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Reihe Historisches Lernen 3 - Historische Politische Bildung - Tirol Wanderbewegungen und Minderheiten

Reihe Historisches Lernen 3    

Historische Politische Bildung - Tirol Wanderbewegungen - Minderheiten    

Günther Dichatschek


Inhaltsverzeichnis dieser Seite
Reihe Historisches Lernen 3   
Historische Politische Bildung - Tirol Wanderbewegungen - Minderheiten   
Vorbemerkung   
1 Einleitung   
Teil I Wanderbewegungen   
2 Wanderbewegungen in Tirol   
2.1 Die Hutterer   
2.1.1 Lehre der Reformation   
2.1.2 Flucht - Verfolgung   
2.1.3 Auswanderung   
2.1.4 Gemeindeleben   
2.2 Deferegger Protestanten   
2.3 Zillertaler Inklinanten   
2.3.1 Zillertaler Protestanten   
2.3.2 Toleranzpatent   
2.3.3 Emigrationsedikt 1837   
2.3.4 Auswanderung   
2.3.5 Schlussbemerkung   
2.4 Jenische   
2.4.1 Wanderrouten   
2.4.2 Kultur   
2.5 Sinti und Roma   
2.5.1 Leidensweg   
2.5.2 Einstellung und Entwicklung nach 1945   
2.6 Juden   
2.6.1 Geschichte einer Minderheit   
2.6.2 Verfolgung   
2.6.3 Antisemitismus   
Teil II Minderheiten   
3 Protestanten   
3.1 Evangelische Bewegung im 16. Jahrhundert - Täufertum   
3.2 Geheimprotestantismus   
3.3 Ausweisungen und Emigration   
3.4 Protestantenpatent 1861   
3.5 Protestantismus um die Jahrhundertwende   
3.6 Nachkriegszeit - Gegenwart   
3.7 Literaturhinweise   
4 Jenische   
4.1 Zur Herkunft der Jenischen/ Erklärungsversuche   
4.2 Jenische in Nordtirol   
4.3 Karrner - Zigeuner (19. Jahrhundert)   
4.4 Zeit des Nationalsozialismus (1938 - 1945)   
4.5 Nachkriegszeit   
4.6 Zur heutigen Situation der Jenischen   
4.7 Jenische im Vinschgau/ Südtirol   
4.8 Die Armut der Jenischen   
4. 9 Die Sprache der Jenischen   
4.10 Die Erwerbstätigkeit der Jenischen   
4.11 Jenische in der Schweiz   
4.12 Jenische Sprache   
4.13 Buchbesprechung   
4.14 Literaturhinweise   
4.15 Internethinweise   
4.16 Radio- bzw. TV - Hinweis   
4.17 Theaterstücke   
5 Die Manharter   
5.1 Napoleonische Kriegszustände   
5.2 Grundsätze der Gruppierung   
5.3 Ablehnung kirchlicher Praxis   
5.4 Verzeichnis der Manhartisten   
5.5 Bekehrungsversuche   
5.6 Ende der Gruppierung   
5.7 Literaturhinweise   
5.8 Theaterstück   
6 Judentum Tirol - Vorarlberg   
6.1 Judentum nach dem 1. Weltkrieg   
6.2 Nationalsozialismus   
6.3 Judentum nach dem 2. Weltkrieg   
6.4 Gründung der Kultusgemeinde Innsbruck 1952   
6.5 Jüdisches Museum Hohenems 1986   
6.6 Identitätskonflikte und Krisen in Europa - Diasporavorstellungen   
6.7 Gegenwart   
6.8 Literatur- und Internethinweise   
Teil III Politische Bildung   
7 Aufgaben   
8 Themenbereiche   
9 Historische Politische Bildung   
Dokumentation   
Zum Autor   


Vorbemerkung    

Historisches Lernen ist der Prozess, bei dem Menschen vergangene Ereignisse deuten und aneignen, um eine eigene Zeitwahrnehmung zu entwickeln. Es ist nicht nur neues Wissen, vielmehr ein Denkstil, der Sinn aus der Erfahrung von Zeitlichkeit bildet und durch Methodenkompetenz wie Quellenanalyse und Interpretation die eigene Orientierung in Gegenwart und Zukunft stärkt.

Zentral ist ein Geschichtsbewusstsein wichtig für eine Orientierung in der Zeit mittels eines Lern- und Entwicklungsprozesses.

Es ist ein Prozess aus Fragen, Problemlösungen und der Entwicklung von Sinn über vergangene Phänomene, basierend auf historischen Erzählungen und Reflexionen.

Aus Autorensicht ist in den einzelnen Studien der Buchreihe die Ausbildungs- und Berufsbiographie wesentlich, historische Epochen in ihrer Bedeutung anzusprechen. Der Kontext zur Politischen Bildung bedarf einer Beachtung.

Politische Bildung fördert das Historische Lernen durch Projektmethoden, digitale Werkzeuge und die Verbindung von Vergangenheit mit Gegenwart. Erinnerungskultur, biografische Ansätze, die Auseinandersetzung mit dem eigenen Umfeld und die Nutzung digitaler Medien stehen zur Verfügung. Zunehmend erhält Politische Bildung Bedeutung für eine persönliche Kompetenz, historische Phänomene einordnen und beurteilen zu können.

1 Einleitung    

Ausgangspunkt der Studie des Autors über die Heimat und Region bilden Arbeiten zur Landes- bzw. Regionalkunde in Politischer Bildung.

Anregung zu einer persönlichen Darstellung von Heimat und Region geben Arbeiten von Schulkollegen über ihre Lebenswelten.

Die eigene Ausbildungsbiographie, bestimmt von der Struktur und den Kriterien des aktuellen Bildungssystems, ergibt ein Bild persönlicher Interessen und Möglichkeiten.

Aktuell ergeben sich Beteiligungsmöglichkeiten im Bildungssystem, die digital von Netzwerkarbeit unterstützt werden können.

Die folgende Übersicht mit einer Zuordnung von Bildungsinstitution und Bildungszielen versteht sich als Erklärung von Entwicklungsphasen und einer Sozialisierung einer persönlichen Biographie.

BildungsinstitutionBildungsziele
Kindergarten KitzbühelKitzbühel - Umgebung
Volksschule KitzbühelKitzbühel - Tirol
Realschule St. Johann/T.Österreich
Ldw. Landeslehranstalt Imst/T.Tirol
Höhere Bundeslehranstalt
für alpenl. Landwirtschaft
Ursprung - Klesheim/ Sbg.
Österreich -Alpenraum
Maturantenlehrgang der LBA
Innsbruck
Tirol - Österreich
Studium Erziehungswissenschaft/
Universität Innsbruck
Österreich - Europa
Weiterbildungsakademie
Österreich/ Wien
Österreich
1. Lehrgang Ökumene der
Kardinal König - Akademie/
Wien
Österreich - Europa
10. Universitätslehrgang
Politische Bildung/
Universität Salzburg-
Klagenfurt
Österreich - Europa
6. Universitätslehrgang
Interkulturelle Kompetenz/
Universität Salzburg
Österreich - Europa
4. Interner Lehrgang
Hochschuldidaktik/
Universität Salzburg
Österreich - Europa

Teil I Wanderbewegungen    

2 Wanderbewegungen in Tirol    

Ein Blick in die Geschichte weist auch auf erzwungene Auswanderung aus religiösen Gründen hin (vgl. STÖGER 2002, 135-165; SCHLACHTA 2006; SCHREIBER 2008, 231-236).

Für die Politische Bildung sind sozio - kulturell - religiöse Bewegungen und Phänomene von Migration und Flucht bedeutungsvoll.

2.1 Die Hutterer    

Jakob Huter, geboren um 1500 im Weiler Moos bei St. Lorenzen im Pustertal, lernte das Hutmachergewerbe und ging auf Wanderschaft. In dieser Zeit setzte er sich mit den Lehren der Wiedertäufer auseinander.

Die Lehren Martin Luthers fanden Gefallen. Bezweifelt wurden die Priesterhierarchie, kirchliche und staatliche Autorität und die Kindertaufe. Grundsatz war für das Zusammenleben die Heilige Schrift.

Im Sinne des allgemeine Priestertums brauchte es Verkünder der Lehre, gewählt im Sinne des Urchristentums.

Die Gütergemeinschaft entstand als Reaktion auf den Frühkapitalismus.

2.1.1 Lehre der Reformation    

In Tirol war der Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit auch spannungsreich. Die Lehren der Reformation verbreiteten sich durch die knappen in Tirol und Sachsen in die Tiroler Täler. Einer der ersten Prediger war Jakob Strauß, ehe nach Hall kam, wird von ihm von einer Ansprache in Schwaz berichtet (vgl. STÖGER 2002, 137; SCHLACHTA 2006, 18).

1525 ist Jakob Huter zur Schweizer Wiedertäufergemeinschaft gestoßen. Die erste Gemeinde war Welsberg (Pustertal). Anziehend wirkte der einfache Glaube und die Orientierung des Lebens nach der Heiligen Schrift.

Anhänger waren vor allem einfache Leute. Lebendige Gemeinschaften entwickelten sich im Pustertal, im Raum Sterzing und in Rattenberg (Bergrichter Pilgram Marbeck).

Beim Ruf nach einer neuen öffentlichen Ordnung wurden die Hutterer auch in Tirol als Aufwiegler behandelt. Karl V. führte 1529 für die Taufe Erwachsener die Todesstrafe ein. Ferdinand I. als Landesherr ließ Hunderte der Anhänger hinrichten. Michael Kürschner, ehemaliger Gerichtsschreiber von Völs, wurde 1529 in Kitzbühel verbrannt (vgl. STÖGER 2002, 138)

2.1.2 Flucht - Verfolgung    

In der Folge kam es zur Flucht zahlreicher Anhänger mit Jakob Huter nach Südmähren mit der Errichtung von Bruderhöfen. 1529 kam es zur Gründung einer Tiroler Täufergemeinde in Austerlitz (vgl. SCHLACHTA 2006, 25). Ab 1529 sind fast 6000 Hutterer sind aus Tirol ausgewandert.

Eine radikale Ausrichtung ähnlich Thomas Müntzer fand in Tirol keine Anhänger (vgl. STÖGER 2002, 138).

1533 wurde Jakob Huter Oberhaupt der Gemeinschaft auch der Anhänger in Süd- und Mitteldeutschland (vgl. SCHLACHTA 2006, 25). Kurz danach wurde auch in Mähren das Leben gefährlich, Verfolgungen begannen und Fluchten folgten.

1535 wurde Jakob Huter in Klausen verhaftet, in Innsbruck im Kräuterturm eingesperrt und am 25. Februar 1536 vor dem Goldenen Dachl vor einer großen Menge am Scheiterhaufen verbrannt. In Tirol dürften über 600 Hutterer hingerichtet worden sein (vgl. STÖGER 2002, 139; SCHLACHTA 2006, 33).

Seit dem Tod Jakob Huters nannten sich die Wiedertäufer "Huterische Brüder". Nach einer Blütezeit in Mähren gab es wieder Anzeichen einer Verfolgung. 1621/1622 wurden die Hutterer aus Mähren verjagt. Viele zogen in die Slowakei, nach Ungarn und Transsilvanien. Ab Mitte dem 18. Jahrhundert erfolgten durch Jesuiten Zwangstaufen, Fluchtbewegungen folgten in die Walachei.

2.1.3 Auswanderung    

Zarin Katharina II. lud die Heimatlosen in ihr Reich ein, wo sie mit den Mennoniten an der Desna (1770-1842) und auf der Krim (1842-1873) Gemeinden gründeten. Unter Zar Alexander II. begannen wieder Verfolgungen.

1874 kam es zur Einwanderung nach Kanada und in die USA (vgl. STÖGER 2002, 140-141; SCHLACHTA 2006, 141-160). Heute gibt es 219 Gemeinden, in Manitoba 72, British Columbia 1, in Alberta/ Rocky Mountains 107 und Saskatchewan 39. Von Kanada wanderten viele in die USA aus.

Mit dem Schiff "Harmonia" erreichten 1874 113 Hutterer die USA. In der Folge siedelten sich viele in den Jahren in South-Dakota??, North-Dakota??, Missouri, Washington, Montana und Minnesota an. Insgesamt leben in Nordamerika rund 25 000 Hutter, verstreut in über 300 und abgelegenen Siedlungen. Weitere Siedlungen gibt es in England (Sussex), in Villingen (Deutschland) und in Japan/ "Owa - Gemeinde" (vgl. SCHLACHTA 2006, 199).

2.1.4 Gemeindeleben    

Die Gemeinden haben als Kennzeichen gemeinsamen Besitz (urchristliche Idee), gemeinsames Essen (ohne Vorsteher), Ausrichtung nach der Heiligen Schrift, Kirchensprache Deutsch, kein kirchlicher Prunk und Heiligenverehrung, Andachts- und Schulraum ein Raum im Hauptgebäude.

Der Eintritt in die Gemeinschaft beginnt mit der Taufe, die Entscheidung ist autonom und zumeist zwischen 16 und 20 Jahren.

Traditionell ist die Kleidung für Männer schwarze Hose und Jacke, für Frauen Kopftücher und Mädchen kleine Hauben. TV, Radio und Musikinstrumente sind verpönt. Der Wehrdienst widerspricht dem Glauben, es gibt ein Alkoholverbot.

Der Unterricht ist zweisprachig englisch und deutsch (ein Reflex aus 450 Jahre Wanderungen, Vertreibungen und Migration). Einen besonderen Stellenwert besitzt die religiöse Unterweisung mit Schwerpunkt sozialem Lernen. Noten und Zeugnisse sind nicht üblich.

Zwischen zwei und fünf Jahren besucht das Kind eine Ganztagseinrichtung, nach acht Jahren Schulbesuch ist eine Arbeitsstelle garantiert. Danach sollen mehrere Handwerksberufe erlernt werden, ein Studium ist nicht erlaubt. Der Schulbetrieb hat seine Grundlage in einer Schul-Ordnung?? aus dem Jahre 1568 (vgl. STÖGER 2002, 143-145).

Die Familienstruktur ist sehr stabil. Die Meinung der Alten wird gehört. Die Bruderhöfe sind als eine Erweiterung der Familie zu sehen. Bei Teilung der Brudergemeinschaften, werden Familien nicht zerrissen. Ämter wie Prediger und wichtige Handwerker oder Deutschlehrer werden gewählt. Die Kinderzahl ist groß.

In Tirol konnten die Hutterer ihren Glauben nicht in das 20. Jahrhundert retten. Verfolgung, Vertreibung, Auswanderung, Todesstrafen und die Gegenreformation waren ausschlaggebend. Dies gehört zu den dunklen Seiten der Geschichte des Landes (vgl. STÖGER 2002, 147).

2.2 Deferegger Protestanten    

Viele Einwohner suchten ihr Glück im Wandergewerbe. Die herumziehenden Handwerker, Händler und auch Bergknappen verbreiteten die Lehren Luthers in den Tälern.

Viele Deferegger mussten ihre Heimat verlassen ("Wessen das Land ist, dessen ist die Religion"). Vor 1685 lebten ungefähr 3000 Einwohner im Tal.

Bis 1720 wurde rund ein Drittel des Tales ausgewiesen, St. Veit hatte die Hälfte seiner Bewohner verloren (vgl. STÖGER 2002, 149).

Von Interesse in der Schulgeschichte ist, dass vor über 300 Jahren ein Großteil der Bewohner mit Hilfe der Lutherbibel das Schreiben und das Lesen erlernten. Durch das Ausweisen wurde die Motivation für das schulische Geschehen stark beeinträchtigt.

2.3 Zillertaler Inklinanten    

Protestantismus am Beginn der Reformation kommt in das Zillertal mit den Bergknappen in Schwaz und Wanderhändlern, die in das Tal kommen.

Im Unterinntal wird 1521 schon in Hall ein Prediger beurkundet.

Die Forderung nach Gerechtigkeit, getragen vom religiösen Engagement, beginnt mit dem Bewusstsein der Ausbeutung weiter Bevölkerungsteile durch den Niedergang des Bergbaues und der Bauernaufstände. Nach einer Verbreitung im Untergrund, in der Folge offenen Bekenntnisses, lehnte man sich gegen die Obrigkeit und damit katholische Kirche auf. Die Reaktion auf die Reformation und Bauernaufstände war die sogenannte Gegenreformation.

2.3.1 Zillertaler Protestanten    

Im Zillertal widersetzten sich Protestanten, zunächst im Lesen reformatorischer Schriften und Bücher, mitgebracht durch Viehhändler und Wanderhändler, die auch in protestantische Regionen bis nach Hamburg und Amsterdam mit Zillertaler-Handelsniederlassungen?? kamen. Heimliche Versammlungen gab es auf entlegenen Bauernhöfen. Die Ausrichtung auf die Lehre war uneinheitlich im Augsburger Bekenntnis und Helvetischen Bekenntnis. Um den Klerus war es nicht gut bestellt, wenig eifrig und glaubensstark (vgl. STÖGER 2002, 151).

Zillertaler Protestanten erhielten Besuch durch Glaubensbrüder, Studenten und Handwerker, die die Inklinanten im Glauben bestärkten.

2.3.2 Toleranzpatent    

Am 13. Oktober 1781 erließ Kaiser Josef II. das "Toleranzpatent", ein Gesetz neuer Kirchenpolitik. Protestanten und Griechisch-Orthodoxe?? erhielten das Recht auf freie Religionsausübung, es folgen Angehörige jüdischen Glaubens 1782.

Ursprünglich 1781 haben sich nur fünf Prozent offen für die evangelische Religion bekannt. 1830 gab es auch zwischen 10 und 12 Inklinanten in Hippach, 6 in Mayrhofen und 20 in Zell/ Ziller. In der Folge war das Zentrum das hintere Zillertal. Das vordere Tal blieb unberührt.

1832 erfolgte der Antrag auf Errichtung einer eigenen Kultusgemeinde. Mit dem juristischen Kniff, durch die bayerische Herrschaft in den Napoleonischen Kriegen, sei das Toleranzpatent in Tirol ungültig geworden, bedürfe es einer neuen Proklamierung. Am 4. März 1832 wurde erklärt, dass das Patent für alle Provinzen der Monarchie seine Gültigkeit habe.

Am 30. Juni 1832 reichten Johann Fleidl, Christian Brugger und Bartholomäus Heim bei Kaiser Franz I. ein Bittgesuch mit vier zentralen Punkten ein (vgl. STÖGER 2002, 153),

  • kein Gewissenszwang, keine Schmähung,
  • Freiheit bei einer Eheverbindung,
  • Freiheit bei Geschäftsabschlüssen außerhalb der Gemeinde, Heimatgericht und
  • Erlaubnis zur einmalig jährlichen Einreise eines Geistlichen ("Pastors") zur Abendmahlfeier.
Mit 500 Bekennenden zum protestantischen Glauben, konnte eine eigene Kirchengemeinde gegründet werden. Die Zahl wurde knapp durch Drohungen verfehlt. Am 4. Juli 1830 beantragte Fürsterzbischof Augustin Gruber/ Salzburg beim Tiroler Gubernium die Aussiedelung in ein Provinzen, wo akatholische Gotteshäuser und Pastoren sind. Erstmals wurde vor den Tiroler Landtag am 24. April 1833 die Problematik im Zillertal gebracht. Kaiser Franz I. hatte sich am 2. April 1834 der Auffassung des Salzburger Erzbischofs angeschlossen.

Nach gespanntem Warten und Überprüfung durch den Landrichter Dietl von Zell, blieb es beim Verbot ein Bethaus zu errichten, öffentliche Gespräche über den Glauben zu führen und der Verweigerung der Eheerlaubnis und katholischer Begräbnisse. Als die Inklinanten ihre Bitten nicht zurückstuften und sogar ausbauten, kam es zum Verdacht "Sektierer" zu ein. Auf diese war das Toleranzpatent ohnehin nicht anwendbar (vgl. STÖGER 2002, 155).

Am 26. November 1835 wurde eine Kundmachung des Landesguberniums für das Zillertal zum Vollzug von Verwaltungsmaßnahmen angeordnet. Im Hinblick auf die Unerreichbarkeit der Wünsche wurde die Erteilung von Reisepapieren zur Erkundung einer Aussiedelung in Bayern und Preußen beantragt.

2.3.3 Emigrationsedikt 1837    

Ferdinand I. ("der Gütige") gab der Entschließung des Tiroler Landtages nach, 436 Zillertaler Augsburger Bekenntnisses aus dem Land zu verweisen (Emigrationsedikt vom 12. Jänner 1837).

Binnen 14 Tagen hatten sich die Inklinanten endgültig zu deklarieren. Wer keine Erklärung abgab, sollte als Katholik gelten. Die Bekennenden konnten nach einem sechswöchentlichem Religionsunterricht und einer anschließenden viermonatigen Frist, für die Auswanderungs- und Übersiedelungstätigkeiten, das Land verlassen. Die Zwangsbelehrung rief Widerstand vor.

In der Phase der Restauration 1848 kehrten nur sieben Inklinanten zum katholischen Glauben zurück. 393 entschieden sich für die Auswanderung ( vgl. STÖGER 2002, 157-158).

2.3.4 Auswanderung    

In einem Brief an den preußischen König Wilhelm III. vom 27. Mai 1837 vom Wortführer Johann Fleidl unterzeichnet wurde von der Ausgangssituation und Bitte um Einwanderung gesprochen (vgl. ausführlich STÖGER 2002, 158-160). Am 20. Juli 1837 erhielt man die Zusicherung, sich in Preußen/ Schlesien niederlassen zu dürfen. 34 Gehöfte wurden gegründet, der Großteil in Erdmannsdorf und sechs in Seidersdorf. Die Alternative wäre vermutlich Siebenbürgen gewesen.

56 Jahre nach dem Toleranzpatent zogen zwischen dem 31. August und 4. September 1837 in vier Auswanderzügen 427 Zillertaler aus ihrer Heimat, 11 nach Kärnten und in die Steiermark, 416 nach Oberschlesien. In der Nähe von Hippach stehen noch heute die drei Linden, wo sich die Auswanderer zu ihrem Auszug fanden.

Etliche der Inklinanten in Preußen wanderten 1838 nach Bayern, Polen und Australien. 55 Zillertaler zogen nach Chile (vgl. STÖGER 2002, 163).

Die Aussiedler lebten in der Folge hauptsächlich von der Milchwirtschaft, betrieben Gartenarbeit und errichteten eine große Flachsgarnspinnerei. 1940 lebten noch dort 3000 Einwohner. 1945 mussten die Tiroler wieder ihre Heimat verlassen, das Tiroler Dorf wurde Polen angegliedert.

2.3.5 Schlussbemerkung    

Noch 1866 hat der Tiroler Landtag ein Gesetz beschlossen, dass die Errichtung einer Evangelischen Kirchengemeinde an die Zustimmung der Behörden bindet. 1875 wurde das Landesgesetz von der kaiserlichen Regierung für ungültig erklärt. 94 Jahre hat es gedauert, bis das Toleranzpatent Joseph II. in Tirol politisch durchsetzbar war (vgl. STÖGER 2002, 164).

1987 wurde am Dorfplatz in Stumm Felix Mitterers Stück "Verlorene Heimat" in Anwesenheit von Nachfahren von Auswanderern gespielt.

2.4 Jenische    

Benannt auch als Karner, Törcher und Lanninger waren und sind es verarmte Landsleute ("Karner" von Karrenziehen mit ihrem Hab und Gut). Die Wanderschaft begann meist im Frühjahr (vgl. SCHREIBER 2008, 234) .

2.4.1 Wanderrouten    

Größere Wanderrouten waren von Telfs, Mötz, Haiming nach Nasserreith und Reutte. Hier zweigten sich die Wege nach Bayern und Württemberg/ Schwaben. Eine Route war auch über den Arlberg nach Bludenz und in Richtung Bodensee. Gearbeitet wurde dort in saisonaler Arbeit zumeist als Holzfäller, Flößer, Käser, Kupferschmiede und Glasarbeiter.

In Tirol zog man vor allem in der Inntalfurche umher. Als Landfahrer traten Vorurteile auf, gesellschaftlich stand man am Rande (vgl. STÖGER 2002, 179-180). Sie flickten Pfannen und Regenschirme, waren Messerschleifer und Hausierer, Taglöhner und Besenbinder. Beliebt war der Tauschhandel. Gelagert wurde gern auf Plätzen außerhalb von Orten, auch in Höhlen. Einen regelmäßigen Schulbesuch der Kinder gab es nicht.

2.4.2 Kultur    

Die Jenischen aus dem Vinschgau kamen überwiegend aus Stilfs, Prad, Tartsch und Laatsch (vgl. JENEWEIN 2008, 22-31).

Gründe waren hier die Verarmung (vgl. STÖGER 2002, 183). Der wirtschaftliche Status ergibt gewisse Parallelen zu "Gastarbeitern".

Die mitteleuropäische Herkunft der Jenischen weist auf kein eigenes Volk und keinen Stamm. Zum eigenen Schutz entwickelte man eine eigene (Misch-)Sprache und sippenähnliche Normen. In Diskussion ist eine Anerkennung als eigene Volksgruppe.

Der Name "Jenische" ist hauptsächlich in der Schweiz gebräuchlich. Hier sind sie in einem Dachverband zusammengeschlossen. Pro Juventute hat in der Schweiz hat zwischen 1927 und 1972 über 700 Kinder den jenischen Familien entrissen und in Heime gebracht.

Nennenswerte Ansätze gibt es auf literarischem Gebiet bei Romed MUNGENAST, der die Kultur der Jenischen pflegt. Waltraud KREIDL hat in "Erziehung heute" Nr. 4/ 1990 einen Themenschwerpunkt gesetzt. Herbert JENEWEIN hat im "Der Schlern" Nr. 7/ 2008 sich mit dem überholten Bild der Karrner im Obervintschgau auseinandergesetzt.

2.5 Sinti und Roma    

Weltweit leben rund acht Millionen Roma und Sinti. Die Hälfte lebt in Europa. Neben der Bewahrung der Identität und Eigenständigkeit ist es eine Geschichte der Verfolgung und eines Unverständnisses. Zwang zur Sesshaftwerdung und Assimilation sind Kennzeichen der Versuche der Mehrheit (vgl. STÖGER 2002, 194; SCHREIBER 2008, 231).

Das Beispiel der Minderheiten weist gut darauf hin, dass der koloniale Mechanismus auch innerhalb von Machtbereichen wirkt. Kolonialismus und Rassismus sind ein strukturelles Prinzip von Mehrheiten gegenüber Minderheiten einschließlich aktueller Globalisierungstendenzen.

2.5.1 Leidensweg    

Kaiser Maximilian wies 1500 alle Roma und Sinti aus dem Deutschen Reich. Vogelfrei war jeder, der bis zum Osterfest 1501 nicht das Land verlassen hatte (vgl. STÖGER 2002, 195).

Der Leidensweg der Roma und Sinti wurde auch in Tirol einem Verdrängungsprozess unterworfen. In Tirol darüber zu sprechen, heißt auch über die NS - Zeit zu sprechen. Die Verfolgungsgeschichte ist nicht weniger dramatisch als die der Juden. Die einzelnen Schritte der systematischen Verfolgungsgeschichte führt STÖGER an (vgl. STÖGER 2002, 196).

Der "Zigeunererlass" vom 8. Dezember 1938 ordnet die Registrierung der Roma und Sinti für den Erkennungsdienst in Form einer "rassenbiologischen Untersuchung". Der 1939 gegebene "Umsiedelungserlass" für ca. 30 000 Roma und Sinti zur Deportation nach Polen wurde durch den Kriegsbeginn nicht durchgeführt. Umgesetzt wurden die Transporte in die Konzentrationslager.

1938 leben in Österreich rund 8 000 Roma und 3 000 Sinte. Der zentralen Inhaftierung beim Anschluss Österreichs diente das Sammellager in Hopfgarten im Brixental. Bald folgten die Transporte nach Dachau und Ravensbrück. In Auschwitz waren zwischen dem 31. März 1943 und dem 22. Jänner 1944 3 923 österreichische Roma und Sinti inhaftiert, 42 Prozent davon waren Kinder (vgl. STÖGER 2002, 197).

Mit der Errichtung eines polizeilichen Durchgangslagers in Bozen wurden ab Sommer 1944 auch Roma und Sinti interniert. Als Sammellager waren kurzfristige Anhaltrungen geplant. Allerdings wurden bald die Internierten in die Vernichtungslager abgeschoben.

Im Herbst 1940 wurden in Lackenbach im Mittelburgenland über 4 000 Roma und Sinti eingeliefert und in Salzburg/ Maxglan rund 300 Insassen eingesperrt. Gegen Kriegsende kamen die Insassen nach Birkenau (Auschwitz). Ein drittes Lager war in Weyer/ Oberösterreich mit 350 Internierten (vgl. STÖGER 2002, 198-199).

Am 16. 12. 1942 kommt der "Auschwitz- Erlass" für die Roma und Sinti. "Durchführungsbestimmungen" erfolgen am 29. Jänner 1943. Mit den Transporten nach Osten werden die Lager aufgelassen, lediglich eine kleine Belegschaft bleibt in Lackenbach bis Kriegsende. Die Lagerbedingungen waren katastrophal, Epidemien brachen aus (vgl. DLUGOBORSKI 1993, 14).

Die zweibändige Dokumentation über 23 000 Personen im "Zigeunerlager" Birkenau erschien 1993 mit dem Titel "Gedenkbuch: Die Sinti und Roma im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau??" mit einer Einleitung von Waclaw DLUGOBORSKI.

Mehr als die Hälfte der 8 000 Burgenland - Roma und rund 3 000 Sinti, die bis 1938 in Österreich lebten, haben die Verfolgung nicht überlebt.

2.5.2 Einstellung und Entwicklung nach 1945    

Nach 1945 blieb die Einstellung gegenüber den vernichteten Minderheiten bei vielen gleich. Dazu zählten und zählen auch die Tiroler Sinti und Roma. Erst in den sechziger Jahren wurden Wiedergutmachungsrenten eingeräumt. Das Unrechtsbewusstsein scheint erst aktuell größer zu werden (vgl. STÖGER 2002, 202).

Die Vorurteile gegenüber Minderheiten haben mit dem Zusammenbruch des Dritten Reiches nicht aufgehört. Im Vordergrund stand der Wiederaufbau. Da blieb für eine pädagogische Aufgabenstellung kein Platz. Erst mit einer Politische Bildung wurde/ wird Bewusstseinsbildung relevant (vgl. Kap. 3).

Die meisten Sinti Tirols leben im Talkessel von Bozen, in Bozen zwischen 260 und 280, in Meran 33, in Brixen 40, in Eppan 11 Sinti. Insgesamt dürfte aktuell es zwischen 350 und 360 Sinti in Südtirol geben. Sie sind Einheimische seit langer Zeit und besitzen die italienische Staatsbürgerschaft. Dazu kommen im Raum Bozen rund 400 Roma-Flüchtlinge?? aus Ex-Jugoslawien?? (vgl. STÖGER 2002, 203-204).

Im Bemühen um Gerechtigkeit, Selbstbewusstsein und Anerkennung entstanden bemerkenswerte Solidaritätsgruppen. Sozialminister Rudolf Dallinger zeigte sich für die Anliegen der Roma offen. 1993 erfolgte die Anerkennung der Roma als sechste österreichische Volksgruppe neben Kroaten, Slowenen, Tschechen, Slowaken und Ungarn.

2.6 Juden    

Die Geschichte des Landes und Aspekte einer Politischen Bildung betrifft nicht nur die Mehrheitstiroler - deutschsprachige und katholische - auch die Minderheiten, etwa protestantische und jüdische Minderheiten (vgl. die Bedeutung von Interkulturalität/ kulturell - religiöse Kompetenz).

2.6.1 Geschichte einer Minderheit    

Die Geschichte des Landes Tirol beinhaltet auch eine jüdische Geschichte. Dies wird nicht immer verstanden. Ein Beispiel ist der Wiederaufbau der Synagoge in Innsbruck (vgl. STROBL 1995, 20).

Den jüdischen Teil an der Geschichte verleugnen, heißt eine verfälschte Darstellung geben.

Ein Beispiel dafür ist der einzige Anwalt, der Andreas Hofer mit Nachdruck verteidigte und keine Bezahlung dafür annahm, ein Jude war, Dr. Gioaccchino BASEVI (vgl. STÖGER 2002, 216).

Verschwiegen wird auch gerne als Innsbruck im April 1809 für kurze Zeit zurückerobert wurde, für den weiteren Befreiungskampf fünf Wohnungen und drei Geschäfte von Juden geplündert wurden (vgl. PETERLINI 1986, 9; STÖGER 2002, 216).

Jüdische Bürger besorgten für die Landesfürsten die Zolleinnahmen und die Verwaltung der Münzstätten.

Die Zunftsordnungen und das Zinsnehmungsverbot für Christen brachten es mit sich, dass Juden oft im Handel und Transitgeschäften tätig waren.

Ab dem 14. Jahrhundert erhielten diese Berufe mehr Bedeutung.

Jüdische Siedlungen gibt es schon früh in Innsbruck, Meran, Bozen, Brixen, Bruneck, Lienz, Rattenberg, in Roveretto und Trient (vgl. KÖFLER 1988, 169).

2.6.2 Verfolgung    
e Vorwände für Verfolgungen sind die Pest (1348-1349, Vergiftung von Brunnen), Ritualmorde (Judenstein bei Rinn) und Hostienfrevel (vgl. STÖGER 2002, 217-218).

1496 erfolgte eine stärkere Einwanderung aus Kärnten und der Steiermark durch eine Vertreibung von Kaiser Maximilian mit der Begründung von Hostienschändung, Kindermarterung und Tötung (vgl. PINZER 1986, 8). Diskriminierungen waren in der Folge eine drückende Judensteuer, hoher Leibzoll und gelber Fleck an der Kleidung (vgl. STÖGER 2002, 219).

Wirtschaftliche Neidgefühle und Juden als Gottesmörder bildeten die Grundlage für Überfälle auf Juden als Sündeböcke in Zeiten der Krise und des Niederganges. 1525 im Jahr der Bauernaufstände kam es zu Überfällen von unterdrückten Bauern (vgl. PETERLINI 1986, 9).

In der von Ferdinand II. 1574 erlassenen Polizei- und Sittenordnung gibt es eine Kleiderordnung mit einem gelben Ring an den "Ober - Röcken" auf der linken Seite (vgl. HARB - KÖLL - MELICHAR - PLATTNER 1996, 106).

Das Staatsgrundgesetz vom 21. Dezember 1867 brachte bürgerliche Gleichberechtigung und damit Niederlassungsfreiheit. Der Bahnausbau in der Monarchie brachte in der Folge mit dem größeren Bahnnetz eine stärkere Mobilität.

Es bildeten sich Gruppen mit Juden der "Zweiten Generation" aus Wien, Ungarn, Böhmen, Mähren und Galizien. Im Zuge der Bahnbautätigkeiten kamen jüdische Staatsbahnbedienstete nach Innsbruck (vgl. ACHRAINER - HOFINGER 1996, 30).

1880 lebten 109 Juden in Tirol, 70 davon in Innsbruck. Schon 1890 hatte die jüdische Gemeinde 163 Mitglieder in Innsbruck und das Anrecht auf Gründung einer eigenen Kultusgemeinde. Bis 1892 war Innsbruck eine Filiale der Kultusgemeinde Hohenems. Eine jüdische Privatschule (ohne Öffentlichkeitsrecht) wurde am 5. Februar 1892 eröffnet.

Einen eigene Kultusgemeinde in Innsbruck wurde erst 1914 anerkannt.

2.6.3 Antisemitismus    

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts etwa ab 1885 entwickelte sich ein "moderner" Antisemitismus. Erkennbar war dies in Zeitungen (vgl. beispielhaft STEURER 1986, 43).

ACHRAINER - HOFINGER (1996, 30-31) beschreiben die Situation, antijüdische Einstellungen waren selbstverständlich. Dabei hatten einige Innsbrucker Juden Aufnahme und Anerkennung in liberalen Organisationsformen wie der Kaufmannschaft, dem Turn- und Verschönerungsverein sowie der Akademischen Sängerschaft gefunden. 1910 war der Höchststand jüdischer Bevölkerung mit rund 1624 Juden (damals 0,2 Prozent der Bevölkerung Tirols).

Die demographische Bewegung der Monarchie zeigte sich im Zuzug nach Tirol (vgl. STÖGER 2002, 224). Nach dem Ersten Weltkrieg bekannten sich 1934 nur mehr 365 Personen (0,1 Prozent der Bevölkerung) zur Israelitischen Kultusgemeinde (vgl. KÖFLER 1984, 420).

Rückblickend war einer der Höhepunkte antisemitischer Propaganda das Jahr 1889. Die kandidierende Gruppe für den Landtag "Christlicher Mittelstand" gab ein antisemitisches Flugblatt mit Warnung der Eltern für ihre Kinder, vor rituellen Morden, Körperverletzungen und Blutabnahmen ("Blutabzapfungen") heraus (vgl. STEURER 1986, 45; STÖGER 2002, 226). 1919 gab es in Innsbruck eine örtliche Gruppe von 50 mittelständischen Mitgliedern der Deutschen Nationalsozialistischen Arbeiter - Partei/ NSDAP.

Erst 1923 kam ein Kandidat in den Gemeinderat.

Innerhalb der Flügel der Bewegung - Gewerkschaftsflügel "Die Gelben", Wehrverband, Schulzgruppe und "Hitlerbewegung " war die Südtirol - Frage ein Streitpunkt (vgl. HARB - KÖLL - MELICHAR - PLATTNER 1996, 206).

1920 kam Hitler nach Innsbruck, um zu den Gelben zu sprechen.

Eine unrühmliche Rolle spielte der Führer der Tiroler Heimwehr Dr. Richard Steidle. Er forderte die Trennung des deutschen und jüdischen Volkstums (vgl. STÖGER 2002, 227).

Im Antisemitenbund gegründet 1919 - Leiter war der spätere Landwirtschaftsminister Andreas Thaler aus der Wildschönau - waren Anhänger christlichsoziale, deutschnationale Politiker und Sympathisanten, Burschenschaftler, Turnbündler und Mitglieder vom Bauernbund. Im Forderungskatalog an die Tiroler Landesregierung stand, dass jener als Jude zu gelten habe, der auch nur einen jüdischen Urgroßelternteil hatte (vgl. PINZER 1986. 12). Die Forderungen wurden zur Seite gelegt.

Die zwanziger Jahre mit ihrem politischen Klima förderten den Antisemitismus, kennzeichnend der Zulauf zum Antisemitismusbund, die Rolle deutsch - völkischer Turn., Sport- und Gesangsvereine. Man beachte das 5. Deutsche Turnbundfest mit rund 2 000 Teilnehmern in Innsbruck mit seinem Festplakat eines germanischen Turners mit deutscher Fahne, im Hintergrund sind Stadtturm, der Dom St. Jakob und die Nordkette (vgl. STÖGER 2002, 229).

Der Volksdichter Sebastian Rieger ("Reimmichl") ist ein Beispiel für die Selbstverständlichkeit antisemitischen Gedankengutes mit seiner Klage im Jahr 1900, Österreich als Heimstätte des ungläubigen Volkes der Juden (vgl. PETERLINI 1986, 9).

Fünf Tage vor der am 10. April 1938 angesetzten Volksabstimmung über die Zugehörigkeit zum Deutschen Reich (Wahlbeteiligung 99,57 Prozent, Anschluss - Stimmen 99,3 Prozent) zog Hitler in Innsbruck ein. Die Ursachen des Erfolges liegen im sozialen, religiösen und pädagogischen Umfeld. Tirol war damals stark im Tourismus auf Deutschland orientiert, die 1000 Mark - Sperre traf voll den Fremdenverkehr und ergab eine hohe Zahl von Arbeitslosen (vgl. STÖGER 2002, 233-234).

Nach heutigem Stand einer Antisemitimusforschung im Kontext der Politischen Bildung wird von einer Resisdenz gegen

  • logische Einwände gegen Argumente,
  • Herstellung von Vorurteilen,
  • einer Unkenntnis eines Judentums und
  • Vermengung religiöser Unkenntnis ausgegangen.
Ein pädagogischer Auftrag in den schulischen Fachbereichen Geschichte - Sozialkunde - Politische Bildung, Religion und Ethik ist gegeben. Außerschulisch ist zudem der tertiäre und quartäre Bildungsbereich herausgefordert (vgl. BRUMLIK 2020, GRIMM - MÜLLER 2021).

Teil II Minderheiten    

3 Protestanten    

"Das Aufkommen von Reformation und Protestantismus in Tirol war keine ruhige Angelegenheit. Im Gegenteil, die reformatorischen Ideen regten sich sofort und unmittelbar nach dem Öffentlichwerden von Luthers Kirchenkritik, sie äußerten sich zugleich mit dem Erscheinen seiner und der anderen Reformatoren Hauptschriften, die damals Mitteleuropa mit ihren Reformideen lawinenartig überschwemmten. Selbst im europäischen Vergleich traten die reformatorischen Gedanken sehr früh und mit besonderer Heftigkeit auf. Es ist zwar kaum einer breiten Öffentlichkeit bekannt, aber es ist eine Tatsache: Tirol stellt darin eines der interessantesten Gebiete der frühen Reformation im damaligen Europa dar - wie dies auch jetzt die neue schöne Kirchengschichte Tirols von Josef Gelmi zu Recht darlegt (LEEB 2001, 227, GELMI 2001, 135).

Bei aller Frömmigkeit gab es in der Kirche strukturelle Schwächen. Zahlreiche Klagen belegten dies. Die Kirche als Mittlerin des Heils war unglaubwürdig geworden. Ablasswesen, Reliquienkult, Dispens, Privilegien und Wallfahrten ließen Gläubige Missstände im Klerus erleben. Zuverdienste waren Geistlichen oftmals wichtiger als seelsorgerliches Wirken ("Mehr Wirt als Hirt"). Es entstand ein regelrechter Hass auf den Klerus (vgl. GOERZ 1995).

3.1 Evangelische Bewegung im 16. Jahrhundert - Täufertum    

Es überrascht keineswegs, dass vor diesem Hintergrund der erste reformatorische Prediger von Hall Jakob Strauß 1522 großes Aufsehen verursachte und Zulauf gewann. Strauß war kein Einzelfall. Luthers Reformvorschläge Vorschläge waren mit den Gedanken des allgemeinen Priestertums (Gleichberechtigung im geistlichen Sinne und Selbstregelung kirchlicher Angelegenheiten) und der Außerkraftsetzung der Leistungsfrömmigkeit (Gnade als Geschenk Gottes ohne Bezahlung) in Verbindung mit einem kirchenkritischen Biblizismus attraktiv geworden (vgl.im Folgenden DICHATSCHEK 2007, 7-11).

Es entstand in Tirol - insbesondere in den internationalen Zentren des Bergbaues - Schwaz, Hall und Rattenberg - spontan eine evangelische Bewegung von unten aus der Bevölkerung heraus. Allerdings wurden im Unterschied zu anderen österreichischen Ländern diese reformatorischen Aktivitäten von Beginn an entschlossen bekämpft.

"Tirol war als Zentrum des Bergbaues aus finanzpolitischen Gründen so wichtig, dass jede Regelung in den dem Landesherren unterstehenden Städten unterdrückt wurde. Zudem besaß der Tiroler Adel im Vergleich zu den Städten in den anderen habsburgischen Ländern keine vergleichbaren Machtpositionen, sodass sich auch hier kein nachhaltiger politischer Rückhalt für die evangelische Bewegung bilden konnte" (LEEB 2001, 228).

Auf Grund der repressiven Maßnahmen darf man vermuten, dass der radikale Flügel der Reformation in Tirol gestärkt wurde. In diesem Umfeld einer sozial und religiös aufständischen Bewegung, in Verbindung mit Bauernaufständen, entstand die Täuferbewegung. Die abgeschlossenen Täler waren ein europäisches Zentrum von Täufern, wobei das Tiroler Täufertum eine pazifistische Haltung einnahm (vgl. MECENSEFFY 1975, 20). Hunderte männliche und weibliche Täufer wurden grausam verfolgt -verbrannt, gehenkt, enthauptet und ertränkt. Es gab Massenhinrichtungen. Ergreifende Geschichten solcher Hinrichtungen sind dokumentiert (vgl. MECENSEFFY 1975, 21). Als in Kitzbühel zwei Täufer hingerichtet werden sollten, rief jemand aus der Menge. "Ei wie fein lassen eure Hirten und Lehrer das Leben für euch" (zur Stärke des Luthertums im Raum Kitzbühel LEEB - LIEBERMANN - SCHEIBELREITER - TROPPER 2003, 215).

Heimliche Auswanderungen bis nach Mähren in die Nähe von Nikolsburg begannen. Der Pustertaler Jakob Huter ("Hutter") wurde Führer jener Gruppe, die später als Hutterer bezeichnet wurden. Bei seiner Rückkehr in die Heimat wurde Huter festgenommen und 1536 in Innsbruck verbrannt. Über Zwischenstationen in Siebenbürgen, der Walachei und der Ukraine kamen die Hutterer 1874 bis nach Amerika ("Hutterian Brethern Church").

In South Dakota gründete man den ersten "Bruderhof". Diese "Brüderhöfe" - Zeichen für eine erfolgreiche wirtschaftliche Gütergemeinschaft - mit Abgrenzungen zu bestehenden Gemeinschaft, bestehen heute noch. Manche Bewohner sprechen neben Englisch noch jetzt ein altertümliches Deutsch mit Tiroler und Kärntner Einschlag (vgl. LEEB - LIEBMANN - SCHEIBELREITER - TROPPER? 2003, 191-192; SCHLACHTA 2006; Verordnungsblatt des Landesschulrats für Tirol/ Jg. 2006, Stück X, Nr. 75 "Symposium und Seminar 'Verbrannte Visionen' -Jakob Hutter und die Täuferbewegung").

3.2 Geheimprotestantismus    

Wie man heute weiß, wurde kein Lutheraner in Tirol aus Glaubensgründen hingerichtet. Nur ein kleiner Teil schloss sich der Täuferbewegung an. Trotz massiver Verfolgung entstand die für Tirol typische Situation, "dass es zwar zahlreiche evangelische Personen gab, die manche Regionen sogar dominierten, dass diese aber inoffiziell existierten" ( LEEB 2001, 229). Das Schicksal von Jakob Stainer, dem berühmten Geigenbauer aus Absam, ist ein typisches Beispiel hierfür. Als Anhänger Luthers geriet er in Konflikt mit der katholischen Kirche, die ihn nach einem kostspieligen Prozess über sechs Monate einsperrte.

1549 hört man von Klagen, dass in Gehöften und Häusern zur Zeit der katholischen Sonntagsmesse evangelische Gottesdienste bzw. Andachten vom Hausvater der Familie mit dem Gesinde bzw. den Nachbarn mit Bibelauslegung, Gebet und Liedern gehalten wurden. In Wohnstuben wurde ein Tisch als Altar aufgestellt. Im Gegensatz zu Oberösterreich, Niederösterreich, der Steiermark und Kärnten - wo der Protestantismus legitimiert wurde - gab es in Tirol keine Kirchenorganisation und Prediger, so dass man hier von einem Laienchristentum sprechen kann.

"Es ist der evangelischen Geschichtsschreibung kaum bzw. gar nicht bewusst, dass zuerst in Tirol (und dann in Salzburg) auf diese Weise schon sehr früh das bemerkenswerte kirchengeschichtliche Phänomen des so genannten Geheimprotestantismus entstand. Nicht immer war es so geheim, wie es der Name es suggeriert. Es äußerte sich oft auch als Aufmüpfigkeit, wenn z.B. in den Wirtshäusern auf provokante Weise lutherische Schandlieder gesungen wurden (es existierte während der Gegenreformation ein bestimmtes Sortiment an lutherischen Kampfliedern). Bei Vorladungen zeigte sich ein ziviler Ungehorsam, man berief sich auf die Gewissensfreiheit, man müsse Gott mehr gehorchen als den Menschen" (LEEB 2001, 229). Insofern kann man in Tirol auch von einem politischen Protestantismus im 16. Jahrhundert sprechen.

3.3 Ausweisungen und Emigration    

Seit dem Augsburger Religionsfrieden 1555 bestimmte der Landesherr die Konfession in seinem Land (ursprünglich "ubi unus dominus, ibi una sit religio"). Folgte man dieser Regelung nicht, konnte/ musste man auswandern. Gegenüber dem mittelalterlichen Ketzerrecht wurde dies als Fortschritt angesehen, zumal man mit Vermögen und in Ehren das Land verlassen konnte. Dieses Recht gilt als Grundrecht von Untertanen in Europa (vgl. HECKEL 1983, 33)

Für Tirol gilt, dass bis zu Beginn des 17. Jahrhunderts evangelisches Leben noch nachzuweisen ist. Zwei Ausnahmen, die allerdings damals teilweise zu Salzburg gehörten, bilden das Defereggen- und das Zillertal. Auf der Grundlage des Augsburger Religionsfriedens 1555 und der Bestimmungen des Westfälischen Friedens 1648 wurden evangelische Deferegger ab 1684 ausgewiesen. Mit der Missionierung durch Kapuzinerpatres begann sich die Situation in Form von antiklerikalen Aktionen zu verschärfen. Bei der Auseisung durch den Salzburger Erzbischof Max Gandolf von Kuenberg kam es zur Verletzung der Durchführungsbestimmungen. Es wurden keine Dreijahresfrist zur Vorbereitung der Emigration eingehalten, vielmehr mussten 621 Personen um Neujahr innerhalb weniger Wochen das Tal verlassen. Das Corpus Evangelicorum in Regenburg zur Einhaltung der Reichsverfassung wurde zu spät informiert, womit nur eine bruchstückhafte Wiedergutmachung der Bestimmungen möglich wurde (vgl. DISSERTORI 1964).

Die Ausweisung evangelischer Zillertaler 1837 steht in Verbindung mit der Rechtsgültigkeit des Toleranzpatents von 1781, das für Tirol auch galt. Als nämlich 1826 drei evangelische Hippacher aus der katholischen Kirche austraten, kam eine Austrittsbewegung mit letztlich 427 Personen in Gang (vgl. HEIM-REITER-WEIDINGER?? 2006; KÜHNERT 1973, 15). Der Tiroler Landtag stimmte mehrheitlich für konfessionelle Einheit des Landes. Die letzte Entscheidung hatte Kaiser Ferdinand, der die Ausweisung trotz Gültigkeit des Toleranzpatents verfügte, die internationales Aufsehen erregte.

Nach dem Bekenntnis zur freien Religionsausübung in der Unabhängigkeitserklärung der USA (1776) und der Französischen Revolution (1789) war das Toleranzpatent 1781 mit Einschränkungen versehen, wodurch Ideen der Aufklärung - religiöse Toleranz und Gleichberechtigung - unterlaufen wurden und die Ausweisungen ein unzeitgemäßes Relikt und als solches ein Spezifikum der Tiroler Geschichte darstellten (vgl. RIEDMANN 1982, 115; LEEB 2001, 231).

3.4 Protestantenpatent 1861    

Damit war in Tirol keineswegs die Gründung einer evangelischen Gemeinde möglich. Meran als Kurort hatte zwar gleich einen Betsaal für die vielen evangelischen Gäste eingerichtet, eine Gründung einer Pfarrgemeinde war dies nicht. Die Mehrheit des Tiroler Landtages beschloss in der Folge ein Gesetz, wonach die Bildung einer evangelischen Gemeinde verboten sei. Wien bestätigte dieses Gesetz nicht. 1863 verabschiedete der Landtag daraufhin ein Gesetz über die Zulassung einer privaten Religionsausübung.

Für diese politische Bewegung sprach der Brixner Fürstbischof Vinzenz Gasser von der Einheit des Glaubens als kostbarem Edelstein im Ehrenkranz Tirols (vgl. GELMI 2001; LEEB 2001, 231). Die gesteigerte Frömmigkeit in Europa zeigte sich in Tirol im Herz - Jesu - Kult. Der gefühlsmäßige Widerstand gegen evangelische Gemeindegründungen hat hier seine Wurzeln.

Einer der Wortführer einer liberalen Gruppe in Tirol war der Jenbacher Gastwirt und Arzt Norbert Pfretschner, der als Reichstagsabgeordneter noch in seiner Jugend die Ausweisung der Zillertaler erlebt hatte. Demonstrativ gab er seinem Gasthaus den Namen "Zur Toleranz".

Die Reichsverfassung 1867 brachte erst einen Durchbruch mit den Gemeindegründungen 1876 von Meran und Innsbruck, den ersten öffentlich anerkannten evangelischen Pfarrgemeinden in der Geschichte Tirols. Mit dem Verlust der Glaubenseinheit des Landes reichte auch Fürstbischof Vinzenz Gasser seinen Rücktritt bei Papst Pius IX. ein, der ihn jedoch zum Weitermachen ermunterte, da in Rom sich inzwischen auch eine evangelische Gemeinde konstituiert hatte. 1883 war es auch im Tiroler Landtag nicht mehr möglich, das Protestantenpatent zu kippen.

3.5 Protestantismus um die Jahrhundertwende    

In Kärnten, der Steiermark, Oberösterreich und dem Burgenland entwickelten sich aus evangelischer Tradition heraus Toleranzgemeinden. In Tirol gab es keine bodenständigen evangelischen Christen mehr, vielmehr handelte es sich um größtenteils Zugezogene Beamte, Armeeangehörige und Wirtschaftstreibende. Vor allem gab es kein evangelisches Leben, wie es etwa in den bäuerlich sozialisierten Toleranzgemeinden der Fall war. Damit war ein gleichberechtigtes und zwangloses Verhältnis zur katholischen Umwelt nicht möglich. "Für die konservative katholische Mehrheit in Tirol waren Luthertum und Protestantismus landfremd, sie waren Stellvertreter und Einfallstor für alles Liberale, Umstürzlerische, nicht Vaterlandstreue {...]" (LEEB 2001, 232).

Protestantismus stellt sich als moderne attraktive Alternative - im Hinblick auf das Mutterland der Reformation - dar. Gegner des politischen Katholizismus suchten naturgemäß hier eine Heimat, es kam - wie am Beispiel Innsbrucks zu beobachten ist - zu vielen Übertritten.

Um die Jahrhundertwende kam es zur "Los-von-Rom-Bewegung??", die sich weniger in Über- als in Austritten zeigte. Die evangelische Glaubensbewegung in Tirol lief Gefahr, in das deutsch-nationale Eck gedrängt zu werden. Die Die Bewegung selbst hat im Land kaum Niederschlag gefunden. Zumeist aus Deutschland kommende Pfarrer versuchten allerdings bewusst, evangelische Mission im katholischen Österreich zu betreiben. Ein überaus kämpferischer geistlicher Amtsträger war in Innsbruck Ludwig Mahnert, wobei er ab 1923 in der Konfliktsituation der Ersten Republik deutsch-nationales Gedankengut verbreitete und letztlich auch die Gemeinde in den Umkreis illegalen Nationalsozialismus brachte (vgl. LEEB 2001, 233).

3.6 Nachkriegszeit - Gegenwart    

Nach einer massiven Austrittswelle 1938 musste 1945 und danach durch die Flüchtlingsströme, in der Folge durch Aussiedler und später Urlaubsgäste evangelisches Leben und Kirchenorganisation neu gestaltet werden. Gottesdienste in kirchenfremden Räumlichkeiten und Neubau von Kirchen und Gemeindezentren mit Gründung von Pfarrgemeinden als Körperschaften öffentlichen Rechts sowie der die Versorgung mit Religionsunterricht waren wesentliche Aufgabenfelder (vgl. Protestantengesetz 1961: "freie Kirche in einem freien Staat").

Gleichzeitig versuchte in der unmittelbaren Nachkriegszeit die "Innere Mission", später Diakonie, die Sicherstellung der alltäglichen Lebensbedürfnisse über die Pfarr- und Tochtergemeinden sowie Predigtstationen zu gewährleisten.

Kennzeichnend für die Evangelische Kirche, nicht nur in Tirol, war eine zunächst betont unpolitische Haltung. Diese hat sich inzwischen mit Beschlüssen der Generalsynoden in den letzten Jahrzehnten geändert. Zu erinnern ist in diesem Zusammenhang besonders an das ausdrückliche Bekenntnis zur Demokratie und zur Europäischen Union als Friedensgemeinschaft sowie der Mitarbeit in internationalen kirchlichen Organisationen wie dem Lutherischen Weltbund, Weltkirchenrat/ WCC, der Gemeinschaft Evangelischen Kirchen Europas/ GEKE und der Ökumene. Themen wie Armut, Migrantentum und Bildungsfragen spielen in der Aufgabenstellung ebenso eine Rolle.

Für Tirol ist auch zu vermerken, dass sich das Verhältnis der Konfessionen zueinander grundsätzlich geändert hat. Erfahrungen des Krieges und der NS - Zeit brachten eine Wende, auch die zunehmende Säkularisierung und die großen Tourismusströme spielten eine Rolle. Auf offizieller Ebene war das II. Vatikanische Konzil entscheidend. Nur so war etwa die Versöhnungsfeier im Defereggental 2002 möglich.

Innerkirchlich vertreten die sieben Tiroler Pfarrgemeinden - Innsbruck - West und -Ost, Oberinntal, Reutte, Jenbach, Kufstein und Kitzbühel - in ihren kirchlichen Gremien die Interessen evangelischer Christen über die Pfarrgemeinden hinaus in der Diözese Salzburg - Tirol und in den Kommissionen, Ausschüssen und Leitungsgremien der Gesamtkirche. Ein besonderes Problem stellt die unzureichende Zahl ehrenamtlicher Mitarbeiter dar (vgl. DICHATSCHEK 2005, 14). Entsprechende zusätzliche Angebote zur Schulung sind notwendig.

1966 wurde die selbständige Diözese Salzburg - Tirol gegründet. 2004 wurde das "Evangelische Bildungswerk in Tirol" reaktiviert und bedarf eines zunehmenden Engagements. 2005 übersiedelte, kirchengeschichtlich einmalig, die Superintendentur von Salzburg nach Innsbruck. 2006 konnte ein "Offenes Evangelisches Kirchenzentrum" in Innsbruck (Christuskirche) eröffnet werden. Mit diesen Aktivitäten wurden Akzente evangelischen Glaubenslebens über Jahre hinweg gesetzt.

Theaterstücke

Karl Schönherr (1867-1943): Glaube und Heimat. Tragödie eines Volkes (1910)

Felix Mitterer (1948): Verlorene Heimat - Stumm: Zillertaler Volksspiele 1987

3.7 Literaturhinweise    

Angeführt sind jene Titel, die für den Beitrag verwendet und/ oder direkt zitiert werden.

Auer W. (2008): Kriegskinder. Schule und Bildung in Tirol im Ersten Weltkrieg, Innsbruck

Biasi F. (1948): Die Lutherische Bewegung in der Herrschaft Kitzbühel von ihren Anfängen bis zum Tode Ferdinands II. (1595) - Masch. Diss. Universität Innsbruck

Dichatschek G. (2005): Das Rollenspektrum ist groß. Überlegungen zur Nachwuchsfrage in zukunftsorientierten Pfarrgemeinden, in: SAAT Nr. 3/ 2005, 14

Dichatschek G. (2007): Minderheiten in Tirol: Protestanten, in: Tiroler Heimatblätter 1/ 2007, 7-11

Dichatschek G. (2017): Didaktik der Politischen Bildung. Theorie, Praxis und Handlungsfelder der Fachdidaktik der Politischen Bildung, Saarbrücken

Dissertori A. (1964): Auswanderung der Defregger Protestanten 1666 - 1725, in: Schlernschriften 235/ 1964, Innsbruck

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Goerz H.-J.(1995): Antiklerikalismus und Reformation, Göttingen

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Heckel M. (1983): Deutschland im konfessionellen Zeitalter, Göttingen

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Hormel U.- Scherr A. (2005): Bildung für die Einwanderungsgesellschaft. Perspektiven der Auseinandersetzung mit struktureller, institutioneller und interaktioneller Diskriminierung, Bundeszentrale für politische Bildung, Schriftenreihe Bd. 498, Bonn

Jarosch M.- Genslackner L.- Schreiber H.- Weiss A. (Hrsg.) (2008): Gaismair - Jahrbuch 2009 - Überwältigungen, Innsbruck

Kühnert W. (1973): Die evangelisch gesinnten Zillertaler und ihre Vertreibung im Jahre 1837, in: Über die evangelische Vergangenheit und Gegenwart im Unteren Inntal, Zillertal und Achenseegebiet, Festschrift, Jenbach, 15

Leeb R. (2001): Protestantismus und evangelische Kirche als Teil der Geschichte Tirols, in: AMT und GEMEINDE 52.Jg., Heft 9/ 2001, 227-236

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Mecenseffy G. (1975): Täufer in Tirol, in: 125 Jahre evangelisch in Tirol. Festschrift zur 125 - Jahr - Feier der evangelischen Gemeinden in Tirol, Innsbruck 2001, 23-29

Riedmann J. (1982/ 1988): Geschichte Tirols, Wien

Schlachta A.v. (2006): Die Hutterer zwischen Tirol und Amerika, Innsbruck

Scheidig F. (2016): Professionalität politischer Erwachsenenbildung zwischen Theorie und Praxis, Bad Heilbrunn

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Weißeno G.- Detjen J.- Juchler I.- Richter D. (2010): Konzepte der Politik- ein Kompetenzmodell, Bundeszentrale für politische Bildung, Schriftenreihe Bd. 1016, Bonn

4 Jenische    

4.1 Zur Herkunft der Jenischen/ Erklärungsversuche    

Zur Herkunft der Jenischen - auch "Karrner", "Grattenzieher", "Landfahrer", "Dörcher" und "Laninger" genannt - gibt es widersprüchliche Erklärungsversuche, die sich in drei Hypothesen unterteilen lassen.

Hypothese 1

Die Jenischen kommen aus der ansässigen, einheimischen Bevölkerung und wurden durch soziale Umstände, vor allem aus Armut, zur Wanderschaft gezwungen. Die Zünfte haben die Jenischen aus ihren Wirtschaftsgebieten ausgeschlossen (ausgesperrt). Somit war die Armut vorgezeichnet. Nun mussten die Jenischen in Nieschenhandwerke umsteigen, um nicht zu verhungern. Für diese Theorie spricht die Tatsache, dass es vor allem in Tirol eine sehr lange Tradition der Zeitwanderer gab, also Menschen gab, die zum Zweck von Erwerbsarbeit für kurze oder auch längere Zeit auswanderten, um in der Fremde Geld zu verdienen.

Zu dieser Gruppe gehören Maurer, Stukkateure, Steinmetze, Zimmerleute,Glockengießer und Taglöhner aus dem Oberinntal, Lechtal, Vorarlberg und Welschtirol, aus Deutschland, Frankreich, Spanien,Belgien Niederlande, Luxemburg, England, Irland und vor allem aus dem restlichen Österreich, die überall herumzogen. Ebenso kamen Bergknappen aus dem Berggericht Landeck, die in den Bergwerksgebiete Europas arbeiteten. Auch Kalk-, Ziegel- und Kohlenbrenner wanderten in die benachbarten Länder. Es war üblich, die Heimat für einige Zeit zu verlassen, um auswärts Geld zu verdienen (vgl. die sog. "Schwabenkinder", dazu ausführlich UHLIG 2003).

MERGEN (1949, 36) führt Berufe an, die für die Jenischen als typisch zu bezeichnen sind: Besenbinder, Kesselflicker, Schleifer und das Hausieren mit verschiedensten Waren. Es wäre durchaus denkbar, dass sich aus dieser Tradition unter bestimmten Umständen - man denke an Armut - eine fahrende Lebensweise entwickelte, d.h. dass nicht mehr einzelne Personen einer Familie auf Wanderschaft gingen, sondern die gesamte Familie auszog, um dann immer wieder in der ursprünglichen Heimat das Winterlager aufzuschlagen.

HUONKER (1990) kritisiert die Annahme, dass Jenische ihren Ursprung in der jeweiligen Ortsbevölkerung haben und dass sie aufgrund von Verarmung zu fahrenden Lebensweise gezwungen waren. Er meint, dass dies ein typischer Versuch von Wissenschaftlern im Umkreis des Nationalsozialismus sei. Diese Erklärungsversuche der Herkunft der Jenischen stimmen darin überein, ihnen den Status einer eigenen Ethnie abzusprechen.

Hypothese 2

Jenische sind Nachkommen von Flüchtlingen aus dem Dreißigjährigen Krieg. MANTL (1977) meint dazu, dass dass man in den "Karrnern" und "Dörchern" nur die Nachkommen jener "Kinder der Landstraße" sehen kann, die nach den Religionswirren und dem Dreißigjährigen Krieg in Gruppen zu Hunderten nach Süden drängten, um eine neue Existenz und Heimat zu suchen, die sie nur in Österreich zu finden glaubten.

Hypothese 3

Die Einflüsse der keltischen Sprache im Jenischen lässt mit hoher Wahrscheinlichkeit die keltische Abstammung erkennen. Eines ist aber von der Wissenschaft belegt, Jenische haben eine andere Herkunft und Kultur als Roma und Sinti. Die Politik in Deutschland und Österreich macht es sich sehr einfach und bezeichnet die Jenischen als "Untergruppe" der Roma. Dies ist falsch und spiegelt die Unwissenheit und Ignoranz der Politik.

Die Herkunft der Jenischen ist nicht genau geklärt bzw. nicht endgültig klärbar. Wobei einiges für die erste Hypothese spricht. Diese impliziert jedoch nicht, dass es sich nicht um eine eigene Ethnie handelt. Die Entwicklung einer eigenständigen Lebensweise, Kultur und Sprache sind Parameter genug, um hier von einer Ethnie sprechen zu können.

4.2 Jenische in Nordtirol    

Das Postulat der über eineinhalb Jahrhunderte durchgeführten "Landfahrer - Politik" lautete Sesshaftmachung der "Karrner". Am deutlichsten tritt das Bestreben des Staates zur Sesshaftmachung der Fahrenden in den Gesetzessammlungen zu Tage. Die "Tiroler Karren- und Grattenzieher" scheinen erstmals am Beginn des 19. Jahrhunderts in dem Tiroler Gubernium auf. Darin wird betont, dass die sogenannten Karren- oder Grattenzieher, die sich der Steinesel bedienen, nur die Hälfte des betreffenden Weg- und Brückengeldes entrichten dürfen (vgl. PROVINZIAL - GESETZESSAMMLUNG VON TYROL UND VORARLBERG 1815, Tiroler Landesarchiv; JÄGER 2003, 21-22).

Ein zeitlich darauf folgendes Dekret aus dem Jahre 1817 rückt die "Karrner" bereits in ein zweifelhaftes Licht. Die Verfasser geben den Landfahrern die Mitschuld an der Verbreitung der Pocken, da sie ihren Aufenthalt ständig wechseln. Aus diesem Grund sei herumziehenden Dörchern und Laningern kein Pass mehr zu verabfolgen, wenn sie sich nicht über die Impfung ihrer Kinder ausweisen können (PROVINZIAL - GESETZESSAMMLUNG VON TYROL UND VORARLBERG 1817, Innsbruck 1824, Theil II, Bd. 4). Eine Zwangsimpfung für ungeimpfte "Karrnerkinder" war vorgesehen.

Spricht man vom Umgang des Staates mit den Jenischen, so hat man grundsätzlich zwischen dem Umgang mit Regierenden und der Gemeinde zu unterscheiden. Die Regierenden entwarfen die Maßnahmenkataloge zur Sesshaftwerdung, die Gemeinden waren neben den Polizei- und Bezirksbehörden ausführende Organe. Oftmals lief die Diskriminierung der Landfahrer in den Landgemeinden den von oben ausgegebenen Verordnungen diametral entgegen.

Laut einem Gubernialdekret aus dem Jahre 1845 wird jeder Untertan einer Heimatgemeinde - zumeist der Gemeinde seiner Eltern oder jener des Familienoberhaupts - zugeordnet (vgl. PROVINZIAL - GESETZESSAMMLUNG VON TYROL UND VORARLBERG 1845, Innsbruck 1847, Bd. 32). Die Heimatgemeinde ist gesetzlich verpflichtet, für notleidende Gemeindemitglieder Hilfeleistungen in Form von Geld, Naturalien oder Unterkunft bereitzustellen.

Da die Jenischen allgemein zu den ärmeren Gesellschaftsschichten zählten, befanden sich unter ihnen auch verhältnismäßig viele Fürsorgeempfänger. Aus diesem Grund fühlten sich Gemeinden mit hohem Landfahrer-Anteil?? benachteiligt und versuchten, die Zahl der Heimatberechtigten niedrig zu halten (vgl. JÄGER 2005, 229; PESCOSTA 2003, 109-110).

Das ungesetzliche Verhalten der Gemeinden fand bei der Tiroler Landesregierung allerdings keine Billigung. Die geistlichen Ordinariate wurden im Rahmen des Dekrets eindringlich aufgefordert, für die ordnungsgemäße Eintragung aller ehelichen und unehelichen Landfahrerkinder in die Taufbücher zu sorgen. Der Staat hatte zwar an eine Lösung des "Landfahrer-Problems??" gedacht, aber hinter seiner Vorgehensweise fand sich noch keine Strategie zur Sesshaftwerdung der Jenischen.

Diese zunächst etwas zurückhaltende Haltung gegenüber den Jenischen ändert sich um die Mitte des 19. Jahrhunderts. 1853 tritt die Tiroler Landesregierung erstmalig mit einem umfassenden Maßnahmenkatalog gegen das "bestimmungslose Umherziehen" der "Karrner" auf. Der erste und bedeutende Ansatz zur "Bekämpfung des Karrnerunwesens in Tirol" erfolgte über die Einbehaltung von Reisepässen. Diese Maßnahme beinhaltete einen massiven Angriff auf die Lebensgrundhaltungen der Landfahrer, denn ohne Reisepässe ist ein Umherziehen und damit ein Ausüben der traditionellen fahrenden Berufe innerhalb eines gesetzlichen Rahmens nicht mehr möglich.

Die Kinder der "Karrner" nahmen eine zentrale Stellung ein (vgl. JÄGER 2005, 232 bzw. 235). Sie sollen frühzeitig aus dem "Karrnermilieu" entfernt werden und zwar durch das Verbot, "erwachsene Kinder" mit auf Reisen zu nehmen und durch Integration der Heranwachsenden in die sesshafte Gesellschaft der Heimatgemeinden. Dabei gebraucht der Staat auch Mittel der Gewalt und der Abschreckung, etwa durch die Drohnung, die Söhne in die Armee einzuziehen oder die Töchter in ein Zwangsarbeitshaus einzuweisen. Die Gesetzgeber versprachen sich von der Wegnahme der Kinder von deren Eltern eine schnellere Zerschlagung des "Karrnerwesens".

Die Verantwortung für die Integration der Kinder und Heranwachsenden fiel den Heimatgemeinden zu. Sie müssen für die Unterbringung bei Bauern und gegebenenfalls für deren Berufsausbildung aufkommen. Darin liegt der Schwachpunkt des Gesetzestextes von 1853 und der Grund, warum die Sesshaftmachung der "Karrner" erst nach dem Zweiten Weltkrieg Wirklichkeit wurde. Die Hilfeleistungen waren für die Gemeinden eine kostspielige Angelegenheit. Eine staatliche Integration hätte diese Kosten noch weiter in die Höhe schnellen lassen.

Die Gemeinden versuchten durch verschiedenste Maßnahmen, die eigenen "Karrner" möglichst lange aus dem Gemeindegebiet fernzuhalten, beispielsweise durch Ausstattung mit einer Wandergewerbelizenz.

4.3 Karrner - Zigeuner (19. Jahrhundert)    

Ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts traten die "Karrner" im Zusammenhang der "Zigeunergesetzgebung" auf. Es liegt die Vermutung nahe, dass die fernstehenden Verwaltungsbehörden - etwa das Innenministerium - zwischen den verschiedenen Gruppen von Sippenwanderern nicht unterschieden haben.

Die "Karrner" wurden aufgrund ihres Umherziehens nach "Zigeunerart" auch als solche angesehen. Dagegen unterschieden die dem Geschehen näherstehenden Bezirksbehörden sehr wohl zwischen den beiden fahrenden Gruppen. In einigen "Zigeunererlässen" wurden andererseits die "Karrner" explizit beim Namen genannt. Diese Erlässe sind in der Regel so aufgebaut, dass sie in der Einleitung und im Hauptteil ausschließlich die "Zigeuner" als Adressaten ansprachen, am Ende aber bemerken, dass die Bestimmungen auch für "Karrner" zu gelten haben.

Es darf davon ausgegangen werden, dass den Tiroler Landfahrern der "Einheimischen-Bonus??" zugute kam. Im Gegensatz zu den fremdländisch anmutenden "Zigeunern" waren die "Karrner" in Tirol ein vertrautes Bild. Sie wurden auch als "Tiroler" bezeichnet.

4.4 Zeit des Nationalsozialismus (1938 - 1945)    

Im Vordergrund der nationalsozialistischen "Zigeunergesetzgebung" stand zunächst die vollständige Erfassung der Identität aller in Österreich lebenden "Zigeuner" und "der nach Zigeunerart umherziehenden Personen". Bereits am Ende der Dreißigerjahre war eine große Anzahl von "Karrnern" zur Sesshafttigkeit übergegangen. Sie lebten in äußerst ärmlichen Verhältnissen. Daneben gab es eine kleine fahrende Gruppe, die als Sippenwanderer auf traditionelle Weise vom Frühjahr bis zum Herbst durch das Land zogen. Die fahrenden "Karrner" liefen zumeist Gefahr, als "Zigeuner" abgestempelt und damit in ein Konzentrationslager deportiert zu werden. Mit Akribie wurde das "rassenbiologische Material" überprüft (vgl. PESCOSTA 2003, 147-170 mit Fallbeispiel).

Viele Jenische wurden in die KZ's verschleppt und dort ermordet. Viele jenische Kinder wurden am Spiegelgrund und im Schloss Hartheim/0Ö.ermordet (Namenslisten der Opfer liegen dem Jenischen Kulturverband Österreich vor).

4.5 Nachkriegszeit    

Auch in Tirol wurden Untersuchungen in den Vierziger- und Fünzigerjahren über die "Karrner" angestellt. Eine wissenschaftliche Ableitung aus der Rassenbiologie ist unverkennbar. Friedrich STUMPFL schreibt etwa in einer Studie aus dem Jahre 1950: "Da sich die Landfahrer von der Landbevölkerung dieser Gebiete nicht unterscheiden, ergibt sich hieraus, dass sie sich offenbar nicht auf fremdländische Vaganten zurückführen lassen und ebenso wenig als ein Ausscheidungsprodukt der Zivilisation angesehen werden können wie Verbrecher, auch nicht als ein abgesunkener, sozial unbrauchbarer Rückstand, gleichsam als Ergebnis einer Ausflockung auf Grund sozialbiologischer Vorgänge..........Wenn man jetzt auf der einen Seite einen festen Zwang zu geregelter Arbeit, auf der anderen Seite Begünstigungen in Schule und Erziehung und eine geduldige, aber beharrliche Bemühung darauf verwenden wird, diese Menschen allmählich als vollwertige Mitglieder in die Gemeinschaft aufzunehmen, so kann an dem Erfolg nicht gezweifelt werden" (STUMPFL 1950, 696).

Aus den "Karrnerkindern" "ordentliche Menschen zu bilden", indem man sie den Eltern entzieht, wurde in Nordtirol zum Teil entsprochen. Die Jugendämter entzogen manchen jenischen Eltern das Sorgerecht.

Erschütternd der Bericht von Franz Pichler über Einzelheiten einer jenischen Kindheit in Tirol, wie Vaterliebe und Mutterhass sich entwickeln, die Kindheit schön war, bis man als Schulkind in das Erziehungsheim Westendorf kam und in abgestufter Form Diskriminierung, Gewalt und Missbrauch erfuhr (vgl. SCHREIBER 2007, 206-216). Das Gefühl, in einem Fünf - Sterne - Hotel in die Hauptschule Leopoldstraße geht. Der Versuch, sich und seiner Familie eine sichere Existenz aufzubauen, gelingt letztlich erst im Ausland. "Die Vergangenheit lässt Franz Pichler jedoch nicht so leicht los. In periodischen Abständen wird er von Depressionen heimgesucht. Sein Halt war und ist die Familie, die Frau" (SCHREIBER 2007, 215-216).

4.6 Zur heutigen Situation der Jenischen    

Jenische, die als Fahrende unterwegs sind, gibt es seit den siebziger Jahren in Tirol nicht mehr. Es gibt nur mehr sesshafte Nachkommen, die aber ihre Vergangenheit vergessen wollen. Die Diskriminierung und negative Vorurteile gegenüber Jenischen waren zu groß, als dass sie noch Wert auf ihre Tradition legen wollen (vgl. PESCOSTA 2003, 173-174).

Nachfahren von Jenischen müsste es in jenen Gebieten geben, in denen sie auch früher unterwegs waren. Dazu zählen das Inntal von Landeck bis Innsbruck, das Stanzertal von Landeck bis St. Anton/ Arlberg, das Ötztal, das Mieminger Plateau, Nassereith, das Becken von Reutte, das Lechtal, das Gebiet um die Stadt Schwaz und das Zillertal.

Nachfahren von Jenischen gibt es in ganz Europa, weiss Alois Lucke. Gerne wurde und wird die Anzahl der Jenischen unterschätzt.

Es gibt nur wenige Orte, die als Siedlungsgebiete jenischer Nachkommen bekannt sind/waren. Beispiele sind die "Mötzer Klamm", das "55er-Haus" in Telfs und die "Bock-Siedlung??" im Innsbrucker Stadtteil Reichenau.

Ein anderer Name für "Karrner" und "Dörcher" ist "Laninger". Im Nassereither Dialekt gibt es ein Wort: die "Lande", vom spätlateinischen lanianda oder lania = streunendes , weibliches Wesen. Die "Lande" ist ein Schimpfwort, das nur gegen Frauen im mittleren Alter verwendet wird und bedeutet, dass eine Frau sich auf sittlichen Abwegen befindet. Der Laninger ist also der Sohn oder Nachfahre eines solchen Frauenzimmers.

Die Gruppe der Laninger schließt den sog. alten, traditionellen Teil der Telfer Fasnacht ab. Die Gruppe ist bei der Fasnacht - soweit man sie zurückverfolgen kann - immer dabeigewesen. Die Rollen des "Laningervaters" oder der "Laningermutter" werden an Personen vergeben, für die dies eine Ehre bedeutet.

Eine originelle Figur der Laninger ist der "Zotter", der vom Laningerkarren aus dem Publikum die Zunge zeigt. Ein Höhepunkt ist die Aufführung der Gruppe vor der Hypo-Bank?? im Untermarkt in Telfs. Am Ende der Aufführung der Laninger erklingt das bekannte "Laninger-Lied??", das von einer eigenen "Musi" begleitet wird(vgl. GAPP 1996).

4.7 Jenische im Vinschgau/ Südtirol    

Bis zum Ende des Ersten Weltkriegs bildeten die "Vinschgauer Karrner" eine teilweise enge Gemeinschaft. Dies mag mit dem notwendigen Zusammenhalt auf den Reisen zusammenhängen.

Die Jenischen, die damals in einigen Vintschgauer Dörfern zwanzig bis dreißig Prozent der Bevölkerung ausmachten, waren ein prägender Faktor der Region. Sie bildeten eine zum Teil enge Gemeinschaft.

Das überlieferte Bild der Jenischen ist kein einheitliches. Auf der einen Seite haben wir eine von Armut gekennzeichnete Volksgruppe, denen gegenüber Mitleid und Bedauern gezeigt wird. Andererseits gibt es das Bild als Landstreicher, Hühnerdieb und Raufbold.

Die Trennlinie zwischen der Massenerscheinung des Vintschgauer Kleinbauern, der auf Reisen geht und so sein Geld verdient, und dem als typischen "Karrner" Bezeichneten ist nicht immer klar zu ziehen.

1939 wurde zwischen Italien und Deutschland ein Umsiedlungsabkommen ("Option") geschlossen, welches die deutschsprachige Bevölkerung Südtirols betraf(vgl. STEININGER - EISTERER 1989). Die Jenischen waren unter den ersten, die in Gebieten nördlich des Alpenhauptkamms angesiedelt wurden.

Nach dem Zweiten Weltkrieg änderte sich die Situation. Das Karrnerwesen nahm ab diesem Zeitpunkt rasch ab, die Gemeinschaft zerfiel zusehends. Die wenigen und nach dem Weltkrieg zurückgekehrten "Karrner" lebten ohne Beziehung untereinander. Zugleich vollzog sich eine Eingliederung in die Dorfgemeinschaft, wodurch die besondere Kultur verloren ging. Restformen gibt es noch.

Querverbindungen zwischen den Vinschgauern "Karrnern", den "Dörchern" und "Laningern" im benachbarten Oberinntal gibt es noch.

Auch die "Kessler" in Graubünden/Schweiz hatten Ähnlichkeiten mit den Vinschgauern "Karrnern".

4.8 Die Armut der Jenischen    

Das Karrnerwesen im Vinschgau war eng mit Armut verbunden. Ursachen dafür sind das Bevölkerungswachstum, der Arbeitskräfteüberschuss, geringe Arbeits- und Verdienstmöglichkeiten im eigenen Land, Bodenknappheit, niedrige Produktivität der Landwirtschaft und soziale Integrationsschranken für nichtbäuerliche Personen (vgl. LOOSE 1976, 112). Die Realerbteilung förderte zudem eine Armut. Hier wird der Besitz unter allen Kindern aufgeteilt, was Eigentumsaufsplitterung bedeutet. Aber einer der Hauptgründe für die Verarmung der Jenischen war, dass sie von den Zünften (heute Wirtschaftskammer) unter Androhung von Strafen, aus deren Wirtschaftsbereich, ausgeschlossen wurden.

Ein wesentlicher Grund war auch das Auflassen von Bergwerken. So wurde im Dorf Stilfs 1804 mit dem Verkauf des Schmelzwerkes in Prad die Bergwerkstätigkeit eingestellt. Bis zu diesem Zeitpunkt kam es zur Ansiedelung von Bergknappen, die nun zusätzlich zur wirtschaftlichen Notlage beitrugen. "Eine räumliche Konzentration der Karrenzieher Südtirols lässt sich 1864 im Gerichtsbezirk Glurns nachwiesen, aus dem über zwei Drittel(69 %) aller Landfahrer kommen. Wiederum handelt es sich um ein Westtiroler Realteilungsgebiet mit hoher Einwohnerzahl und einer aus der wirtschaftlichen Notlage bedingten Saisonwanderung in andere Länder" (JÄGER 2005, 221).

Die "Karrner" hätten vermutlich ihre Wanderschaft aufgegeben, wenn es andere Existenszmöglichkeiten gegeben hätte. In den "Schilderungen aus dem Ortlergebiet" aus dem Jahre 1895 wird die herrschende Not beschrieben, wonach irdische Güter sich der Vinschgauer aus der guten alten Zeit keine gerettet hat, er trotz allem Fleiß und aller Genügsamkeit arm geblieben ist (vgl. CHRISTOMANOS 1895). Den wichtigsten Erwerbszweig bildetet der Wanderhandel. Einen Warenhandel gab es seit den Handelsbeziehungen zwischen den Dörfern, Städten, Ländern und Völkern.

Es gibt kein einheitlich überliefertes Bild der "Karrner". Wir haben auf der einen Seite den von Armut gekennzeichneten Menschen, dem gegenüber Mitleid und Bedauern gezeigt wird. Auf der anderen Seite gibt es das Bild des "Karrners" als Landstreicher, Hühnerdieb und Raufbold. Eine Trennlinie zwischen dem Vinschgauer Kleinbauern, der auf Reisen geht (Wanderhändler) und dem typisierten "Karrner" ist nicht immer klar zu ziehen. Das Karrnerwesen war eine breite, die unterste Sozialschichten des Vinschgaues erfassende Bewegung. "Karrner" beispielsweise in einigen Obervinschgauer Dörfern - hier gab es "Karrner" bis zu 30 Prozent der Bevölkerung - waren ein prägender Faktor des Vinschgaues (vgl. LOOSE 1976).

4. 9 Die Sprache der Jenischen    

Ein kleiner Teil der Bevölkerung - man wird sie als Kerngruppe der Jenischen bezeichnen können - setzte das Wanderleben fort, das von einem Existenzkampf gekennzeichnet war. Diese Gruppe hatte eigene Sitten und Bräuche. Man heiratete beispielsweise nur innerhalb der jeweiligen Sippe, entwickelte einen Stolz auf die eigene Standeszugehörigkeit und verwendete eine eigene Sprache. Die in Glossaren gesammelten Ausdrücke sind heute im Vintschgau nicht mehr gebräuchlich. Dies lässt den Schluss zu, dass diese Sondersprache nur von der Kerngruppe gesprochen wurde.

Man sollte zwischen Reisenden und Jenischen unterscheiden, wobei Reisende in Frankreich und in Deutschland eine Mischsprache aus Romanes und Jenisch sprechen, während die reinen Jenischen, die im Elsass, der Schweiz, in Teilen Süddeutschlands und Gegenden im heutigen Österreich anzutreffen sind, ein rein gebliebenes Jenisch sprechen. Zudem sind die Kontakte dieser Kreise zu Sinti und Roma sehr gering oder finden gar nicht statt. Eine bedeutende Gruppe Fahrender sind die Tinkers und Travelleres, die in einer großen Gruppe in Irland, Schottland und England leben.

Ihre Sprache ist die urtümlichste und reinste Form der noch gesprochenen keltischen Sprachen/ "Shelta". Man trifft sie heute überall in der Welt an, hauptsächlich in den angelsächsischen Staaten und schätzt ihre Zahl allein bei den irischen Travellers auf weltweit 100.000 Personen. Eine Wortliste findet man unter Shelta-Sprache??. Bemerkenswert ist, dass in den urkeltischen Siedlungsgebieten in Europa es eine starke wandernde oder halbsesshafte Population von Jenischen gibt(Schweiz, Helvetien, Galizien/Gallier, Elsass und Portugal). An Hand der Existenz der Tinkers und ihrer Sprache/ Shelta darf man mit Fug und Recht behaupten, dass sie die letzten selbstständigen Zeugen der vergangenen großen Kultur der Kelten im heutigen Europa sind. Es gibt in Frankreich viele kleinere oder größere Gruppen, die sich Voyageur nennen, aber nur noch Französisch sprechen.

Jenische Wörter, die aus dem Jüdischen stammen:

schaften German sind [are] Hebrew schebet (to be)

schofel German schlecht [bad] Hebrew schofel (base, low)

holchen German gehen [go, walk] Hebrew halach

Sochter German Krämer [shopkeeper] Hebrew socher (dealer, trader, etc.)

Sore German Ware [product, article] Hebrew sechora (trading)

Kis German Geld [money] Hebrew Kis (purse)

[14] Rand German Tasche [bag, pocket] German word

[der Rand = edge, rim, border]

Fehling German Arznei [medicine, drug] German word

Mertine German Land [land, country] Hebrew medina (province)

achlen German essen [eat] Hebrew akal (eat)

schwächen German zechen [carouse, booze] Hebrew schakar (carouse)

tob German gut [good] Hebrew tob (good)

nicklen German tanzen [dance] Hebrew niggen (make music)

Bais German Kneipe [tavern, pub] Hebrew Bet, Bait (house)

Beispiel des Satzbaues mit interlinearer Übersetzung (schweizerisches Jenisch):

A verholchten Schai isch me de Laschischmadori muli tschant, mena linstne ne zgwand zmenge, isch me abe gehochlt lori, sem delt ne mim olmische zem ne menge gwand.

Übersetzung: Am gestrigen Tag ist mir die Kaffeemaschine kaputt gegangen(Gestern wurde meine Kaffeemaschine kaputt).

Selber schaute ihn ganz zu machen,(ich versuchte sie selber zu reparieren).

Ist mir aber gelungen nicht(aber es gelang mir nicht).

Darum gab ihn zu meinem Vater zum ihn machen ganz(Darum brachte ich sie zu meinem Vater, um sie reparieren zu lassen).

4.10 Die Erwerbstätigkeit der Jenischen    

Im Kampf um den Lebensunterhalt mussten sich die Jenischen nach der Decke strecken, was bedeutete, dass man sich der Nachfrage anpasste,das machen mußte, was für die Zünfte "uninteressant" war, eigene Waren produzierte, Dienstleistungen verrichtete und Handel betrieb. Im Gegensatz zu Wanderhändlern anderer Täler ist es bei den Jenischen des oberen Vintschgaus nicht möglich, bestimmte Waren und Tätigkeiten als typisch zu bestimmen. Die Palette der ausgeübten Arbeiten war weitgefächert, zumal sie gezwungen waren, in ihrer Arbeit flexibel zu sein.

Den wichtigsten Erwerbszweig bildete der Wanderhandel zwischen Dörfern, Städten und Ländern. Jenische Wanderhändler hatten die besondere Funktion, entlegene Täler und Gebiete mit nötigen Waren zu versorgen.

Mit dem Bau der Eisenbahnlinien verlor auch der Wandelhandel seine Bedeutung. Im Vintschgau wurde 1906 die Eisenbahnlinie fertiggestellt.

Jenische hielten sich im Winter in ihren eigenen Heimatgemeinden auf. Diese Zeit nützten sie als Vorbereitungsphase für die im Frühjahr anstehende Fahrt. Dazu gehörte das Herstellen von Gegenständen, die dann im Laufe der Wandermonate veräußert wurden. Die bekanntesten Produkte waren dabei geflochtene Körbe, Besen, Schuhcreme,Seifen und Wagenschmiere.

Es gab auch Jenische, die ihre Waren von oberitalienische Märkten bezogen und diese dann in der Heimat oder in den Nachbartälern verkauften. Ein Verzeichnis des Glurnser Gerichts nennt "Werg"(Flachs und Hanfabfall), Früchte, Käse, Essig, Salz, Glas und "Hadern"(Lumpen) als gebräuchliche Verkaufswaren. Daneben wurde auch mit Obst und Gemüse gehandelt, wobei sie die entlegensten Täler und Ortschaften mit frischer Waren belieferten (vgl. JÄGER 2005, 238). Verkauft wurden auch typische Hausierwaren wie Seife, Waschmittel, Knöpfe, Spitzen, Taschentücher, Nähzeug, Bettwäsche, Stoffe, Gummibänder, Schuhbänder, Schuhnägel,, Baunägel, Bürsten, Kurzwaren, Zündhölzer, Alteisen und Lumpen. Jenische handelten auch mit Tieren - insbesondere Hunden und Vögeln (Die Vogelhändler wanderten bis nach Konstantinopel)- und weniger häufig mit Pferden und Eseln.

Neben der Tätigkeit als Wanderhändler finden wir auch Beispiele, wo sie von Dienstleistungen lebten. Die auf sich gestellten Jenischen waren meist auf sich allein gestellt und mussten notgedrungen in der Lage sein, sich selbst zu helfen. Das war im medizinischen Bereich ebenso wichtig wie im Handwerk. Die auf den Reisen gesammelten Erfahrungen brachten den Jenischen Fertigkeiten und Fähigkeiten ein, die sie zuweilen auch in den Dienst der sesshaften Bevölkerung stellten. So verrichtete man auch Reparaturarbeiten als Gegenleistung für Unterkunft und Lebensmittel. Musizieren mit der Ziehharmonika war eine besondere Art der Dienstleistung, von der man zwar nicht leben konnte, sie aber eine wichtige Zusatzgeldeinnahme war.

Vintschgauer Jenische erlangen auch als Früchtehändler Bedeutung. Südlich des Alpenhauptkamms erleben solche Händler einen großen Aufschwung. Als eigenständige Berufsgruppe sind Händler aus Graun, Reschen und St. Valentin auf der Haide zu nennen. Zwischen 1772 und 1880 gibt es in diesen drei Gemeinden 58 Früchtehändler, die bis in den süddeutschen Raum heimische Obstsorten und fremde Früchte verkaufen.

Auf Grund der beruflichen Mobilität besitzt diese Gruppe der Jenischen überwiegend keine eigene Häuser (vgl. JÄGER 2005, 237, 243 und 246). Den Jenischen und den Juden war es zudem verboten, Grund und Boden zu erwerben.

4.11 Jenische in der Schweiz    

War in der Schweiz früher die sesshafte Bevölkerung auf die Fahrenden angewiesen - geschätzt waren in den stadtfernen Gebieten diese als Handwerker, Musikanten und Artisten - so fühlte man sich doch durch die andere Lebensweise der Jenischen bedroht. Dies führte zu massiven Verfolgungen.

1850 bürgerte die Schweiz die Jenischen ein. Ihr Lebensraum wurde durch politische Maßnahmen und bürokratische Behinderungen eingeschränkt. Das traditionelle Wandergewerbe wurde fast unmöglich gemacht, letztlich wurden unter massivem staatlichem Druck viele Jenische sesshaft.

Die Kampagne gegen Fahrende hatte einen Höhepunkt 1926. In den Zwanzigerjahren wurde mit der systematischen Erfassung aller jenischen Sippen begonnen. Die Aktion lief unter dem Namen "Hilfswerk Kinder der Landstraße". Kinder wurden, zum Teil noch als Säuglinge, in Heime oder an Pflegeplätze gebracht. Geschwister wurden in der Regel an verschiedenen Plätzen verteilt. Sorgfältig wurde darauf geachtet, dass sie untereinander keinen Kontakt hatten. Der Aufenthaltsort der Kinder und Heranwachsenden wechselte häufig, oft waren Ernährung, Unterkunft und medizinische Versorgung unzureichend. So früh wie möglich wurden sie zu schwerer Arbeit angehalten. Auf das geringste Vergehen standen harte Strafen. Es gab Fälle schwerer Misshandlungen und Vergewaltigungen. Nicht selten wurden Heranwachsende ohne Gerichtsurteile in Haftanstalten und psychiatrische Kliniken gesteckt.

Erklärtes Ziel war es, das Selbstbewusstsein, die Kultur und Identität der Jenischen zu zerstören. Erst Anfang der 70ger Jahre wurde das Hilfswerk nach starker Kritik durch die Schweizer Presse geschlossen. Eine offizielle Distanzierung oder Wiedergutmachung durch "Pro Juventute" blieb aus(vgl. MEHR 1987).

Gegenwärtig gibt es Probleme mit einem Mangel an Wohn- und Lebensraum, Wiedergutmachungsbestrebungen und der Schulpflicht der Kinder(vgl. dazu die Pressemitteilung des Eidgenössischen Departements des Inneren zum "Hilfswerk für die Kinder der Landstraße", Bern 2000). Die Jenischen versuchen - während sie fahren - ihre Kinder vom Schulbesuch zu dispensieren. Das Schweizer Schulsystem ist allerdings auf eine sesshafte Lebensweise ausgerichtet. Oft werden jenische Kinder von Mitschülern als Außenseiter behandelt. Den meisten LehrernInnen wäre es lieber, wenn diese in speziellen Schulen unterrichtet würden.

Etwa 35 000 Jenische leben heute in der Schweiz. Von diesen sind ca. 5 000 Fahrende. Diese haben trotz sämtlicher Ansiedlungsversuche und Zwangsmaßnahmen das Leben ihrer Vorfahren nicht aufgegeben. Sie fahren mit ihren Wohnwagen vom Frühjahr bis in den Herbst mit ihrer Familie oder Sippe von Ort zu Ort und verdienen ihr Geld als Scherenschleifer, Korbflechter, Altwaren- und Antiquitätenhändler. Trotz veränderter Wirtschaftsverhältnisse lässt sich immer noch von diesen Tätigkeiten leben.

Das eigentliche Problem ist nicht der Arbeitsmarkt, sondern die Patent- und Visumspflicht. Für jede Art der Berufsausübung muss ein zeitlich beschränktes kantonales Patent erworben werden. Dazu muss in manchen Kantonen zu Beginn jedes Arbeitstages in jeder Gemeinde ein Visum eingeholt werden.

Seit 1991 möchten die Jenischen als nationale Minderheit mit eigener Kultur und Lebensweise anerkannt und unterstützt werden.

Der Jenische Kulturverband Österreich bemüht sich um die Rechte des jenischen Volkes. Obwohl die Republik Österreich, bis heute, die Anerkennung der Jenischen verweigert und die Diskriminierung dieser Volksgruppe fördert, kämpft das jenische Volk um seine Daseinsberechtigung. Mehrfach wurde versucht uns "auszulöschen", erklärt der Präsident des Jenischen Kulturverbandes Österreich, Alois Lucke, aber wir sind immer noch da. Und wir haben eine Wählerstimme, die nicht zu übersehen ist.

Einen wichtigen Bestandteil bildet die Öffentlichkeitsarbeit, die Vorurteilen, gegenüber Jenischen, entgegenwirken soll.

Die Stiftung "Naschet J(j)enische" ("Steht auf, Jenische") will die individuelle und kollektive Vergangenheitsbewältigung fördern.

Für verfolgte Jenische verlangt die Stiftung Akteneinsicht und Wiedergutmachungsgelder, Beratung und Betreuung, Feststellung des Unrechts und eine Vermittlung zwischen Tätern und Opfern. Insbesondere ist sie bei der Zusammenführung der von "Pro Juventute" auseinandergerissenen Familien behilflich.

4.12 Jenische Sprache    

Die jenische Sprache ist Kommunikationsmittel einer nicht sesshaften Bevölkerungsgruppe, die bis Anfang der siebziger Jahre in Tirol lebte. Sie selbst nennen sich Jenische, das sinngemäß übersetzt Eingeweihte heißt. Eingeweiht waren sie in eine selbstständige Sprache, die auch als Geheimsprache fungierte. Reste der Sprache sind noch vorhanden, wobei durch die Sesshaftwerdung diese fast verschwand.

Der Gebrauch der Sprache hatte zumeist Diskriminierung zur Folge. Damit droht ein Tiroler Kulturgut in Vergessenheit zu geraten. Zu bedenken ist, dass Jenisch in verschiedensten Ausprägungen im deutschsprachigen Raum vorzufinden ist. 1714 ist erstmals Jenisch in schriftlichen Unterlagen nachzuweisen (vgl. SCHLEICH 1998, 5).

Es ist nicht leicht, an jenisches Sprachmaterial zu kommen. Jenische Sprachkultur ist nicht Schreibkultur, weshalb es kaum Aufzeichnungen von Jenischen selbst gibt. Es ist Romed MUNGENAST, der in seiner Kindheit noch Kontakte zu Fahrenden hatte und als Heranwachsender zahlreiche jenische Wörter notierte, zu verdanken, dass Kulturgut - im Kontakt zu verschiedensten Gruppen im In- und Ausland - gesammelt wurde. Hermann ARNOLD (1958) und Hans HAID (1983) veröffentlichten ebenfalls Glossare.

Beispielhaft sind im Folgenden einige jenische Wörter angeführt (vgl. HAID 1983, 16-23; SCHLEICH 2001, 36):

Buggl > Arbeit

buggln > arbeiten

Putz > Polizist

Radlinger > Wohnwagen, Wagen, Auto, Karren

Randi > Bauch, Körper

Ranggerle > Kind

4.13 Buchbesprechung    

Thomas Sautner "Fuchserde - Roman", Aufbau Taschenbuch - Aufbau Verlagsgruppe Berlin, 2008 ISBN 978-3-7466-2378-8

Thomas Sautner (geb. 1970) lebt heute nach Jahren im Journalismus in seiner Heimat im nördlichen Waldviertel und in Wien. "Fuchserde" war sein erster Roman und wurde von der Kritik begeistert aufgenommen. In Österreich war er ein Bestseller.

Von Kindheit an sorgt Frida in ihrem Dorf für Aufsehen. Wild und unberechenbar lieben die Männer sie. Als Jenische - Angehörige eines fast vergessenen fahrenden Volkes - gehört sie den Fahrenden, die als Scherenschleifer und Besenbinder, als Wahrsagerinnen und Kräuterfrauen ihren Lebensunterhalt verdienen.

Mit der Machtergreifung des Nationalsozialismus kommt ein dramatischer Einschnitt in das Leben. Mit Hilfe uralten Wissens, eines waghalsigen Humors und starker Kräfte versucht man sich zu retten.

4.14 Literaturhinweise    

Angeführt sind jene Titel, die für den Beitrag verwendet und/ oder direkt zitiert wurden.

Arnold H. (1958): Die Tiroler Karrner. Ein Beitrag zur Kenntnis alpiner Vagantengruppen, in: Der Schlern, Bd. 32/1958, Bozen, 402-408

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Bote für Tirol und Vorarlberg (1851/25. November): Die "Dörcher"

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Schleich H. (2001): Das Jenische in Tirol. Sprache und Geschichte der Karrner, Laninger, Dörcher, Landeck

Schreiber H. (2007): Eine jenische Kindheit in Tirol, in: Weiss A. - Schreiber H. - Jarosch M. - Gensluckner L.(Hrsg.)(2007): Gaismair - Jahrbuch 2007, Innsbruck - Wien - Bozen, 206-216

Schreiber H. (2015): Barackenbewohnerinnen, Lagerinsassen und Jenische, in: Schreiber H. - Jarosch M. - Gensluckner L. - Haselwanter M. - Hussl El.(Hrsg.): Gaismair - Jahrbuch 2016. Zwischentöne, 97-127

Siegfried A. (1964): Kinder der Landstraße, Zürich

Staffler R. (1921): Die Karrner, in: Der Schlern, Bd. 2/1921, Bozen, 368-375

Steininger R. - Eisterer K. (1989): Die Option. Südtirol zwischen Faschismus und Nationalsozialismus - Bd. 5 der Innsbrucker Forschungen zur Zeitgeschichte, Innsbruck

Stolz O. (1998): Geschichte des Landes Tirol, Bd. 2: Forschungen zur Rechts- und Kulturgeschichte 13/Geschichte der Verwaltung Tirols, Innsbruck

Stöger P. (2002): Eingegrenzt und Ausgegrenzt. Tirol und das Fremde, Frankfurt/ M. - Berlin - Bern - Bruxelles - New York - Oxford - Wien

Stumpfl F. (1950): Über die Herkunft des Landfahrertums in Tirol, in: Zeitschrift für menschliche Vererbungs- und Konstitutionslehre, Bd. 29/1950, 665-694

Uhlig O. (2003): Die Schwabenkinder aus Tirol und Vorarlberg/ Bd. 34 der Tiroler Wirtschaftsstudien, Innsbruck

Zagler L. (1995): Die Korrner. Grenzgänger zwischen Freiheit und Elend, Bozen

Jenische Literatur

Jansky F. (o.J.): Noppi Gadschi - Jenisch Baaln, Eigenverlag

Kolozs M. (Hrsg.) (2007): Tiroler Identitäten - Romed Mungenast. Eisenbahner, Dichter, Forscher und Aktivist, Innsbruck

Lucke A. (o.J.): Lyrik - Das Ahornblatt, verstehen, Eigenverlag

Mungenast R. (Hrsg.) (2003): Jenische Reminiszenzen, Landeck

Sauter Th. (2008): Fuchserde, Berlin

Sauter Th. (2007): Milchblume, Wien

Schönett S. (2001): Im Moss, Weitra

4.15 Internethinweise    

Jenische in Österreich

https://www.jenische-oesterreich.at/ (3.11.2023)

https://minorities.at/ (3.11.2023)

Informationen über jenische Volksgruppe

https://www.alexandrawachter.com/die-jenische-volksgruppe (3.11.2023)

4.16 Radio- bzw. TV - Hinweis    

http://oe1.orf.at/programm/262539 (25.12.2010)

3sat, 23.11.2012, 13.15 - 14.05 h "Jung und jenisch - Ein Jahr mit Schweizer Fahrenden auf Achse"

Sie sind Schweizer mit allen Rechten und Pflichten: die Schweizer Jenischen. Im 20. Jahrhundert wurden die Fahrenden in der Schweiz gezwungen, sesshaft zu werden. Jenischen Eltern wurden die Kinder weggenommen, um sie deren "asozialem" Einfluss zu entziehen. Bis Anfang der 1970ger Jahre waren davon rund 600 Kinder betroffen. Lange waren deshalb nur wenige Jenische unterwegs.

Heute wollen immer mehr Junge die alten Traditionen wieder aufleben lassen. Zu ihnen zählen auch Mirande, 21, und Pascal Gottier, 25, sowie Jeremy Huber, 19, und Franziska Kunfermann, 17. Beide Paare reisen bereits in ihren eigenen Wohnwagen durch die Schweiz und machen immer gerade dort halt, wo sie der Weg hinführt. Sie genießen das Leben im Wohnwagen, wollen immer unterwegs sein - und sie sind stolz, Jenische zu sein.

Am Beispiel dieser beiden Paare geht die Dokumentation "Jung und jenisch" der Frage nach, wie junge Jenische ihre Kultur in der heutigen Zeit leben und wie sie sich ihre Zukunft vorstellen.

Quelle: 3sat, 23.11.2012 - Programmtext

4.17 Theaterstücke    

Karl Schönherr: Kurzdrama "Karrnerleut - Drama eines Kindes"

Sieglinde Glatz-Schauer??: Theaterstück "Fremd in der eigenen Heimat"

Felix Mitterer: Theaterstück "Karrnerleut' 83" ("Null Bock") - Telfs: Tiroler Volksschauspiele 1983

Luis Zagler: Theaterstück "Die Grenzgänger"

Felix Mitterer: Kinder des Teufels 1675

Marina Lucke: Die jenische Sippe

5 Die Manharter    

5.1 Napoleonische Kriegszustände    

Das Zentrum der "Manharter" - eine katholische Splittergruppe während der bayerischen Besetzung Tirols (und Salzburgs) zu Beginn des 19. Jahrhunderts - war Westendorf im Brixental.

Auf Grund eines Treueeides, den Napoleon I. am 30. Mai 1809 von allen Bewohnern des Landes verlangte, kam es zur Bildung einer innerkatholischen Minderheit ("Sekte"). Unterschrieben wurde die Treueformel von allen Geistlichen des Brixentales, mit Ausnahme des Provisors des Kurat - Benefiziums Aschau Benedikt Kaspar Hagleitner (vgl. FLIR 1852, 14-15; MAYER 1940, 45; ORTNER 1996, 239-241). Die Tiroler Schützen sahen die Treueformel als Verrat an ihrer Heimat an.

Viel Zustimmung erntete Hagleitner mit der Auslegung, dass die Dekrete von Papst Pius VII., in denen Napoleon und seine Hilfstruppen wegen der ungerechtfertigten Besetzung des Kirchenstaates mit dem Bann belegt worden waren, auch auf die Unterzeichner der Treueformel auszudehnen wären (vgl. FLIR 1852, 28-29; MAYER 1940, 45; ORTNER 1996, 243-245; BURGER 1997, 66-67).

5.2 Grundsätze der Gruppierung    

Die Bezeichnung "Die Manharter" geht auf die Bezeichnung des Bauernhofes zu Untermanhart in Westendorf zurück, der im Besitz des Gemeindevorstehers Sebastian Manzl war.

Seine Anhänger glaubten, dass sie die katholische Lehre als einzig richtige auslegten, wobei die Grundsätze der Gruppierung in einem Bericht der Priester Florian Rupertinger (1816) und Josef Schwaighofer in Kirchbichl (1840) dokumentiert wurden(vgl. MAYER 1940, 49-50; ORTNER 1996, 248).

Festhalten an alten Kirchengesetzen

Kritik am Abstellen von Andachten, an der Dispens von Fasttagen, an der Umwandlung von Feier- zu Werktagen, der Verschiebung von Ablasstagen, an Napoleon, an neuen Formen im Vortrag der Glaubenslehre, der Unterrichtung der Kinder, an Schulbüchern, der Kleidung, der Zensur von Briefen, dem Verbot des Wetterläutens, der Beschränkung des ewigen Lichts und dem Kriegsdienst der Söhne.

Die Ausbreitung der religiösen Splittergruppe wurde durch die Kriegszustände, kirchliche Neuerungen und die schlechte wirtschaftliche Lage - Hagelschlag und Teuerung in den Jahren 1816-1817 - begünstigt (vgl. MAYER 1940, 46).

5.3 Ablehnung kirchlicher Praxis    

Durch die grundsätzliche Ablehnung der Abnahme der Beichte und Kommunion durch "abgefallene Priester" war es verständlich, dass Sebastian Manzl mit seiner Familie und dem Gesinde 1815 erstmals die "Osterpflicht" verweigerte. "Manhart und Mair, und sehr viele viele andere Familien - Väter unterließen mit ihren Angehörigen den Besuch des Gottesdienstes. Vieler wohnten demselben zwar bei, gingen sogar zur Beichte, aber innerlich machten sie die Meinung; die Konsekration und Absolution Hagleitners solle hier gelten. Während der Predigt blickten sie sich bei unbeliebigen Stellen auffallend an, winkten sich über die Bänke hin zu, standen hohnlachend auf, und gingen in Gruppen aus der Kirche" (FLIR 1852, 70). Seine mehr als hundert Anhänger folgten ihm auch im Fernbleiben der Gottesdienste (FLIR 1852, 70). Am Bauernhof zu Untermanhart las man in der Zeit des Gottesdienstes in der Bibel und betete den Rosenkranz (vgl. MAYER 1940, 46; BURGER 1997, 67).

5.4 Verzeichnis der Manhartisten    

Im Pfarrarchiv Going a.W.K. findet sich ein Verzeichnis der Manhartisten, aufgenommen von den Titl. Herrn Consistorial - Räten und Domkapitularen Alois Hoffmann und Philipp Metzger, gedruckt und erstmalig veröffentlicht in den Wörgler Nachrichten und Unterland - Kufstein v. 3.2.1933. In einem "Verzeichnis der in den k.k. Landgerichtsbezirken Hopfgarten und Kufstein sich befindlichen "Manhartisten" werden alle Anhänger dieser Bewegung mit Nummer, Name, Stand, Alter, Aufenthaltsort und Bemerkungen in den Pfarren Brixen, Vikariat Westendorf und Hopfgarten, Pfarre Kirchbichl und Vikariat Wörgl aufgezählt (vgl. MAYER 1940, 46-48). Nach dieser Liste lebten 82 Personen in 30 Häusern und rund 20 Familien in der Region.

5.5 Bekehrungsversuche    

Bekehrungsversuche, sogar mit Einschaltung des Landgerichts Hopfgarten i. Br., waren zunächst vergebens. 1826 kam Fürsterzbischof Augustin Gruber zweimal in das Brixental, am 7. Juni zur Predigt und Firmung nach Brixen und am 8. Juni nach Westendorf. Vom 8. bis zum 13. Juni hielt er sich in Hopfgarten auf und " hatte dort alle Irrenden vorladen lassen und sich bemüht, sie zu unterrichten und zu bekehren. Am 12. Juni reiste er nach Wörgl und vom 15. an blieb er 4 Tage in Kirchbichl. 21 Personen waren aber hartnäckig geblieben und auch durch einen im J. 1830 wiederholten Besuch des Erzbischofs nicht zu ändern. Im J. 1840 zählten die Manharter noch 15 Köpfe: 1 in Brixen, 4 in Westendorf, 3 in Wörgl, darunter Maria Silloberin als Sektenoberhaupt, und 7 in Kirchbichl" (MAYER 1940, 51).

Eine Rückkehr der Manharter zum katholischen Glauben begann bereits 1825 mit den Bemühungen des Erzbischofs, die drei Anführer Sebastian Manzl/ Westendorf, Thomas Maier und Simon Laiminger/ Hopfgarten nach Rom reisen zu lassen. Der Kaiser sorgte für die Kutsche und das klösterliche Absteigquartier. Papst Leo XII. ließ die Gruppe empfangen und gewährte schließlich selbst eine Privataudienz (vgl. FLIR 1852, 235-288; ORTNER 1996, 252).

Bis in die Familien gab es religiöse Spaltungen, so etwa beim Bauern Christian Wurzenrainer (Oberwindau/ Mitterberg), der ein kirchliches Begräbnis am 23. August 1825 erhielt, an dem seine Familie aber nicht teilnahm (vgl. BURGER 1997, 67).

Überwiegend kam es aber nach der Romreise der Anführer zu einer Rückkehrbewegung (vgl. FLIR 1852, 294-296; ORTNER 1996, 253). Rückzieher von Anordnungen der Kirchenleitung gab es in der Folge zu falsch verstandenen Reformen der Religionsausübung und gottesdienstlichen Übungen, welche nicht nur den "Manhartisten", sondern auch dem größten Teil der Tiroler Bevölkerung ein Gräuel waren (vgl. FLIR 1852, 302-304; ORTNER 1996, 253).

5.6 Ende der Gruppierung    

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts verloren die Manharten an Bedeutung. In Niederau starb am 27. Mai 1870 Elisabeth Exenberger, 1873 starb in Hopfgarten Georg Riedl und in Wörgl 1855 Maria Silloberin (vgl. MAYER 1940, 51-52).

Mit dem Tod der überaus kämpferischen Theresia Fluckinger (Lacknerbauer in Kirchbichl/ Oberndorf), die jeden Bekehrungsversuch mit ihrer Schwester ablehnte, starb die religiöse Minderheit der Manharter letztlich aus (vgl. FLIR 1852, 305 bzw. 308; ORTNER 1996, 254).

5.7 Literaturhinweise    

Angeführt sind jene Titel, die für den Beitrag verwendet und/ oder direkt zitiert wurden.

Burger J.(1997): Chronik Westendorf, Westendorf

Entleitner - Schnürer M. (1949): Die Manharter: Historischer Roman aus dem Brixental, Innsbruck

Felderer N.(2007): "Boshafte Schwärmer" und "sektische Leute" - Die Manharter. Beschreibung einer religiös-politischen Bewegung im Tiroler Brixental zur Zeit der Napoleonischen Eroberungszüge, Diplomarbeit am Institut für Geschichte und Ethnologie, Universität Innsbruck

Flir A.(1852): Die Manharter. Ein Beitrag zur Geschichte Tirols im 19. Jahrhundert, Innsbruck

Jenewein H.(2007): Minderheiten in Tirol (Teil 3): Die Manharter - Eine religiöse Sekte im Brixental des 19. Jahrhunderts, in: Tiroler Heimatblätter 4/2007, 105-109

Mayer M.(1940): Westendorf kirchen-, kunst- und heimatgeschichtlich, Going (Eigenverlag)

Ortner F.(1996): Die Manharter Bewegung. Ein religiöses Drama in der Tiroler Heimat des Jubilars, in: Paarhammer H.(1996): Deus caritas - Jakob Mayr, Festgabe 25 Jahre Weihbischof von Salzburg, Thaur, 239-258

5.8 Theaterstück    

Ekkehard Schönwiese: Landsturm - Die Räuber vom Brixental/ Volksschauspiel

6 Judentum Tirol - Vorarlberg    

Bestand jahrhundertelang in Tirol und Vorarlberg nur die jüdische Gemeinde in Hohenems, so übersiedelten Gemeindemitglieder im 19. Jahrhundert aus Vorarlberg in die Nachbarländer und letztlich der Landesrabbiner Dr. Josef Link 1914 nach Innsbruck (vgl. ALBRICH 1999, 33-34).

Seit 1880 hatte sich hier in kleine Gemeinde mit Händlern und Geschäftsleuten entwickelt. Vor dem Ersten Weltkrieg lebten rund 500 Juden in Innsbruck, deren Zahl sich bis heute mit 300-400 relativ konstant hält.

6.1 Judentum nach dem 1. Weltkrieg    

Nach 1918 wurden Juden erstmals in Tirol als Sündenböcke des Ausbruchs der Pest benannt. Der "Tiroler Antisemitenbund" veranstaltete Massenversammlungen und Fackelzüge durch Innsbruck, wobei im Stürmer - Jargon Forderungen gegen die Juden erhoben wurden (vgl. HOFINGER 1994, 83-108).

In der Ersten Republik verließen jüdische Heranwachsende Innsbruck, ein Zuzug junger Familien stockte und die Gemeinde wurde damit älter. In Hohenemser liberaler Tradition fand das Gemeindeleben weiterhin statt (vgl. HOFINGER 2002, 200). In dieser sozialen Isolation war eine zionistische Ausrichtung kennzeichnend für die jüdischen Heranwachsenden.

6.2 Nationalsozialismus    

Mit dem März 1938 begann das Ende einer Illusion. Die Zentralkartei der Innsbrucker Kultusgemeinde wurde beschlagnahmt, die Umsetzung der "Nürnberger Rassengesetze" mit allen Folgen betrieben (vgl. STEININGER - PITSCHEIDER 2002).

Einen Höhepunkt dieser Entwicklung bildete die Reichspogromnacht vom 9.- 10. November 1938, bei der in Innsbruck drei Männer zunächst getötet wurden und ein vierter Wochen später starb (vgl. GEHLER 1990/91, 2-21). Von rund 300 Personen ist das Überleben im Ausland oder im KZ bekannt, über 70 Schicksale rassisch Verfolgter in Tirol und Vorarlberg blieben bis jetzt ungeklärt (vgl. HOFINGER 2002, 202).

6.3 Judentum nach dem 2. Weltkrieg    

Nach 1945 lebte kein Mitglied der alten Gemeinde mehr in Tirol. Von Seiten des Landes Tirol gab es zunächst keine Initiativen gegenüber vertriebenen jüdischen Mitbürgern.

Bis 1948 war Tirol Durchzugsland für rund 50 000 osteuropäische Juden auf dem Weg nach Palästina, wobei die französische Besatzungsmacht diesen Exodus duldete (vgl. ALBRICH 1987). Im DP - Lager in Gnadenwald kam es immer wieder zu gewalttätigen Konflikten zwischen den rivalisierenden zionistischen Gruppen der Hagana und des Irgun.

6.4 Gründung der Kultusgemeinde Innsbruck 1952    

Auf Grund der Bemühungen von Rudolf Brüll kam es am 14. März 1952 zur gesetzlichen Errichtung der Kultusgemeinde Innsbruck für die Bundesländer Tirol und Vorarlberg, womit auch die Rückführung des Gemeindebesitzes in Hohenems verbunden war. Erst 1955 - im Jahr der Unterzeichnung des Staatsvertrages - erfolgte, nach Vorlage neuer Statuten und entsprechender Wahlen, eine Anerkennung als offizielle Religionsvertretung der Juden in Tirol und Vorarlberg (vgl. GEHLER 1999, 426-438).

6.5 Jüdisches Museum Hohenems 1986    

Das Jüdische Museum Hohenems wurde im April 1991 in der Villa Heimann - Rosenthal im Zentrum des ehemaligen jüdischen Viertels eröffnet. Doch schon seit den siebziger Jahren wurde in Hohenems über ein Jüdisches Museum diskutiert. Als die Stadt Hohenems die von einer Fabrikantenfamilie erbaute Villa Heimann - Rosenthal 1983 erwarb und eine neue Nutzung für das Gebäude gesucht wurde, rückte die Chance einer Museumsgründung in greifbare Nähe. Kulturpolitisch engagierte Bürger gründeten 1986 den "Verein Jüdisches Museum Hohenems", um die Möglichkeit zu eröffnen, jüdische Geschichte, jüdisches Leben und Kultur kennenzulernen.

1989 wurde schließlich Kurt Greussing beauftragt, für die von Roland Gnaiger restaurierte Villa ein Museumskonzept zu erarbeiten, das die Geschichte der Juden in Vorarlberg unter der konkreten Perspektive des Verhältnisses zwischen Minderheit und Mehrheit veranschaulicht. Beteiligt waren an der Umsetzung u.a. Karl Heinz Burmeister, Bernhard Purin, Eva Grabherr und Sabine Fuchs. Gemeinsam mit der Architektin Elsa Prochazka und den Grafikern A & H Haller gestalteten sie das Museum bewusst als „begehbares Buch“, in dem die zumeist schriftlichen Zeugnisse der Geschichte der Gemeinde präsentiert wurden.

Im Jahre 2005 wurde mit dem Umbau des Cafe- und Foyerbereichs des Museums der Startschuss zur Erneuerung des Hauses gegeben, eine Erneuerung, die der entwickelten Sammlung des Museums, dem Forschungsstand und den neuen Fragen jüdischer Gegenwart und Museologie durch eine neue Dauerausstellung Rechnung trägt.

Im April 2007 konnte die neue Ausstellung und das technisch erneuerte und teilweise klimatisierte Gebäude der Öffentlichkeit zurückgegeben werden. Die vollständig neu gestaltete Dauerausstellung präsentiert Spannungsfelder jüdischen Lebens im Fokus einer exemplarisch erzählten lokalen Geschichte und ihres Beziehungsraums. Konfrontiert mit den Fragen von Besucher/Innen entfaltet die Ausstellung die konkrete Lebenswirklichkeit der Diaspora im Kontext einer europäischen Geschichte von Migration und grenzüberschreitenden Beziehungen, Netzwerken und Globalisierung. Sie stellt Menschen in den Vordergrund, ihre Widersprüche und subjektiven Erfahrungen, ihre Lebensentwürfe und Bräuche: Menschen wie Salomon Sulzer, den Begründer der modernen europäischen Synagogenmusik genauso, wie Hausierer und Gastwirte, Rabbiner und Lehrer, Kaufleute und Fabrikanten, wie die Familie Rosenthal, in deren 1864 erbauter Villa das Museum untergebracht ist.

Seit der Eröffnung des Museums ist – nicht zuletzt durch den engen Kontakt mit den Nachkommen der Hohenemser Juden in aller Welt – eine umfangreiche Sammlung von Alltagsgegenständen, Memorabilia und persönlichen Dokumenten entstanden. Moderne Audioguides und Videostationen ermöglichen nun einen neuen Zugang zu einer “Geschichte der Erfahrungen”. Die Ausstellung steht in deutscher, englischer und französischer Sprache für ein internationales Publikum bereit. Eine eigene Kinderausstellung von Monika Helfer und Barbara Steinitz eröffnet einem jungen Publikum einen neuen Blick auf die Geschichte und regt den Dialog zwischen den Generation an.

Die Ausstellungsarchitektur von Erich Steinmayr und Fritz Mascher, die Gestaltung und das neue Ausstellungskonzept verwandeln das frühere Wohnhaus bewusst in ein Museum: ein Haus, in dem wir die alte Villa selbst als Exponat wahrnehmen können. So ist die Villa Heimann - Rosenthal heute ein Ort, an dem wir uns der Vielfalt der Geschichten und Objekte annähern können und uns selbst bewusst als “Betrachter/ Innen” erfahren – ein Ort der Begegnung mit vergangener aber immer noch herausfordernd aktueller Erfahrung.

IT - Hinweis

https://www.jm-hohenems.at/ueber-uns/entstehung-und-leitbild (2.11.2023)

Zur Thematik "Migration & Diaspora lernen", die eine größere Bedeutung nunmehr einnehmen soll, fand eine Arbeitstagung vom 1.- 2. Dezember 2006 in den Räumlichkeiten des Jüdischen Museums Hohenems statt. Anwesend waren Vertreter der Jüdischen Museen Amsterdam, Basel, Berlin, Wien, Augsburg, Franken/ Fürth und Hohenems sowie Lehrer verschiedener Bildungseinrichtungen, Vertreter des Netzwerks "Migration in Europa", des "American Jewish Comittee/Jüdisch-Türkische Arbeitsgruppe Berlin", der "Lehrerfortbildung LBI Jüdisches Museum Frankfurt/ M.", des "Institut d' études sociales/Genf", Jugendarbeiter, Lehrlingsbetreuer und der Autor.

Zukünftig könnte ein Modul "Einwanderungsgesellschaft und jüdische Geschichte" als Pilotprojekt realisiert werden und Modellcharakter auch für die Arbeit an anderen Museumsorten haben (vgl. http://www.jm-hohenems.at/index.php?id=4010&lang=0 [29.10.2023]).

Jüdische Museen gehörten in Europa zu den ersten kulturellen Institutionen, die Themen wie Migration und interkulturelle Beziehungen thematisiert haben. Gerade die jüdische Geschichte ist von Widersprüchen wie Migration vs. Verfolgung und Akkulturation vs. Ausgrenzung geprägt.

Am Beispiel des christlich - jüdischen Zusammenlebens wurde mancherorts versucht, sich interkulturellen Dialogen und Konflikten zwischen Mehrheits- und Minderheitsgesellschaft zu nähern. Dies führt nicht selten dazu, dass jüdische Museen von zahlreichen Pädagogen auch als Institutionen gesehen werden, in denen Toleranz in einer globalisierten Welt gelernt werden könne. Viele Pädagogen erhoffen von jüdischen Museen Beiträge zum Verständnis von Migration und Integrationsprozessen.

Tatsächlich werden Themen wie Zuwanderung, Abwanderung, Integration, Akkulturation, kulturelle Selbstbehauptung, Ausgrenzung, Verfolgung bis hin zur Vernichtung in jüdischen Museen historisch und assoziativ aufgerufen und museumsdidaktisch bearbeitet. Dabei geraten allerdings widersprüchliche Konfliktlagen moderner Einwanderungsgesellschaften in den Schatten einer historischen Katastrophe, die auf reale Probleme der Gegenwart kaum übertragbar sind.

So steht die jüdische Migrationsgeschichte in einem Spannungsfeld zur heutigen Einwanderungsgesellschaft, deren Zuwanderer kulturelle und nationale Identitäten besitzen, die sich in einer globalisierten Welt zwischen dem Bedürfnis nach Selbstdeutung und politischer Instrumentalisierung, Relativierung und Reaktualisierung befinden. Jüdische Kultur wird - etwa im Gegensatz zur türkischen - im gesellschaftlichen Diskurs häufig als Teil der Mehrheitsgesellschaft vereinnahmt und auf politischer Ebene zuweilen als Teil eines vermeintlich jüdisch-christlichen Abendlandes der islamischen Zivilisation gegenübergestellt.

Jüdische Museen sind - in diesem Spannungsfeld von Interessen, Vereinnahmungen und Projektionen - so etwas wie ein gesellschaftlicher "Hot Spot" europäischer Identitätsfindungen. Dies ist zugleich Überforderung wie Chance einer reflektierten Museumsarbeit.

6.6 Identitätskonflikte und Krisen in Europa - Diasporavorstellungen    

Identitätskonflikte sind in einer pluralistischen Gesellschaft komplexer geworden, Konfliktlinien verlaufen quer durch die Gesellschaft - und dies nicht nur zwischen Mehrheit und Minderheit, auch innerhalb verschiedener gesellschaftlicher Gruppierungen und zwischen Migranten mit unterschiedlichen Ethnien, Selbstdeutungen und Perspektiven.

Unterschiedliche Vorstellungen von Diaspora stoßen aufeinander: Diaspora als polyzentrisches Netzwerk oder als Peripherie sich national verstehender Communities.

Zudem kämpft die Europäische Union mit einer Identitätskrise. Unterschiedliche Nationalstaaten mit eigener Geschichte, Sprachen und verschiedenartigen Regionen haben sich der Frage einer übergeordneten Identität zu stellen. Die Vorstellung eines durch hellenistische, jüdische und vor allem christliche Traditionen geprägten Abendlandes wird in die aktuelle politisch-kulturelle Diskussion gebracht.

Jüdische Geschichte - nicht als bloße Vergangenheit, als moralische und spirituelle Ressource eines christlichen Europas betrachtet - stellt überkommene europäische Geschichtsbilder in Frage und eröffnet Diskurse, auch wenn die Erfahrungen jüdischer Diaspora keineswegs auf die Probleme gegenwärtiger Migranten und ihre Beziehungsgeschichte und Konflikte mit europäischer Mehrheitsgesellschaften übertragbar sind.

Jüdische Museen sind Orte, an denen diese Widersprüche sichtbar werden. Diese produktiv zu thematisieren, gehört zur Vermittlungsarbeit eines jüdischen Museums.

6.7 Gegenwart    

Mit der Gründung des Instituts für Zeitgeschichte der Universität Innsbruck 1984 begannen Historiker sich mit der nationalsozialistischen Judenverfolgung systematisch auseinanderzusetzen. Diese Dynamik wurde durch die Abschaffung des "Anderl von Rinn-Kults??" durch Bischof Dr. Reinhold Stecher verstärkt (vgl. FRESACH 1998).

In der Folge kam es zu ersten Einladungen ehemals in Innsbruck lebender Juden unter Bürgermeister Ronuald Niescher. Esther Fritsch als Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde trat in der Öffentlichkeit auf, es kam zum Neubau der Synagoge in der Sillgasse mit der Einweihung 1993. Ein "Tiroler Komitee für christlich - jüdische Zusammenarbeit" bildete sich, 1997 kam es zur Errichtung einer Menora in Erinnerung an die Reichsprogromnacht am Innsbrucker Landhausplatz.

Bewegende Momente noch lebender Tiroler Juden einer hochbetagten Vorkriegsgeneration kennzeichneten eine beginnende Aussöhnung mit der alten Heimat, wobei der "Tiroler Jugendlandtag" hier die Initiative ergriff (vgl. HOFINGER 2002, 206).

Der Versuch einer Verankerung eines Judentums im lokalen Bewusstsein in Tirol erfolgt heute durch Führungen in der Synagoge, der Durchführung kleinerer kultureller Projekte mit dem christlich - jüdischen Komitee und von Öffentlichkeitsarbeit der Israelitischen Kultusgemeinde Tirol und Vorarlberg - Innsbruck in den Medien bei Studio- und Podiumsdiskussionen.

Das Jüdische Museum Hohenems in Vorarlberg bietet darüber hinaus - neben der klassischen Museumsarbeit - didaktisches Material zum Judentum zur Aufarbeitung im Unterricht und für die Erwachsenenbildung an.

2008 ist in der Evangelischen Kirche in Österreich A. und H.B. das Schwerpunktjahr "Auf dem Weg der Umkehr - Jahr der Standortbestimmung zum evangelisch - jüdischen Verhältnis in Österreich", wozu dieser Beitrag zu einem besseren Verständnis dienen soll.

6.8 Literatur- und Internethinweise    

Angeführt sind jene Titel, die für den Beitrag verwendet und/ oder direkt zitiert wurden.

Albrich Th.(1987): Exodus durch Österreich. Die jüdischen Flüchtlinge 1945-1948, Innsbruck

Albrich Th.(Hrsg.)(1999): Wir lebten wie sie. Jüdische Lebensgeschichten aus Tirol und Vorarlberg, Innsbruck

Brugger E.- Keil M.- Lichtblau A.-Lind Chr. -Staudinger B.(2006): Geschichte der Juden in Österreich, Wien

Fresach B.(1998): Anderl von Rinn. Ritualmord und Neuorientierung in Judenstein 1945-1995, Innsbruck

Gehler M.(1990/1991): Spontaner Ausdruck des "Volkszorns"? Neue Aspekte zum Innsbrucker Judenprogrom vom 9./10. November 1938, in: Zeitgeschichte Heft 1/2 1990/91, 2-21

Gehler M.(Hrsg.)(1999): Tirol. "Land im Gebirge": Zwischen Tradition und Moderne/Geschichte der Bundesländer seit 1945, Bd. 6/3, Wien - Köln - Weimar

Hofinger N.(2002): Eine kleine Gemeinde zwischen Erinnerung und jüdischem Alltag - Die Israelitische Kultusgemeinde für Tirol und Vorarlberg in Innsbruck nach 1945, in: Lappin E.(Hrsg.)(2002): Jüdische Gemeinden - Kontinuitäten und Brüche, Berlin - Wien, 199-210

Hofinger N.(1994):"Unsere Losung ist: Tirol den Tirolern!" Antisemitismus in Tirol 1918-1938, in: Zeitgeschichte Heft 3/4 1994, 83-108

Lappin E.(Hrsg.)(2002): Jüdische Gemeinden - Kontinuitäten und Brüche, Berlin-Wien??

Steininger R.- Pitscheider S.(Hrsg.)(2002): Tirol und Vorarlberg in der NS-Zeit?? 1938-1945/Innsbrucker Forschungen zur Zeitgeschichte, Bd. 19, Innsbruck-Wien-Bozen-München??

Stöger P.(2002): Eingegrenzt und Ausgegrenzt. Tirol und das Fremde, Frankfurt/ M.- Berlin - Bern - Bruxelles - New York

Internethinweise

http://www.ikg-innsbruck.at (3.11.2023)

http://www.jm-hohenems.at (3.11.2023)

http://www.jm-hohenems.at/index.php?id=4010&lang=0 (3.11.2023)

Teil III Politische Bildung    

7 Aufgaben    

Politische Bildung hat die Aufgabe, die Menschen zu befähigen, dass sie ihren gesellschaftlichen Standort und ihre Interessen erkennen und über ihre politischen Probleme urteilen und in der Folge handeln zu können.

Dazu ist es erforderlich, die politischen, sozialen und wirtschaftlichen Prozesse und Strukturen zu durchschauen, den Zusammenhang zwischen Interessen und Politik und die Ursachen und Funktion von Ideologien aufzudecken.

Wie in allen sozialwissenschaftlich ausgerichteten Fachbereichen ergeben sich interdisziplinäre Themenbereiche, die unterschiedlich definiert werden. Sie lassen sich zusammenfassen zu Gestaltungen bzw.

8 Themenbereiche    

Themenbereichen sozialer Beziehungen, demokratischer Ordnung und politischer Willensbildung, nationaler und internationaler Politik.

Ziel einer Politischen Bildung ist ein kritisches Bewusstsein, selbständiges Urteil und politisches Engagement.

Voraussetzung für demokratisches Engagement ist das Bewusstmachen der Zusammenhänge zwischen individuellem Schicksal, gesellschaftlichen Prozessen und Strukturen.

Politisches Bewusstsein bildet sich im Erkennen der eigenen Interessen und im Erfahren der gesellschaftlichen Konflikte und der Herrschaftsverhältnisse.

Der politisch bewusste und aufgeklärte Mensch soll nicht erleidendes Objekt der Politik sein, sondern als Subjekt in die Politik eingreifen.

9 Historische Politische Bildung    

Wesentliche Aspekte theoretischer und praktischer Ansätze einer Politischen Bildung bedürfen zum besseren Verständnis

  • einer Einführung in die Geschichte der Politischer Bildung an Schulen und anderen Bildungsinstitutionen,
  • einer Darlegung gesellschaftlicher Funktionen und Grundintentionen,
  • einer Fachdidaktik und
  • eines Ausblicks mit einer Reflexion.
Fragen der Inklusion in der Politischen Bildung sind vermehrt zu stellen. Fragestellungen der Didaktik ergeben sich konsequenterweise.

Dokumentation    





Zum Autor    

APS - Lehramt (VS - HS - PL 1970, 1975, 1976), zertifizierter Schülerberater (1975) und Schulentwicklungsberater (1999), Mitglied der Lehramtsprüfungskommission für die APS beim Landesschulrat für Tirol (1993-2002)

Absolvent Höhere Bundeslehranstalt für alpenländische Landwirtschaft Ursprung - Klessheim/ Reifeprüfung, Maturantenlehrgang der Lehrerbildungsanstalt Innsbruck/ Reifeprüfung - Studium Erziehungswissenschaft/ Universität Innsbruck/ Doktorat (1985), 1. Lehrgang Ökumene - Kardinal König Akademie/ Wien/ Zertifizierung (2006); 10. Universitätslehrgang Politische Bildung/ Universität Salzburg - Klagenfurt/ MSc (2008), Weiterbildungsakademie Österreich/ Wien/ Diplome (2010), 6. Universitätslehrgang Interkulturelle Kompetenz/ Universität Salzburg/ Diplom (2012), 4. Interner Lehrgang Hochschuldidaktik/ Universität Salzburg/ Zertifizierung (2016) - Fernstudium Grundkurs Erwachsenenbildung/ Evangelische Arbeitsstelle Fernstudium, Comenius - Institut Münster/ Zertifizierung (2018), Fernstudium Nachhaltige Entwicklung/ Evangelische Arbeitsstelle Fernstudium, Comenius - Institut Münster/ Zertifizierung (2020), Onlinekurs Grundkurs - Aufbaukurs/ Theologie für Ehrenamtliche - Kolleg für Gemeindedienst/ Bodelschwingh - Studienstiftung Marburg/ Zertifizierung (2025)

Lehrbeauftragter Institut für Erziehungs- bzw. Bildungswissenschaft/ Universität Wien/ Berufspädagogik - Vorberufliche Bildung VO - SE (1990-2011), Fachbereich Geschichte/ Universität Salzburg/ Lehramt Geschichte - Sozialkunde - Politische Bildung - SE Didaktik der Politischen Bildung (2016-2017)

Mitglied der Bildungskommission der Evangelischen Kirche Österreich (2000-2011), stv. Leiter des Evangelischen Bildungswerks Tirol (2004 - 2009, 2017 - 2019), Mitglied des Evangelischen Bildungswerks Salzburg -Tirol (1924 - heute)

Kursleiter der VHSn Salzburg Zell/ See, Saalfelden und Stadt Salzburg/ "Freude an Bildung" - Politische Bildung (2012 - 2019)

MAIL dichatschek (AT) kitz.net

 
© die jeweiligen Autoren zuletzt geändert am 1. Februar 2026