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Symposion Graz 1993 / Die Haltung des ORF

Die Haltung des ORF - Gerd Bacher

Vortrag im Rahmen des Symposions "Fernsehen und Gewalt" (siehe Symposion Graz 1993), 17. Juni 1993, Steiermark-Saal, Graz

Sehr geehrte Damen und Herren!

Obwohl ich davon ausgehen kann, daß Sie und ich und die meisten Menschen, die wir kennen, Gewalt ablehnen und nicht die geringste Sympathie für jene verspüren, die sie ausüben, können wir alle fast keinen Kinobesuch oder Fernsehabend absolvieren, ohne mit detailgenau-naturalistischer Gewaltdarstellung konfrontiert zu werden. Diese Differenz zwischen unserer Angst vor und Abscheu für Gewalt auf der einen Seite und der medialen Großverbreitung und artistischer Stilisierung von Gewalt im zeitgenössischen Film auf der anderen Seite, diese Differenz ist unheimlich.

Sie und ich und die meisten Menschen, die wir kennen, haben die Sehnsucht nach menschlicher Nähe, nach einer harmonischen Paarbeziehung, halten an der Institution der Ehe fest. In den Kino- und Fernsehfilmen unserer Tage aber regiert das sexuelle Abenteurertum. Die Differenz zwischen den Sehnsüchten im zwischenmenschlichen Bereich auf der einen und der Sexualitäts-Darstellung im Kino und Fernsehen auf der anderen Seite, auch sie ist unheimlich.

Sie und ich und die meisten Menschen, die wir kennen, versuchen, den eigenen Kindern das eine oder andere an brauchbaren Werten mit auf den Lebensweg zu geben. Gleichwohl müssen alle Eltern hilflos ein Filmangebot in Rechnung stellen, das ihren Kindern eine pauschale Ablehnung jedweder Autorität, eine vulgäre Unmanierlichkeit und eine obszöne Umgangssprache schmackhaft macht. Die Differenz zwischen unseren, inzwischen ohnedies reduzierten pädagogischen Intentionen auf der einen Seite und der in Kino- und Fernsehfilmen unverhüllten Aushöhlung dieser Intentionen auf der anderen Seite, auch sie ist unheimlich.

Um das Unbehagen an diesem medialen Bermudadreieck zu präzisieren: Die Unterhaltungsindustrie, nach allen Regeln der Kunst eine Dienstleistungsbranche, arbeitet in bezug auf Gewalt, Obszönität und Trivialität in einem bisweilen unfaßbaren Ausmaß gegen die manifesten Wünsche und Wertvorstellungen der überwiegenden Mehrheit ihrer Kunden an.

Wir Fernseh- und Radiomacher haben ein Riesenproblem: Wir sind mit dieser Unterhaltungsindustrie, ob wir wollen oder nicht, aufs engste vernetzt. Einerseits direkt, indem wir von ihr Filme, Serien, soap operas, pop music und was das Pubikum in aller Unschuld sonst noch von uns fordert, beziehen. Andererseits indirekt, aber besonders verhängnisvoll, indem insbesondere die amerikanische Kommandozentrale dieser Unterhaltungsindustrie einen ungeheuer starken stilbildenden Einfluß auf die Film- und Fernsehmacher in aller Welt ausübt. Die großen Hollywoodfilme von heute, mit ihrer außerproportionalen Tendenz zur Brutalität, Obszönität und Vulgarität, wären ja für sich genommen keine übermäßig große Gefahr, es werden schließlich kaum 100 Stück pro Jahr produziert, und diese 200, 250 Filmstunden sind nur ein Tropfen im Ozean der vielen hunderttausend Sendestunden, die die weltweite Multi-Kanal-Fernseh-Szene jährlich ausstößt.

Das Verhängnisvolle an diesen 100 größeren Hollywoodproduktionen ist ihr Modellcharakter für die übrigen 100.000 TV-Programmeinheiten, die sich an diesen technisch und handwerklich in der Regel suggestiv perfekt gemachten Prototypen orientieren beziehungsweise diesen nachzustreben versuchen. Und da das Verspritzen von ein paar Litern Filmblut überall zustandegebracht wird, haben wir eine Inflation von billig gemachten brutalen Bildern, wohin wir blicken. Am billigsten und am leichtesten geht das übrigens beim sogenannten Reality-TV, das sich nicht erst mit dem Ausbreiten einer Handlung aufhält, sondern sofort und unvermittelt in medias res geht.

Das Schmutz- und Schundklima in den Medien wurde am wenigsten vom öffentlichen Fernsehen geschaffen. Und selbst wenn wir so skrupulös wie versprochen unsere neuen Richtlinien einhalten, reduzieren wir den geistigen Schadstoffgehalt der gesamtelektronischen Atmosphäre nur um den einen oder anderen Prozentpunkt. Wenn das Problem an der Wurzel angepackt werden soll, dann muß sich beim mit Abstand größten Programm-Exporteur vieles deutlich ändern und das ist nun einmal die amerikaniche Film- und TV-Industrie.

Und dort begibt sich Überraschendes. Immerhin hat das Buch "Hollywood versus America" des US-Großkritikers Michael Medved in den wenigen Monaten seit seinem Erscheinen für einen gewaltigen Bewußtwerdungsprozeß gesorgt. Medved hat Hollywood vorgerechnet, daß es mit seinem "Krieg gegen tradierte Werte" nicht nur unmoralisch und gesellschaftszersetzend handelt, sondern überdies gegen seine geschäftlichen Interessen verstößt: So erfolgreich Sex und Gewalt sein mögen, die perfekt gemachte klassische Unterhaltung für die - wie es früher so schön hieß - ganze Familie ist, wie Medved an zahllosen Beispielen nachweist, immer erfolg- und ertragreicher. Demnächst werden führende Vertreter der Film- und Fernsehindustrie vor einem Kongreßausschuß in Washington Abgeordneten Rede und Antwort stehen müssen, wie sie künftig den Gewalt- und Obszönitätsgehalt ihrer Hervorbringungen senken wollen.

Wer die Spielregeln der US-Demokratie kennt, weiß, daß nur ein massiver Druck der öffentlichen Meinung die parlamentarische Maschinerie so schnell auf so hohe Touren zu bringen imstande ist. Medved ist der Ansicht, daß eine riesige Bewegung zur Reinhaltung der kulturellen Umwelt im Entstehen begriffen ist, deren Druck auf Dauer weder Hollywood, noch dessen Kunden in aller Welt widerstehen können. Die Grazer Bewegung, die unser heutiges Treffen dankenswerterweise hervorgebracht hat, gehört, so betrachtet, zur internationalen Speerspitze von etwas, das demnächst viel breiter und überall sich bemerkbar machen wird: Die geistig-kulturell-mediale Ökologie, die genauso wichtig werden wird wie physische Ökologie.

Da die elektronischen Massenmedien, allen voran das Fernsehen, die Leitmedien unserer Gesellschaft sind, kann von ihnen zu Recht eine besondere Verantwortung gegenüber der Gesellschaft verlangt werden.

Es geht schlichtweg um die Frage, welches Bild die Gesellschaft via Massenmedien von sich selbst erzeugt, und ob in diesen Medien - neben dem Zerstreuenden - auch noch das Notwendige und das Nützliche einen Platz haben, ob nur das Machbare oder auch das Wünschenswerte gilt.

Spätestens hier muß man aber erkennen, daß man nicht länger generalisierend von dem Fernsehen sprechen kann - so wenig wie von den Zeitungen.

Öffentlicher Rundfunk, public broadcastng, hat sich in erster Linie als Kulturgut zu verstehen, sonst ist er ein Mißverständnis der Macher.

Kommerzieller Rnudfunk hingegen ist reines Denken in Ware, das ist erlaubt, aber etwas ganz Anderes. (Deshalb ist auch der Begriff "privat" dafür falsch. "Privat" bedeutet, laut Duden, unter anderem: "persönlich, vertraut, familiären Charakter aufweisend, nicht geschäftlich".) Der Chef der großen amerikanischen Film- und Fernsehproduktionsfirma MCA TV International, Colin P. Davis, bringt es auf den Punkt. Wörtlich: "Kommerzielles Fernsehen ist dazu da, ein Massenpublikum für die Werbung zu liefern und so Geld zu verdienen". Der österreichische Chef des erfolgreichsten deutschen Programms, RTL Plus, sagt es wienerischer: Im Seichten kann man nicht ertrinken.

Angesichts des durch die kommerziellen Programme bewirkten Gewalt- und Obszönitäten-Schubs ist der gesellschaftliche Stellenwert des public broadcasting, des öffentlichen Rundfunks, besonders relevant geworden.

Ich plädiere hier nicht für Selbst-Freisprüche des ORF, aber es ist schon ein enormer Unterschied, ob Gewalt, Obszönität und Gladiatoren-Journalismus zu den tragenden Säulen eines Programmes zählen oder ob sie als "Ausreißer" die Ausnahme sind.

Noch vor dem Ausbruch der aktuellen Debatte über Gewalt und Brutalität im kommerziellen Fernsehen hat der ORF eine wissenschaftliche Analyse der sogenannten "Gewaltprofile" vergleichbarer TV-Anbieter beim "Ludwig Boltzmann-Institut für empirische Medienforschung" in Auftrag gegeben. Das Ergebnis der von Universitätsprofessor Dr. Peter Vitouch - der heute auch hier anwesend ist - geleiteten Untersuchung: der ORF weist den geringsten Gewaltanteil aller untersuchten deutschsprachigen Fernsehprogramme auf. Ungeachtet dessen wollten und wollen wir uns in diesen Fragen klar positionieren, unterscheidbar machen.

Ich habe deshalb im Februar dieses Jahres eine Arbeitsgruppe eingesetzt, die die Haltung des ORF verbindlich festlegen sollte. Daß knapp danach die "Kleine Zeitung" die verdienstvolle Initiative der Volksschule Hitzendorf aufgegriffen hat und somit für publizistischen Flankenschutz sorgte, dafür möchte ich mich an dieser Stelle bedanken. In einer Zeit, in der zahlreiche Printmedien dieses Landes - aus durchsichtigen Motiven - eine unglaublich tendenziöse Berichterstattung gegen den Österreichischen Rundfunk betreiben, zählt diese faire und kenntnisreiche Debatte über die Verantwortung von Medien zu den Ausnahmen.

Die neuen "Richtlinien des ORF zu Gewalt, Obszönität und Trivialität" sind - ich habe das so verfügt - ein verbindlicher Leitfaden für die gesamte Programmarbeit des Hauses, also für Radio und Fernsehen. Dies entspricht auch einer einstimmig beschlossenen Empfehlung der Höhrer- und Sehervertretung des Österreichischen Rundfunks. Diese Richtlinien, die wir Ihnen hier erstmals öffentlich auflegen, gelten gleichermaßen für Einkauf wie für Eigenproduktion von Programmen.

Grundlage dieser Richtlinien ist die Überzeugung, daß jede Gesellschaft ethische Grundsätze braucht. Wie für das Individuum gilt auch für die Medien einer kultivierten Gesellschaft die Erkenntnis, daß Selbstentfaltung auch Selbstbeschränkung und Freiheit auch Verantwortung bedingt.

Die neuen ORF-Gewalt- und Obszönitäts-Richtlinien sind kein Opfer, das der ORF bringt, vielmehr werden sie - im Sinne des von mir eingangs Gesagten - das ORF-Produkt, seine Fernseh- und Radioprogramme besser auf die tatsächlichen Bedürfnisse des Publikums abstimmen. Um aber allen Mißverständnissen aus dem Weg zu gehen: Wir werden das Kind nicht mit dem Bade ausschütten. Wir werden auf den Bildschirmen der Nation keine paradiesischen Zustände erfinden. Das menschliche Gewaltpotential bleibt zum Beispiel auch dann eine anthropologische Konstante, wenn Sie, meine Damen und Herren, und ich und alle die wir kennen, im Alltag möglichst wenig mit ihm zu tun haben wollen. Wir werden keine garantiert gewaltfreie Kriegsberichterstattung bieten, sondern auch weiterhin eine möglichst wahrheitsgetreue. Wir werden keinem Künstler, Regisseur, Drehbuchautor, der verantwortungsbewußt und wahrhaftig mit der anthropologischen Konstante Gewalt umgeht, die Flügel zu stutzen versuchen. Und wir werden auch keinen Ingmar-Bergmann-Film in ein Astrid-Lindgren-Märchen umschneiden.

An einem Abend wie diesem kann nicht von allem, nur nicht vom wichtigsten, vom Publikum die Rede sein, wenn auch nur mit einem Satz: Niemand wird zum Konsum der Trivialmedien gezwungen, das Publikum macht sie zu den Spitzenreitern.

Der Spirale von Zynismus, Gewalt und Obszönität setzt der ORF ein Programm entgegen, das sich an folgenden Grundsätzen orientiert:

1. Die Würde des Menschen hat gewahrt zu werden.

2. Der ORF hat sein Programm nicht mit Hilfe von Brutalität oder Sex zu "verkaufen".

3. Über Gewalt, ihre Vorbedingungen und Auswirkungen wird nicht aus Spekulation mit dem Sensationellen berichtet, sondern um eine Nachricht in ihrer ganzen Tragweite und die Zusammenhänge eines Ereignisses zu vermitteln.

4. Die spekulative Trivialisierung von Programmen im allgemeinen und von Informationssendungen im Besonderen hat nicht stattzufinden.

5. Der ORF bekennt sich insbesondere bei Talkshows in Radio und Fernsehen zu einer Gesprächsphilosophie, die der persönlichen Würde der Gäste, dem intellektuellen Nutzen für das Publikum und einer demokratischen Diskussionskultur verpflichtet ist.

6. Die Wahrung der Würde der Person verlangt auch, daß die Intimsphäre des einzelnen zum Beispiel bei der Darstellung von Tod, Krankheit, Schmerz und Trauer nicht verletzt wird.

7. Der ORF sendet keine obszönen oder pornographischen Darstellungen. Sexualität und Erotik sind legitime Programminhalte, aber sie werden nicht als einschaltquotenfördernde "Würze" über alle Programmsparten verstreut.

8. Der ORF bietet ein breites Spektrum an Programmen für alle Altersgruppen. Er betreibt keine Generationen-Apartheid gegenüber den Älternen, laut Definition des Deutschlandsenders aus Luxemburg sind das alle über 49.

9. Bei der Programmzusammenstellung ist auf das im Tagesverlauf zu erwartende Publikum Rücksicht zu nehmen. Durch eine sorgfältige Programmerstellung und durch authentische Produktdeklaration will der ORF den Eltern und Erziehungsberechtigten die Wahrnehmung ihrer Verantwortung möglichst erleichtern.

10. Die Sensibilität und das Verantwortungsbewußtsein aller ORF-Mitarbeiter bleiben in der Praxis die letztlich entscheidenden Kriterien für den Umgang mit Gewalt, Obszönität und Trivialität im Programm.

Aufgrund seines Selbstverständnisses als öffentliches Rundfunkunternehmen hat sich der ORF immer wieder darüber Rechenschaft zu geben, wieweit er in bezug auf die Darstellung von Aggression, Gewalt und Intimität jenen Weg einhält, den journalistisches Ethos und guter Geschmack gebieten.

Zusammenkünfte wie diese, meine Damen und Herren, unterstützen uns dabei.


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© die jeweiligen Autoren zuletzt geändert am October 14, 2002