universitäts- und Fachhochschulabsolventinnen und Absolventen, "[...]die in den jungen Jahrgängen mindestens ebenso häufig waren wie ein halbes Jahrhundert zuvor die Industriearbeiter" (KAELBLE 2007, 394). Mit diesem Wandel an Bildungschancen öffnen sich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts Chancen für Gruppen, die um 1950 auf erhebliche Zugangsbarrieren stießen.
  • Frauen erhielten nunmehr mit der Öffnung des Bildungssystems gleiche Bildungsmöglichkeiten ("Verwirklichung des gleichen Rechts auf Bildung"). Im europäischen Durchschnitt waren 1995 52 Prozent aller Studierenden Frauen (vgl. KAELBLE 2007, 395-396). Trotzdem drangen bzw. drängen Frauen in bestimmten technischen und naturwissenschaftlichen Studienrichtungen nur langsam vor (vgl. zur unveränderten Situation heute KRAIS 2014, 274-275). Nur zögernd wirkt sich die Gleichheit der Zugangschancen zum Studium auf die Zugangschancen zu akademischen Berufen aus. Gründe für die Öffnung sind die öffentliche Debatte um ein Frauenstudium, eine veränderte Lebensplanung der Frauen (Berufstätigkeit/lebenslange Beschäftigung) und akademische Karrieren. Das Frauenbild hat sich entscheidend geändert.
  • Soziale Unterschichten erhielten in den Gruppen der Arbeiter, kleinen Landwirten und unteren Angestellten wesentlich verbesserte Chancen. Am Ende des 20. Jahrhunderts dürften nach groben Schätzungen in Europa ungefähr 10-13 Prozent dieser Gruppierung Studierende sein. Gründe sind die bessere wirtschaftliche Situation dieses Milieus, das Sinken der Milieubindung und die Änderung von Berufswahlvorstellungen, das bessere Angebot der Schulwahl in räumlicher Nähe und die öffentliche Debatte über das Studium und die Bildungspolitik (vgl. die immer noch spezifischen Bildungsbenachteiligungen von Arbeiterkindern und das neue Phänomen der Bildungsarmut - KRAIS 2014, 273).
  • Zuwandernde hatten am Ende des 20. Jahrhunderts schlechtere Bildungschancen als der Durchschnitt der Lernenden der einheimischen Bevölkerung. Bruchstückhaft lässt sich ein Abbau von Ungleichheiten hier erkennen. Die Analphabetenrate ist in der zweiten Generation gesunken, der Sekundarschulbesuch nahm zu und die Veränderung des Migrationsmilieus dürfte neben der Änderung der Schul- und Hochschulpolitik wesentlich gewesen sein (vgl. KAELBLE 2007, 398-399; KRAIS 2014, 273). Von Interesse ist etwa die Unterschiedlichkeit in europäischen Ländern. In Frankreich zeigt sich etwa, dass türkische Zuwanderer ihre Bildungschancen und ihren Hochschulzugang doppelt so hoch waren als in den deutschsprachigen Ländern, weil die Ausbildung im früherem Alter einsetzt, die Schulwahl (Übertritte) später getroffen wird und die individuelle Unterstützung besser war (allerdings die Abbrecherquoten höher). Deutschsprachige Schulsysteme boten dagegen eine bessere Berufsausbildung einen leichteren Zugang zum Arbeitsmarkt und weniger Arbeitslosigkeit (vgl. CRUL - VERMEULEN 2003, 965-968). Die Bildungspolitik in Europa veränderte sich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts stark (vgl. KAELBLE 2007, 400-402).
  • Bildungsreformen in Großbritannien (UK) mit dem ""Education Act" (1944) und in Schweden mit der Einführung der "comprehensive school" (1950) und in der Folge in ganz Skandinavien waren kennzeichnend. Im östlichen Europa wurde die Schule zumeist verstaatlicht und grundlegend umgebaut. Marxismus - Leninismus und Russisch als Fremdsprache waren verpflichtend.
  • Eine zweite Epoche in den sechziger und siebziger Jahren wurde durch das Bildungswachstum und Chancengleichheit bestimmt. Kennzeichnend waren in einer Zeit des Wirtschaftsbooms die Verlängerung der Schulzeit, der Ausbau der Sekundarschulen und Hochschulen, die Errichtung von Ganztagsschulen in weiten Teilen Europas und vermehrte Lehrer- und Hochschullehrerstellen. Erziehungswissenschaft und Bildungssoziologie wurden als Studienfach wesentlich. Gefordert waren die Durchlässigkeit zwischen den Schulformen, die Reifeprüfung zugänglicher gestalten, Stipendienprogramme und eine flächendeckende Versorgung von Schulen. Konflikte entstanden um eine Modernisierung von Bildungssystemen und Partizipationsmöglichkeiten in Hochschulen.
  • In den siebziger und achtziger Jahren geriet die Bildungspolitik durch das Absinken des Wirtschaftswachstum in eine Krise. Gefordert waren nun Effizienz- und Finanzkontrolle.
  • In den neunziger Jahren kam es zu drei neuen Entwicklungen.
    • Die Wirtschaftsentwicklung wurde stärker beachtet.
    • Die Qualität der Ausbildung und kostengünstige Organisation nach Modellen von Unternehmen waren nunmehr Themen (vgl. die beginnenden Bemühungen um "Schulentwicklung").
    • Chancengleichheit wurde kaum diskutiert.
  • Im östlichen Europa kam es nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion zu einem aufgestauten Bildungsbedarf.
  • Europäische Debatten wiesen auf Ähnlichkeiten trotz Unterschiedlichkeiten und Besonderheiten in nationalen Staaten. Internationale Netzwerke erhielten Bedeutung. Die OECD, UNESCO und in der Folge die EU führten internationale Debatten.
  • Themen waren im Zeichen des Rückstandes des Westens ("Sputnik - Schock")
    • die Einführung von Naturwissenschaften im Unterricht (Paradigmenwechsel von Geistes- zu Naturwissenschaften),
    • eine stärkere Bildungsplanung,
    • die Ungleichheit der Bildungschancen und Bildungsbenachteiligungen (Unterschichten, Frauen),
    • die Qualität von Bildung, Unterricht und der Lehrenden,
    • die Integration von Zuwandernden, Behinderten und sozial Benachteiligten und
    • lebensbegleitendes Lernen, in der Folge mit der Finanzierung der Aus- und Fortbildung.
  • Vermehrt bekam die Europäische Union mit ihren Bildungsprogrammen Bedeutung.
    • Auslandsstudien in Form von Erasmus/ Sokrates - Programmen wurden verstärkt beworben.
    • Europäische Forschungsprogramme zur Forschungsförderung mit Kontakten zu Forschungseinrichtungen wurden eingerichtet.
    • Wechselseitige Anerkennung von Studien und eine Vereinheitlichung der Studienabschlüsse (BA und MA/ "Bologna" -Prozess) wurden angestrebt.
    • Gefördert und erleichtert wurden Mobilitätsmaßnahmen von Auslandsaufenthalten Lernender und Lehrender. Damit kam es zu einer Wertschätzung der Auslandsaus- und Fortbildung bzw. ausländischer Studien bzw. Abschlüssen.
    • Ohne Zweifel war/ ist Europa kein homogener Bildungsmarkt. Man geht davon aus, dass europäische Verschiedenheit (oft) mehr Innovationen zulässt als ein vereinheitlichtes Europa (vgl. KAELBLE 2007, 409).
  • Europäische Besonderheiten sind im Vergleich zu außereuropäischen Gesellschaften (beispielhaft USA und Japan)
    • die staatliche Organisation, Folgerungen ergeben sich jeweils aus der national - staatlichen Haushaltspolitik
    • die europäischen Massenuniversitäten mit ihrer unpersönlichen Ausbildung, nachlassenden Qualität und zumeist Unterfinanzierung
    • die widersprüchliche Europäisierung von Bildung. Einerseits europäisierten sich zunehmend die Studierenden und ausländische europäische Studierende nahmen stark zu und andererseits fehlte ein europäischer Arbeitsmarkt für Lehrende
    • die Rolle Europas als kulturelle globale Drehscheibe am Ende des 20. Jahrhunderts. Europa war auch der größte Zeitungs- und Buchexporteur der Welt, das wichtigste Zentrum von Übersetzungen in andere Sprachen und der größte Tourismusmarkt sowie Magnet des globalen Kulturtourismus.
1.1.3 Literaturhinweise    

Crul M. - Vermeulen H. (2003): The second Generation in Europe, in: International Migration review 37/2003, 965-968

Kaelble H. (2002): Zu einer europäischen Sozialgeschichte der Bildung, in: Caruso M. - Tenorth H. - E. (Hrsg.): Internationalisierung - Internationalisation. Semantik und Bildungssystem in vergleichender Perspektive, Frankfurt/ M., 249-268

Kaelble H. (2007): Sozialgeschichte Europas. 1945 bis zur Gegenwart, Lizenzausgabe für die Bundeszentrale für politische Bildung, Schriftenreihe Bd. 618, Bonn

Krais B. (2014): Bildungssoziologie, in: Die DDS, Zeitschrift für Erziehungswissenschaft, Bildungspolitik und pädagogische Praxis, Heft 3/2014, 264-290

Müller W.- Gangl M. (Hrsg.) (2003): Transitions from Education to Work in Europe: the Integration of Youth into EU Labour Markets, Oxford

OECD (1994): Education 1960-1990. The OECD Perspective, Paris

UNESCO: Statistisches Jahrbuch 1995

1.2 Arbeit    

Arbeit gehört nicht zu den bevorzugten Themen der Sozialgeschichte (vgl. KAELBLE 2007, 57). Dies verwundert, hat sich doch Arbeit in Europa seit 1945 grundlegend verändert. Gewandelt haben sich Inhalte, Hierarchien, Professionalisierung, Prestige, Entlohnung, Arbeitsbedingungen, Technologie und die Wege zur Arbeit. Berufspädagogik hat eine grundlegende Bedeutung erhalten.

1.2.1 Berufspädagogik    

  • Schulisch sind Vorberufliche Bildung/ Berufsorientierung, Wirtschaftserziehung, Erkundungen, Praktika und als Schulform das berufsbildende Schulwesen von Interesse.
  • Für die Politische Bildung ist "Ökonomisches Lernen" von Bedeutung (vgl. SANDER 2014, 312-320). "Vorberufliche Bildung" weist auf Dimensionen einer Politischen Bildung hin (vgl. IT -Autorenbeitrag http://www.netzwerkgegengewalt.org > Index: Vorberufliche Bildung in Österreich).
  • Im Folgenden soll auf den Wandel der Arbeit näher eingegangen werden, wobei von Interesse die fünfziger und sechziger Jahre, der Wandel der Arbeitsplätze und Lebensläufe, Frauenarbeit und Trennlinien zwischen Arbeit und Nichtarbeit sind.
  • Europäische Besonderheiten beschließen diesen Abschnitt. Arbeit um 1950 war überwiegend in Europa agrarisch geprägt. Das "Internationale Arbeitsamt" (ILO)/Genf schätzt von den damalig 181 Millionen erwerbstätigen Europäern 66 Millionen in der Landwirtschaft, 61 Millionen in der Industrie und 54 Millionen im Dienstleistungssektor (ohne Sowjetunion) (vgl. ILO 1986, Bd. 5, 9, 123). B, UK, BRD, AT, CH und S waren Industrieländer geworden. Schulbücher mit der Industrialisierung im 19. Jahrhundert vermittelte ein falsches Bild, wenn es um die Geschichte Europas im Ganzen geht (vgl. KAELBLE 2007, 58).
1.2.2 Industrialisierung    

Eine Durchsetzung der Industrialisierung Europas stand damals noch bevor. Harte körperliche Handarbeit, mitunter kombiniert mit Maschineneinsatz, war an vielen Arbeitsplätzen erforderlich (Baugewerbe, Landwirtschaft, Stahlindustrie, Fuhrgewerbe, Haushalt). Folgen waren Krankheiten und eine verkürzte Lebenserwartung. Skulpturen und Gemälde stellen Arbeit teils kritisch und heroisierend dar. Handwerk, Landwirtschaft, Einzelhandel und Fuhrgewerbe waren überwiegend Familienbetriebe.

  • Familienarbeit war eine Lebensperspektive außerhalb der Industrie und der Großunternehmen und der Öffentlichen Verwaltung. Überwiegend war sie Arbeit ohne Lohn, mitunter ohne Berufsausbildung und außerhalb des Arbeitsmarktes. In der Regel gab es keine staatliche Sozialversicherung zur Absicherung. Frauenarbeit war eher die Ausnahmesituation, als Erwerbsarbeit vor oder statt der Ehe. In Kriegs- und der Nachkriegszeit galt sie als Ersatz für die Männerarbeit, die als Arbeit für das gesamte Erwerbsleben galt. Männer verloren den Zugang zu ihrem Beruf bzw. den Arbeitsplatz, Witwen mussten sich in das Berufsleben umorientieren.
  • Arbeit um 1960 war vom Wirtschaftsaufschwung geprägt. Kennzeichen waren die Produktivität, gute Entlohnung, Industriebeschäftigung, genügend Arbeitsplätz und beginnende Frauenarbeit (vgl. KAELBLE 2007, 60-75).
  • Die Produktivität stieg rasch an, ebenso die Wirtschaftswachstumsraten in Industrie und Landwirtschaft. Gut ausgebildete Arbeitskräfte kennzeichneten die Prosperität. Die Löhne und Gehälter stiegen.
  • Höhepunkt der Industriegesellschaft war von 1950 bis in die siebziger Jahre im gesamten Europa. Man geht von 204 Millionen Erwerbstätigen in Europa aus (ohne Sowjetunion und die Türkei), 83 Millionen in der Industrie und nur 41 Millionen in der Landwirtschaft (vgl. ILO 1986, Bd. 4, 160, 174). Dominierende Industriezweige waren Kohle und Stahl, Maschinenbau, chemische und Elektroindustrie sowie als neuer Industriezweig mit Massenproduktion die Automobilindustrie mit ihrer Zulieferindustrie. Industrielle Ansiedelungen kamen in Süditalien, Spanien, Finnland und Irland. Nach demselben Modell wurde in Osteuropa die Wirtschaft umorganisiert. Selbst nach der "Wende" 1989 wurde dieses Modell zur Bekämpfung der Massenarbeitslosigkeit eingesetzt. Die Umstellung hatte naturgemäß auch ihre negativen Folgewirkungen. Man fand nicht eine entsprechende Arbeit wie ehemalige Bauern, Handwerker und kleine Einzelhändler. Gefährdet waren Flüchtlinge aus ehemaligen europäischen Kolonien und Kriegsvertriebene.
  • Arbeitsplätze veränderten sich, vor allem in der Industrie. Handarbeit verlor ihre Bedeutung, autonome Gruppen in den Unternehmen entstanden, die Familienarbeit ging zurück, rigide Arbeitsteilungen entstanden, ausgeprägte Hierarchien wurden bestimmend, monotone Fließbandarbeit wurde wichtiger, der Unterschied zwischen un- und angelernten Arbeitskräften - Facharbeitern - Angestellten - der Leitungsebene wurde spürbar und Gewerkschaften bestimmten mit.
  • Dienstleistungen entstanden zunehmend.
  • Der professionalisierte Beruf ergab in der Regel eine Lebensstellung, womit das Versicherungswesen wesentlich wurde. Ungelernte wurden in saisonale Nebenarbeit gedrängt, Frauenarbeit in vorübergehende Tätigkeiten vor der Heirat.
  • Die Nachfrage nach Arbeitskräften stieg, es kam in der Folge zu einer außergewöhnlich niedrigen Arbeitslosigkeit im westlichen Europa. Lediglich in Italien, Jugoslawien und Irland blieb der Sockel der Arbeitslosigkeit hoch.
Frauenarbeit stieg um 3 Prozent im Zeitraum der fünfziger und sechziger Jahre, trotzdem veränderte sich in der Zeit des Wirtschaftswachstums einiges entscheidend.

1.2.3 Sozialstaat    

Die Bildungsprozesse von Frauen weiteten sich aus, Frauen traten daher später in das Berufsleben und der Anteil arbeitender Frauen im jungen Alter sank. Der Ausbau des Sozialstaates begann langsam zu greifen (vgl. KAELBLE 2007, 65). Das Ruhestandsalter sank langsam (vgl. ILO 1986, Bd. 4, 28).

  • Die Wirkungen in Europa waren höchst unterschiedlich. Gemeinsam war der Trend in Europa, dass Frauen nunmehr auch während der Ehe arbeiteten. Nunmehr blieb die Mehrheit im Beruf. Erwerbsarbeit wurde zur Normalität.
  • In der Folge kam es zu einem Rückgang in der Familienwirtschaft. Der Wechsel in die Lohnarbeit bedeutete nicht selten einen sozialen Abstieg, weil Qualifikationen fehlten. Allerdings konnte die Familienwirtschaft arbeitslose Arbeitskräfte wiederum auffangen.
  • Unterschiedlichkeiten der Frauenarbeit in Europa hingen vorrangig von familiären Leitbildern ab. Die soziale Absicherung und die Bildungs- und Beschäftigungspolitik spielten eine Rolle. Zu unterscheiden sind der östliche Raum Europas mit Planwirtschaft und Arbeitskräftebedarf, das nördliche Europa (Skandinavien, UK) mit der Abhängigkeit von der Vollbeschäftigung und dem Bildungsstand, die südeuropäischen Länder mit der Beschäftigung in der Regel vor der Heirat und niedrigerem Niveau als in allen europäische ändern, wobei wohlhabende Länder wie die NL, LUX, AT und die CH ähnlich niedrigen Anteil hatten, sowie
  • wirtschaftlich starke Länder wie F, die alte BRD und B mit einer Frauenarbeit nach der Heirat und sozialen Absicherung.
  • Gegen Ende des 20. Jahrhunderts nahmen die Unterschiede in Europa ab (vgl. KAELBLE 2007, 75-76).
1.2.4 Erwerbsarbeit    

Trennlinien zwischen Arbeit und Nichtarbeit veränderten sich entscheidend. Erwerbsarbeit blieb in Europa weiterhin der zentrale Punkt im Leben. Der Beruf entschied über persönliche Entfaltung, gesellschaftliche Kontakte, den Wohlstand und soziale Sicherung. Es änderte sich nunmehr die Arbeitszeit (vgl. um 1955 fiel die Arbeitszeit von 46 Stunden auf rund 42 Stunden um 1970).

  • In ganz Europa sank die Wochenarbeitszeit erst in den sechziger Jahren. Freizeit wurde zunehmend in vielen Berufen zur Regenerierung d er Arbeitskraft genutzt werden, da die Arbeitsintensität und das Tempo der Arbeit stiegen. Wege zur Arbeit verlängerten sich zudem. Konsumzwänge traten auf, Bildungsansprüche stiegen (vgl. zur Mädchenbildung KRAIS 2014, 274-275). Neben der zunehmenden Fortbildung der Arbeitskräfte wurden die Ausbildungen der Kinder länger. Es bedurfte der Unterstützung der Eltern. Urlaubs- bzw. Ferienreisen nahmen zu.
  • Als Zukunftsmodell nach 1945 entstand in der Debatte um Arbeit die Dienstleistungsgesellschaft. Dies bedeutete ein Ende der kräfteraubenden Handarbeit und eine Alternative zur monotonen Fließband - Arbeit. Der Dienstleistungssektor wurde als Zuflucht gesehen, als Bereich für Bildung, soziale Hilfe, Freizeitgestaltung und Religion. Man glaubte an die Humanität der Gesellschaft (vgl. FOURASTIE 1954; HÄUSSERMANN - SIEBEL 1995). In der Folge wurde dieses Modell mit dem Aufkommen der Büroarbeit, Digitalisierung und letztlich der Veränderung der Gesellschaft erweitert. Daniel BELL (1990, 28 - 47) entwickelte globale Fortschrittsmodelle von Arbeit.
1.2.4 Europäische Besonderheiten    

Besonderheiten sind der Arbeit sind zunächst die europäische Industriearbeit. Nur in Europa wurde die Industrie für eine bestimmte Zeit - fünfziger bis sechziger Jahre - größter Beschäftigungssektor.

Nur in Europa gibt es die Entwicklung nach der Fourastieschen Modellvorstellung von der Agrar-, über die Industrie- zu einer Dienstleistungsgesellschaft. Nicht alle europäischen Länder folgten dem Entwicklungsmodell (NL, N, DK, IR, GR, Portugal). Gleichwohl blieb die Industrieintensität erhalten. Erklärbar ist dies durch den Export in außereuropäische Länder, historisch durch die großen Auswanderungswellen und dadurch den Verlust von Dienstleistungsberufen, das späte Heiratsalter mit einer Bildung einer Arbeitskraftreserve und der Bevorzugung europäischer Konsumenten für standardisierte und massenhaft produzierte Güter.

Die geringe Berufstätigkeit von Frauen in Europa fällt im Vergleich zu anderen Industrienationen auf, auch etwa zum Schwellenland China (vgl. KAELBLE 2007, 82-83). Erklärbar ist dies durch den langen Ausbildungsweg junger Frauen, den späteren Eintritt in das Berufsleben und die vergleichsweise starke soziale Absicherung. Ohne Zweifel gilt in Europa auch das Modell der reinen Hausfrau und Mutter.

Die Absenkung der wöchentlichen Arbeitszeit ging in Europa erheblich weiter. Der Unterschied zu den USA ist deutlich.

Letztlich dauerte der Erwerbsteil weniger lang als in anderen Industrieländern.

1.2.5 Literaturhinweise    

Bell D. (1990): Die dritte technologische Revolution und ihre möglichen sozialökonomischen Konsequenzen,, in: Merkur 44/1990, 28-47

Fourastie J. (1954): Die große Hoffnung des 20. Jahrhunderts, Köln

Häußermann H.-Siebel W. (1995): Dienstleistungsgesellschaften, Frankfurt/ M.

ILO/ International Labour Organisation (1986): Economically Active Population. Estimates 1950 - 1980, Bd. 1-5, Genf

Kaelble H. (2007): Sozialgeschichte Europas. 1945 bis zur Gegenwart, Lizenzausgabe für die Bundesanstalt für politische Bildung, Schriftenreihe Bd. 618, Bonn

Krais B. (2014): Bildungssoziologie, in: DDS, Zeitschrift für Erziehungswissenschaft, Bildungspolitik und pädagogische Praxis, Heft 3/2014, 264-290

Sander W. (Hrsg.) (2014): Handbuch politische Bildung, Schwalbach/ Ts.

1.3 Migration    

Europa wurde nach dem Zweiten Weltkrieg durch internationale Migration (Zuwanderung) und in der Folge Minderheiten stark verändert (vgl. BADE 2000; BADE - OLTMER 2004). Damit veränderte sich Europa vom Auswanderungs- zum Einwanderungskontinent.

1.3.1 Einwanderung    

Zweitweise wurde mehr zugewandert als in das Einwanderungsland USA. Massiv veränderte sich die Sozialstruktur von Zugewanderten, das Verständnis von Migration und Minoritäten (Minderheiten) sowie von Einwanderungspolitik (vgl. KAELBLE 2007, 239; vgl. IT - Autorenbeitrag http://www.netzwerkgegengewalt.org > Index: Migration in Österreich, Teil 1,2).

Es sollte nicht vergessen werden, dass Migration aus nicht industrialisierten Teilen Europas bereits in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts einsetzte (vgl. die Rückwanderung von Italienern nach 1915 von Deutschland in die Heimat, ähnlich die der Polen in den zwanziger Jahren nach Grenzkonflikten entweder nach Polen oder Frankreich; man denke auch an die ausländischen Arbeitskräfte in der Rüstungsindustrie im NS - Regime, die fast alle nach 1945 [11 Millionen] zurückkehrten).

Die Behauptung fast aller europäischen Länder, keine Einwanderungsländer zu sein, stimmte beim UK, F, B und der CH nicht, in denen der Anteil von Ausländern ein Normalfall der europäischen Entwicklung war. Das Recht von EU - Bürgern auf Arbeit und Niederlassung in jedem EU - Land beendete eine Politik gegen Einwanderung. Verboten war das politische Bürgerrecht mit dem vollen Wahlrecht, damit eine volle Einwanderung.

1.3.2 Zuwanderungspolitik    

Im Folgenden wird auf die Nachkriegszeit, Arbeitsmigration, die Herkunft und Sozialstruktur und die Zuwanderungspolitik eingegangen. Besonderheiten Europas beenden den Beitrag.

Im Zweiten Weltkrieg und in der Nachkriegszeit waren Europäer mit Zwang, Unmenschlichkeit und Leiden auf Flucht und Vertreibung. Diese Zwangsmigration hatte vier Formen.

"Displaced persons"/ DP (zwangsweise rekrutierte Arbeitskräfte) kehrten in ihre Heimatländer zurück bzw. wanderten weiter. Deutschland hatte rund 11 Millionen ausländische Zwangsarbeiter aus Polen, der Sowjetunion, Frankreich, Belgien und den Niederlanden (vgl. BADE 2000, 299). Diese beeinflussten die Politik nach dem Zweiten Weltkrieg.

Millionen Kriegsgefangene, KZ - Insassen, Deportierte, Zwangsumgesiedelte, Evakuierte und Flüchtlinge wanderten zu ihren Familien zurück (rund 5 Millionen allein in Deutschland; vgl. KAELBLE 2007, 242), in ihre Heimat oder wanderten in Übersee aus. Jüdische Überlebende blieben vorerst in Camps in Deutschland und wanderten zumeist in die USA aus.

1.3.3 Flucht    

Neue Grenzziehungen am Ende des Zweiten Weltkrieges verursachten Flucht, dazu zählten Volksdeutsche, polnische Umsiedler, ungarische Flüchtlinge aus den Grenzgebieten Ungarns, italienische Flüchtlinge aus Jugoslawien, finnische Flüchtlinge aus dem zur Sowjetunion gehörigen Südosten Finnlands und Flüchtlinge aus Osteuropa, die vor dem Kommunismus flüchteten. Soziale Barrieren entstanden, eine Integration erschien kaum lösbar.

Eine kleine Zahl betraf die Rückwanderung von Exilanten und die Abwanderung von Technikern und Naturwissenschaftlern in Länder der Alliierten. Nut wenige Künstler, Wissenschaftler und Politiker kehren aus Teilen Europas, den USA, der Türkei und China zurück. Ausnahmen waren etwa Bruno Kreisky, Willy Brandt, Bert Brecht und Ernst Fraenkel.

1.3.4 Arbeitsmigration    

Die normale Arbeitsmigration betraf die wohlhabenden Teile Europas. Allein Frankreich arbeiteten fast 1 800 000 Ausländer um 1950, in Belgien fast 400 000, in der Schweiz 300 000 und in Luxemburg fast 30 000 Ausländer (vgl. KAELBLE 2007, 243 bzw. 246).

Dazu gehörte eine erneute Auswanderungswelle in die aufstrebenden USA, Kanada, Brasilien und Argentinien. Gründe waren eine ungewisse Zukunft, Soldatenheiraten, Flucht von Kriegsverbrechern und anderen Belasteten. Ähnliche Entwicklungen gab es im UK, S und I.

In der Folge in den fünfziger und sechziger Jahren fand eine wirtschaftliche Integration statt. Die Gesellschaft wurde verändert. Kennzeichen war der Wiederaufbau, Initiativen in Wissenschaft und Politik (vgl. den Europagedanken) und eine neue Mischung der Konfessionen auf lokaler Ebene.

In das industrialisierte Europa folgte eine massive Arbeitsmigrationswelle, allein um 1970 in Westeuropa rund 10 Millionen Ausländer. Hoch war der Anteil in der Schweiz, aber auch in Belgien, Frankreich und Schweden. Zuwandernde im UK, F und der BRD als Bewohner früherer Kolonien und Abstammender aus Osteuropa konnten sich leicht einbürgern lassen. Von dieser Entwicklung waren Südeuropa und Finnland nicht betroffen. Unter den sogenannten "Gastarbeitern" waren um 1970 hauptsächlich Immigranten aus Europa aus den Mittelmeerstaaten (I, JU, GR und SP). Nur ein Fünftel kam es dem muslimischen Teil des Mittelmeers (Türkei, Algerien, Marokko und Tunesien) (vgl. KAELBLE 2007, 248). Die Zuwanderung war relativ kostengünstig (billige Sammelquartiere, keine Familien und kein Schulunterricht, Ausländer waren überwiegend Einzahlen und weniger Nutzer von Sozialversicherungen).

Kennzeichnend war für einen Teil Westeuropas eine geteilte Politik

  • der mobilen Arbeitskräfte als Ausländer und
  • die offene Einwanderungspolitik gegenüber Millionen für spezielle Gruppen wie Zuwanderer aus der DDR, französische Zuwanderer aus Algerien, im UK für Zuwanderer aus dem sich verändernden Commonwealth, in Belgien und den Niederlanden für Zuwanderer aus dem Kongo bzw. Indonesien.
  • Dieser Widerspruch in der Politik fiel kaum jemandem auf (vgl. KAELBLE 2007, 250).
  • In der Folge kam es zu einem massiven Wandel in der europäischen Migrationsgeschichte.
    • Trotz Anwerbungsstop 1973/ 1974 nahm die Zahl von Zuwandernden zu. Stark war dies in der BRD, den NL und in A zu verzeichnen, gering im UK, der CH und S. Familienangehörige ließen die Zahl steigen.
    • In der Folge wurden nun soziale Leistungen beansprucht, Kinder nutzten die Schulen, der Alltag ähnelte den Einheimischen. Ausländische Arbeitskräfte waren nun in der Industrie und in den Dienstleistungssekten beschäftigt. Ein ausländisches Bürgertum mit Einzelhändlern, Handwerkern und Geschäftsbesitzern sowie gut ausgebildeten Unternehmern, Ärzten, Ingenieuren und Kunstschaffenden bildete sich.
    • Unabhängig davon bildete sich eine Gesellschaft ("communities") von Türken in der BRD und AT, Indern im UK und Algeriern in F, die sich auf diese Weise in ihrer sozialen Schichtung langsam weniger unterschieden.
    • Verschlossen blieben wegen der ausländischen Staatsbürgerschaft Berufe in der öffentlichen Verwaltung, Justiz, beim Militär, in Universitäten und Schulen.
1.3.5 Zukünftige Perspektiven    

Zunehmend entwickelten Zuwandernde Perspektiven einer langen oder endgültigen Zuwanderung in Europa. Damit entstanden Bereiche wie interkulturelle Kompetenz und neue Dimensionen einer Politischen Bildung (vgl. den IT - Autorenbeitrag http://www.netzwerkgegengewalt.org > Index: "Interkulturelle Kompetenz", "Verhinderung von Gewalt und Fremdenfeindlichkeit" sowie "Vorberufliche Bildung in Österreich").

Die Herkunftsgebiete veränderten sich ebenfalls. Außereuropäische Zuwandernde bekamen ein starkes Gewicht. Gründe waren der zunehmende Arbeitskräftebedarf, der Bevölkerungsdruck aus Afrika und dem Nahen Osten, die Wirtschaftskluft zwischen Afrika und Europa, Verbilligungen vor allem beim Fliegen und Flucht vor Diktaturen und Genoziden. Damit entstanden eine Vielfalt von Religionen und kulturelle Vielfalt (vgl. SALZBRUNN 2014).

1.3.6 Bildungsmigration    

Unbemerkt blieb die neue Form von Migration, die wohlhabende Länder Europas betraf - Manager, Forscher, Studierende und Praktikanten sowie vermehrt Teilnehmende an EU - Bildungsprogrammen (Bildungsmigration).

Eine Europäisierung der Zuwanderungspolitik innerhalb der EU begann mit Koordinierungsbemühungen. Der Arbeitsmarkt der EU wurde für EU - Bürger liberalisiert. Wechselseitige Anerkennungen von Bildungsabschlüssen wurden forciert. Das Schengen - Abkommen und die Verträge von Maastricht und Amsterdam wurden wesentlich (vgl. BAADE 2000).

1.3.7 Politisierung    

Zunehmend wurde Migration als Thema politisiert.

Vorschläge für eine Integration Zuwandernder in Europa wurden gemacht. Die Wirtschaft konnte nicht mehr auf ausländische Erwerbstätige verzichten. Sprachliche, gesellschaftliche und politische Anpassung wurden gefordert.

Eine Akzeptanz der Grundwerte der jeweiligen europäischen Gesellschaft, bei der die Sprache und Kultur der Zuwandernden erhalten werden soll.

Die Vorschläge waren entsprechend vielfältig und reichten von der Verbesserung der materiellen Lage und Ausbildung, einem zweisprachigen Schulunterricht bis zum kommunalen Wahlrecht und dem Angebot der raschen Einbürgerung.

Konfliktthemen waren das Tragen des Kopftuches, das Kruzifix - Urteil und die Zuwanderungspolitik. Ausländerhass wurde ein Wahlkampfthema, neue Parteien entstanden (UK: National Front, F: Front National).

Mit der Öffnung der Grenzen in Osteuropa und in China stieg der Zuzug von illegalen Erwerbstätigen.

Neuentwicklungen ergaben sich mit der Zunahme politischer Flüchtlinge und Asylbewerber sowie der Wirtschaftsmigration.

Ebenso ergab sich eine Auswanderung von Hochqualifizierten aus Osteuropa nach Westen, mitunter ein herber Verlust für osteuropäische Staaten.

Auch die außereuropäische Zuwanderung in die südlichen europäischen Staaten, Irland und Finnland war eine Neuentwicklung. Bemerkenswert war die riskante von Menschenhändlern ausgenutzte Zuwanderung über das Meer.

1.3.8 Transnationale Zuwanderung    

Internationale Familienbeziehungen ergaben eine transnationale Zuwanderung. Gründe waren die Bindung an internationale Städte, Kenntnis zweier Sprachen und Besitz von zwei Staatsbürgerschaften. Damit ergaben sich internationale Milieus (Wirtschaft - Wissenschaft - Kultur).

Besonderheiten Europas waren in dieser höchst unterschiedlichen Entwicklung

  • der dramatische Umbruch von Auswanderung in einem Kontinent zu einer Zuwanderung wie in klassischen Einwanderungsländern.
  • Dieser Umbruch war einzigartig und veränderte das europäische Selbstverständnis. Damit ergab sich eine grundlegende Änderung der Einstellung Europas zum Anderen (vgl. KAELBLE 2007, 262).
1.3.9 Minderheiten    

Zu beachten sind in Europa das Vorhandensein von territorialen Minderheiten in bestimmten Regionen und Zuwanderungsminderheiten zumeist in Städten wie etwa Muslime am Balkan (Albanien - Bosnien - Mazedonien - Bulgarien), im Baskenland, Schottland, Korsika, Friesland und Sorbengebiet sowie russischen Minderheiten der ehemaligen europäischen Sowjetrepubliken.

Europäische Minderheitenkonflikte sind zumeist (auch) Nationalitätenkonflikte, die mit der nationalstaatlichen Entwicklung im 19. Jahrhundert aufkamen (vgl. in Nordamerika die Konfliktzonen nur in Form der Indianerreservate).

Sieht man sich die Einwanderung in Europa an, so ist eine Zuwanderung von Muslime zu verzeichnen. In den USA als klassisches Einwanderungsland kam es zu einer Verstärkung der Vielfalt christlicher Kirchen.

Schließlich öffneten sich die Grenzen innerhalb der EU. Der Binnenmarkt und Gemeinsamkeiten in der EU beseitigten Schranken der Wanderung innerhalb der EU, allerdings weigert sich Europa als jeweiliges Einwanderungsland außerhalb der EU zu verstehen. Aus dieser Sichtweise ergibt ich eine Politik der begrenzten Einbürgerung.

1.3.10 Literaturhinweise    

Bade K.J. (2000): Europa in Bewegung. Migration vom späten 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart, München

Bade K.J. - Oltmer J. (2004): Normalfall Migration, Bonn

Kaelble H. (2007): Sozialgeschichte Europas. 1945 bis zur Gegenwart, Lizenzausgabe der Bundeszentrale für politische Bildung, Schriftenreihe Bd. 618, Bonn

Kleinschmidt H. (2002): Menschen in Bewegung. Inhalte und Ziele der historischen Migrationsforschung, Göttingen

Salzbrunn M. (2014): Vielfalt/ Diversität, Bielefeld

1.4 Soziale Bewegungen/ Zivilgesellschaft    

Als wesentlicher gesellschaftlicher Akteur nehmen soziale Bewegungen und die Zivilgesellschaft auf den Staat - mit Regierung und öffentlicher Verwaltung - Einfluss. Sie sind europäisiert und internationalisiert (vgl. KAELBLE 2007, 299-301).

1.4.1 Soziale Bewegungen    

Für soziale Bewegungen ist kennzeichnend, dass sie in der Regel keine festen und dauerhaften Organisationen sind, vielmehr Netzwerke von vielfältigen Gruppen. Parteien, Gewerkschaften und Kirchen sind durchaus Teilnehmende, aber selbst gut organisiert. Soziale Bewegungen haben als Zielvorstellung gesellschaftliche Reformen, sind auf die Abwehr einer bestimmten Politik orientiert und besitzen eine gemeinsame Identität. Persönliches Engagement, vorübergehende Mitgliedschaft und bestimmte Rituale und Symbole zeichnen sie aus (Versammlungen, Komitees, Demonstrationen). Gehandelt wird lokal, national und mitunter transnational. Durch ihre politischen Ziele halten sie zumeist länger.

1.4.2 Zivilgesellschaft    

Neben Politik und Wirtschaft in ihrer Bedeutung meint man als weiteren Faktor mit Zivilgesellschaft einen Bereich, der nicht auf das Ethos der Macht oder eines wirtschaftlichen Gewinnes ausgerichtet ist, vielmehr zumeist auf Hilfe für den Anderen, Solidarität, Vertrauen, Gewaltlosigkeit und Allgemeininteresse (Gesamtwohl).

  • Autonomie ist ein wesentliches Kennzeichen. Eine Vielfalt von Organisationen, Bewegungen und Projekten mit Öffentlichkeitsarbeit zeichnet eine Zivilgesellschaft aus. Sie sichert eine Demokratie, kann aber auch in Diktaturen mit Intoleranz, Gewalt und Bürgerkrieg eingesetzt werden. Kontrovers ist, ob sie ein Sektor oder eine Handlungsmaxime darstellt. Im europäischen Kontext besteht Zivilgesellschaft in allen wichtigen Sprachen und mit Modifikationen auf der europäischen transnationalen Ebene (vgl. THERBORN 2000; KAELBLE 2003, 267-284; KNODT - FINKE 2005, 31-54).
  • In der Nachkriegszeit, die fünfziger und sechziger Jahre, den siebziger und achtziger Jahre entstehen mit den Studenten- und Regionalbewegungen sowie Frauen-, Umwelt- und Friedensbewegungen sowie Dissidentenbewegungen. Von Interesse ist die transnationale europäische Zivilgesellschaft und die neunziger Jahre
  • Zivilgesellschaft und soziale Bewegungen waren bedroht (Isolierung des Einzelnen, Zuflucht in Familien). Man beschränkte sich auf Wohnungs- und Nahrungssuche, Illegalität am Schwarzmarkt, Durchstehen von Krankheiten und ein möglichst positives Lebensgefühl. Solidarisches Handeln fand kaum statt. Eine Nachkriegsapathie lähmte.
  • Es begann in der Nachkriegszeit ein Zulauf zu Gewerkschaften (moralisches Prestige nach Diktatur und in/ nach Besatzungszeit, besserer Lebensstandard, politische Teilhabe), der transnationalen Europabewegung (Distanz zu Diktaturen - Verlust an Bedeutung durch Gründung der EWG) und Kirchen (Zunahme von Mitgliedern, Erwartung von Hilfe in Notsituationen).
  • Die fünfziger und sechziger Jahre waren eine Glanzzeit der Gewerkschaften. Ihr Einfluss und die Mitgliederbasis in Europa erreichte den Höhepunkt, so in Skandinavien, im UK, der BRD, in den NL und B. In F und I war es genau umgekehrt. Die Gewerkschaften waren dort zersplittert und in politische Richtungsgewerkschaften organisiert. Rege Pressearbeit, Demonstrationen am 1. Mai und Streiks mit positiven Tarifabschlüssen kennzeichneten ihre Arbeit. Andere Konfliktbereiche wurden ausgespart. In der BRD bauten Gewerkschaften sogar Wohnbaugesellschaften und Konsumgenossenschaften auf.
  • 1973 wurde auf europäischer Ebene der "Europäische Gewerkschaftsbund" (EGB) mit einem Koordinationsbüro aufgebaut. Gründe für die Glanzzeit der Gewerkschaften waren der politische Einfluss auf Regierungen, etwa im UK, Skandinavien und F und ihre Anerkennung als Sozialpartner im Verbund mit der Wirtschaft (betriebliche Mitbestimmung, Tarifabschlüsse). Die Gewerkschaften besaßen eine feste Basis in der Industriearbeiterschaft. Attraktiv war ihre Distanz zu den Rechtsdiktaturen und den Besatzungsregimen nach dem Zweiten Weltkrieg sowie einer Kapitalismusskepsis und den Erfahrungen der Weltwirtschaftskrise.
  • Hindernisse für die Entwicklung einer europäischen Zivilgesellschaft waren die Erfahrungen von zwei Weltkriegen, die Spaltung Europas durch den "Kalten Krieg" und die Gegensätze zwischen den katholischen, protestantischen und laizistischen Milieus mit ihrem eigenen zivilgesellschaftlichen Engagement (vgl. KAELBLE 2007, 304).
  • Trotzdem entstanden schwache Beispiele europäischer Zivilgesellschaften in unterschiedlicher Richtung. Einmal verbreiterte sich die damalige Form von Zivilgesellschaft, etwa bei Amnesty International, europäischen Sportverbänden (beispielhaft die UEFA), Rotary und Lions Clubs und dem Internationalen Roten Kreuz. Adressaten waren vorwiegend die nationalen Regierungen. Anderseits entstanden in einer beginnenden europäischen Integration die Montanunion und EWG, der europäische Landwirte- und Industrieverband als Dachverbände (allerdings begrenzt auf die EWG).
  • Von Interesse sind neue soziale Bewegungen von den später sechziger Jahren bis zu den achtziger Jahren. Neben den Gewerkschaften traten die Studentenbewegung und Regionalbewegungen, in der Folge Umwelt-, Frauen-, Friedens- und Dissidentenbewegungen (in Osteuropa) in Erscheinung. Protestmethoden waren u.a. provozierende Events zur Aufmerksamkeit im Fernsehen. Ursachen dafür waren
    • die Veränderung von Werten und Normen, Liberalisierungstendenzen von sozialen Beziehungen, wachsende Soziabilität, veränderte Erziehungsziele, veränderte Einstellung zu Gewalt und Toleranz zu Minderheiten.
    • Zusätzlich kamen die massive Modernisierung Europas mit einer Urbanisierung, Bildungsexpansion und Massenkonsumgesellschaft sowie
    • der Veränderung internationaler Beziehungen wie dem Ende des Kolonialismus, veränderter Ost - West - Beziehungen und einer langen Friedenszeit in Europa.
  • Die Studentenbewegung war eine internationale Bewegung, über nationale Grenzen verflochten und entwickelte sich besonders stark in Frankreich, Italien und in der alten BRD aus. Ebenso war sie in der damaligen Diktatur in Griechenland und im Ostblock in Polen, der CSSR und in Jugoslawien aktiv (vgl. die weltweite Verbreitung in den USA, Lateinamerika, in der Türkei, Afrika, Indien, Pakistan und Japan; vgl. KAELBLE 2007, 307). Höhepunkte in Europa waren 1968 in Frankreich der "Pariser Mai" und in West - Berlin die riesigen Demonstrationen. Anlass waren der Vietnam -Krieg (USA), die post - stalinistischen Repressionen und der "Prager Frühling". Gefordert wurden Liberalisierungsformen in Politik und Erziehung, freiere Soziabilität und ein freierer Umgang zwischen den Geschlechtern. In der BRD war ein Ziel die Aufarbeitung der NS - Vergangenheit. Kontrovers wird die Bewertung und ihre Wirkung gesehen.
  • Erfolgreich werden der Werte- und Erziehungswandel sowie Reform im Hochschulwesen und die Auflösung von politischen Tabus wie das Schweigen zur NS - Zeit gesehen. Als Erfolge werden auch die Machtwechsel in der BRD (1969) und F (1981), die Distanzierung der KPI von der Sowjetunion und der Aufstieg von Akteuren der Studentenbewegung in Regierungen bzw. Parlamente Europas vermerkt (etwa Gerhard Schröder, Joschka Fischer, Lionel Jospin, Guy Verhofstadt).
  • Als Misserfolg wird die innere Spaltung und die Anwendung von Gewalt angeführt (vgl. GILCHER - HOLTEY 2001).
  • Zu vermerken sind der Paradigmenwechsel der Erziehungswissenschaft zu einer sozialwissenschaftlichen Studienrichtung bzw. in der Folge zu Bildungswissenschaften und die Etablierung der Politikwissenschaft.
  • Regionalbewegungen waren in der zweiten Hälfte der sechziger Jahre zu vermerken. Nach dem Zweiten Weltkrieg erlebten sie einen Rückgang. In der Folge entstanden im westlichen Europa und nach dem Zusammenbruch der Franco - Diktatur sowie in Südtirol europäische Regionalbewegungen (Elsass, Bretagne, Korsika; Wales, Schottland; flämischer und wallonischer Teil Belgiens; Katalonien, Baskenland, Galizien; Südtirol). Vielschichtige Regionalismen entstanden im (süd-) östlichen Europa wie in Jugoslawien und der Sowjetunion, polnischen und ukrainischen Galizien, tschechischen Mähren, polnischen und tschechischen Schlesien, rumänischen Siebenbürgen. In den übrigen europäischen Ländern waren Regionalbewegungen seltener, weil föderalistische Verfassungen(mit Minderheiten- bzw. Volksgruppenrechten) vorhanden waren. Mit der europäischen Integration gründete man 1975 eine "Ständige Konferenz der Gemeinden und Regionen".
In den siebziger Jahren entstanden Umweltbewegungen und bedeuteten einen Einschnitt (vgl. KAELBLE 2007, 310-312).

  • In der Öffentlichkeit erzeugten der "Bericht des Clubs of Rome" (1972) und der "Blueprint for survival" (1972) Aufmerksamkeit. Getragen wurde die Umweltbewegung - insbesondere in der alten BRD, im UK, in Skandinavien, und I - von allen Altersgruppen und vielen ideologischen Richtungen. Massenmobilisierung, Events, Kleingruppenarbeit mit zielgerichteten Konflikten mit der Staatsgewalt wurden ebenso wie Manifeste, Reports, Memoranden und Eingaben eingesetzt. In Parlamenten wurden Initiativen eingebracht. Mit den höchst unterschiedlichen Aktivitäten in den Nationalstaaten entstanden in der Folge internationale und einflussreiche Organisationen wie "Greenpeace" und "Robin Hood".
  • Gründe waren die gesteigerte Industrialisierung, Transport - Revolution, die Verbreitung von Umweltschäden, Verunreinigung der Gewässer, Nahrungsmittelverschlechterungen und die besondere Rolle von Wissenschaftlern. Einen Kontext gab es mit dem Ende der Wachstums- und Planungseuphorie. Zudem spielte eine Veränderung des Verständnisses von Demokratie eine Rolle (Kontrollfunktion durch Medien und Experten). Es entstand in der Folge eine Veränderung der Einstellung der Bevölkerung und Politik (neue Parteien). Ein neuer Wirtschaftszweig für Umweltprodukte entstand.
  • Neue Frauenbewegungen entstanden in den siebziger Jahren, allerdings unterschiedlich zur klassischen Frauenbewegung (vgl. KAELBLE 2007, 312-314). Ziel war die Gleichberechtigung von Frauen in der Politik, Gesellschaft, einer anderen Rolle in der Familie und Öffentlichkeit und Autonomie bei Scheidung, Abtreibung und Sexualität. Man verlangte eine andere Mentalität. Mitunter waren Frauenbewegungen bewusst exzentrisch (vgl. BOCK 2000, 321). Man wirkte in die Gesellschaft hinein, durch Selbsterfahrungsseminare, Sommeruniversitäten, Filme, Literatur, Frauenpresse und Selbsthilfe. Die neue Frauenbewegung umfasste alle Altersgruppen. Wichtige Schauplätze waren das UK, F und die BRD, ebenso I. Forderungen wurden auch auf internationalen Plattformen präsentiert, etwa auf den Weltfrauenkongressen in Mexiko (1975), Kopenhagen (1980), Nairobi (1985) und Peking (1995).
  • Europäisch forcierte die EU - Kommission die Gleichstellung (ohne eine gesamteuropäische Frauenorganisation). Man beschränkte sich allerdings auf die Gleichstellung am Arbeitsmarkt. Von Interesse waren/ sind die Anzahl weiblicher Abgeordneter in den nationalen Parlamenten (vgl. dazu Frauen in nationalen Parlamenten/Interparlamentarische Union/Stichtag 1. Oktober 2014, 189 Länder > http://www.ipu.org/wmn-e/classif.htm [27.10.2014]). Neue Frauenbewegungen waren erfolgreicher als ihre Vorläuferin. Es verbesserten sich die Bildungschancen und Zugangsmöglichkeiten zu Wissenschaft, Politik, Kultur, öffentlicher Verwaltung und Justiz. Verändert hat sich allmählich die Mütter- und Väterrolle.
  • Die Friedensbewegung entstand in den achtziger Jahren und betraf vor allem den "Doppelbeschluss der NATO". mit einer massiven Aufrüstung und Aufstellung von Atomwaffen in Europa als Antwort auf das Atomwaffenprogramm der Sowjetunion. Die Basis waren alle Altersgruppen, Experten aus der Politikwissenschaft, den Sozialwissen- und Naturwissenschaften. Mit eigenen Symbolen arbeitete man mit Kundgebungen und Demonstrationen. Als ein internationales Thema war die Friedensbewegung auch international vernetzt. Mit dem Zusammenbrauch der Sowjetunion fiel auch der NATO -Beschlussbeschluss und andere Bedrohungen entstanden (vgl. KAELBLE 2007, 314).
  • Dissidentenbewegungen in Osteuropa betrafen ähnliche Themen wie Frieden, Umwelt und Menschrechte. Sie entstanden in den siebziger Jahren und agierten im Untergrund oder begrenzt in der lokalen Gegen - Öffentlichkeit (vgl. KAELBLE 2007, 315-317). Mit Manifesten, Büchern, Artikeln,, Untergrundtexten und Privattreffen - mit Zugang zu westlichen Medien - wurden Proteste organisiert. Sie waren keine Massenbewegungen, eher Netzwerke von Freundeskreisen.
  • Bekannt war die "Charta 77" in der Tschechoslowakei mit 1 500 Personen. Nur in Polen gelang die Verbindung zum Arbeitermilieu. Bekannt waren als Initiatoren Milan Kundera, György Konrad und Bronislaw Gemerek als Repräsentanten des Widerstandes in der CSSR, P und H. In der DDR entstanden erst vor dem Zusammenbruch der Sowjetunion Dissidentenbewegungen (vgl. HILDERMEIER - KOCKA - CONRAD 2000, bes. 13 - 40). Ursachen dieser Bewegungen waren die Unvereinbarkeit von kommunistischer Diktatur und individueller Freiheit, die politische Realität und das Abkommen von Helsinki sowie Bereiche des Umweltschutzes, der Friedenssicherung und der Wirtschaft. Auf Grund der engen Netzwerke gelang es der Bewegung auch nicht, nach 1989 in den Regierungen Fuß zu fassen. Trotzdem konnten sie der politischen Freiheit eine unüberhörbare Stimme verleihen. Mit Vaclav Havel kam ein Vertreter in der Tschechoslowakei in Spitzenfunktionen.
  • Europäische Besonderheiten entstanden in den Parallelitäten der nationalen Entwicklungen, der zunehmenden Transnationalität und der Entstehung einer gemeinsamen Zivilgesellschaft. Transnationale Tendenzen gab es in der Studentenbewegung, den Regional- und Frauenbewegung sowie den anderen angeführten Bewegungen.
  • Der Entstehung der europäischen Zivilgesellschaft folgte der Entwicklung einer Transnationalisierung, in der Folge eine Globalisierung. Die Europäische Union beeinflusste diese Politik.
1.4.3 Literaturhinweise    

Bock G. (2000): Frauen in der europäischen Geschichte, München

Gilcher - Holtey I. (2001): Die 68er Bewegung. Deutschland - Westeuropa - USA, München

Hildermeier M.-Kocka J.-Conrad C. (Hrsg.) (2000): Europäische Zivilgesellschaft und Ost und West, Frankfurt/ M.

Kaelble H. (2003): Eine europäische Zivilgesellschaft, in: Jahrbuch des Wissenschaftszentrums Berlin 2003, 267-284

Kaelble H. (2007): Sozialgeschichte Europas. 1945 bis zur Gegenwart, Lizenzausgabe für die Bundesanstalt für politische Bildung, Schriftenreihe Bd. 618, Bonn

Knodt M. - Finke B. (Hrsg.) (2005): Europäische Zivilgesellschaft. Konzepte, Akteure, Strategien, Wiesbaden

Therborn G. (2000): Die Gesellschaften Europas 1945-2000. Ein soziologischer Vergleich, Frankfurt/ M.

1.5 Wertewandel - Säkularisierung    

Historische Wurzeln europäischer Werte wurden durch den Diskurs über eine europäische Verfassung, die Beitrittsverhandlungen der Türkei und den Irakkrieg sowie die muslimische Minderheit in Europa aktualisiert. Zudem sind die Auswirkungen der sechziger Jahre und neue Werte der jungen Generation von Interesse.

  • In der Folge standen andere Tendenzen als heute im Vordergrund, etwa die Lockerung der Familien- und Milieubindungen, der Bruch mit älteren Wertewelten und die Säkularisierung. Am Beginn des 21. Jahrhunderts sind der Wertewandel und neue Religiosität grundlegende Themen der europäischen Zeitgeschichte in der Politischen Bildung mit (vgl. KAELBLE 2007, 119).
  • Fragestellungen ergeben sich zu Wertvorstellungen zu Familienbindung, Leistungswerten in Beruf und Politik, zur Abkehr von Primärtugenden und/der Hinwendung zu Sekundärtugenden sowie einem Säkularisierungsprozess.
1.5.1 Konzepte    

Diskutiert wurden Konzepte des Wertewandels und der Religiosität, Epochen des Wertewandels, Gemeinsamkeiten bzw. Parallelitäten und europäische Besonderheiten (vgl. KAELBLE 2007, 121-145).

  • In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts bilden sich in den Sozialwissenschaften verschiedene Konzepte des Wertewandels heraus.
  • Ronald INGLEHART (1995) sieht einen Übergang von materiellen (Lebensstandard, Wirtschaftswachstum, Preisstabilität, Sicherheit, Autorität von Institutionen) zu postmateriellen Werten (Selbstverwirklichung, ziviler sozialer Umgang, Menschenrechte, soziale Bewegungen, politische Partizipation, Kultur und Ästhetik). Mit dem Generationenwechsel nach dem Zweiten Weltkrieg vollzog sich ein Wertewandel in Europa (und auch weltweit).
  • Henri MENDRAS (1997) spricht von einem Individualisierungsprozess in Europa in nationalen und regionale Varianten. Individualisierung bedeutet eine Ablösung von Bindungen an soziale Milieus, etwa das Bürgertum, die industrielle Arbeiterklasse, das bäuerliche Milieu, konfessionelle und ethnische Milieus sowie einem einzigen Familienmodell und geschlechtsspezifischer Arbeitsteilung. Individualisierung meint auch die Lockerung zu lebenslangen Loyalitäten gegenüber Großorganisationen wie Nation, Gewerkschaft und Kirche. Eine neue Freiwilligkeit und Bindung zu sozialen Bewegungen und privaten Formen von Religion entstand. Die Dauerhaftigkeit von Bindungen verlor an Bedeutung. Individualisierung bedeutet auch eine Verschiebung von Erziehungswerten (vgl. den IT - Autorenbeitrag http://www.netzwerkgegengewalt.org > Index: Erziehung). Individualität bedeutet Selbstentfaltung, persönliche Verantwortung, Risikobereitschaft und Toleranz. Ursachen für individuelle Wertvorstellungen waren die soziale Sicherung durch den Wohlfahrtsstaat, bessere Bildungschancen, ein günstiger Arbeitsmarkt (auch für Frauen) und eine größere Mobilität.
  • Gerhard SCHULZE (2005) geht von einer Erlebnisgesellschaft mit verschiedenen Milieus aus (hedonistische Milieus, alternative Milieus, Aufstiegsmilieus, traditionslose Arbeitermilieus, konservative Milieus, kleinbürgerliche Milieus; vgl. HRADIL 2006).
1.5.2 Säkularisierung    

Das Konzept der Säkularisierung eignet sich besonders für Entwicklungen der Religion und Religiosität (vgl. LEHMANN 2004). Darunter wird der Rückgang der politischen Macht der Kirchen, der kirchlichen Besitztümer und der Führung von Bevölkerungsregistern verstanden.

  • Das Verhältnis von Staat und Kirche in Europa ist vielfältig (vgl. Frankreich und Österreich).
  • Entwickelt haben sich eigene Normen, Werte und Sprachformen in Wirtschaft, Politik, Kunst, Wissenschaft und Religion.
  • Letztlich gab es eine Schwächung der Kirchenbindung, des Gottesdienstbesuchs, der kirchlichen Inanspruchnahme bei Krisensituationen und Nutzung von kirchlichen Riten bei Ereignissen im Privatleben. Religion wurde eine private Angelegenheit. Gründe für eine Säkularisierung sind politische Zwänge, gesellschaftliche Modernisierung, Urbanisierung, Verwissenschaftlichung bzw. Bildungsexpansion und soziale Sicherung sowie eine Abkapselung der Kirchen gegenüber dem sozialen und kulturellen Wandel.
  • Werte und Religiosität entwickeln sich zwischen 1945 und 2000 unterschiedlich. Die Not der Nachkriegszeit ergibt naturgemäß eine Orientierung an materiellen Werten. Klassenmilieus, ethnische und kirchliche Milieus ergeben eine starke Bindung, um Hilfe für Notlagen zu erhalten.
  • Ebenso ergibt sich eine Epoche der Individualisierung, oft durch die Umstände erzwungen. Heimkehrende junge Soldaten hatten sich weitgehend von den Familien entfremdet. Auch junge Frauen hatten sich von den Vätern losgelöst, man fand schwer zu den alten Werten zurück.
  • Zwischen den sechziger und achtziger Jahren säkularisierte sich die Gesellschaft, politische Werte änderten sich, ebenso Familien- und Arbeitswerte sowie die Religiosität. Europäische Werteumfragen ergaben eine liberale Haltung bei Fragen wie der Scheidung, Abtreibung, Sterbehilfe, Homosexualität und Prostitution. In fast allen europäischen Staaten nahm die Permissivität zu.
  • Als weiteren Wertewandel entstand Vertrauen junger Menschen neben der engeren Familie auch in die Mitmenschen, besonders in Skandinavien und in den Niederlanden. Das Misstrauen gegenüber dem Anderen herrschte allerdings vor (Erfahrungen in beiden Weltkriegen, Gewalt in politischen Konflikten). Erst in einem langen Prozess milderte sich dies bei jungen Menschen.
  • Um 1980 herrschte relativ große Toleranz gegenüber Migranten und religiösen Minderheiten in Europa. Wenig Toleranz gab es gegenüber Alkoholikern und Drogenabhängigen. Öffentlichen Institutionen misstraute man, etwa dem Militär, der staatlichen Verwaltung, der Presse, den Gewerkschaften und Großunternehmen. Das Vertrauen in das Erziehungssystem stieg an.
1.5.3 Politische Aktionen    

Zur gleichen Zeit ergab sich ein Vertrauensanstieg in eigene politische Aktionen. Populär wurden Petitionen und Demonstrationen. Wenig Vertrauen hatte man in wilde Streiks und Hausbesetzungen.

  • Im Kontext mit dem Vertrauen in den Anderen und politischen Aktionen veränderten sich die Familienwerte. "Innengeleitete" Werte wurden forciert, etwa Toleranz, Verantwortungsbewusstsein, Ehrlichkeit und Umgangsformen. "Außengeleitete" Werte wie Gehorsam, Selbstlosigkeit, Geduld und Sparsamkeit wurden beibehalten, fanden aber nicht die Akzeptanz.
  • Die strikte Arbeitsteilung verlor allmählich ihre Bedeutung. Die Mutterrolle wandelte sich, man erwartete einen Mitverdienst der Ehefrau.
  • Die Billigung von Homosexualität nahm zu.
  • Der Wertewandel beruhte auf dem Umstand, dass jüngere Europäer andere Werte besaßen als ältere. Es kam zu großen Spannungen zwischen den Altersgruppen(vgl. KAELBLE 2007, 128).
  • Die Ehewerte blieben bemerkenswert stabil. Wechselseitiger Respekt, Toleranz und Treue galten, im Gegenteil Familienwerte nahmen zu (vgl. ASHFORD - TIMMS 1995, 67, 122, 135).
  • Arbeitswerte änderten sich. Mitbestimmung von Arbeitnehmern war zunächst wesentlich, in der Folge stieg das Leistungsprinzip (vgl. den Konsens von Bezahlung nach Leistung). Arbeitsplatz, Arbeitszeit, Arbeitsklima und Arbeitsleistung wurden bedeutend. Materielle und postmaterielle Werte wurden wichtiger (vgl. ASHFORD - TIMMS 1995, 117-119). Grenzen zeigten sich beim Entscheidungsmonopol der Arbeitgeber und in der Verstaatlichung der Wirtschaft und Arbeiterselbstverwaltung (vgl. ASHFORD - TIMMS 1995, 134).
  • Gründe für den Wertewandel waren eine Folge des Wohlstandes, zunehmende Bildung, soziale Sicherung und damit eine Schaffung von Individualität. Politische und kulturelle Akteure, Medien und soziale Bewegungen spielten ebenso eine Rolle. "Es war demnach keine stille Revolution der Bürger, sondern ein gewollter und erfolgreich herbeigeführter Wertewandel" (KAELBLE 2007, 130). Nicht zu übersehen war ein Generationenkonflikt zwischen der Kriegs- und Nachkriegsgeneration, nicht zuletzt mit einem Einfluss des US - Modells ("american way of life").
  • Es veränderte sich auch die Kirchenbindung und Religiosität zwischen den fünfziger und achtziger Jahren. Ein Rückgang an Kirchenmitgliedschaften, Gottesdienstbesucherzahlen (mit Ansteigen der Besucherzahlen in muslimischen Moscheen durch Zuwanderung) und kirchlichen Riten zeigte sich. Gründe waren der Ausbau sozialer Systeme, steigende Gesundheit, ein besseres Bildungssystem und Bildungsniveau. Kirchen verloren moralische Autorität, die Europäer griffen auf psychologische, medizinische und andere wissenschaftliche Autoritäten zurück. Religiöser Glaube wurde zunehmend Privatsache. In Osteuropa hatte der Rückgang viel mit politischen Repressionen zu tun (vgl. die Unterschiedlichkeit zwischen der DDR, CSSR und Polen).
  • In den neunziger Jahren entwickelte sich der Wertewandel vielfach in eine andere Richtung (vgl. KAELBLE 2007, 132-136).
    • Das Vertrauen in den Anderen sank in den großen Ländern, gleichzeitig schätzte man die persönliche Solidarität. Befürwortet wurde die persönliche Hilfe für Alte, Kranke und Behinderte.
    • Von Interesse ist die Zunahme von Toleranz gegenüber Minderheiten. Nur in den großen Ländern nahm die Bereitschaft ab. Da Toleranz nicht unbedingt Hilfsbereitschaft bedeutet, war in Europa zu persönlicher Hilfe nur eine Minderheit bereit(vgl. ASHFORD - TIMMS 1995, 14).
    • Familienwerte veränderten sich leicht, eindeutiger war die Veränderung in der Frauenrolle. Die traditionelle Einstellung verlor in West- und Osteuropa (Ausnahmen BRD und DK).
    • In den Arbeitswerten stieg die Leistungsbezogenheit. Betriebshierarchien wurden eher akzeptiert, mussten aber auf Leistung sich beziehen.
    • Die Religiosität veränderte sich. In Europa schwächte sich die Säkularisierung ab. Der Glaube an Gott nahm in den meisten Ländern leicht zu. Der Personenkreis blieb relativ unverändert. Traditionelle Kirchen erlebten nach der Wende einen Aufschwung in Osteuropa. Religionskonflikte kehrten in der Jugoslawienkrise zurück. Ein Randphänomen blieben christliche Sekten und ostasiatische Religionen (vgl. für postkommunistische Länder Mittel- und Osteuropa POLLACK -BOROWIK - JAGODZINSKI 1998).
    • Gründe für einen Wandel waren zunächst Schwierigkeiten, Karriere zu machen. Die steigende Arbeitslosigkeit veränderte langsam die Werteskala, das Vertrauen in den Mitmenschen und in die Zivilgesellschaft sank (mit ein Grund war die Balkankrise 1992).
  • Europäische Besonderheiten waren der Irrtum der Europäer, der europäische Wertewandel mit Individualisierung, Postmaterialismus und Säkularisierung habe überall in der modernen Welt stattgefunden. Als reine europäische Besonderheit zeigte sich der Hang zu postmateriellen Werten (vgl. INGLEHART 1995). Einschränkend ist zu bemerken, dass zur Jahrtausendwende in Westeuropa die postmateriellen Werte viel verloren hatten.
  • Der Skeptizismus gegenüber der Zukunft, der Wissenschaft und auch gegenüber Regierungen und dem Anderen (Ausnahmen waren Skandinavien und das UK) nahm zu. Gründe waren die Erfahrung mit Gewalt und Diktaturen. Damit entstanden kritische Haltungen gegenüber der Politik und Kirchen (vgl. die Erfahrungen mit zwei Weltkriegen, Energieknappheit/1973, Grenzen des Fortschritts und neuen Epidemien).
  • Entkirchlichung war in Europa besonders fortgeschritten. Europäer machten Erfahrungen mit den USA und der arabischen Welt. Einstellungen zu Gewalt, Waffenbesitz, Todesstrafe, der Rolle des Staates/ Sozialstaat, Sozialwerten, Konsum, Umwelt und Einstellung zu Religion waren verschieden (vgl. den IT - Autorenbeitrag? http://www.netzwerkgegengewalt.org > Index: Interkulturelle Kompetenz, Globales Lernen).
1.5.4 Literaturhinweise    

Ashford S. - Timms N. (1995): What Europe thinks. A study of Western European Values, Aldershot

Gerhards J. (2005): Kulturelle Unterschiede in der Europäischen Union. Ein Vergleich zwischen Mitgliedsländern, Beitrittskandidaten und der Türkei, Wiesbaden

Hradil S. (2006): Die Sozialstruktur Deutschlands im internationalen Vergleich, Wiesbaden

Inglehart R. (1995): Kultureller Umbruch. Wertewandel in der westlichen Welt, Frankfurt/ M.

Kaelble H. (2007): Sozialgeschichte Europas. 1945 bis zur Gegenwart, Lizenzausgabe für die Bundeszentrale für politische Bildung, Schriftenreihe Bd. 618, Bonn

Lehmann H.(2004): Säkularisierung. Der europäische Sonderweg in Sachen Religion, Göttingen

Mendras H.(1997): L'Europe des europeens. Sociologie des l'Europe occidentale, Paris

Remond R. (2000): Religion und Gesellschaft in Europa, München

Pollack D. - Borowik I. - Jagodzinski W. (Hrsg.) (1998): Religiöser Wandel in den postkommunistischen Ländern Mittel- und Osteuropas, Würzburg

Schulze G. (2005): Die Erlebnisgesellschaft. Kultursoziologie der Gegenwart, Frankfurt/ M.

Teil II Politische Bildung    

2 Politische Bildung    

2.1 Aufgaben    

Politische Bildung hat die Aufgabe, die Menschen zu befähigen, dass sie ihren gesellschaftlichen Standort und ihre Interessen erkennen und über ihre politischen Probleme urteilen und in der Folge handeln zu können.

Dazu ist es erforderlich, die politischen, sozialen und wirtschaftlichen Prozesse und Strukturen zu durchschauen, den Zusammenhang zwischen Interessen und Politik und die Ursachen und Funktion von Ideologien aufzudecken.

Wie in allen sozialwissenschaftlich ausgerichteten Fachbereichen ergeben sich interdisziplinäre Themenbereiche, die unterschiedlich definiert werden. Sie lassen sich zusammenfassen zu Gestaltungen bzw.

2.2 Themenbereiche    

Themenbereichen sozialer Beziehungen, demokratischer Ordnung und politischer Willensbildung, nationaler und internationaler Politik.

Ziel einer Politischen Bildung ist ein kritisches Bewusstsein, selbständiges Urteil und politisches Engagement.

Voraussetzung für demokratisches Engagement ist das Bewusstmachen der Zusammenhänge zwischen individuellem Schicksal, gesellschaftlichen Prozessen und Strukturen.

Politisches Bewusstsein bildet sich im Erkennen der eigenen Interessen und im Erfahren der gesellschaftlichen Konflikte und der Herrschaftsverhältnisse.

Der politisch bewusste und aufgeklärte Mensch soll nicht erleidendes Objekt der Politik sein, sondern als Subjekt in die Politik eingreifen.

2.3 Historische Politische Bildung    

Wesentliche Aspekte theoretischer und praktischer Ansätze einer Politischen Bildung bedürfen zum besseren Verständnis

  • einer Einführung in die Geschichte der Politischer Bildung an Schulen und anderen Bildungsinstitutionen,
  • einer Darlegung gesellschaftlicher Funktionen und Grundintentionen,
  • einer Fachdidaktik und
  • eines Ausblicks mit einer Reflexion.
Fragen der Inklusion in der Politischen Bildung sind vermehrt zu stellen. Fragestellungen der Didaktik ergeben sich konsequenterweise.

2.4 Literaturhinweise    

Deichmann C. - Partetzke M. (Hrsg.) (2018): Schulische und außerschulische politische Bildung. Qualitative Studien und Unterrichtsbeispiele hermeneutischer Politikdidaktik, Wiesbaden

Hellfeld v. M. (2025): Die verunsicherte Nation. Vielfalt und Migration - eine andere Geschichte Deutschlands, Bundeszentrale für politische Bildung, Schriftenreihe Band 11294, Bonn

Hellmuth Th. - Klepp C. (2010): Politische Bildung - Geschichte - Modelle - Praxisbeispiele, UTB 3222, Wien - Köln -Weimar

Hufer Kl.- P. (2016): Politische Erwachsenenbildung - Plädoyer für eine vernachlässigte Disziplin, Bundeszentrale für politische Bildung, Schriftenreihe Bd. 1787, Bonn

Oberle M. - Stamer M. - M. (Hrsg.) (2022): Politische Bildung in internationaler Perspektive, Schriftenreihe der Gesellschaft für Politikdidaktik und politische Jugend- und Erwachsenenbildung/ GPJE, Frankfurt/ M.

Dokumentation    











Zum Autor    

APS - Lehramt (VS - HS - PL 1970, 1975, 1976), zertifizierter Schülerberater (1975) und Schulentwicklungsberater (1999), Mitglied der Lehramtsprüfungskommission für die APS beim Landesschulrat für Tirol (1993-2002)

Absolvent Höhere Bundeslehranstalt für alpenländische Landwirtschaft Ursprung - Klessheim/ Reifeprüfung, Maturantenlehrgang der Lehrerbildungsanstalt Innsbruck/ Reifeprüfung - Studium Erziehungswissenschaft/ Universität Innsbruck/ Doktorat (1985), 1. Lehrgang Ökumene - Kardinal König Akademie/ Wien/ Zertifizierung (2006); 10. Universitätslehrgang Politische Bildung/ Universität Salzburg - Klagenfurt/ MSc (2008), Weiterbildungsakademie Österreich/ Wien/ Diplome (2010), 6. Universitätslehrgang Interkulturelle Kompetenz/ Universität Salzburg/ Diplom (2012), 4. Interner Lehrgang Hochschuldidaktik/ Universität Salzburg/ Zertifizierung (2016) - Fernstudium Grundkurs Erwachsenenbildung/ Evangelische Arbeitsstelle Fernstudium, Comenius - Institut Münster/ Zertifizierung (2018), Fernstudium Nachhaltige Entwicklung/ Evangelische Arbeitsstelle Fernstudium, Comenius - Institut Münster/ Zertifizierung (2020), Onlinekurs Grundkurs - Aufbaukurs/ Theologie für Ehrenamtliche - Kolleg für Gemeindedienst/ Bodelschwingh - Studienstiftung Marburg/ Zertifizierung (2025)

Lehrbeauftragter Institut für Erziehungs- bzw. Bildungswissenschaft/ Universität Wien/ Berufspädagogik - Vorberufliche Bildung VO - SE (1990-2011), Fachbereich Geschichte/ Universität Salzburg/ Lehramt Geschichte - Sozialkunde - Politische Bildung - SE Didaktik der Politischen Bildung (2016-2017)

Mitglied der Bildungskommission der Evangelischen Kirche Österreich (2000-2011), stv. Leiter des Evangelischen Bildungswerks Tirol (2004 - 2009, 2017 - 2019), Mitglied des Evangelischen Bildungswerks Salzburg -Tirol (1924 - heute)

Kursleiter der VHSn Salzburg Zell/ See, Saalfelden und Stadt Salzburg/ "Freude an Bildung" - Politische Bildung (2012 - 2019)

MAIL dichatschek (AT) kitz.net

 
© die jeweiligen Autoren zuletzt geändert am 15. Februar 2026